Monatsarchiv: September 2015

FAIENAP-Konferenz, „Schnappe deinen Gauner“ und weitere Eindrücke einer Peru-Reise

Seit wir im Jahr 2006 wieder nach Deutschland zurückgekehrt sind reise ich fast jedes Jahr nach Peru. Dieses Jahr bin ich bereits das zweite Mal hier. Auf jeder Reise mischen sich unter das Bekannte und Vertraute viele neue Eindrücke.

Die ersten beiden Wochen verbrachte ich in Pucallpa, wo ich an der FAIENAP-Konferenz teilnahm. Vergangenes Jahr hatte man damit begonnen, die Hauptstraße, die aus der Stadt in Richtung Lima führt, vom Kilometer 5 (Flughafen) bis zum Kilometer 15 vierspurig auszubauen. Eigentlich hätte sie inzwischen fertig sein sollen, war sie aber nicht (dafür baut man jetzt die Straße vom Kilometer 5 Richtung Stadtmitte sechsspurig aus). Der Taxifahrer erzählte mir, dass im Dezember 2014 die Bauarbeiten plötzlich, ohne weitere Erklärungen, eingestellt worden waren. Vermutlich war das Geld irgendwie ausgegangen… Zurück blieben eine ganze Reihe Beton-Konstruktionen unfertiger Fußgängerbrücken (die mich an die Brücke des „Tren eléctrico“ [elektrische Stadtbahn] in Surco erinnerte, die rund zwei Jahrzehnte so vor sich hin stand, bis Präsident Alan García das in den 1980er-Jahren begonnene Projekt in seiner zweiten Amtszeit dann endlich fertig stellte) sowie unvollendeter Fahrbahnerweiterungen, die lebensgefährlich sind, wenn man etwas von der Piste abkommt.

Hardt - FahneVor Antritt meiner Reise hatte mich einer meiner Söhne gebeten, zu schauen, ob der Wegweiser nach „Hardt“ (unserem Wohnort in D), noch an dem Pfosten auf der Missionsstation Cashibo hängt (an dem weitere Wegweiser zu bedeutenden Metropolen angebracht sind) – und davon ein Foto zu machen. Mein Vater hat dieses Hinweisschild einst gemacht und bei einem Besuch (als wir noch in Cashibo wohnten) mitgebracht und feierlich aufgehängt. Als ich dann nach Cashibo kam erlebte ich als Schwabe eine freudige Überraschung: neben dem Wegweiser (u.a. nach Hardt) hing neuerdings auch eine Fahne des „Königreiches Württemberg“ – ein paar junger Leute aus dem Süden der Republik hatten sie mitgebracht und dort aufgehängt :-).

FAIENAP2015Schwerpunkt meines Aufenthalts in Pucallpa war die Teilnahme an der jährlichen Konferenz von FAIENAP (Dachverband evangelischer Indianerkirche im peruanischen Amazonasgebiet). Aufgrund der angespannten finanziellen Situation von FAIENAP mussten die Delegierten der angeschlossenen Stammeskirchen die Reisekosten für die Teilnahme selbst aufbringen mussten. Insbesondere für diejenigen, die im Norden im Gebiet zwischen dem Marañon und der ecuadorianischen Grenzen leben, war das ein großes Opfer – zusätzlich zur langen Reise. So war (nicht nur) ich gespannt, wie viele Delegierte unter diesen Umständen die Reise nach Pucallpa antreten würden. Die positive Überraschung war, dass von den 11 der 17 angeschlossenen Kirchenverbände Vertreter zur Konferenz kamen (ein paar allerdings mit Verspätung); die Teilnehmerzahl war nicht wesentlich schlechter, als in den Fällen, wo die Reisekosten von FAIENAP übernommen wurden. Ein wichtiges Thema während der FAIENAP-Konferenz sind die Berichte aus den verschiedenen Regionen und Stammeskirchen. Ein Thema, das in den vergangenen Jahren immer wieder auftaucht ist die Art und Weise wie manche Leute bzw. Organisationen „Missionsarbeit“ betreiben. Was ich damit meine wird anhand der Geschichte deutlich, die uns der Delegierte der Quechua-Kirchen aus San Martín erzählt hat:

Eine diesem Kirchenverband angeschlossene Gemeinde war dabei ein neues Kirchengebände zu bauen. Plötzlich tauchten „Pastoren“ bzw. „Missionare“ einer anderen Organisation auf, und baten Hilfe an, um das Gebäude fertig zu stellen. Wie sie betonten wäre diese Hilfe „ohne Verpflichtungen“ für die Gemeinde. Zunächst besorgten sie das benötigte Wellblech, um das Dach fertig zu decken, dann eine Lautsprecheranlage und noch eine ganze Anzahl von Plastikstühlen. Plötzlich begannen sie damit, den Quechua-Pastor der Gemeinde, durch einen eigenen Pastor zu ersetzen und am Schluss fragten sie die Gemeinde, ob sie weiterhin bei ihrem bisherigen Gemeindeverband bleiben wolle, oder zu ihrer Organisation wechseln wolle (was ihnen den Vorteil weiterer finanzieller Unterstützung bringen würde).

Zu Glück bekamen die Verantwortlichen des Quechua-Kirchenverbandes rechtzeitig Wind von der Sache und konnten das böse Spiel noch rechtzeitig stoppen. Leider gibt es viele Fälle, in diesen dies nicht mehr möglich war :-(. Auf diese Art „Missionsarbeit“ zu betreiben ist wirklich unter der Gürtellinie. Ich kann wirklich nicht verstehen, wie man so etwas tun kann und frage mich, ob diese Leute überhaupt irgendeine Art von „Dienst-Ethik“ haben oder die ganze Sache nur eine Geschäft ist, bei der es darum geht, möglichst viel „Erfolg“ vorweisen zu können, egal mit welchen Mitteln??? (In meinem spanischsprachigen Blog habe ich diese Begebenheit aufgegriffen und einen ausführlichen Artikel zum Thema „Dienst-Ethik“ geschrieben: ¿Y qué de una ética ministerial?).

Im Gegensatz zu dieser unerfreulichen Geschichte hat es mich sehr gefreut, während der FAIENAP-Konferenz sechs meiner ehemaligen Studenten zu treffen, die seit vielen Jahren treu im Dienst stehen und inzwischen Leiter ihrer Stammeskirchen sind (bzw. einer von ihnen, Wilser, ist seit 2014 der neue Geschäftsführer von FAIENAP). Das war sehr ermutigend und hat mir wieder einmal bewusst gemacht, dass sich die Mühe lohnt, in die Ausbildung von Indianern zu investieren, auch wenn die „Ergebnisse“ nicht sofort sichtbar sind.

Nach zwei sehr heißen Wochen in Pucallpa (zweimal hatten wir 37°C im Haus) ging´s dann zurück nach Lima. Dort erreichte mich ein Anruf (ich hatte meine peruanische Handynummer auf Facebook gepostet) von meinem ehemaligen Quechua-Pastaza1999Bibelschullehrer-Kollegen David, der inzwischen in Lima als Pastor tätig ist. Er lud mich am Sonntag zum Predigen in seine Gemeinde mit anschließendem Mittagessen ein. Wir hatten uns über 10 Jahre nicht gesehen, freuten uns sehr über das Wiedersehen und sprachen über gemeinsame Erlebnisse, insbesondere unsere „historische Reise“ im Jahr 1999 zu den Quechua am Pastaza-Fluss (siehe Foto; ein Kapitel in „Begegnungen in Peru“ handelt ebenfalls von den Quechua Pastaza). Außerdem genoss ich es, eine Stunde Zeit für die Predigt zu haben :-).

LimaSicherheit ist ein großes Thema in Peru, insbesondere auch in Lima, wo die Kriminalität nicht weniger wird. Da Polizei und Justiz nicht immer zur Stelle sind und auch sonst nicht immer ihre Aufgabe so wahrnehmen, wie sie es eigentlich sollten, nehmen immer mehr Bürger die Sache selbst in die Hand. Ein derzeit populäres Motto in Peru lautet „Chapa tu choro“ – „Schnappe deinen Gauner“! Dahinter steckt aber nicht unbedingt die Idee, diesen dann der Justiz zu übergeben, sondern ihn auch selbst zu bestrafen. In einer Radiosendung hörte ich in einem Interview, wie in einem Stadtviertel in Lima sogar Plakate aufgehängt wurden, die mögliche Kriminelle warnten: „Wenn wir dich erwischen werden wir dich nicht zur Polizei bringen, sondern lynchen!“ – Bei Youtube gibt es inzwischen eine ganze Reihe an Filmaufnahmen, die zeigen, wie das in der Praxis aussieht (Suchbegriff: „Chapa tu choro“). Die Kriminellen haben wirklich „Glück“, wenn jemand sich erbarmt und rechtzeitig die Polizei ruft :-(.

LimaxBeim Besuch meines Patenkindes im Stadtteil San Martín de Porres (Lima), wurde ich dann Zeuge einer gesteigerten Wachsamkeit. Während des Besuchs wartete der Taxifahrer in seinem Auto, parkte es aber um die Straßenecke im Schatten. Plötzlich gab es eine Lautsprecherdurchsage an die Bewohner im Viertel, die auf das Taxi hinwies und darum bat, sich zu melden, da man sonst davon ausginge, dass da jemand mit bösen Absichten wäre. Die Eltern meines Patenkindes klärten die Sache sofort mit den Verantwortlichen und kurz darauf kam eine „Entwarnung“ (und der Taxifahrer, der die Durchsagen natürlich auch gehört hatte, war erleichtert :-)). Sie erklärten, dass es in der Vergangenheit vermehrt zu Diebstählen und Raubüberfällen gekommen sei, durch verschiedene Maßnahmen wie diese, aber wieder etwas Ruhe ins Viertel eingekehrt sei.

Begegnungen in Peru_Cover_kl2Weitere Erlebnisse und Eindrücke aus meiner Arbeit mit den Ethnien im Urwald finden Sie übrigens in der Neuauflage meines Buches „Begegnungen in Peru“.

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