Begleiten statt erobern

Es ist immer wieder etwas Schönes, ein gutes Buch geschenkt zu bekommen! – So ging es mir mit dem Buch „Begleiten statt erobern – Missionare als Gäste im nordargentinischen Chaco„, das von Ute & Frank Paul herausgegeben wurde (erschienen im Neufeld Verlag, ISBN 978-3-937896-95-3).

Das Buch ist in zwei Kapitel und einen Anhang eingeteilt. Das erste – große – Kapitel stammt von Ute und Frank Paul und trägt den Titel „Mission ohne Eroberung – Philosophie und Praxis einer alternativen Selbstverständlichkeit im nordargentinischen Chaco.“ In sieben Abschnitten entfalten sie das Thema am Beispiel ihrer Mitarbeit im Mennonitenteam und der Begleitung der Toba/Qom-Kirchen im nordargentinischen Chaco. Tagebuchaufzeichnungen und persönliche Berichte (auch von Teamkollegen oder Indianern) veranschaulichen und vertiefen die behandelten Aspekte.

Das zweite Kapitel stammt von Willis G. Horst und ist überschrieben mit „Anfänge und Entwicklung einer eigenständigen indianischen Kirche – Über die Spiritualität der Toba/Qom-Christen im argentinischen Chaco“. Ausgehend von der traditionellen Spiritualität der Ethnie beschreibt er die Hinwendung zum Evangelium, die Entstehung einer eigenständigen Kirche, sowie Aspekte der neu entstandenen indianischen Theologie.

Im Anhang gibt Orlando Sánchez, ein Toba/Qom-Indianer (er ist Ausbilder, Bibelübersetzer und indianischer Anthropologe) einen „Einblick in die traditionelle Kultur des Toba-Volkes“. Dabei geht er insbesondere auf das soziale Leben, die Sicherung des Lebensunterhaltes, Geburt und Erziehung der Kinder, den Umgang mit Krankheit und Gesundheit, sowie auf das geistliche Leben ein.Aufgrund meiner eigenen Erfahrungen mit Urwaldindianern in Peru, sowie meiner Zusammenarbeit mit dem peruanischen Indianerkirchen-Dachverband FAIENAP, habe ich das Buch natürlich mit besonderem Interesse und aus einem bestimmten Blickwinkel gelesen. Sehr vieles kam mir bekannt vor und kann ich aufgrund eigener Erfahrungen nur bestätigen. Beim Umgang bzw. der Bewertung der traditionellen Spiritualität bildete sich gelegentlich auch mal ein Fragezeichen auf meiner Stirn. In seiner Zusammenfassung, am Ende seines Kapitels, faßte Willis G. Horst dann mutig in Worte, was ich mitunter empfand:

 „Die von mir beschriebene indianische Spiritualität ist ein Beispiel für die >vermischte Einheit<, die entsteht, wenn einem neu gefundenen Glauben an Jesus die Freiheit gewährt wird, sich in Formen auszuleben, die zu der vorfindlichen Kultur passen. Wir bezeichnen deshalb das Ergebnis dieser Mischung als einen >heilsamen Synkretismus<, weil die nordargentinischen Indianer sich intensiv darum bemühen, sowohl Jesus als auch sich selbst als Toba/Qom treu zu sein. Dieses Bemühen ist beispielhaft, auch wenn es Außenstehende nicht überzeugen mag.“ (S. 165f)

Er beschreibt dabei gut den Spannungsbogen, der bei der Kontextualisierung bzw. Einheimischwerdung des Evangeliums beschritten wird. Nach meiner eigenen Beobachtung läßt sich m.E. der Synkretismus sowieso nicht vermeiden, wenn das Evangelium neu in eine Kultur hinein kommt; die Frage ist lediglich, wie man damit umgeht. Dies kommt auch sehr klar in diesem Buch zum Ausdruck; ich finde schön, wie ein indianischer Leiter dies ausdrückt:

„Wir wollen, dass unsere Kultur >geläutert< wird, das heißt, einem Prozess unterworfen wird, der hilft, das für unser Überleben Wesentliche auszuwählen. Dazu brauchen wir die Bibel als Richtschnur.“ (S.163).

Diese Aussage ist gleichzeitig auch eine wichtige Anfrage an unsere eigene, westliche Kultur. – Denn lange Zeit setzte man die westliche Kultur mit einer „christlichen Kultur“ gleich. Die Konsequenz davon war, dass Menschen aus anderen, nicht-westlichen Kulturkreisen, ihre eigene Kultur ablegen und die westliche „zivilisierte“ Kultur annehmen mussten, um (gute) Christen werden zu können. Aber: auch in unserer westlichen Kultur gibt es viele Aspekte, die dem Evangelium widersprechen, und auch in unserem westlich geprägten Christentum gibt es viele synkretistische Tendenzen, für die wir meist ziemlich blind sind. – Interessanterweise können uns Südamerikaner, speziell auch Indianer (!), dabei helfen unsere eigenen blinden Flecken zu erkennen!

Fazit: Das Buch ist absolut lesenswert und leitet zu einer guten Reflexion über die Kontextualisierung des Evangeliums, sowie die Art und Weise an, wie Missionsarbeit geschieht.

:-)

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