Monatsarchiv: August 2012

Eindrücke einer Reise

Meine diesjährige Perureise geht ihrem Ende entgegen und wie immer sind die Eindrücke vielfältig. Während der letzten vier Wochen hatte ich sehr viele Begegnungen und Gespräche mit Menschen verschiedener Nationalitäten und Kulturen – viele Informationen und Eindrücke zu vielerlei Themen. Und wie jedes Jahr gibt es auch manche äußerliche Veränderungen,  die ins Auge stechen, so z.B. ganze Straßenzüge mit neuen, modernen Ampeln in Pucallpa. Auch in dieser Urwaldstadt nimmt der Fortschritt von Jahr zu Jahr zu. Es sei sogar ein großer Supermarkt dort geplant, allerdings wäre das Stromnetz dafür noch nicht stabil genug. Auch die Handyrate hat weiter zugenommen, allerdings mit der Konsequenz, dass das Netz oft überlastet ist…
Die stärksten Eindrücke hat meine Reise in ein Dorf der Caquinte-Indianer hinterlassen, das ich zuletzt im Jahr 2005 besucht habe. Im vorherigen Blog-Artikel habe ich bereits ein bisschen davon berichtet. Bei diesem Besuch waren ja ganz dramatische äußerliche Veränderungen zu beobachten, angefangen bei den neuen Häusern, Stromgeneratoren und Rasenmähern bis hin zu den Lerncomputern (Laptops) in der Dorfschule. Hörte man während meines Besuchs vor 7 Jahren ein oder zweimal pro Woche das Geräusch eines Flugzeugs, dann war das viel; nun hört man täglich mehrfach wie Flugzeuge und Helikopter hin und her fliegen. Langfristig wird die Präsenz der Ölgesellschaft in der Gegend gravierende Auswirkungen auf das Leben haben: Die Wildbestände werden abnehmen bzw. das Wild wird sich in ruhigere Gebiete zurückziehen, die Fischbestände werden ebenfalls abnehmen, und mit dem Bau von Strassen werden Siedler auch in diesen Teil des Urwaldes vordringen und die Abholzung des Urwaldes wird ebenfalls zunehmen. Die große Frage die bleibt ist, wie es die Menschen schaffen werden, diese Veränderungen innerlich zu verarbeiten und sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen ohne irgendwie auf der Strecke zu bleiben.
Interessant war wieder einmal der Besuch bei meinem Patenkind in Lima. Vor eineinhalb Jahren ist die Familie in ein relativ neues Wohngebiet am Stadtrand umgezogen. Kurz nach dem Umzug wurden sie ans Stromnetz angeschlossen, seit Anfang des Jahres haben sie auch fließendes Wasser und Anschluss ans Abwassersystem. Vom Haus steht bisher nur der erste Stock, der eigentlich den Großeltern gehört, die unter der Woche in einem anderen Stadtteil ihr Geschäft betreiben. Im 2. Stock (derzeit das Dach) will die Familie Stück für Stück ihre eigene Wohnung bauen. Obwohl die Wohnfläche – verglichen mit der vorigen Wohnung großzügig bemessen ist, schläft die ganze Familie (Eltern, 2 Kinder) im selben Raum. Der große Fernseher (Flachbildschirm) im Wohnzimmer / Küche sendet eine fast paradoxe Botschaft – verglichen mit den Lebensverhältnissen der Familie (und ganz selbstverständlich haben beide Elternteile je ein Handy)… Durch den Umzug hat sich der Schulweg meines Patenkindes erheblich verlängert; i.d.R. verlässt es morgens gegen 6.00h das Haus und kehrt gegen 17.00 – 18.00h zurück. Dann stehen noch Hausaufgaben an… Der Vater arbeitet 12 Stunden täglich als Wächter in einem Haus in einem entfernten Stadtviertel (seit diesem Jahr offiziell auch mit Sozialversicherung), dazu kommt der Weg zur Arbeit und zurück mit öffentlichen Verkehrsmitteln, die Fahrtzeit beträgt jeweils etwa eineinhalb Stunden.Viel „Freizeit“ bleibt da nicht…

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Rohstoffabbau im Urwald – Herausforderungen und viele Fragen…

Kürzlich kam ich von meiner Reise in ein Indinerdorf zurück, das ich vor 7 Jahren (2005) zuletzt besucht hatte. Die Veränderungen, die in dieser kurzen Zeit stattgefunden haben, waren immens. Rein äusserlich – abgesehen von der Lage des Dorfes – wäre es fast nicht wieder zu erkennen gewesen. Seit ein para Jahren ist eine Ölgesellschaft in der Gegend tätig. Vor 2 Jahren wurden dort neue Häuser gebaut, die meisten davon aus “material seminoble” bzw. “material noble” (d.h. bei zweigeschössigen Häusern ist das UG gemauert und das OG aus Holz, bei eingeschössigen Häusern ist alles gemauert).

Zu denken gab mir, was der Dorfchef bei meiner Ankunft sagte: “Es gibt hier materiellen Fortschritt, wir brauchen aber auch geistlichen Fortschritt”. Bei Gesprächen mit den Einwohnern kam immer wieder ans Licht, dass es in den vergangenen Jahren massive Spannungen innerhalb der Dorfgemeinschaft gab – ausgelöst durch die Frage, was denn angesichts der Präsenz der Ölgesellschaft das Beste sei. Immer wieder gab es bei Dorfversammlungen hitzige Diskussionen – auch während meines Aufenthalts. Und leider gehen die Zwistigkeiten mitten durch Familien hindurch – inklussive der kleinen Gemeinde am Ort.

Viele hätten am Liebsten (viel) Bargeld von der Ölgesellschaft erhalten, um alles Mögliche kaufen zu können – solange, bis das Geld eben aufgebraucht ist. Nur ganz wenige denken längerfristig an die Entwicklung des Dorfes und den Aufbau einer tragfähigen Zukunft – für sich selbst und ihre Kinder, um eine mögliche finanzielle Abhängigkeit zu vermeiden. Wie bereits an vielen anderen Orten im Urwald wird es früher oder später auch dort zu starken Veränderungen in der Umwelt kommen, u.a. ist mit einem Rückgang der Wild- und Fischbestände zu rechnen.

Kurz nach meiner Reise las ich im Magazin “EINS“ (Ausgabe 2/2012, S. 31) in einem kurzen Bericht über die Kampagne “Licht ins Dunkel“ mit dem Titel “10.000 Stimmen für mehr Transparenz und weniger Armut“ folgendes:

„Es ist ein Skandal. Rund 3,5 Milliarden Menschen leben in Ländern, die reich an Öl, Gas und anderen Bodenschätzen sind. Tragischerweise profitieren arme Menschen aus den vom Rohstoffabbau betroffenen Gebieten selten von den Einnahmen. Verantwortungsträger aus der EU müssen jetzt handeln und sicherstellen, dass das Geld an den richtigen Stellen landet.“

Nun, diese Aussage ist sicher richtig. Nur, anhand dessen, was ich von der kürzlich besuchten Ethnie (und auch anderen Ethnien) weiß, stellt sich für mich die Frage: Welches sind die richtigen Stellen??? – Denn m.E. ist diese Frage in der Praxis gar nicht so einfach zu beantworten! (Z.B. wenn ich an das kürzlich besuchte Dorf denke.) Denn die sozialen und wirtschftlichen Herausforderungen sind enorm, z.B. für eine Dorfgemeinschaft, die bisher kaum mit der Verwaltung von Geldern betraut war, höchstens vielleicht in sehr begrenztem Umfang mit kleinen Summen. Plötzlich stehen dann S/ 100.000,– (Nuevos Soles, ca. 34.000 Euro) pro Jahr zur Verfügung (wie im konkreten Fall) – für die Leute eine sehr grosse Summe – , die sinnvoll eingesetzt werden sollen. Was geschieht? – Heftiger Streit über die Verwendung der Mittel entsteht. Am Ende der Diskussion wird jeder Familie im Dorf dersselbe Betrag zugewiesen. Manche werden diesen sinnvoll einsetzen, die Meisten werden ihn vermutlich irgendwie verbrauchen. Im Dorf wird der Unterschied und Abstand zwischen denen, die ihre Mittel weise einsetzen und vermehren, und denen, die das nicht schaffen, wachsen. Das produziert Neid und eine Kluft zwischen Menschen, die bisher materiell weitgehend gleichgestellt waren, entsteht. Abgesehen von anderen Nebenwirkungen, die bereits in vielen Dörfern mit ähnlicher Situation beobachtet werden können, u.a. steigender Alkoholkonsum mit starken Getränken wie Bier und „agua ardiente“ („Feuerwasser“), die den traditionellen Masato ersetzen.

Was die Menschen in ihrer Situation eigentlich bräuchten wäre eine gute und langfristige (mindestens 5 – 10 Jahre) Begleitung, um die ganzen sozialen und wirtschaftlichen Veränderungsprozesse Stück für Stück zu begleiten (inklussive geistlicher Begleitung). Die entsprechenden Personen müssten Sprache und Kultur der Ethnie kennen und über umfangreiche Kenntnisse in verschiedenen Bereichen verfügen (ethnologische, juristische, wirtschaftliche, ökologische etc.), außerdem müssten sie wirklich Unabhängig von fremden Interessen (sei es der Ölfirmen oder des Staates) arbeiten können. Nur, wer kann das alles leisten?

Es gibt zwar verschiedene Organisationen, die sich für den Schutz der Umwelt und/oder ethnischer Minderheiten einsetzen. Leider ist aber zu beobachten, dass die Menschen dann, wenn sie wirklich Hilfe bräuchten, z.B. durch die Beratung und Vertretung durch gute Fachanwälte, diese (über)lebenswichtige Unterstützung im Paragraphen-Dschungel der modernen Welt schlichtweg nicht zur Verfügung steht. – Und auch hier bleibt die Frage: Welches sind die richtigen Stellen, die den Menschen wirklich helfen können???