Indianische Schätze – kostbar und gefährdet

Kürzlich erhielt ich einen Karton mit Gegenständen, die einer alten Missionarin in Peru gehörten. Beim Auspacken stieß ich auf wahre Schätze! Manche Gegenstände hatte ich überhaupt noch nie gesehen, andere kannte ich nur von alten Fotos. Bald wird es in den jeweiligen Gruppen (fast) niemanden mehr geben, der weiß, wie diese Dinge hergestellt werden und das Ganze wird nur noch Geschichte sein …
Persönlich empfinde ich es immer wieder als ein großes Privileg Zugang zu diesen (alten) Zeugnissen indianischer Kulturen zu erhalten. Solche Gegenstände führen mich immer wieder ins Nachdenken. Erinnerungen werden dabei wach, an Orte, an Gesichter und an Begegnungen. Gleichzeitig wird mir bewusst, welch rasanten Veränderungen die Urwaldindianer in Peru ausgesetzt sind. Im Rekordtempo wurden sie innerhalb von 2 – 3 Generationen von der Steinzeit ins Medienzeitalter katapultiert. – Leider sind sie bei diesen Veränderungen meist Verlierer.
Kürzlich erhielt ich wieder eine E-Mail von meinem Freund Jeiser, einem Shipibo-Indianer. In meinem Buch “Begegnungen in Peru“ habe ich ein paar Zeilen über ihn geschrieben. Inzwischen ist er der Vorsitzende von AIDI (Asociación Indígena para el Desarrollo Integral), einer indianischen Nicht-Regierungs-Organisation für ganzheitliche Entwicklung. In seiner Mail teilte er aktuelle Nachrichten aus Peru, insbesondere zum Thema „Gesundheit“ mit. Im ersten Teil ging es um das Thema HIV/AIDS. Im Jahr 2009 wurden in Peru rund 2.000 neue HIV-Infektionen festgestellt; von Betroffenen sind bereits 500 an AIDS erkrankt. 42,4% der Infizierten sind junge Menschen zwischen 15 und 29 Jahren. Jeiser schrieb leider nicht, wie viele Indianer davon betroffen sind, aber aus seiner Arbeit in der AIDS-Prävention unter den Shipibo-Indianern weiß ich, das HIV/AIDS auch ein Thema in der indianischen Bevölkerung ist.
Im zweiten Teil seiner E-Mail berichtet er von den Candoshi-Indianern. Die Candoshi waren der erste Stamm, den ich hautnah während einer 4-wöchigen Reise kennen und lieben gelernt habe. In „Begegnungen in Peru“ berichte ich ausführlich über diese Reise; das Buch ist übrigens meinem verstorbenen Candoshi-Freund Okama gewidmet. Aus dem von Jeiser übermittelten Bericht geht hervor, dass die Hepatitis B-Epedemie unter den Candoshi weiter um sich greift. Inzwischen besteht die ernste Gefahr, dass der Stamm durch diese Krankheit massiv dezimiert, wenn nicht sogar ausgelöscht wird. Das Problem ist den peruanischen Gesundheitsbehörden seit Langem bekannt; auch im peruanischen Fernsehen wurde schon vor Jahren darüber berichtet.
Zwei Dorfchefs, die kürzlich wegen der Hepatitis B-Problematik nach Lima gekommen waren, Venancio Ucama Simón und Sanchi Simon, beklagten sich darüber, dass sich die Verantwortlichen der Regional-Regierung sowie des Gesundheitsministeriums gegenseitig beschuldigten, die Indianer vernachlässigt zu haben, und sogar entschuldigend darauf hingewiesen haben, dass die notwendige Behandlung „sehr teuer sei“. Eine Candoshi-Krankenschwester stellte entrüstet die Frage: „Heißt das, dass man die Indianer einfach sterben lässt, weil die Behandlung sehr teuer ist?“
Ich würde mir wünschen, dass die zuständigen Behörden endlich eingreifen und sich dem Thema mit der nötigen Ernsthaftigkeit widmen. Es ist eine Sache, dass indianische Gegenstände wie ich sie oben erwähnt habe, eines Tages nur noch der Geschichte angehören werden. Sie mögen für einen Liebhaber wie mich etwas Kostbares sein, aber sie sind nicht unersetzlich. Doch es ist etwas ganz anderes, wenn Menschenleben und die Existenz eines ganzen Volkes auf dem Spiel stehen. Die Indianer selbst sind die wahren „indianischen Schätze“, ungleich kostbarer als alles Materielle. Es wäre mehr als tragisch, wenn in 10 oder 20 Jahren nur noch Erinnerungen an den Stamm der Candoshi übrig bleiben würden und sie endgültig als Verlierer in die peruanische Geschichte eingehen würden …

:-)

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s