Rohstoffabbau im Urwald – Herausforderungen und viele Fragen…

Kürzlich kam ich von meiner Reise in ein Indinerdorf zurück, das ich vor 7 Jahren (2005) zuletzt besucht hatte. Die Veränderungen, die in dieser kurzen Zeit stattgefunden haben, waren immens. Rein äusserlich – abgesehen von der Lage des Dorfes – wäre es fast nicht wieder zu erkennen gewesen. Seit ein para Jahren ist eine Ölgesellschaft in der Gegend tätig. Vor 2 Jahren wurden dort neue Häuser gebaut, die meisten davon aus “material seminoble” bzw. “material noble” (d.h. bei zweigeschössigen Häusern ist das UG gemauert und das OG aus Holz, bei eingeschössigen Häusern ist alles gemauert).

Zu denken gab mir, was der Dorfchef bei meiner Ankunft sagte: “Es gibt hier materiellen Fortschritt, wir brauchen aber auch geistlichen Fortschritt”. Bei Gesprächen mit den Einwohnern kam immer wieder ans Licht, dass es in den vergangenen Jahren massive Spannungen innerhalb der Dorfgemeinschaft gab – ausgelöst durch die Frage, was denn angesichts der Präsenz der Ölgesellschaft das Beste sei. Immer wieder gab es bei Dorfversammlungen hitzige Diskussionen – auch während meines Aufenthalts. Und leider gehen die Zwistigkeiten mitten durch Familien hindurch – inklussive der kleinen Gemeinde am Ort.

Viele hätten am Liebsten (viel) Bargeld von der Ölgesellschaft erhalten, um alles Mögliche kaufen zu können – solange, bis das Geld eben aufgebraucht ist. Nur ganz wenige denken längerfristig an die Entwicklung des Dorfes und den Aufbau einer tragfähigen Zukunft – für sich selbst und ihre Kinder, um eine mögliche finanzielle Abhängigkeit zu vermeiden. Wie bereits an vielen anderen Orten im Urwald wird es früher oder später auch dort zu starken Veränderungen in der Umwelt kommen, u.a. ist mit einem Rückgang der Wild- und Fischbestände zu rechnen.

Kurz nach meiner Reise las ich im Magazin “EINS“ (Ausgabe 2/2012, S. 31) in einem kurzen Bericht über die Kampagne “Licht ins Dunkel“ mit dem Titel “10.000 Stimmen für mehr Transparenz und weniger Armut“ folgendes:

„Es ist ein Skandal. Rund 3,5 Milliarden Menschen leben in Ländern, die reich an Öl, Gas und anderen Bodenschätzen sind. Tragischerweise profitieren arme Menschen aus den vom Rohstoffabbau betroffenen Gebieten selten von den Einnahmen. Verantwortungsträger aus der EU müssen jetzt handeln und sicherstellen, dass das Geld an den richtigen Stellen landet.“

Nun, diese Aussage ist sicher richtig. Nur, anhand dessen, was ich von der kürzlich besuchten Ethnie (und auch anderen Ethnien) weiß, stellt sich für mich die Frage: Welches sind die richtigen Stellen??? – Denn m.E. ist diese Frage in der Praxis gar nicht so einfach zu beantworten! (Z.B. wenn ich an das kürzlich besuchte Dorf denke.) Denn die sozialen und wirtschftlichen Herausforderungen sind enorm, z.B. für eine Dorfgemeinschaft, die bisher kaum mit der Verwaltung von Geldern betraut war, höchstens vielleicht in sehr begrenztem Umfang mit kleinen Summen. Plötzlich stehen dann S/ 100.000,– (Nuevos Soles, ca. 34.000 Euro) pro Jahr zur Verfügung (wie im konkreten Fall) – für die Leute eine sehr grosse Summe – , die sinnvoll eingesetzt werden sollen. Was geschieht? – Heftiger Streit über die Verwendung der Mittel entsteht. Am Ende der Diskussion wird jeder Familie im Dorf dersselbe Betrag zugewiesen. Manche werden diesen sinnvoll einsetzen, die Meisten werden ihn vermutlich irgendwie verbrauchen. Im Dorf wird der Unterschied und Abstand zwischen denen, die ihre Mittel weise einsetzen und vermehren, und denen, die das nicht schaffen, wachsen. Das produziert Neid und eine Kluft zwischen Menschen, die bisher materiell weitgehend gleichgestellt waren, entsteht. Abgesehen von anderen Nebenwirkungen, die bereits in vielen Dörfern mit ähnlicher Situation beobachtet werden können, u.a. steigender Alkoholkonsum mit starken Getränken wie Bier und „agua ardiente“ („Feuerwasser“), die den traditionellen Masato ersetzen.

Was die Menschen in ihrer Situation eigentlich bräuchten wäre eine gute und langfristige (mindestens 5 – 10 Jahre) Begleitung, um die ganzen sozialen und wirtschaftlichen Veränderungsprozesse Stück für Stück zu begleiten (inklussive geistlicher Begleitung). Die entsprechenden Personen müssten Sprache und Kultur der Ethnie kennen und über umfangreiche Kenntnisse in verschiedenen Bereichen verfügen (ethnologische, juristische, wirtschaftliche, ökologische etc.), außerdem müssten sie wirklich Unabhängig von fremden Interessen (sei es der Ölfirmen oder des Staates) arbeiten können. Nur, wer kann das alles leisten?

Es gibt zwar verschiedene Organisationen, die sich für den Schutz der Umwelt und/oder ethnischer Minderheiten einsetzen. Leider ist aber zu beobachten, dass die Menschen dann, wenn sie wirklich Hilfe bräuchten, z.B. durch die Beratung und Vertretung durch gute Fachanwälte, diese (über)lebenswichtige Unterstützung im Paragraphen-Dschungel der modernen Welt schlichtweg nicht zur Verfügung steht. – Und auch hier bleibt die Frage: Welches sind die richtigen Stellen, die den Menschen wirklich helfen können???

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