Quo vadis Evangelikale Bewegung? (2)

Im Jahr 2010 veröffentlichte ich meinen ersten Blog-Artikel mit dem Titel „Quo vadis Evangelikale Bewegung?“, in dem ich auf besorgniserregende Entwicklungen hinwies. Inzwischen sind 10 Jahre vergangen und es ist einfach unfassbar, was in der Zwischenzeit geschehen ist! Hier nur ein paar Punkte, die mir ganz spontan in den Sinn kommen:

Liberales und bibelkritisches Gedankengut wird inzwischen nicht mehr verdeckt über die Hintertür eingeschleust, sondern ganz offen durch die Vordertür; einen starken Beitrag dazu leisten u.a. manche „christlich-evangelikale“ Verlage (das Hauptkriterium für Veröffentlichungen scheint nicht mehr bibeltreue bzw. Orthodoxie der Lehre zu sein, sondern dass es sich gut verkaufen lässt).

Parallel dazu lässt sich eine Einschränkung der Autorität und Gültigkeit der Heiligen Schrift beobachten, die in verschiedenen Spielarten zum Ausdruck kommt (siehe meinen Artikel: Die Lehre von der Inspiration der Bibel ist relevant für unseren Umgang mit der Schrift!). Aufgrund dieser Entwicklungen sowie irritierenden Aussagen des früheren Vorsitzenden der Deutschen Evangelischen Allianz kam es dann im Jahr 2016 zur Gründung des „Netzwerk Bibel und Bekenntnis“, das versucht „Christen in der Wahrheit (zu) einigen und (zu) stärken und dazu ermutigen, sich ganz auf Gottes Wort zu verlassen.“

Im Jahr 2018 hat die Deutsche Evangelische Allianz ihre Glaubensbasis überarbeitet und m.E. bis auf einen Punkt, der klarer herausgearbeitet wurde („Der Mensch besitzt als Ebenbild Gottes eine unverwechselbare Würde. Er ist als Mann und Frau geschaffen.“), eher an Substanz ggü. der vorhergehenden Fassung verloren.

Ein weiteres, neues Phänomen, das mich sehr irritiert, ist die Begeisterung für „Entkehrungsgeschichten“, die eine breite Aufmerksamkeit und Würdigung in evangelikalen Medien erfahren, anstatt darüber zu erschrecken.

Auch in meinem direkten Umfeld mache ich Beobachtungen und Erfahrungen, die viele Fragen aufwerfen. Ich denke da z.B. an folgende Aussage, die in einem Gottesdienst gemacht wurde: „Wir brauchen weniger Theologie und mehr Lebensfreude!“ – Das klingt nach einem konstatierten Widerspruch, da, wo m.E. kein Widerspruch besteht; so, als ob eine gute, biblische Theologie die Lebensfreude rauben würde! Es geht nicht um ein Entweder-oder, sondern um beides. Und ich würde hinzufügen: Wir brauchen dringend mehr gute, biblische Theologie!

Oder ich denke an eine Predigt zum Thema „Ihr Lieben, glaubt nicht einem jeden Geist, sondern prüft die Geister, ob sie von Gott sind; denn viele falsche Propheten sind hinausgegangen in die Welt.“ (1. Johannes 4,1), die an sich nicht schlecht war, wo der Prediger aber stark spiritualisiert und auf den Einfluss böser Geister hingewiesen hat. Im Buchladen derselben Gemeinde lagen aber mehrere „christliche Bestseller“ mit höchst zweifelhaften und teilweise auch häretischen Inhalten aus. Der erste Schritt einer praktischen Anwendung wäre es gewesen, den Gemeindebuchladen auszumisten…

Dann war da das Erlebnis in einer Gemeinde, die ich von Zeit zu Zeit besuchte. Als ich an einem Sonntag wieder hinkam, wurde ich mit dem Kommentar begrüßt, dass man den Raum nun während des Lobpreises verdunkeln würde – und mir wurden Ohropax angeboten, für den Fall, dass mir die Musik zu laut wäre… Ich war früher viel auf Rockkonzerten unterwegs und bin einiges gewöhnt, aber das hat mir doch den Stecker gezogen!

Eindrucksvoll war auch die Mitarbeit bei einer ProChrist live-Evangelisation, bei der der Prediger zwar rhetorisch brillante Vorträge gehalten hat, aber nach einer sehr langen Einleitung in sein jeweiliges Thema nur sehr wenig vom Inhalt des Evangeliums präsentiert hat, das doch „Gottes Kraft zum Heil“ ist (vgl. Röm 1,16) und klar verkündigt werden müsste!

Einen neuen Tiefpunkt hat die Entwicklung der evangelikalen Bewegung mit dem Buch „Homosexualität und christlicher Glaube: ein Beziehungsdrama“ von Dr. Martin Grabe erreicht, in dem er folgenden „Vorschlag zur Einigung“ präsentiert: „Homosexuelle Christen dürfen ebenso wie heterosexuelle Christen eine verbindliche, treue Ehe unter dem Segen Gottes und der Gemeinde eingehen und sind in der Gemeinde in jeder Hinsicht willkommen.“ Zum Inhalt des Buches verweise ich auf den lesenswerten Kommentar von Ulrich Parzany „Das Versteckspiel ist zu Ende – was kommt nun?

Ich möchte hier nur auf einen Punkt hinweisen: Gemäß 1. Mose 2,24 („Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhängen, und sie werden zu einem Fleisch werden.“) wurde die Ehe (noch vor dem Sündenfall!) von Gott gestiftet, und zwar als lebenslange Verbindung zwischen „Mann“ und „Frau“ (siehe auch Matthäus 19,4-5, wo Jesus diesen Vers zitiert). Während der letzten 2.000 Jahre war dies – trotz theologischer Differenzen in verschiedenen Lehrfragen – der weltweite (ökumenische) Konsens der Gemeinde Jesu. Der von Dr. Grabe präsentierte „Vorschlag zur Einigung“ (der von manchen evangelikalen Leitern bereits begrüßt wurde), ist nicht nur ein Bruch mit dem bestehenden ökumenischen Konsens (der bereits schon von verschiedenen liberal gewordenen westlichen Kirchen vollzogen wurde, was aber von der nicht-westlichen Christenheit abgelehnt wird), sondern, was noch wesentlich schwerer wiegt, ein Bruch mit der Institution Ehe, so wie sie von Gott – nicht von Menschen (!) – in seiner Schöpfungsordnung festgelegt wurde. Hier wird eine neue Definition von Ehe im Sinne von „Ehe für alle“ eingeführt. Mit diesem „Vorschlag zur Einigung“ erreicht die Diskussion innerhalb der evangelikalen Bewegung eine „neue Qualität“ auf dem Weg zur Liberalisierung (der Begriff „liberal“ wird nicht verwendet, man spricht lieber von einer „offenen Position“, das klingt besser). Doch dieser „Vorschlag zur Einigung“ ist nichts weniger, als die Aufforderung, bewusst Gottes Reden in der Heiligen Schrift zurückzuweisen und sich dem Zeitgeist anzupassen. Angesichts vieler Aussagen im Römerbrief (1,18-32; 6,1-23; 12,1-2; 16,17-19), ist mir unverständlich, wie man so etwas als „Vorschlag zur Einigung“ präsentieren kann! Am Ende des Römerbriefs macht Paulus eine klare Ansage, wie man auf so etwas reagieren soll: „Ich ermahne euch aber, Brüder, dass ihr achthabt auf die, welche entgegen der Lehre, die ihr gelernt habt, Zwistigkeiten und Ärgernisse anrichten, und wendet euch von ihnen ab!“ (Römer 16,17)

Positiv ist anzumerken, dass Ekkehart Vetter, der neue Vorsitzende der Deutschen Evangelischen Allianz, Dr. Grabe widersprochen hat. Eine gewisse Ironie der Geschichte (Stichwort „Berliner Erklärung“ / „Geist von unten“) ist m. E., dass der Vorstand des Bundes Freikirchlicher Pfingstgemeinden (BFP) den „Einigungsvorschlag“ ablehnt und damit meines Wissens als erster Gemeindeverband eine klare Position bezogen hat. Es wäre wünschenswert, dass viele nun eine klare Position beziehen, damit auch die Gläubigen und Gemeindeglieder wissen, woran sie sind und was sie von ihren Leitern in Zukunft zu erwarten haben.

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