Glaube und Geschichte

Werner Neuer hat in dem Buch „Die Bibel verstehen“ Aufsätze von Adolf Schlatter (1852 – 1938) zur biblischen Hermeneutik gesammelt und herausgegeben.

In dem Aufsatz „Die heilige Geschichte und der Glaube“ geht es um den Zusammenhang zwischen Geschichte, Glaube und Wahrheit. Schlatter weist darauf hin, dass der Glaube – sowohl im AT wie im NT – seinen Grund in der Geschichte hat. Er nennt drei Punkte, an denen dies deutlich wird:

1. Das Gottesbild in der Bibel ist personhaft bestimmt. Der persönliche Gott handelt und offenbart sich in der Geschichte.

2. Jesus kam in diese Welt und vollbrachte seine Heilstat am Kreuz in der Geschichte.

„Darum kann der Glaube, der auf Christus zielt, seinen Inhalt nur aus der Geschichte schöpfen; er gründet sich auf Jesu Tat.“ (S.54)

3. Unser eigenes Leben ist nicht von Geschichte zu trennen; jeder Mensch ist „Träger einer Geschichte“. Wir sollen unsere Lebensgeschichte aber nicht isoliert von Gott leben, sondern in der persönlichen Beziehung mit ihm.

„Wir stehen mit der Erwägung, ob unser Glaube auf die Geschichte ziele, nicht vor einem formalen Problem. Sie ist die Frage nach dem persönlichen Gott, die Frage nach Christus als dem, der unser Heilsgut ist, die Frage nach dem Sinn unseres Lebens, ob auch uns sich eine Geschichte erschließe, die zwar nicht eine heilige, wohl aber eine geheiligte zu werden vermag.“ (S.56).

 Im weiteren Verlauf seines Aufsatzes kommt Schlatter darauf zu sprechen

warum sich für weite Kreise in unserer Kirche an dieser Stelle eine Schwierigkeit findet, die der fröhlichen Gründung des Glaubens auf die heilige Geschichte widerstrebt.“ (S.56)

Durch das Aufkommen der modernen Bibelkritik wurde die Historizität großer Teile des AT sowie des NT nicht nur in Frage gestellt sondern auch bestritten. Gleichzeitig tat und tut man aber in kirchlichen Kreisen so, als ob dies keine Konsequenzen für den christlichen Glauben habe. Um es etwas salopp zu formulieren: Es käme ja nicht darauf an, ob die in der Bibel beschriebenen Ereignisse tatsächlich so geschehen wären (egal ob es sich um den Auszug aus Ägypten, die Auferstehung Jesu oder was auch immer handle), das Wichtigste wäre „die darin enthaltene Botschaft“. D.h. man hat letztlich den Glauben von der Geschichte getrennt (aber weiterhin fromm geschwafelt…). Schlatter macht auf die Konsequenzen einer Trennung von Glaube und Geschichte (so wie sie uns in der Bibel als Heilsgeschichte berichtet wird) aufmerksam:

„Haben wir aber das, was wir Idee heißen, von der Geschichte geschieden, so ist sie nicht mehr ohne Einschränkung wahr und das Ja, das wir ihr geben, ist geknickt. Darum ist es kein stichhaltiger Beruhigungsgrund, wenn man uns sagt: Die Veränderung im geschichtlichen Bild, in welchem wir die heilige Geschichte sehen, seien ja für unsere Frömmigkeit gleichgültig. Vielmehr hat die an der Bibel getane geschichtliche Arbeit unzweifelhaft deutliche Rückwirkungen auf den Glaubensstand der Kirche. Es lässt sich hier keine Scheidung künstlich aufrichten.“ (S.60f.)

In seinem zweiten Brief macht der Apostel Petrus u.a. darauf aufmerksam, dass der Glaube auf historischen Tatsachen gründet:

Denn wir haben euch die Macht und Ankunft unseres Herrn Jesus Christus kundgetan, nicht indem wir ausgeklügelten Fabeln folgten, sondern weil wir Augenzeugen seiner herrlichen Größe gewesen sind. Denn er empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Herrlichkeit, als von der erhabenen Herrlichkeit eine solche Stimme an ihn erging: „Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe.“ Und diese Stimme hörten wir vom Himmel her ergehen, als wir mit ihm auf dem heiligen Berg waren.“ (2.Petrus 1,16-18)

Petrus verweist hier auf die Verklärung Jesu, bei der er selbst als Augenzeuge anwesend war – es ist eben relevant, ob etwas tatsächlich geschehen ist oder nicht! Den in der Bibel berichteten Ereignissen ihre Historizität abzusprechen bedeutet nichts anderes, als sie zu Fabeln (oder Mythen) zu degradieren, deren Glaubwürdigkeit letztlich nicht größer ist als die von Grimms Märchen (ich erinnere mich daran, vor Jahren in München ein Plakat gesehen zu haben, in der zu einer Veranstaltung mit dem Theologen Eugen Drewermann eingeladen wurde, bei der er Grimms Märchen tiefenpsychologisch gedeutet hat – eigentlich eine logische Konsequenz der Trennung von Glaube und Geschichte…).

Am Ende seines Aufsatzes kommt Schlatter darauf zu sprechen, dass es aber nicht nur darauf ankommt, „von der Wahrheit der heiligen Geschichte völlig überzeugt“ zu sein (als eine Art „allgemeiner Glaube“), sondern dass letztlich ein rettender Glaube erforderlich ist, der davon überzeugt ist, dass Gott seine Heilstaten in der Geschichte „für mich vollbracht“ hat. Schlatter beendet seine Ausführungen mit dem Fazit:

„Gottes große Taten, die einst geschehen sind, durchwalten darum in unvergänglicher Segensmacht unser aller Lebenslauf und bilden immer wieder den sicheren Glaubensgrund. Es hat seine vollkommene Wahrheit, wenn wir auch heute noch vor der heiligen Geschichte stehen mit dem dankbaren Wort: Das tatest du auch für mich. Eben dies ist das Glaubenswort.“ (S. 63).

:-)

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