Monatsarchiv: Januar 2015

Luther, die Schmalkaldischen Artikel und die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre

Die Schmalkaldischen Artikel (1537) sind Luthers theologisches Vermächtnis an die evangelische Christenheit. Sie enthalten eine entschiedene Darstellung zentraler Punkte der reformatorischen Lehre, die in scharfem Kontrast zur römisch-katholischen Lehre standen. Diese Schrift ist in drei Hauptteile eingeteilt:

1. Im ersten (sehr kurzen) Hauptteil geht es um den dreieinigen Schöpfer und die Menschheit des Sohnes. Luther schreibt dazu: „Um diese Artikel gibt es keinen Zank und Streit, weil wir sie auf beiden Seiten bekennen. Darum ist es nicht nötig, jetzt weiter davon zu handeln.“

2. Im zweiten Hauptteil geht es um das Evangelium, d.h. das Amt und Werk Jesu Christi und die Erlösung allein durch Christus, allein aus Gnade und allein durch den Glauben (zusammengefasst in vier Artikeln). Ausgehend vom Evangelium behandelt Luther andere Themen, die aufs Engste mit der Rechtfertigungslehre verknüpft sind: das Messopfer, Fegefeuer, angebliche Erscheinungen Verstorbener, Wallfahrten, Bruderschaften, Reliquiendienst, Ablass, Anrufung der Heiligen, die Bestimmung der Stifter und Klöster und das Papsttum. Sehr nüchtern rechnet Luther bei diesen Themen mit scharfem Widerstand von römisch-katholischer Seite (die Artikel waren ursprünglich zur Darstellung des evangelischen Standpunkts bei einem Konzil geschrieben worden) und schreibt: „An diesen vier Artikeln werden sie beim Konzil genug zu verdammen haben. Denn sie können und wollen nicht das geringste Gliedlein von einem dieser Artikel uns zugestehen.“

3. Im dritten Hauptteil werden in siebzehn weiteren Artikeln die folgenden Themen behandelt: (Erb)Sünde, Gesetz, Buße, Evangelium, Taufe, Abendmahl, Schlüsselgewalt, Beichte, Bann, Weihe und Berufung, Priesterehe (bzw. Zölibat), wie man vor Gott gerecht wird und von guten Werken, Klostergelübde und Menschensatzungen. Luthers Begründung seines Standpunkts erfolgt weitestgehend anhand der Heiligen Schrift, dabei steht wieder das Evangelium bzw. die Rechtfertigungslehre im Zentrum.

Am Ende der Schmalkaldischen Artikel, in seinem Schlusswort, schreibt Luther: „Dies sind die Artikel, auf denen ich bestehen muss und bestehen will bis in meinen Tod (so Gott will). Und ich weiß an ihnen nichts zu ändern oder nachzugeben. Will aber jemand etwas nachgeben, so tue er es auf seine eigene Verantwortung.“

Am 31. Oktober 1999 (Reformationstag) wurde zwischen dem Lutherischen Weltbund und der römisch-katholischen Kirche die „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ unterzeichnet. Durch diese „Gemeinsame Erklärung“ sollte u.a. feierlich bekundet werden, dass zwischen Lutheranern und Katholiken ein Konsens in Grundwahrheiten der Rechtfertigungslehre bestehe. Darin heißt es u.a. „Wir bekennen gemeinsam, dass der Mensch im Blick auf sein Heil völlig auf die rettende Gnade Gottes angewiesen ist. Die Freiheit, die er gegenüber den Menschen und den Dingen der Welt besitzt, ist keine Freiheit auf sein Heil hin. Das heißt, als Sünder steht er unter dem Gericht Gottes und ist unfähig, sich von sich aus Gott um Rettung zuzuwenden oder seine Rechtfertigung vor Gott zu verdienen oder mit eigener Kraft sein Heil zu erreichen. Rechtfertigung geschieht allein aus Gnade.“ (4.1 (19)) – Nun, das sind schöne Worte. Die Frage ist, wie die kirchliche Realität aussieht, denn an den offiziellen Dogmen hat sich meines Wissens nichts Wesentliches verändert, – siehe dazu z.B. den Katechismus der Katholischen Kirche des Vatikans (insbesondere zum Thema „Ablässe“ – Frage 1471 – 1479, die Frage 1472 spricht auch erstmals vom „Purgatorium“, d.h. dem „Fegefeuer“). Und nicht umsonst hatten sich schon vor der Unterzeichnung 160 deutsche evangelische Theologen gegen die „Gemeinsame Erklärung“ ausgesprochen, weil sie den lutherischen Gedanken verwässere. Ich schätze mal, Luther hätte dies etwas markanter ausgedrückt… – Letztes Jahr wurde ich übrigens in Lima bei einem Mittagessen von zwei protestantischen Theologen auf die „Gemeinsame Erklärung“ angesprochen; sie sind keine Lutheraner, aber ich hatte den Eindruck, sie waren irgendwie verwirrt darüber…

Nun, manch einer mag vielleicht denken, was Luther vor 478 Jahren von sich gegeben hat, das ist „Schnee von gestern“. Ich bin da anderer Meinung, denn es geht darin um das Wesen des Evangeliums und die Gefahr der Verfälschung des Evangeliums, wenn wir uns nicht an die fünf reformatorischen „Solas“ halten. Daher kann ich die Lektüre der Schmalkaldischen Artikel nur wärmstens empfehlen – insbesondere evangelischen Christen.

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Integration ist etwas anderes als Assimilation

Derzeit ist Integration ein aktuelles Thema in diesem unseren Lande. Allerdings habe ich gelegentlich den Eindruck, dass man über Integration spricht und Assimilation meint… Doch Integration ist etwas anderes als Assimilation:

„Wenn man also in einem anderen Kulturkreis für längere Zeit lebt, dann ist man auch gefordert, die Kultur des Gastlandes kennenzulernen und sich in gewisser Weise zu integrieren. Dies geschieht indem man die Sprache erlernt, denn sie ist die Grundlage, um einen guten Zugang zur Kultur zu erhalten. Mit dazu gehört die Anpassung an die Gepflogenheiten des Landes, das Pflegen von Beziehungen mit Einheimischen und das Vermeiden von allem, was unnötig Anstoß erregt. Integration bedeutet jedoch nicht seine eigene kulturelle Identität aufzugeben, denn das wäre Assimilation. Integration erfolgt, indem man sich bewusst in das neue Lebensumfeld einfügt und positive Beziehungen zu den Angehörigen des Gastlandes pflegt, obwohl man eine andere kulturelle Identität hat und diese beibehält. Dabei geschieht es sehr wohl, dass diese kulturelle Identität durch den Kontakt mit der anderen Kultur verändert und bereichert wird.“ Jürgen H. Schmidt: Basics interkultureller Kommunikation, S.131f.

Paulus erteilt Ethnozentrismus und Rassismus eine Absage

Paulus, der „Völkerapostel“ (Apostelgeschichte 9,15; 13,46; 22,21; Römer 15,16; Galater 1,16; 2,2.8.9), musste u.a. von seinen eigenen Landsleuten viel Widerstand, Schläge und Verfolgung für seinen kulturübergreifenden Dienst bei der Ausbreitung des Evangeliums erdulden. Aber auch die zum Glauben an Jesus Christus gekommenen Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern und Kulturen hatten immer wieder mit traditionellen Denkweisen (Paradigmen) zu kämpfen, die den Vorrang der eigenen Gruppe betonten und damit die Einheit der Gemeinde Jesu bedrohten. Im 3. Kapitel des Kolosserbriefes kommt Paulus auf die Lebensführung des Christen zu sprechen. In Kolosser 3,11 macht der Apostel dann folgende Aussage:

„Da ist weder Grieche noch Jude, Beschneidung noch Unbeschnittensein, Barbar, Skythe, Sklave, Freier, sondern Christus alles und in allen.“

Genauso, wie wir in der heutigen Welt Ethnozentrismus (das Denken, die eigene Kultur wäre die beste und allen anderen überlegen; mit anderen Worten: wir wären der „Nabel der Welt“ und hätten „die Weisheit mit Löffeln gefressen“) und Rassismus finden, genauso gab es das schon früher, auch in der Antike. Damals wurde unterschieden zwischen Grieche und Jude, zwischen Beschnittenem (Juden) und Unbeschnittenem (Heiden); die Nichtgriechen wurden als „Barbaren“ bezeichnet, von denen die Skythen als die Schlimmsten betrachtet wurden. Sowohl die Griechen als auch die Juden hielten sich jeweils für etwas Besonderes. Und dann gab es damals noch die Sklaven und die freien Bürger, deren soziale Stellung und Rechte unterschiedlich definiert waren.

Wir könnten nun, je nach Land und Kultur, der wir angehören, diese Kategorien der Antike auf die jeweilige Gesellschaft übertragen. Und egal, wo wir uns auf der Welt befinden, würden wir eine Art hierarchische Pyramide erstellen können, auf der manche ganz oben, andere mehr in der Mitte und andere ganz unten eingeordnet werden.

Doch nun, macht Paulus auf etwas ganz Wichtiges und Besonderes aufmerksam: Obwohl die jeweilige Gesellschaft, der wir angehören, weiterhin in diesen Kategorien denkt, für uns als Gemeinde Jesu, als Leib Christi, haben sie keine Gültigkeit mehr. Die Kategorien von Nationalität und sozialer Stellung stehen nicht mehr im Vordergrund, sie trennen uns auch nicht mehr. – Zumindest theoretisch sollte es so sein! (Ein Blick in die Kirchengeschichte zeigt schmerzlich auf, wie die Gefallenheit des Menschen auch vor Kirchentüren nicht halt macht, und wie Paradigmen oder Traditionen der eigenen Kultur immer wieder der Vorrang vor oft unangenehmen Aussagen in der Bibel gegeben wurden, welche die eigene Kultur in Frage stellen).

Paulus begründet seine Aussage damit, dass „Christus und in allen ist“. Paulus macht in verschiedenen Stellen des Kolosserbriefes deutlich, dass ein Mensch, der wirklich gläubig und wiedergeboren wurde nun „in Christus“ ist. Paulus schreibt „den heiligen und gläubigen Brüdern in Christus“ (Kolosser 1,2). „In ihm (in Christus) haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden“ (Kolosser 1,14). Wir sind nun mit Christus zu neuem geistlichem Leben auferweckt worden (Kolosser 3,1) und Christus ist unser Leben (Kolosser 3,4). D.h. der Gläubige ist aufs Engste mit Jesus Christus verbunden. Zusammen mit der Sündenvergebung und Erlösung durch Jesus hat Gott dem Gläubigen gleichzeitig eine neue Identität gegeben, die ihn und sein Leben nun ausmacht: er ist „in Christus“. Das betrifft nicht nur den einzelnen Gläubigen als Individuum, sondern auch die Gläubigen als Gemeinschaft, als Gemeinde Jesu Christi. Durch Christus wurden die Gläubigen Bürger des Himmelreichs, aber auch „Geschwister“: Brüder und Schwestern im Herrn! Christus ist nun alles und in allen. Daher dürfen wir als einzelne Gläubige und als Gemeinde unsere Glaubensgeschwister – und seien sie noch so andersartig aufgrund ihres sozialen oder kulturellen Hintergrundes – nicht mehr weltlichen Kriterien unterwerfen, sondern sie in ihrer neuen – von Gott geschenkten – Identität als gleichwertige Brüder und Schwestern annehmen. Das ist eine wichtige Anfrage an die Gemeinde Jesu, die durchaus zu einer Herausforderung werden kann, v.a. wenn sehr unterschiedliche Menschen neu dazukommen bzw. schon dazu gehören.

Doch dieses Prinzip der Gleichwertigkeit jedes Menschen ist nicht auf den Gläubigen und die Gemeinde Jesu Christi beschränkt (Viele traditionelle Gesellschaften sind auf eine Weise kollektivistisch geprägt, in der die Vorrechte, die für die eigene Gruppe gelten [das „Wir“], noch lange nicht für die Angehörigen anderer Gruppen [das „Ihr“] gelten). Immer wieder weist die Bibel darauf hin, dass bei Gott „kein Ansehen der Person“ ist (vgl. 5.Mose 1,17; 10,17; Apostelgeschichte 10,34; Römer 2,11; Epheser 6,9; Kolosser 3,25; Jakobus 2,1; 1. Petrus 1,17). Dies gilt ausnahmslos für alle Menschen, auch für diejenigen, die den christlichen Glauben ablehnen.

Letztlich sind das Prinzip, dass bei Gott kein Ansehen der Person ist, sowie die Aussage der Bibel, dass der Mensch nach dem Bilde Gottes geschaffen ist (1.Mose 1,26-27), die philosophische Grundlage für die Aussage „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“ in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (UN-Menschenrechtscharta). – Dieser Aussage, die heute zumindest noch im „Westen“ als Grundpfeiler einer freien Gesellschaft gilt, hätten in der Antike viele widersprochen. Und selbst in der heutigen Welt teilen nicht alle diese „von westlichem Denken dominierte Philosophie“ (es lohnt sich, die Ausführungen in der Wikipedia über die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“, sowie die damit verknüpften Artikel „Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam“ und „Arabische Charta der Menschenrechte“ zu lesen). Es ist zu befürchten, dass eine weitere Abwendung von der Bibel sowie dem christlichen Glauben im Westen – trotz bester „humanistischer“ Absichten – das Wiederaufkeimen von Rassismus fördert (wie es bereit schon einmal bei der Ausbreitung der antichristlichen Ideologie des Nationalsozialismus geschehen ist). Dabei sind nicht diejenigen Menschen, die aus anderen Kulturkreisen zu uns kommen das Problem. Wir sind das Problem, indem wir die biblischen Grundlagen, auf denen unsere Gesellschaft aufgebaut ist achtlos (ohne Achtung) über Bord werfen, ohne uns bewusst zu sein, was wir da eigentlich tun!

Wer sich näher mit den Beziehungen, die zwischen der westlichen Gesellschaft und der Bibel bestehen, beschäftigen möchte, dem kann ich die Lektüre der folgenden beiden Bücher wärmstens empfehlen: