Monatsarchiv: August 2010

Reiseeindrücke: “El Peru avanza“

Meine Peru-Reise geht langsam dem Ende entgegen. Inzwischen bin ich wieder in Lima und dabei verschiedene Eindrücke zu sortieren. Immer wieder liest man hier Parolen wie „El Peru avanza“ – „Peru schreitet voran“. Und wirklich, der Fortschritt erreicht immer entlegenere Winkel des Landes.

Während der Reise verbrachte ich unter anderem 10 Tage in Chazuta, einem Quechua-Dorf, ca. 50 – 60 km von Tarapoto entfernt. Wir kamen hier mit Indianern aus verschiedenen Stämmen zusammen, um die Jahreskonferenz von FAIENAP abzuhalten. Chazuta ist aber nicht irgendein Indianerdorf, es hat rund 7.500 Einwohner, ist die „Kreisstadt“ des Distrikts Chazuta, hat ein Keramik-Museum, eine Turist-Information, Internet u.v.m.

Als ich einmal vom Internet-Cafe zurück kam begegnete ich Rafael, Shipibo-Indianer und Geschäftsführer von FAIENAP. Er hatte einen USB-Stick um den Hals hängen und fragte mich, ob man im Internet-Cafe auch ausdrucken kann. – Leider nicht, nur auf dem Rathaus hat es einen Drucker. Aber es war Sonntag, daher war dieses geschlossen. Rafael hatte seine Predigt für den Eröffnungsgottesdienst der FAIENAP-Konferenz vorbereitet. Nun, wenn man die Datei nicht ausdrucken kann, dann predigt man halt direkt vom Notebook aus…
Der Gottesdienst wurde übrigens auch Live im regionalen Radiosender von Chazuta und im Regionalfernsehen übertragen. Zusammen mit einem schweizer und einem anderen deutschen Kollegen hatte ich auch einen spontanen Auftritt: jeder Stamm wurde gebeten, etwas in seiner Sprache zu singen – wir auch… Übrigens haben in Chazuta die meisten Häuser einen Fernseher; mit dem Kabelanschluss kann man derzeit rund 15 Sender empfangen.
Während der FAIENAP-Konferenz war zu bemerken, dass die Handy-Rate unter Indianern innerhalb der letzten 2 Jahre massiv gestiegen ist (obwohl die Prepay-Tarife hier teuerer als in Deutschland sind!). Ebenso auch die Nutzung des Internets; an manchen Tagen war die Hälfte der Computer im Internet-Cafe von den Delegierten belegt – viele haben inzwischen ihr E-Mail-Account.
In Tarapoto fiel mir dann erstmals eine neuartige Ampel auf, bei der digital angezeigt wird, wie viele Sekunden die Rot- bzw. Grünphase noch dauert. In Lima waren dann weitere Ampeln dieses Typs zu sehen.
In Lima hat es im Moment unheimlich viele Baustellen; daher sind manche Straßen gesperrt und die restlichen Straßen überfüllt. Positiv ist, dass inzwischen viele Taxis mit Gas fahren und die Luft etwas weniger verpesten. Bei rund 10 Millionen Einwohnern und Unmengen von Fahrzeugen wird aber trotzdem noch genügend Smog produziert…
Einer der Gründe für die vielen Baustellen sind die anstehenden Wahlen im Oktober: es werden Bürgermeister, Stadt- und Kreisräte gewählt. Eine Taktik der Amtsträger ist es, bis zur Wahl noch einige Bauprojekte durchzuziehen, damit die Leute sehen, dass für sie etwas getan wird. Das wird bewusst auf das Ende der Amtszeit terminiert. In Chazuta erlebten wir übrigens eine Wahlveranstaltung mit (genauer gesagt den Lärm); die anschließende Fiesta endete morgens gegen 6 Uhr. Dort hörte ich übrigens folgende Aussage: „Früher betrogen uns die Kanditaden, heute betrügen wir die Kandidaten“. D.h. die Kandidaten machten große Versprechungen und hielten sie nicht. Inzwischen tun die Leute so, als ob sie die Kandidaten wählen würden, nehmen an deren Veranstaltungen teil, essen, trinken, lassen sich T-Shirts und andere Sachen schenken – und wählen dann jemand anders. Mein Freund Jeiser, ein junger Shipibo-Indianer (von dem ich u.a. in „Begegnungen in Peru“ schreibe), kandidiert übrigens für den Kreisrat in Pucallpa. Ich warnte ihn, er solle keine Versprechungen machen, die er nicht halten kann. ;-). Mal sehen, ob er gewählt wird. Am 3. Oktober werde ich erfahren, ob sein Wahlkampf erfolgreich verlaufen ist.
Leider hört man auch von sehr negativen Entwicklungen. In Pucallpa nehmen in letzter Zeit bewaffnete Überfälle auf offener Straße zu. Vor allem Leute, die auf der Bank Geld abheben werden ausspioniert, verfolgt und ausgeraubt. Auch hört man, dass in manchen Gegenden Terroristen wieder aktiver werden und die Regierung wohl zu wenig dagegen unternehme. Ein Wiederaufkeimen des Terrorismus in Peru wäre fatal. In Chazuta hörte ich Berichte darüber, wie sehr die Leute dort davon betroffen waren. Sie sind froh, dass dieser Albtraum vorbei ist.
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