Monatsarchiv: Dezember 2009

Oscar, 7 Jahre alt, HIV-positiv

Kürzlich erhielt ich wieder eine Mail von Jeiser, einem guten Freund und Shipibo-Indianer, der in der AIDS-Prävention tätig ist. Er berichtet darin von einer kürzlich gemachten Reise in das Dorf Panaillo. Doch lesen Sie selbst…

Besuch bei einem HIV-infizierten Kind in Panaillo12. Dezember 2009

Oscar ist ein 7 Jahre 6 Monate altes Kind und lebt im Dorf Panillo im Distrikt Yarinacocha, 3 Stunden vom Haupthafen des Distrikts entfernt. Das Dorf kann über den Land- und Flussweg erreicht werden; in den Monaten November bis April im Motorboot, in den Monaten März bis Oktober über die Straße, die auch mit anderen Dörfern in der Nähe verbunden ist.
Sein Vater starb vor 5 Jahren an diesem Virus und seine Mutter nahm sich ein Jahr nach dem Tod seines Vaters das Leben. Sie war ebenfalls Trägerin des Virus? Wie hatten sie sich infiziert??? Oder wer hatte die Infektion zuerst? Im Folgenden erzähle ich Ihnen diese Geschichte.

Das Kind ist in der Obhut seiner Großmutter, die es sehr liebt. Gemäß der Aussage der Großmutter infizierten sich seine Eltern in der Stadt Iquitos. Als der Vater Mitglied einer evangelischen Gemeinde war, kam auch die Mutter immer wieder in die Gemeinde, wo sie sich kennenlernten, sich ineinander verliebten und sich wie ein normales Paar verheirateten.
Es gab aber Gerüchte, dass das Mädchen mit einem Soldaten zusammen gewesen sei, den sie den “Coronel“ nannten. Dieser war ebenfalls verstorben und alle sagten, dass er HIV-infiziert gewesen sei. So, wie es scheint, hatte sich die Mutter von Oscar bei diesem Coronel angesteckt. Sie lies aber niemals einen AIDS-Test durchführen, oder wenn sie es doch getan hatte, hatte sie das niemals ihrem Mann oder der Familie mitgeteilt.
Dann hatte das glückliche und frisch verheiratete Paar ihr erstes Baby. So wie es scheint, hatte die Mutter bereits einen Verdacht und gab ihrem Baby nie die Brust. Das Kind starb nach wenigen Monaten. Daher glaubt bzw. nimmt die Familie an, dass die Mutter bereits wusste, dass sie infiziert war und irgendeine Art der Behandlung erhielt.
Die Familie schließt, dass sie aufgrund der Last ihres Gewissens Selbstmord beging, weil sie die Menschen, die sie liebte, ihre Kinder und ihren Ehemann, infiziert hatte und nicht mit dem Schmerz und der Scham zurecht kam und sich selbst eliminierte.
Der Vater starb zuerst und nach einem Jahr entschied die Mutter, sich mit Salzsäure zu vergiften.
Seit dieser Zeit begleitet die Großmutter Oscar bei seiner Behandlung. Sie, d. h. die Großmutter, musste den Gebrauch der Medikamente und die nötige Fürsorge für das Kind lernen.
Die Großmutter erzählte uns, dass sie unter dem Stigma und der Diskriminierung zu leiden hatten, sowohl in der Schule als auch im Dorf. Sie überwanden alle Hindernisse. Das Kind ist sich seiner Krankheit bewusst und kennt seine Behandlung bis ins kleinste Detail, ebenso auch die retroviralen Kontrollen.
Während der letzten 3 Monate begann es Gewicht zu verlieren. Der Krankenpfleger des Gesundheitspostens im Dorf sagt, das käme von der Entwicklung des Kindes. Aber seine Großmutter sagt das Gegenteil. Sie glaubt, dass seine Infektion fortgeschritten ist, weil es außer dem Gewichtsverlust auch ohne Appetit ist und nicht mehr in die Schule geht.
Am 18. Dezember ist seine 4. Kontrolle dran. Das Kind weiß, was man mit ihm tun wird, ja mehr noch, es erinnert seine Großmutter daran, dass sie diesen Tag nicht vergessen darf und sie ins Krankenhaus gehen müssen.
Die Großmutter erzählte uns, dass es mehrere infizierte Kinder gibt, die dieselbe Geschichte wie Oscar haben. Einige von ihnen haben sehr kranke Eltern, weil die Infektion bereits sehr fortgeschritten ist.


Eine der Schwierigkeiten, die wir hatten, war der Transport. Wie ich schon erwähnte, kann man das Dorf in dieser Jahreszeit nur auf dem Flussweg per Motorboot erreichen. Die beste Zeit ist der Vormittag, denn ab der Mittagszeit kehren alle Motorboote oder Bootstaxis zurück. Wir mussten für einen Spezialtransport bezahlen, weil die Zeit fortgeschritten und es schon später Nachmittag war.
Es gibt auch ein Problem mit den Untersuchungen im Gesundheitsposten. Der Krankenpfleger hat nicht viele Kenntnisse im Umgang mit diesen Fällen. Manche der Personen, mit denen wir sprachen sagten uns, dass es sehr wenig Gespräche oder Seminare über dieses Thema gibt. Am Meisten hört man darüber im Radio, weswegen es auch ein paar Personen gibt, die glauben, dass man sich mit einem Insektenstich, mit Umarmungen oder Küssen anstecken könne.


In der Region Ucayali gibt es keine Institutionen oder Organisationen, die mit dieser Bevölkerungsschicht (HIV-infizierte Kinder) arbeitet. Obwohl es viele Projekte mit dieser Thematik gibt, konzentrieren sie sich meist auf die Prävention und nicht auf die Behandlung. Eigentlich müsste es Gesundheitszentren geben, die auf die Behandlung und die Handhabung dieser Fälle spezialisiert sind, da in der Region HIV als generelle Epidemie eingestuft wird.


Jeiser Suarez M.

Die Übersetzung und Veröffentlichung dieses Berichts erfolgt in Absprache mit Jeiser – in der Hoffnung Unterstützung zu finden. Jeiser bewegt den Gedanken, evtl. eine Herberge für solche Kinder wie Oscar zu eröffnen.
Weitere Informationen zur Arbeit von Jeiser und der HIV/AIDS-Thematik gibt es in spanischer Sprache auf der Seite von AVISPAS.
Bereits vor Jahren habe ich versucht auf die AIDS-Problematik, u.a. unter Indianern aufmerksam zu machen. Die Veröffentlichung meines damaligen Artikels wurde von dem verantwortlichen Redakteur damals mit folgender Begründung abgelehnt:

„Ich habe ihn [den Artikel] gelesen. Es ist schon interessant und erschreckend, wie die Aidsseuche inzwischen die letzten Winkel der Erde erreicht hat.
Andererseits kann ich mir eine Veröffentlichung in dieser Form nicht vorstellen. Um es kraß zu sagen: Drei an Aids verstorbene Shipibo-Frauen sind einfach marginal gegenüber den Millionen in Afrika. Das ist keine Größenordnung, die eine Meldung oder gar einen größeren Beitrag rechtfertigt.“

Wie viele Menschen müssen erst noch sterben, bevor sich ein Beitrag lohnt?
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Lebensmitte und Vollbart

Heute ist ein denkwürdiger Tag: ich werde 43, die Hälfte von 86. Rein statistisch gesehen habe ich nun wirklich die Lebensmitte erreicht, denn ich wüßte nicht, dass einer meiner direkten Vorfahren wesentlich älter geworden ist (wenn man mal von Noah absieht, der mit 950 Jahren doch ein recht stolzes Alter erreichte…).
Vor drei Jahren kam ich ja ins „Schwabenalter“. Ich wartete darauf, dass es einen Schlag tun würde und ich nun von einem Moment auf den anderen Weise wäre. Nun, es tat keinen Schlag… Das Einzige, was ich merke ist, dass ich immer noch chaotisch veranlagt bin. Zumindest fällt es mir (manchmal) etwas leichter, das zu akzeptieren. Vielleicht sind dies ja erste Anzeichen von Weisheit???
Nun, ab 40 tritt man ja wirklich in die Lebensmitte ein. Nach Guardini („Die Lebensalter“) ist man ja bis ungefähr 45 in der Phase des „mündigen Menschen“. Die Idealismuskrise hat man hinter sich, manche Realitäten haben einen eingeholt und man merkt, dass einem keine unbegrenzten Optionen mehr offenstehen. Bald steht aber die nächste Krise an: man erlebt körperliche, seelische und geistige Grenzen. Na, die Aussichten sind ja sehr erfreulich! Wenigstens führt einem diese Krise zur nächsten Phase, der des „reifen Menschen“.
Es ist schon so eine Sache, mit den anstehenden Veränderungen fertig zu werden. Kurz nach meiner Hochzeit kam ich (unfreiwillig) zu einem Vollbart, den ich dann über 10 Jahre lang nicht mehr los wurde. Als er dann immer mehr ergraute, mußte ich scharf zwischen zwei Krisenszenarien abwägen: Ehekrise (Bart ab), oder Identitätskrise (Bart behalten). Nun, die Aussicht mir einen Hut aufzusetzen und dann (erst Ende 30) fast wie Roger Whittaker auszusehen, war für mich doch etwas zu schockierend! (Versteht mich bitte nicht falsch, ich habe nichts gegen Roger Whittaker und finde ihn auch ganz sympathisch, fühle mich aber noch zu jung für sein Outfit). Also habe ich das erste Krisenszenario gewählt. Die beste Ehefrau von allen hat aber super reagiert: es gab keine Ehekrise! – Hat mich natürlich immens entlastet; ich durfte wieder jung aussehen! Inzwischen würde ich mir gerne wieder einen Vollbart wachsen lassen (simplify your life…), fühle mich aber immer noch zu jung. Heute dachte ich: wenn ich 50 werde, dann wage ich es. 50 ist ja so eine magische Grenze, ab der man sich doch langsam (fast) zu den Senioren zählen darf. Hab ja noch 7 Jahre Zeit, mich darauf vorzubereiten. Vielleicht kaufe ich mir dann auch einen Hut, so wie … – na, Ihr wißt schon!

Indianische Schätze – kostbar und gefährdet

Kürzlich erhielt ich einen Karton mit Gegenständen, die einer alten Missionarin in Peru gehörten. Beim Auspacken stieß ich auf wahre Schätze! Manche Gegenstände hatte ich überhaupt noch nie gesehen, andere kannte ich nur von alten Fotos. Bald wird es in den jeweiligen Gruppen (fast) niemanden mehr geben, der weiß, wie diese Dinge hergestellt werden und das Ganze wird nur noch Geschichte sein …
Persönlich empfinde ich es immer wieder als ein großes Privileg Zugang zu diesen (alten) Zeugnissen indianischer Kulturen zu erhalten. Solche Gegenstände führen mich immer wieder ins Nachdenken. Erinnerungen werden dabei wach, an Orte, an Gesichter und an Begegnungen. Gleichzeitig wird mir bewusst, welch rasanten Veränderungen die Urwaldindianer in Peru ausgesetzt sind. Im Rekordtempo wurden sie innerhalb von 2 – 3 Generationen von der Steinzeit ins Medienzeitalter katapultiert. – Leider sind sie bei diesen Veränderungen meist Verlierer.
Kürzlich erhielt ich wieder eine E-Mail von meinem Freund Jeiser, einem Shipibo-Indianer. In meinem Buch “Begegnungen in Peru“ habe ich ein paar Zeilen über ihn geschrieben. Inzwischen ist er der Vorsitzende von AIDI (Asociación Indígena para el Desarrollo Integral), einer indianischen Nicht-Regierungs-Organisation für ganzheitliche Entwicklung. In seiner Mail teilte er aktuelle Nachrichten aus Peru, insbesondere zum Thema „Gesundheit“ mit. Im ersten Teil ging es um das Thema HIV/AIDS. Im Jahr 2009 wurden in Peru rund 2.000 neue HIV-Infektionen festgestellt; von Betroffenen sind bereits 500 an AIDS erkrankt. 42,4% der Infizierten sind junge Menschen zwischen 15 und 29 Jahren. Jeiser schrieb leider nicht, wie viele Indianer davon betroffen sind, aber aus seiner Arbeit in der AIDS-Prävention unter den Shipibo-Indianern weiß ich, das HIV/AIDS auch ein Thema in der indianischen Bevölkerung ist.
Im zweiten Teil seiner E-Mail berichtet er von den Candoshi-Indianern. Die Candoshi waren der erste Stamm, den ich hautnah während einer 4-wöchigen Reise kennen und lieben gelernt habe. In „Begegnungen in Peru“ berichte ich ausführlich über diese Reise; das Buch ist übrigens meinem verstorbenen Candoshi-Freund Okama gewidmet. Aus dem von Jeiser übermittelten Bericht geht hervor, dass die Hepatitis B-Epedemie unter den Candoshi weiter um sich greift. Inzwischen besteht die ernste Gefahr, dass der Stamm durch diese Krankheit massiv dezimiert, wenn nicht sogar ausgelöscht wird. Das Problem ist den peruanischen Gesundheitsbehörden seit Langem bekannt; auch im peruanischen Fernsehen wurde schon vor Jahren darüber berichtet.
Zwei Dorfchefs, die kürzlich wegen der Hepatitis B-Problematik nach Lima gekommen waren, Venancio Ucama Simón und Sanchi Simon, beklagten sich darüber, dass sich die Verantwortlichen der Regional-Regierung sowie des Gesundheitsministeriums gegenseitig beschuldigten, die Indianer vernachlässigt zu haben, und sogar entschuldigend darauf hingewiesen haben, dass die notwendige Behandlung „sehr teuer sei“. Eine Candoshi-Krankenschwester stellte entrüstet die Frage: „Heißt das, dass man die Indianer einfach sterben lässt, weil die Behandlung sehr teuer ist?“
Ich würde mir wünschen, dass die zuständigen Behörden endlich eingreifen und sich dem Thema mit der nötigen Ernsthaftigkeit widmen. Es ist eine Sache, dass indianische Gegenstände wie ich sie oben erwähnt habe, eines Tages nur noch der Geschichte angehören werden. Sie mögen für einen Liebhaber wie mich etwas Kostbares sein, aber sie sind nicht unersetzlich. Doch es ist etwas ganz anderes, wenn Menschenleben und die Existenz eines ganzen Volkes auf dem Spiel stehen. Die Indianer selbst sind die wahren „indianischen Schätze“, ungleich kostbarer als alles Materielle. Es wäre mehr als tragisch, wenn in 10 oder 20 Jahren nur noch Erinnerungen an den Stamm der Candoshi übrig bleiben würden und sie endgültig als Verlierer in die peruanische Geschichte eingehen würden …