Monatsarchiv: August 2015

Tacitus´ Germania – Germanien und Germanen aus der Sichtweise eines Römers

Der römische Historiker und Senator Publius Cornelius Tacitus (um 58 n.Chr. bis um 120 n.Chr.) schrieb vermutlich im Jahr 98 n.Chr. eine ethnographische Schrift über unsere germanischen Vorfahren – die Germania. Eine deutsche Übersetzung (zusammen mit dem lateinischen Originaltext) ist im Internet Online verfügbar.

Ich persönlich fand die Lektüre recht interessant, da Tacitus Land und Leute nicht nur beschreibt, sondern immer wieder auch seine persönliche Sichtweise zum Ausdruck bringt. Er konnte sich (damals) z.B. nicht vorstellen, dass jemand freiwillig nach Germanien ziehen möchte, um dort zu leben:

„Wer hätte ferner, ganz abgesehen von der Gefährlichkeit eines unwirtlichen und unbekannten Meeres, Asien, Afrika oder Italien verlassen sollen – um nach Germanien zu ziehen, in das wüste Land mit rauem Himmel, abschreckend für den Anbau und den Anblick, – außer wenn man es zum Vaterland hat?“ (2,2)

Aus Tacitus (römischer) Sicht galten die Germanen eher als Faulenzer (zumindest die Männer):

„Sooft sie nicht in den Krieg ziehen, bringen sie weniger Zeit mit Jagen zu, als mit Müßiggang: sie geben sich dem Schlaf hin und dem Essen. Gerade die Tapfersten und Kriegstüchtigsten sind völlig unbeschäftigt, indem sie die Sorge für Haus, Herd und Feld den Frauen übertragen haben, so wie den Greisen und allen Schwachen aus dem Gesinde. Sie selbst faulenzen nach dem seltsamen Widerspruch in ihrem Wesen, dass die gleichen Menschen in solcher Weise die Untätigkeit lieben und die Ruhe hassen.“ (15,1)

Es dauerte doch wohl noch eine ganze Weile, bis sich bei den Schwaben endlich das Motto „Schaffe, schaffe, Häusle baue“ etablierte. Nun, wenn ein derart tiefgreifender Wandel möglich ist, dann gibt es sicher auch Hoffnung für andere, die aus deutscher bzw. schwäbischer ethnozentristischer Perspektive die Arbeit noch nicht erfunden haben ;-).

Immerhin fand Tacitus lobende Worte für die Ehen der Germanen:

„Gleichwohl sind die Ehen dort streng und keine Seite ihrer Sitten möchte man unbedingter loben. Denn sie sind fast die einzigen unter den unzivilisierten Völkern, die sich mit einer Frau begnügen, ganz wenige ausgenommen, die sich nicht aus Sinnlichkeit, sondern ihres Adels wegen mit sehr vielen Heiratsanträgen umworben sehen.“ (18,1)

So ganz nebenbei erfahren wir hier, dass wir auch einmal zu den „unzivilisierten“ Völkern gehörten…

Ebenso fand Tacitus positive Worte über die Treue in der Ehe:

„So leben sie denn in den Schranken der Sittsamkeit, durch keine lüsternen Schauspiele, keine verführerischen Gelage verdorben. Auf die Heimlichkeiten von Briefen verstehen sich Männer wie Frauen gleich wenig. Fälle von Ehebruch sind bei dem so zahlreichen Volk eine große Seltenheit.“ (19,1-2)

Ein Grund dafür war sicher auch die drastische Strafe; Tacitus´ Beschreibung geht folgendermaßen weiter:

„Seine Bestrafung erfolgt auf der Stelle und ist dem Gatten überlassen. Mit abgeschnittenen Haaren, entkleidet, stößt sie der Gatte in Gegenwart der Verwandten aus dem Haus und treibt sie mit Schlägen durch das Dorf. Denn die Preisgabe der Keuschheit findet keine Nachsicht: nicht durch Schönheit, nicht durch Jugend, nicht durch Reichtum fände sie einen Mann.“ (19,2)

Tacitus widmet verschiedenen germanischen Stämmen jeweils einen eigenen Abschnitt, u.a. auch den Sueben:

 „Ein Kennzeichen dieses Volkes ist die Sitte, das Haar schräg zu tragen und in einem Knoten zusammenzubinden. Hierdurch unterscheiden sich die Sueben von den übrigen Germanen“ (38,2)

Vom Begriff „Sueben“ wurde später der Stammesname „Schwaben“ (etymologisch) abgeleitet. Tacitus selbst verwendete „Sueben“ aber als Sammelbegriff für die meisten Germanen nördlich der Donau – also nicht verwechseln!

Außer diesen kurzen Auszügen gibt es noch viel mehr in der Germania zu entdecken… 🙂

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