Monatsarchiv: Juli 2011

Caquinte-Indianer vom Verlust ihrer kulturellen Identität bedroht

Bei Recherchen auf der Internetseite von Servindi stieß ich „zufällig“ auch auf folgendes Video über die Caquinte-Indianer (Kakinte) in Peru.

Als Missionare haben wir diese relativ kleine Ethnie mehrere Jahre begleitet. Daher hat es mich sehr gefreut, darin bekannte Gesichter zu sehen, insbesondere auch Moisés, von dem ein Kapitel in meinem Buch „Begegnungen in Peru“ handelt. Wir haben ihn kennengelernt, als er in Yarina die Ausbildung zum Primarschul-Lehrer machte, und ihn in dieser Zeit immer wieder finanziell unterstützt.
Moisés ist inzwischen Lehrer in seinem Dorf Tsoroja,  außerdem ist er der Leiter und Gründer der „ODPK“ (Organización de Desarrollo del Pueblo Kakinte) – Organisation für die Entwicklung des Volkes der Kakinte.

Der auf Youtube veröffentliche Film trägt den Titel „Kampf für das Überleben des Kakinte-Volkes“. Die Kakinte (Caquinte) gehören zu den kleinen Volksgruppen in Peru. Sie leben sehr abgelegen, und gehören zu den Gruppen, die vom Aussterben bedroht sind. Ein wesentlicher Faktor, der zum Verlust ihrer kulturellen Identität beiträgt sind fehlende Lehrer. Denn Moisés ist derzeit der einzige, der die Kinder seiner Volksgruppe in der Muttersprache unterrichten kann. Die anderen Lehrer – insbesondere in den anderen Dörfern – stammen aus Nachbarstämmen, die zwar derselben Sprachfamilie angehören, aber doch andere Sprachen sprechen. Das ist ungefähr so, wie wenn ein spanisches Kind in Spanien von einem italienischen Lehrer in Italienisch unterrichtet wird…
Außerdem gibt es (nach Aussagen im Video) wohl Schwierigkeiten mit einer Erdölgesellschaft, die in der Region Erdgas fördern möchte…
Eine gewisse Problematik ist, dass die Kakinte bisher – laut diesem Video – offiziell nicht als eigenständige Volksgruppe anerkannt werden, sondern meist als Asháninka betrachtet werden – eine benachbarte Ethnie mit einer recht großen Bevölkerung. Dadurch wurden die Kakinte in den vergangenen Jahrzehnten oft marginalisiert und vom Staat vergessen.
Weitere Infos über die Volksgruppe der Caquinte-Indianer gibt´s in „Begegnungen in Peru“ (S. 73 – 96) – demnächst übrigens auch als eBook.

Artikel (in spanischer Sprache) auf Servindi über die Kakinte-Indianer:

http://servindi.org/actualidad/47187#more-47187

http://servindi.org/actualidad/38865

http://servindi.org/actualidad/33704

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Begleiten statt erobern

Es ist immer wieder etwas Schönes, ein gutes Buch geschenkt zu bekommen! – So ging es mir mit dem Buch „Begleiten statt erobern – Missionare als Gäste im nordargentinischen Chaco„, das von Ute & Frank Paul herausgegeben wurde (erschienen im Neufeld Verlag, ISBN 978-3-937896-95-3).

Das Buch ist in zwei Kapitel und einen Anhang eingeteilt. Das erste – große – Kapitel stammt von Ute und Frank Paul und trägt den Titel „Mission ohne Eroberung – Philosophie und Praxis einer alternativen Selbstverständlichkeit im nordargentinischen Chaco.“ In sieben Abschnitten entfalten sie das Thema am Beispiel ihrer Mitarbeit im Mennonitenteam und der Begleitung der Toba/Qom-Kirchen im nordargentinischen Chaco. Tagebuchaufzeichnungen und persönliche Berichte (auch von Teamkollegen oder Indianern) veranschaulichen und vertiefen die behandelten Aspekte.

Das zweite Kapitel stammt von Willis G. Horst und ist überschrieben mit „Anfänge und Entwicklung einer eigenständigen indianischen Kirche – Über die Spiritualität der Toba/Qom-Christen im argentinischen Chaco“. Ausgehend von der traditionellen Spiritualität der Ethnie beschreibt er die Hinwendung zum Evangelium, die Entstehung einer eigenständigen Kirche, sowie Aspekte der neu entstandenen indianischen Theologie.

Im Anhang gibt Orlando Sánchez, ein Toba/Qom-Indianer (er ist Ausbilder, Bibelübersetzer und indianischer Anthropologe) einen „Einblick in die traditionelle Kultur des Toba-Volkes“. Dabei geht er insbesondere auf das soziale Leben, die Sicherung des Lebensunterhaltes, Geburt und Erziehung der Kinder, den Umgang mit Krankheit und Gesundheit, sowie auf das geistliche Leben ein.Aufgrund meiner eigenen Erfahrungen mit Urwaldindianern in Peru, sowie meiner Zusammenarbeit mit dem peruanischen Indianerkirchen-Dachverband FAIENAP, habe ich das Buch natürlich mit besonderem Interesse und aus einem bestimmten Blickwinkel gelesen. Sehr vieles kam mir bekannt vor und kann ich aufgrund eigener Erfahrungen nur bestätigen. Beim Umgang bzw. der Bewertung der traditionellen Spiritualität bildete sich gelegentlich auch mal ein Fragezeichen auf meiner Stirn. In seiner Zusammenfassung, am Ende seines Kapitels, faßte Willis G. Horst dann mutig in Worte, was ich mitunter empfand:

 „Die von mir beschriebene indianische Spiritualität ist ein Beispiel für die >vermischte Einheit<, die entsteht, wenn einem neu gefundenen Glauben an Jesus die Freiheit gewährt wird, sich in Formen auszuleben, die zu der vorfindlichen Kultur passen. Wir bezeichnen deshalb das Ergebnis dieser Mischung als einen >heilsamen Synkretismus<, weil die nordargentinischen Indianer sich intensiv darum bemühen, sowohl Jesus als auch sich selbst als Toba/Qom treu zu sein. Dieses Bemühen ist beispielhaft, auch wenn es Außenstehende nicht überzeugen mag.“ (S. 165f)

Er beschreibt dabei gut den Spannungsbogen, der bei der Kontextualisierung bzw. Einheimischwerdung des Evangeliums beschritten wird. Nach meiner eigenen Beobachtung läßt sich m.E. der Synkretismus sowieso nicht vermeiden, wenn das Evangelium neu in eine Kultur hinein kommt; die Frage ist lediglich, wie man damit umgeht. Dies kommt auch sehr klar in diesem Buch zum Ausdruck; ich finde schön, wie ein indianischer Leiter dies ausdrückt:

„Wir wollen, dass unsere Kultur >geläutert< wird, das heißt, einem Prozess unterworfen wird, der hilft, das für unser Überleben Wesentliche auszuwählen. Dazu brauchen wir die Bibel als Richtschnur.“ (S.163).

Diese Aussage ist gleichzeitig auch eine wichtige Anfrage an unsere eigene, westliche Kultur. – Denn lange Zeit setzte man die westliche Kultur mit einer „christlichen Kultur“ gleich. Die Konsequenz davon war, dass Menschen aus anderen, nicht-westlichen Kulturkreisen, ihre eigene Kultur ablegen und die westliche „zivilisierte“ Kultur annehmen mussten, um (gute) Christen werden zu können. Aber: auch in unserer westlichen Kultur gibt es viele Aspekte, die dem Evangelium widersprechen, und auch in unserem westlich geprägten Christentum gibt es viele synkretistische Tendenzen, für die wir meist ziemlich blind sind. – Interessanterweise können uns Südamerikaner, speziell auch Indianer (!), dabei helfen unsere eigenen blinden Flecken zu erkennen!

Fazit: Das Buch ist absolut lesenswert und leitet zu einer guten Reflexion über die Kontextualisierung des Evangeliums, sowie die Art und Weise an, wie Missionsarbeit geschieht.

Nachhaltigkeit

Kürzlich lief ich an diesem Plakat vorbei, das mir gleich ins Auge stach. – Es hat den Kern der Sache ziemlich gut und genau getroffen!
Wir leben heute in einer unheimlich schnellebigen Welt. „Wichtig“ und „aktuell“ ist nur, was gerade in den Medien berichtet wird. – Aus den Augen, aus dem Sinn… Sobald aktuellere und brisantere Schlagzeilen ein Thema verdrängen gerät dieses relativ schnell in Vergessenheit. Zwar sind bei Katastrophen Schlagzeilen wichtig, um relativ schnell dringend benötigte Ressourcen für die Ersthilfe gewinnen zu können. Allerdings ist es meist mit Ersthilfe nicht getan; denn in der Regel braucht ein Wiederaufbau (wie z.B. in Haiti, um den es im Plakat von Misereor geht) wesentlich mehr an Zeit, als das Thema im öffentlichen Bewusstsein bleibt. – Es braucht Nachhaltigkeit, ein Dranbleiben, auch wenn das Thema für die Meisten schon lange kein Thema mehr ist (und es immer schwieriger wird überhaupt noch finanzielle Unterstützung dafür zu gewinnen).
Das Plakat hat mich aber noch aus einem weiteren Grund angesprochen: es hat mich sehr stark an die Situation in der Missionsarbeit erinnert. Ich habe den Eindruck, dass es da oft ähnlich läuft. In der „frommen Presse“ werden manche Aktionen und Events mit viel Aufwand und großen Schlagzeilen beworben, um Unterstützung dafür zu gewinnen. Auf der anderen Seite gibt es viele Werke und Missionare, die über Jahre und Jahrzehnte treu ihren Dienst tun. Sie finden – auch in der frommen Presse – kaum Beachtung, versuchen aber trotzdem, mit geringen Mitteln und knapper Unterstützung, so viel wie möglich in ihrem Umfeld zu erreichen. Sie haben den Mut dran zu bleiben, den Mut zur Nachhaltigkeit – auch ohne Schlagzeilen.

Jonathan Edwards Biografie

Im Urlaub las ich die bei CLV erschienene Biografie (ISBN: 978-3-86699-306-8)  von Iain H. Murray  über Jonathan Edwards (1703 – 1758). Jonathan Edwards war einer der bedeutendsten Erweckungsprediger und Theologen des 18. Jahrhunderts. Die Lektüre dieser Biografie war für mich ein großer persönlicher Gewinn. Dem Autor gelang es nicht nur den Lebensweg von Jonathan Edwards nachzuzeichnen, der von vielen Höhen und v.a. auch Tiefen gekennzeichnet war, sondern auch einen Einblick in dessen schriftstellerische Arbeit zu geben. Sie hat bei mir Interesse geweckt, das eine oder andere Buch von Jonathan Edwards selbst zu lesen. Auch wenn die Biografie mit 576 Seiten recht umfangreich ist, die Lektüre lohnt sich!