Monatsarchiv: Juni 2013

Vom Verlust der Menschenwürde

Sowohl die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen als auch das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland beginnen mit einem Hinweis auf die Würde des Menschen. Damit setzen die jeweiligen Verfasser bei einem wichtigen Aspekt unseres Menschseins an: der Menschenwürde.  Allerdings werden in diesen Texten zwei wesentliche Fragen nicht beantwortet:

  1. Was genau macht denn diese Würde des Menschen aus?
  2. Worauf gründet sich diese Würde des Menschen?

Die Wikipedia schreibt zur Menschenwürde u.a. folgendes:

„Im modernen Sinne versteht man darunter, dass alle Menschen unabhängig von ihrer Herkunft oder anderer Merkmale wie Geschlecht, Alter oder Zustand denselben Wert haben, da sie sich alle durch ein dem Menschen einzig gegebenes schützenswertes Merkmal auszeichnen, die Würde.

Der Begriff Menschenwürde ist verwurzelt in einer christlichen Tradition und beinhaltet damit eine bestimmte Sicht auf Menschenrechte.“

Damit gibt uns die Wikipedia eine gute Definition des Begriffs, zugleich weist sie auf die Ursprünge desselben hin. Ich würde noch einen Schritt weiter gehen und sagen, dass der Begriff der Menschenwürde in der jüdisch-christlichen Weltanschauung verwurzelt ist und seine Grundlage in 1.Mose 1,27 verankert ist:

„Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.“

Nun haben wir aber ein großes Problem. Dieses Zitat aus 1.Mose 1,27 ist ja sehr schön… Aber: Wer glaubt denn heute noch wirklich, dass es so ist, wie es hier geschrieben steht? Und: Ist diese Aussage der Bibel heute überhaupt noch politisch korrekt?

Wenn wir auf die Geschichte der letzten 200 Jahre zurückblicken, dann entdecken wir ein interessantes Phänomen: Einerseits wurden die Würde des Menschen und damit verbundene Menschenrechte verstärkt thematisiert. Gleichzeitig gab es immer stärker werdende Angriffe auf das jüdisch-christliche Weltbild, das doch die eigentliche Grundlage der Menschenwürde bildet. D.h. man hat damit begonnen einen wichtigen Aspekt unseres Menschseins hervorzuheben – und gleichzeitig damit begonnen, das Fundament abzugraben. So kam es meines Erachtens zu einem Verlust der Menschenwürde, obwohl man sich doch so sehr bemühte, die Würde des Menschen hervorzuheben.

Der erste Angriff auf das jüdisch-christliche Weltbild begann vor etwa 200 Jahren mit der Entstehung der sogenannten „modernen Bibelwissenschaft“ und der Bibelkritik. Wir wurden belehrt, es habe sich alles gar nicht so zugetragen, die Bibel sei in Wahrheit nicht Gottes Wort und überliefere uns nur Mythen. So blieb nur der Zweifel. Die Aussage in 1.Mose 1,27 wurde zu einer netten Metapher degradiert, die den Versuch darstellt, unserem menschlichen Leben Sinn und Bedeutung zu stiften. Genauso gut hätte man aber auch Grimms Märchen oder jede andere Geschichte zur Sinnstiftung heranziehen können…

Der zweite Angriff auf das jüdisch-christliche Weltbild begann vor etwa 150 Jahren mit Darwins Evolutionstheorie. Wir wurden belehrt, „die Natur“ habe die ganze Schöpfung (es ist einfach schwierig diesen Begriff „Schöpfung“ nicht zu gebrauchen…) von selbst, per Zufall hervorgebracht. Durch viel Zeit, Zufall, Mutation und Selektion habe sich alles irgendwann entwickelt – auch der Mensch. Im schlimmsten Fall stammen wir von einer Amöbe ab (wer schon einmal Amöben im Verdauungstrakt hatte, der weiß, wie unangenehm das sein kann…), im besten Fall vom Affen. Eines der Hauptmittel, das die Evolution bei diesem Prozess gebraucht habe, sei die Selektion, d.h. das Überleben des Stärkeren und der Tod des Schwächeren. Denkt man dieses Erklärungsmodell (besser: diese Philosophie) konsequent zu Ende, dann gibt es weder eine sinnvolle Begründung für Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Entwicklungshilfe u.v.a.m., noch eine sinnvolle Begründung für die Menschenwürde. Und wenn der Mensch sowieso nur aus Materie besteht und halt so etwas wie eine „hochentwickelte Maschine“ ist, dann hat logischerweise der Mensch den größten Wert, der auch am besten funktioniert und die höchsten Leistungen für die weitere Entwicklung der Menschheit erbringt. Wer nur durchschnittlich (oder sogar unter dem Durchschnitt) ist, oder nicht mehr richtig funktioniert, der hat logischerweise wenig Wert oder seinen Wert ganz verloren – und ist eigentlich eine Belastung für die Gesellschaft und die weitere Höherentwicklung der Menschheit.

Der dritte Angriff auf das jüdisch-christliche Weltbild begann vor etwa 40 – 50 Jahren und nimmt immer mehr an Stärke zu. Die Erschaffung des Menschen als Gottes Ebenbild (gemäß 1.Mose 1,27) – und zwar als Mann und als Frau – begründet seine Würde. Jedes menschliche Geschöpf hat dieselbe Würde, sowohl als Mann wie auch als Frau. Leider wurde die Würde der Frau immer wieder mit Füßen getreten. In Folge der 68er-Bewegung wurde das berechtigte Anliegen der Gleichberechtigung der Frau immer stärker thematisiert. Zusätzlich wurde aber „auch die traditionelle Rollenverteilung von Mann und Frau und das Patriarchat insgesamt massiv in Frage gestellt.“ (Wikipedia: Emanzipation)

Doch auch dabei ist man nicht stehen geblieben. Ungefähr seit Mitte der 80er-Jahre kam es (von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt) zur Entwicklung einer Gender-Ideologie, die letztlich weit über das Anliegen der Gleichstellung der Geschlechter hinausgeht. Man begann zwischen dem „sozialen Geschlecht“ oder „psychologischen Geschlecht“ (engl. „Gender“) und dem „biologischen Geschlecht“ (engl. „sex“) einer Person zu unterscheiden. Der eigentliche Grundgedanke dieser Philosophie ist folgender: Es gäbe überhaupt keinen Zusammenhang zwischen dem natürlichen Geschlecht und Geschlechterrollen, sondern die Geschlechterrollen seien lediglich ein Konstrukt. D.h. die Natur habe letztlich nicht vorgegeben, wer ein Mann und wer eine Frau sei, sondern die Kategorien „Mann“ und „Frau“ seien lediglich „soziale Konstrukte“. Aus diesem Grund wird auch angestrebt, dass die Kindererziehung geschlechtsneutral erfolgen solle, d.h. dass den Kindern keine Geschlechterrollen mehr vermittelt sollen, damit sie ihre eigene (Gender)Identität individuell entwickeln können (so etwas Ähnliches hatten wir schon mal: Anti-Autoritäre-Erziehung – nur nicht eingreifen, keine Grenzen setzen, das Kind tun und lassen dürfen was es will um seinem Glück und seiner Entwicklung ja nicht im Wege zu stehen..).

Der Kern dieser Gender-Philosophie steht nicht nur im Widerspruch zum Schöpfungsbericht der Bibel, sondern auch zu den Naturwissenschaften. Es ist ein biologisches Faktum (Organe, Gene, etc.), dass es zwei Geschlechter gibt. Darüber hinaus ist es empirisch erwiesen, dass die Unterschiede zwischen den beiden Geschlechtern nicht nur biologischer Natur sind, sondern tiefer im jeweiligen Wesen von Mann und Frau verankert sind (unabhängig von der Sozialisation; wobei zweifelsohne auch die Erziehung Auswirkungen auf die Ausprägung der Geschlechteridentität hat).

Ich finde es krass zu sehen, wohin uns die Emanzipationsbewegung inzwischen gebracht hat: Aus dem berechtigten Anliegen der Gleichberechtigung (d.h. die Frauen als gleichwertig zu würdigen – nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch) wurde Stück für Stück eine Tyrannei der Gleichmacherei, in der man versucht, alle bestehenden Unterschiede zu negieren und einzuebnen. Meines Erachtens bleibt dabei die Würde des Menschen letztlich auf der Strecke. Anstatt es als Würde anzusehen, ein Mann oder eine Frau zu sein, wurde es zu einer Bürde! Sowohl Männer als auch Frauen sind in unserer Gesellschaft immer häufiger gezwungen sich zu entschuldigen, wenn sie sein wollen, was ihrem Wesen entspricht. Es ist ja inzwischen schon fast ein No-Go, wenn eine (intelligente, gut gebildete und ausgebildete) Frau sich (freiwillig!) dazu entscheidet „nur“ Hausfrau und Mutter zu sein und ihre Kinder selbst aufzuziehen. Und als männliches Wesen gilt man heute recht schnell als verhaltensauffällig oder hyperaktiv, wenn man seine „wilde und raue Seite“ zum Ausdruck bringen oder seine Kräfte mit anderen männlichen Wesen messen möchte (das beginnt schon in der Schule, insbesondere manche Lehrerinnen [ich meine natürlich männliche und weibliche – analog zur neuen political correctness der Uni Leipzig] mögen es gar nicht, wenn Jungs etwas lebhafter sind); es kommt besser an, wenn man „soft“ und „einfühlsam“ ist. Aber wenigstens kann Mann sich im Fernsehen gelegentlich noch einen guten alten Western (Winnetou oder was mit John Wayne), oder „Der letzte Bulle“ anschauen, und davon träumen z.B. Mick Brisgau oder Old Shatterhand zu sein. Noch schwieriger wird es allerdings, wenn Mann sich um eine neue Arbeitsstelle (insbesondere um eine Führungsposition) bewirbt, er aber – obwohl er womöglich unter allen BewerberInnen die allerbeste Qualifikation für diesen Job aufweist – nicht genommen wird (oder nicht genommen werden darf), weil er das falsche (biologische) Geschlecht hat. Interessanterweise kommt es in diesem Fall aber sehr wohl auf seine biologischen Geschlechtsmerkmale an. Aber vielleicht würde ihm eine Geschlechtsumwandlung  ja helfen, die letzte Hürde zum neuen Job zu nehmen? – Damit mich niemand falsch versteht: Ich bin davon überzeugt, dass es sehr wohl auch (viele) Frauen gibt, die Männern in ihrer beruflichen Qualifikation (weit) überlegen sind. Diesen Frauen sollten wirklich alle Möglichkeiten offenstehen, um bis in die obersten Chefetagen aufzusteigen. Aber ist es nicht entwürdigend für eine Frau, wenn sie sich nie sicher sein kann, ob sie es nur aufgrund ihres (biologischen) Geschlechts (quasi als „Quotenfrau“) oder aufgrund ihrer Persönlichkeit und Kompetenz dahin geschafft hat?

Sollte es wirklich zu einer radikalen Umsetzung der Gender-Ideologie (die uns in den letzten 20 Jahren nur Scheibchenweise, im Sinne einer „Salami-Taktik“ präsentiert wurde) kommen, dann wird das tiefgreifende Konsequenzen für die Stabilität unserer Gesellschaft haben. Abschließend möchte ich bemerken, dass Kritik an dieser Ideologie von verschiedenen Seiten geäußert werden, sowohl von Leuten, die sich bewusst zu einer christlichen Weltanschauung bekennen, als auch von Menschen, die das nicht (oder nicht explizit) tun. Im Internet gibt es verschiedene gute Artikel und auch Vorträge dazu (siehe Ende dieses Artikels).

Ich würde mir wünschen, dass jeder Mensch mit Würde Mensch sein darf und seine Würde geachtet wird – eben weil er (wie ich persönlich ganz fest glaube) nach dem Bilde Gottes geschaffen wurde. Und ich würde mir wünschen, dass Frauen mit Würde Frauen und Männer mit Würde Männer sein dürfen – eben weil beides (wie ich persönlich ganz fest glaube) der Ebenbildlichkeit Gottes entspricht. Außerdem würde ich mir wünschen, dass Männer und Frauen sich gegenseitig als Ergänzung betrachten können und sich daran freuen – anstatt einander als Konkurrenz oder gar Bedrohung anzusehen.

Artikel und Vorträge zur Gender-Ideologie:

  • Der Podcast von Dr. Johannes Hartl mit dem Titel „Der Kampf um Europa“ setzt sich intensiv mit den Hintergründen der Gender-Ideologie auseinander.
  • Der Artikel „Gender-Mainstreaming“ auf der Wikipedia gibt einen Überblick über das Thema. Interessant ist insbesondere auch der Abschnitt über die Kritik daran.
  • Der TheoBlog enthält viele interessante Artikel zum Thema Gender-Mainstreaming. Diese Seite ist gleichzeitig eine Fundgrube für weiterführende Artikel im Internet.
  • Der Artikel „Schlecht, schlechter, Geschlecht“ von Harald Martenstein weist auf viele wichtige Aspekte der Thematik hin.
Advertisements

Interessante Vorträge von T4G: The Unadjusted Gospel

Hatte im Urlaub Zeit und Gelegenheit, die Vorträge von der Together for the Gospel-Konferenz 2010 anzuhören. Die Vorträge standen unter dem Thema „The Unadjusted Gospel“. Die Thematik wurde von unterschiedlichen Referenten und von verschiedenen Seiten beleuchtet. Aus der Fülle der Themen möchte ich nur ein paar erwähnen, die mich besonders angesprochen haben:

  • Al Mohler geht der Frage nach, wie es zu Anpassungen des Evangeliums an den aktuellen Zeitgeist kommt.
  • Thabiti Anyabwile stellt wichtige Fragen bezüglich der Einflußnahme des Evangeliums auf die Kultur.
  • John Piper befaßt sich mit der Frage, ob Jesus dasselbe Evangelium wie Paulus verkündigt hat.
  • Ligon Duncan spricht über die Bedeutung der Schriften der Kirchenväter und fragt, ob diese das biblische Evangelium kannten.

Wer einigermaßen Englisch versteht, dem kann ich die Vorträge sehr empfehlen!