Monatsarchiv: August 2011

Eindrücke Peru-Reise 2011

Meine diesjährige Peru-Reise geht zu Ende. In den letzten vier Wochen hatte ich vielerlei Begegungen; daneben gab es auch sonst so einiges, was meine Aufmerksamkeit erregte.
Wie immer war Lima die Anfangs- und Endstation der Reise. Lima ist das Zentrum von Peru; vermutlich ein Drittel der Bevölkerung lebt hier, und es gibt wohl kaum eine peruanische Familie, die hier keinen Verwandten hat.
Pfingstgemeinde, dahinter Metro
In Lima gibt es ständig Veränderungen: Strassen werden verbessert oder ausgebaut; neue Ampelanlagen mit Sekundenanzeige werden installiert, es entstehen neue Hochhäuser (z.B. das Hotel West In) etc.
In der Nähe des Flughafens wurde ein neuer Metro-Supermarkt gebaut, gleich daneben der Mega-Tempel einer Pfingstgemeinde, fast so gross wie der Supermarkt…
Neu war auch das Einkaufszentrum „Oechsle“ – ich frage mich, ob ausgewanderte Schwaben dahinter stecken…?
Veränderungen war auch eines der Themen, denen ich bei meinem Aufenthalt in Pucallpa nachgegangen bin. Einerseits Veränderungen in der Stadt, andererseits Veränderungen in den Indianerdörfern.
Die Stadt Pucallpa verändert sich ebenfalls stetig. Aus einem Ort, der ursprünglich an eine „Goldgräberstadt“ (lt. einem Reiseführer) erinnerte, wurde eine schnell wachsende Stadt im zentralen Urwald. Schätzungen gehen derzeit sogar von rund 500.000 Einwohnern aus. Als ich in der Ankunftshalle des Flughafens kam stach mir sofort die Werbetafel eines neuen 5-Sterne-Hotels ins Auge. Ich hab mich natürlich gefragt, wer kann sich dort so etwas leisten? Im Gespräch mit Don Oscar, meinem Taxifahrer, hörte ich, dass die Nacht dort zuerst 240 US-Dollar kostete, man den Preis aber recht bald auf 200 Nuevos Soles gesenkt habe – und nun die Kunden kommen würden (zur Info: manche meiner peruanischen Missionarskollegen verdienen im Monat um die 1.000 Nuevos Soles…). Inzwischen sind immer mehr Strassen in der Stadt asfaltiert und die Strasse Richtung Lima (Carretera Federico Bassadre), die bis zur Abzweigung zum Flughafen (Km 5) zweispurig ist, soll nun bis zum Kilometer 15 zweispurig ausgebaut werden. Gleichzeitig soll aus dem Land entlang der Strasse nun offizielles Baugebiet werden, um das weitere Wachstum der Stadt in geordnete Bahnen zu lenken.
Starke Veränderungen gibt es auch in den Indianerdörfern, zumindest äusserlich. Die Handy-Rate ist weiter gestiegen und immer mehr Indianer haben auch ein E-Mail-Account. Daher hat es mich sehr überrascht, dass Wilser (einer meiner früheren Bibelschüler und neuer Präsident der Quechua-San Martín-Kirchen) noch kein E-Mail hatte! Ich hab ihm meine Visitenkarte gegeben und ihn ermutigt – vielleicht kriege ich ja bald Post von ihm? Zu den negativen Veränderungen in vielen Indianerdörfern gehört leider der steigende Alkoholkonsum – insbesondere dort, wo die Leute über ein gewisses Einkommen verfügen. Viele steigen inzwischen vom traditionellen „Masato“ auf stärkere Getränke wie Bier, Likör oder Feuerwasser (aguardiente) um – Karl May schrieb in seinen Romanen bereits über dieses Thema…
Kaum Veränderungen gibt es dagegen bei manchen Themen, die in der Mentalität bzw. der Weltanschauung liegen. So z.B. beim Aberglauben. Immer noch viele Indianer haben Angst vor dem „Pishtaco“. Pishtacos sind Ausländer, die angeblich Indianer ermorden, ihnen das Fett absaugen und dieses als Treibstoff für Flugzeuge etc. verkaufen und damit reich werden. Die Angst vor dem Pishtaco hat zwei Polen vor ca. eineinhalb Monaten das Leben gekostet. Sie waren auf dem Ucayali, bei Atalaya / Aerija auf Kanu-Tour. Alleine, ohne einheimischen Begleiter. Ein paar Ashaninca-Indianer meinten sie wären Pishtacos und haben sie erschossen und mitsamt ihrem Gepäck im Fluss versenkt. Erinnerungen kommen ins Gedächtnis: Vor ca. 10 Jahren war ich genau in dieser Gegend, in Aerija bei einer Konferenz der Ashaninca-Kirchen.
Eine freudige Überraschung war das Wiedersehen mit Jonas, einem Caquinte-Indianer. Ich hatte ihn vor 6 Jahren bei einer Reise in sein Dorf kennengelernt. Er war damals 14 Jahre alt und hatte sein erstes – grosses – Maisfeld angelegt. Inzwischen ist er 20 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder. Er war auf die Missionsstation Cashibo gekommen, um dort an der Bibelschule zu studieren. Jonas hat zwar noch kein E-Mail-Account, dafür aber ein Handy mit Kamera; er hat zum Abschied ein Erinnerungsfoto von mir gemacht. Jonas berichtete über starke Veränderungen in seinem Dorf, neue Häuser in halb-nobler Ausstattung (d.h. unten betoniert, oben mit Holz gebaut). Nach wie vor herrscht Uneinigkeit im Dorf über die künftige Entwicklung, ausserdem gibt es Schwierigkeiten mit Leuten vom Nachbarstamm, die in ihrem Gebiet fischen und Holz schlagen. Über die Aktivitäten einer Erdölgesellschaft in der Gegend ist man ebenfalls wenig erfreut… –
Interessant war auch die Begegnung mit Alfredo, einem Shipibo-Indianer. Er denkt sehr viel über die Situation in der eigenen Gruppe nach. Er erzählte mir eine Geschichte, die er als Kind immer wieder von seinen Grosseltern gehört hatte und die erklärt, warum die Shipibo, bzw. die Indianer im Allgemeinen arm sind. Seine Reaktion als Kind auf diese Geschichte war: „Wenn das so ist, dann kann mal halt nichts daran ändern…!“ Inzwischen hat er die Problematik erkannt; er ist dabei, in seinem Umfeld Veränderungen herbeizuführen. Dabei schlägt er einen interessanten Weg ein, um Neid und Missgunst (die oft denen begegnen, die es zu etwas bringen) zu vermeiden: „Das Geld sparen, so leben, als ob man nicht viel hätte, als Gruppe gemeinsam arbeiten und den Gewinn teilen, so dass alle gemeinsam am Fortschritt teilhaben und kein Neid aufkommt.“
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