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Tacitus´ Germania – Germanien und Germanen aus der Sichtweise eines Römers

Der römische Historiker und Senator Publius Cornelius Tacitus (um 58 n.Chr. bis um 120 n.Chr.) schrieb vermutlich im Jahr 98 n.Chr. eine ethnographische Schrift über unsere germanischen Vorfahren – die Germania. Eine deutsche Übersetzung (zusammen mit dem lateinischen Originaltext) ist im Internet Online verfügbar.

Ich persönlich fand die Lektüre recht interessant, da Tacitus Land und Leute nicht nur beschreibt, sondern immer wieder auch seine persönliche Sichtweise zum Ausdruck bringt. Er konnte sich (damals) z.B. nicht vorstellen, dass jemand freiwillig nach Germanien ziehen möchte, um dort zu leben:

„Wer hätte ferner, ganz abgesehen von der Gefährlichkeit eines unwirtlichen und unbekannten Meeres, Asien, Afrika oder Italien verlassen sollen – um nach Germanien zu ziehen, in das wüste Land mit rauem Himmel, abschreckend für den Anbau und den Anblick, – außer wenn man es zum Vaterland hat?“ (2,2)

Aus Tacitus (römischer) Sicht galten die Germanen eher als Faulenzer (zumindest die Männer):

„Sooft sie nicht in den Krieg ziehen, bringen sie weniger Zeit mit Jagen zu, als mit Müßiggang: sie geben sich dem Schlaf hin und dem Essen. Gerade die Tapfersten und Kriegstüchtigsten sind völlig unbeschäftigt, indem sie die Sorge für Haus, Herd und Feld den Frauen übertragen haben, so wie den Greisen und allen Schwachen aus dem Gesinde. Sie selbst faulenzen nach dem seltsamen Widerspruch in ihrem Wesen, dass die gleichen Menschen in solcher Weise die Untätigkeit lieben und die Ruhe hassen.“ (15,1)

Es dauerte doch wohl noch eine ganze Weile, bis sich bei den Schwaben endlich das Motto „Schaffe, schaffe, Häusle baue“ etablierte. Nun, wenn ein derart tiefgreifender Wandel möglich ist, dann gibt es sicher auch Hoffnung für andere, die aus deutscher bzw. schwäbischer ethnozentristischer Perspektive die Arbeit noch nicht erfunden haben ;-).

Immerhin fand Tacitus lobende Worte für die Ehen der Germanen:

„Gleichwohl sind die Ehen dort streng und keine Seite ihrer Sitten möchte man unbedingter loben. Denn sie sind fast die einzigen unter den unzivilisierten Völkern, die sich mit einer Frau begnügen, ganz wenige ausgenommen, die sich nicht aus Sinnlichkeit, sondern ihres Adels wegen mit sehr vielen Heiratsanträgen umworben sehen.“ (18,1)

So ganz nebenbei erfahren wir hier, dass wir auch einmal zu den „unzivilisierten“ Völkern gehörten…

Ebenso fand Tacitus positive Worte über die Treue in der Ehe:

„So leben sie denn in den Schranken der Sittsamkeit, durch keine lüsternen Schauspiele, keine verführerischen Gelage verdorben. Auf die Heimlichkeiten von Briefen verstehen sich Männer wie Frauen gleich wenig. Fälle von Ehebruch sind bei dem so zahlreichen Volk eine große Seltenheit.“ (19,1-2)

Ein Grund dafür war sicher auch die drastische Strafe; Tacitus´ Beschreibung geht folgendermaßen weiter:

„Seine Bestrafung erfolgt auf der Stelle und ist dem Gatten überlassen. Mit abgeschnittenen Haaren, entkleidet, stößt sie der Gatte in Gegenwart der Verwandten aus dem Haus und treibt sie mit Schlägen durch das Dorf. Denn die Preisgabe der Keuschheit findet keine Nachsicht: nicht durch Schönheit, nicht durch Jugend, nicht durch Reichtum fände sie einen Mann.“ (19,2)

Tacitus widmet verschiedenen germanischen Stämmen jeweils einen eigenen Abschnitt, u.a. auch den Sueben:

 „Ein Kennzeichen dieses Volkes ist die Sitte, das Haar schräg zu tragen und in einem Knoten zusammenzubinden. Hierdurch unterscheiden sich die Sueben von den übrigen Germanen“ (38,2)

Vom Begriff „Sueben“ wurde später der Stammesname „Schwaben“ (etymologisch) abgeleitet. Tacitus selbst verwendete „Sueben“ aber als Sammelbegriff für die meisten Germanen nördlich der Donau – also nicht verwechseln!

Außer diesen kurzen Auszügen gibt es noch viel mehr in der Germania zu entdecken… 🙂

Gesetz und Liebe

Derzeit lese ich das Buch „Biblische Ethik“ von Robertson McQuilkin. Im 2. Kapitel geht es um das Gesetz. Im letzten Abschnitt dieses Kapitels geht es um das Verhältnis zwischen Gesetz und Liebe. Darin schreibt er:

„Wohlmeinende Leute, die vorgeben, der Bibel zu glauben, verbinden sich mit wohlmeinenden Leuten, welche die Autorität der Schrift leugnen, und verweisen jegliches Gesetz oder alle Gebote außer dem der Liebe nach draußen in die Finsternis der Nicht-Liebe. Es scheint, als müsse man sich zwischen den schweren Tugenden der Gerechtigkeit und Heiligkeit und der höchsten Tugend der Liebe entscheiden. Doch wenn Liebe die Summe des Willens Gottes für die Menschheit ist und wenn Gerechtigkeit als richtig oder als Wahrheit auf moralischem Gebiet beschrieben wird, ist sicher jedes der beiden, selbst wenn wir sie nicht als Synonyme verstehen, ein wichtiges Element des Wesens Gottes. Wenn Gottes gerechtes Wesen und sein gerechter Wille für die Menschen u.a. in Geboten ausgedrückt wird, so ist das Halten dieser Gebote die Auswirkung oder der praktische Ausdruck der Liebe, die dann als die Summe aller Gebote oder als Motiv gesehen wird. Ohne diesen Gehorsam aus Liebe gegenüber dem Gesetz kennen wir Gott nicht und unser christliches Bekenntnis ist eine Lüge (Mt 28,20; Joh 14,15.23.31; 15,10.14; Röm 13,10; Jak 2,8; 1Jo 2,4-6; 3,24; 4,8; 5,3; 2Jo 6).“ Robertson McQuilkin. Biblische Ethik: Eine Einführung in biblisch begründetes Denken und Handeln, S. 81.

McQuilkin spricht damit ein Thema an, das immer aktueller wird, nämlich die Tendenz, Gottes Gebote gegen die Liebe auszuspielen, bzw. Gottes Gebote mit dem Argument der Liebe auszuhebeln (was den Kern der Sache vermutlich besser trifft). Wie bei vielen anderen Themenbereichen wird hier ein (scheinbarer) Gegensatz konstruiert der keiner ist. Jesus wies klar darauf hin, dass die Liebe (zu Gott und zu Menschen) in einer engen Beziehung zum Gesetz und zu Gottes Geboten steht (Mt 22,36-40; Joh 14,15; 1 Joh 2,3-4), ebenso auch Paulus (Gal 5,14; Röm 13,8-10). Dabei geht es aber nicht nur um die Gebote, die dazu dienen „direkten Schaden“ (z.B. du sollst nicht stehlen, töten) abzuwenden, sondern um alle Gebote, die zum „Moralgesetz“ gehören. Unliebsame Gebote (insbesondere der Sexualmoral) mit dem Argument der Liebe („es ist doch nur Liebe!“ / „kann denn Liebe Sünde sein?“) aufzulösen mag zwar auf rein menschlicher Ebene den Anschein von Liebe erwecken, doch dies zu tun ist ein direkter Angriff auf Gott, der diese Gebote gegeben hat. Man bringt damit letztlich zum Ausdruck, dass man meint besser zu wissen, was für den Menschen „gut“ sei, als der allwissende (gute, gerechte, heilige, vollkommene, barmherzige, etc.) Gott, der den Menschen geschaffen hat und wirklich weiß, was für uns „gut“ ist. Diese Selbstüberhebung des Menschen über Gott und seine Gebote ist ja nichts Neues. Bei Menschen, die mit Gott, dem Glauben und der Kirche „nichts am Hut haben“ braucht man sich über so eine Haltung auch nicht groß wundern (ich selbst dachte ja auch mal so…). Traurig ist nur, dass sich diese Haltung auch bei immer mehr „Christen“ auszubreiten scheint und sie darin auch noch bestärkt werden, u.a. durch Theologen, welche die „Liebe“ gegen „Gesetz“ (Gebote, Gottes Wort) ausspielen. 😦

“Begegnungen in Peru“ – Neuauflage

Begegnungen in Peru_Cover_kl2Am 10. Juli erschien eine Neuauflage von “Begegnungen in Peru – Urwaldindianer auf dem Weg ins 21. Jahrhundert“.

Die Printausgabe (Pb., 112 S.) kostet € 7,90 (inkl. MwSt) und ist ab sofort im Buchhandel erhältlich (Achtung: neue ISBN: 978-3-7386-2127-3).

Eine eBook-Ausgabe (Kindle, iTunes, ePub) von “Begegnungen in Peru“ wird in Kürze erhältlich sein. Bis Ende August d.J. wird das eBook für einen Aktionspreis von € 4,99 (inkl. MwSt) erhältlich sein; der reguläre Preis wird danach € 5,99 (inkl. MwSt) betragen.

Jürgen H. Schmidt: Begegnungen in Peru. Urwaldindianer auf dem Weg ins 21. Jahrhundert. Norderstedt: Books on Demand, 2015. ISBN 978-3-7386-2127-3, Paperback, 112 Seiten, Preis: € 7,90 /- CHF 11,90 (inkl. MwSt).

Weitere Infos und Bezugsmöglichkeiten: www.jürgenschmidt.net

Gedanken zum 600. Todestag von Jan Hus

Der Geburtstag von Jan (Johannes) Hus lässt sich leider nicht mit Sicherheit festlegen, er wird – je nach Kirchengeschichtsbuch – zwischen 1369 und 1371 angegeben. Dafür ist aber der Tag seines Todes umso bekannter – der 6. Juli 1415. An diesem Tag wurde er vom Konstanzer Konzil im Dom von Konstanz zum „Ketzer“ erklärt. Anschließend übergab man ihn dem „weltlichen Gericht“, das die Drecksarbeit ausführen durfte und ihn noch am selben Tag auf dem Scheiterhaufen verbrannte. Seine Asche wurde anschließend in den Rhein geschüttet.

Hus wurde stark von den Schriften des Engländers John Wyclif (etwa 1320 bis 1384) beeinflusst. In diesen übte Wyclif starke Kritik am Reliquien- und Wallfahrtswesen, Ablässen sowie am Amt des Papstes. Er hob hervor, dass die Bibel die Quelle aller christlichen Erkenntnis ist und widmete sich u.a. auch der Übersetzung der Vulgata (lateinische Bibel) in die englische Sprache. Hus, der in Prag sowohl als Universitätsprofessor wie auch als Prediger in der St. Michaelskirche tätig war, nahm viele der Ideen Wyclifs auf und verbreitete diese. An der Hochschule bildete sich einerseits um Hus ein Kreis von Anhängern der Lehren Wyclifs, andererseits regte sich auch heftiger Widerstand. Da Hus nicht nachgab wurde er mit dem Bann belegt und exkommuniziert. Drei Jahre lebte er als Gebannter und verbrachte diese Zeit überwiegend in Südböhmen.

Da die Kirche zur damaligen Zeit sehr gespalten war (es gab drei Päpste, die sich untereinander stritten) lies Kaiser Sigmund von November 1414 bis April 1418 das Konzil von Konstanz abhalten, um die Spaltungen zu überwinden und Reformen vorzunehmen. Sigmund wollte dort auch die „böhmische Frage“ lösen. Daher wurde Hus zum Konzil vorgeladen. Da Hus vom Kaiser freies Geleit zugesichert wurde, war Hus – trotz verschiedener Warnungen – bereit nach Konstanz zu reisen, wo er am 3. November 1414 ankam. Nach einer ersten Unterredung mit Kardinälen, Ende November 1414, wurde seine Inhaftierung beschlossen. Als Kaiser Sigmund in Konstanz eintraf erteilte er die Genehmigung, den Ketzerprozess gegen Hus weiterzuführen und ihn in Haft zu lassen. Die Konzilsherren versuchten Hus dazu zu bewegen, seinen „Ketzereien“ abzuschwören und zu widerrufen. Hus beharrte darauf, dass die Heilige Schrift der alleinige Maßstab für die christliche Lehre sei. Er sei bereit abzuschwören, wenn man ihn aus der Schrift überzeugen könne – doch offensichtlich war man dazu nicht in der Lage. Im Kerker wurde Hus eine Widerrufsschrift vorgelegt, doch er blieb standhaft was zu seiner Verurteilung als „Ketzer“ und seinem Tod führte.

Weitere Infos zu Hus finden Sie in meinem eBook “Glaubensspuren – von Böhmen nach Sachsen. Johannes Hus und Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf“.

In den 600 Jahren seit Hus´ Tod hat sich inzwischen vieles ereignet.

Hus wird zusammen mit John Wyclif und anderen zu den „Vorreformatoren“ gezählt. Er soll angeblich vor seiner Verbrennung gesagt haben: „Heute bratet ihr eine Gans, aber aus der Asche wird ein Schwan entstehen.“ – Der tschechische Name „Hus“ bedeutet „Gans“; der Schwan wird auf den Reformator Martin Luther bezogen. Der „Fall Hus“ hatte auch Einfluss auf Martin Luther und es finden sich so manche Parallelen zwischen den beiden Fällen. Bei der Leipziger Disputation (1519) hat Johannes Eck seinen „Widersacher“ Martin Luther auf Lehraussagen von Johannes Hus hingewiesen, die vom Konstanzer Konzil 1415 verurteilt wurden. Dies brachte Luther zu der schockierenden Erkenntnis, dass sowohl Papst, als auch Konzilien irren können. Luther und die anderen Reformatoren haben (ebenso wie Wyclif und Hus vor ihnen) ausschließlich die Bibel als einzige Autorität und einzigen Maßstab in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung anerkannt. Sola Scriptura – Allein die Schrift – wurde zu einem der fünf Kernpunkte (fünf Solas) der reformatorischen Lehre.

Im Gegensatz dazu hielt die römisch katholische Kirche weiterhin an anderen zusätzlichen „Autoritäten“ und „Maßstäben“ neben der Heiligen Schrift fest, nämlich der Tradition und der Autorität der Kirche (kirchliches Lehramt). So wurden seither auch weitere Dogmen festgelegt, die nicht aus der Bibel begründet werden können wie z.B. das Dogma von der unbefleckten Empfängnis Marias (1854), das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes (1870) und das Dogma der leiblichen Himmelfahrt Marias (1950). Außerdem haben sich die von den Reformatoren kritisierten Lehren der katholischen Kirche (u.a. Rechtfertigung, Ablass, Fegefeuer, etc.) nicht grundlegend geändert (s.a. „Luther, die Schmalkaldischen Artikel und die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“).

Leider verlief auch die Entwicklung der aus der Reformation hervorgegangenen protestantischen Kirchen nicht gerade erfreulich. Insbesondere seit dem Aufkommen der modernen Bibelkritik vor über 200 Jahren kam es zu dramatischen Veränderungen. Mein Eindruck ist, dass heute zwar noch nominell, aus Tradition, am „Sola Scriptura“ festgehalten wird, in der Praxis haben sich aber ebenfalls zwei weitere „Autoritäten“ und „Maßstäbe“ neben der Heiligen Schrift etabliert, die (wie in der römisch katholischen Kirche) letztlich über der Schrift stehen: 1) die historisch-kritische „Bibelwissenschaft“ (zur angeblichen „Wissenschaftlichkeit“ siehe die Vorträge und Bücher von Eta Linnemann) sowie 2) der Zeitgeist (d.h. die Anpassung an die 51% Mehrheit und das, was gesellschaftsfähig ist). Ich wies bereits in meinem Artikel „Sola Scriptura?!“ darauf hin, dass heute die Inspiration (und Wahrheit) der Heiligen Schrift offiziell von der EKD angezweifelt wird. Was dort hinsichtlich der Reformatoren ausgesagt wird („Seit dem siebzehnten Jahrhundert werden die biblischen Texte historisch-kritisch erforscht. Deshalb können sie nicht mehr so wie zur Zeit der Reformatoren als »Wort Gottes« verstanden werden. Die Reformatoren waren ja grundsätzlich davon ausgegangen, dass die biblischen Texte wirklich von Gott selbst gegeben waren. Angesichts von unterschiedlichen Versionen eines Textabschnitts oder der Entdeckung verschiedener Textschichten lässt sich diese Vorstellung so nicht mehr halten.“ in: Rechtfertigung und Freiheit. 500 Jahre Reformation 2017. Ein Grundlagentext des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), S.84.) gilt auch für Hus. Anders formuliert ist die heutige Sicht der Dinge folgende: Ihr habt damals geglaubt, dass die Bibel wirklich Gottes Wort sei – wir wissen es heute (aufgrund der modernen Bibelkritik) besser. Ihr habt damals zwar sehr für eure Überzeugungen geeifert und gekämpft – aber eigentlich ohne tragfähige Grundlage. Viele von euch haben sich in Lebensgefahr begeben und sogar mit ihrem Leben bezahlt – aber eigentlich war es das nicht Wert, weil ihr in eurer damaligen Unwissenheit von falschen Voraussetzungen ausgegangen seid… – Ich vermute mal, Wyclif, Hus, Luther, Calvin – und viele andere – würden angesichts dieser Sichtweise ungläubig den Kopf schütteln oder sich im Grabe umdrehen. Sie waren überzeugt von der Wahrheit und Autorität der Bibel; davon, dass die Heilige Schrift wirklich durch den Heiligen Geist inspiriert ist und sich Gott darin geoffenbart hatte (und es gibt gute Gründe dafür, an dieser Sichtweise auch heute festzuhalten – trotz moderner Bibelkritik). Es war ihnen ein Anliegen, dass die Bibel in die jeweilige Landessprache übersetzt und dem Volk zugänglich gemacht wird. Sie haben heftigsten Widerstand für ihre Überzeugungen in Kauf genommen und erduldet.

Auffällig ist, dass obwohl die Bibel weltweit ein Bestseller ist, dieses Buch weiterhin so umkämpft ist. Nach meiner Beobachtung wird dieser Kampf um die Bibel auf verschiedenen Ebenen ausgetragen: 1) Der Versuch, Menschen den Zugang zur Bibel zu verwehren (z.B. durch Verbote in islamischen oder kommunistischen Ländern). 2) Der Versuch, die Bibel (ihre Botschaft, Inspiration, Wahrheit) zu diskreditieren (ironischerweise haben „Theologen“ da „bessere“ Arbeit geleistet als Gegner des Christentums). 3) Der Versuch, Menschen, die die Bibel wirklich als inspiriertes Wort Gottes anerkennen zu diskreditieren (indem man sie als „unwissenschaftlich“, „ewig gestrig“, „minderbemittelt“ oder wie auch immer darstellt). Ich habe den Eindruck, dass all diese Versuche u.a. Ausdruck einer Furcht vor dem ist, was geschehen könnte, wenn sich Menschen, Bevölkerungsgruppen oder gar ganze Völker dem stellen und darauf hören, was Gott in seinem Wort geoffenbart hat. Gottes Wort hat den Menschen – sein Denken und sein Handeln – zu jeder Zeit in Frage gestellt. Das ist unangenehm, das ist demütigend (denn Gott macht deutlich, dass ER das Maß aller Dinge ist, und nicht der Mensch), und das ist mitunter gefährlich für den Status Quo, sowie für die jeweiligen Machthaber. Aber das Wichtigste ist, bei Gottes Offenbarung durch sein Wort geht es um das Evangelium. Es geht darum, wie Menschen gerettet werden können: Allein aus Gnade, allein aus Glauben und allein durch Christus!

Ich bin dankbar für Jan Hus, John Wyclif, Martin Luther, Johannes Calvin, Johannes Brenz und viele andere, die auf die Bibel hingewiesen haben, für ihre Wahrheit eingestanden sind und für ihre Verbreitung gesorgt haben. Nein, Jan Hus ist am 6. Juli 1415 nicht umsonst in Konstanz gestorben, er hat genau begriffen worum´s geht und was für ihn persönlich auf dem Spiel steht.

„Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.“ (Jesaja 40,8)

„Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen.“ (Matthäus 24,35)

„Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen. Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht: »Der Gerechte wird aus Glauben leben.« Denn Gottes Zorn wird vom Himmel her offenbart über alles gottlose Wesen und alle Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit durch Ungerechtigkeit niederhalten.“ (Römer 1,16-18)

Was ist der Missions-Auftrag der Gemeinde?

Kürzlich erschien im 3L Verlag das Buch „Was ist der Missions-Auftrag der Gemeinde?“ von Greg Gilbert und Kevin DeYoung. Mit viel Leidenschaft versuchen die beiden Autoren Orientierung im missionalen Dschungel zu geben. – Denn, wenn jegliche Aktivität einer Gemeinde inzwischen „Mission“ ist, dann ist am Ende vermutlich gar nichts mehr Mission bzw. zu erwarten, dass die Verkündigung des Evangeliums auf der Strecke bleibt.

Was mir an dem Buch sehr gefällt ist, dass die Autoren sehr gründlich mit der Bibel arbeiten und wirklich fundiert exegetisch argumentieren. Dabei kommen sie einerseits zur Schlussfolgerung, dass der Missions-Auftrag der Gemeinde in der Verkündigung des Evangeliums besteht (denn dies gehört zu den „Kern-Kompetenzen“ der Gemeinde und nicht von irgendwelchen anderen weltlichen Institutionen). Gleichzeitig verneinen sie keinesfalls, dass eine Gemeinde viele gute andere Dinge tun kann und tun sollte (aus Nächstenliebe). Aber sie empfehlen – auch der Klarheit wegen – diese anderen (guten, wichtigen) Aktivitäten der Gemeinde nicht als „Mission“ zu bezeichnen.

Craig Gilbert, einer der Autoren, war auch der Hauptredner der diesjährigen Evangelium21-Konferenz, bei der es um das Thema „Was ist der Auftrag der Gemeinde?“ ging. Die Vorträge können inzwischen über die Internetseite von Evangelium21 angehört bzw. als mp3-Dateien heruntergeladen werden.

Integration ist etwas anderes als Assimilation

Derzeit ist Integration ein aktuelles Thema in diesem unseren Lande. Allerdings habe ich gelegentlich den Eindruck, dass man über Integration spricht und Assimilation meint… Doch Integration ist etwas anderes als Assimilation:

„Wenn man also in einem anderen Kulturkreis für längere Zeit lebt, dann ist man auch gefordert, die Kultur des Gastlandes kennenzulernen und sich in gewisser Weise zu integrieren. Dies geschieht indem man die Sprache erlernt, denn sie ist die Grundlage, um einen guten Zugang zur Kultur zu erhalten. Mit dazu gehört die Anpassung an die Gepflogenheiten des Landes, das Pflegen von Beziehungen mit Einheimischen und das Vermeiden von allem, was unnötig Anstoß erregt. Integration bedeutet jedoch nicht seine eigene kulturelle Identität aufzugeben, denn das wäre Assimilation. Integration erfolgt, indem man sich bewusst in das neue Lebensumfeld einfügt und positive Beziehungen zu den Angehörigen des Gastlandes pflegt, obwohl man eine andere kulturelle Identität hat und diese beibehält. Dabei geschieht es sehr wohl, dass diese kulturelle Identität durch den Kontakt mit der anderen Kultur verändert und bereichert wird.“ Jürgen H. Schmidt: Basics interkultureller Kommunikation, S.131f.

Neuauflage: “Weihnachten ohne Jesus? – Den Grund für Weihnachten neu entdecken“

Cover - Weihnachten ohne Jesus 2 AuflageKürzlich erschien die 2. aktualisierte und erweiterte Auflage von “Weihnachten ohne Jesus? – Den Grund für Weihnachten neu entdecken“. Darin geht es um eine Rückbesinnung auf den Ursprung und Inhalt des Weihnachtsfests. Warum feiern wir eigentlich Weihnachten? Worum geht es dabei wirklich? Und vor allem: Wie können wir die Hauptperson, das “Geburtstagskind” mit einbeziehen? Ja, noch wichtiger, wie können wir eine persönliche Beziehung zu Jesus finden?

Für die Neuauflage erfolgte u.a. die Aktualisierung der verwendeten Bibelübersetzung, außerdem wurde ein weiteres Kapitel (“Zweifel an Jesus?“) hinzugefügt. Der Preis für die Printausgabe liegt weiterhin bei Euro 4,80 (inkl. MWSt.); der Preis für die eBook-Ausgabe konnte von Euro 4,49 auf Euro 2,99 (inkl. MWSt.) gesenkt werden.

Jürgen H. Schmidt: Weihnachten ohne Jesus? Erschienen bei Books on Demand, Norderstedt; ISBN 978-3-8391-1721-7, 64 Seiten, Paperback, Euro 4,80 / CHF 7,50 (inkl. MWSt.).

Das Buch kann über die örtliche Buchhandlung oder das Internet bezogen werden. Weitere Infos finden Sie auf der Internetseite zum Buch.

Zur Situation indigener Völker im peruanischen Amazonasgebiet

Im gestrigen Artikel über “In Isolation lebende Indianer aus Peru in Brasilien“ wurde zumindest ein bisschen deutlich, wie schwierig die Situation dieser Ethnien inzwischen geworden ist.

coverbegegnungen3auflIn der erweiterten Neuauflage von «Begegnungen in Peru» gehe ich ebenfalls auf die Situation dieser sehr verwundbaren Ethnien ein.

Aus aktuellem Anlass habe ich daher eine Leseprobe aus Kapitel 12 (Weitere Entwicklungen seit 2007) veröffentlicht. Hier geht´s zur Leseprobe

Luther: Vom unfreien Willen

Immer wieder hört man die Aussage: „Der Mensch hat einen freien Willen.“ Ich selbst habe diese Aussage auch schon oft gemacht…

Doch ganz so einfach ist die Sache nicht! Der Idee von einem freien Willen liegt der Gedanke zugrunde, dass der Mensch die völlige Wahlfreiheit habe, sich in alle Richtungen zu entscheiden – so, wie er es wolle, – und dies dann auch zu tun. Nun, in vielen Bereichen hat der Mensch auch tatsächlich eine m.o.w. starke Willensfreiheit, aber nicht grundsätzlich. Insbesondere da, wo es um das Gehorchen von Gottes Geboten und das Leben mit Gott geht, werden die Grenzen des „freien Willens“ deutlich – sofern es ihn überhaupt gibt. Doch gerade in frommen Kreisen ist immer wieder die Rede vom „freien Willen“, als ob es jeder Mensch persönlich in der Hand habe, sich frei für oder gegen Gott, sich frei für oder gegen den Glauben, sich frei für oder gegen die Nachfolge Christi entscheiden zu können. – Und sich letztlich durch seine eigene Entscheidung retten (lassen) zu können – oder auch nicht.

Die Sache, um die es geht ist nicht neu. Im Jahr 1524 verfasste der Humanist Erasmus von Rotterdam seine Schrift „Vom freien Willen“ (De libero arbitrio). Der Reformator Martin Luther reagierte darauf im Jahr 1525 sehr scharf durch die Herausgabe seiner Schrift „De servo arbitrio“, d.h. „Vom geknechteten Willen“ (auch übersetzt mit „Vom unfreien Willen“). In seiner Antwort geht Luther Stück für Stück auf die Argumente von Erasmus ein und widerlegt sie anhand der Bibel (und auch Erasmus´ eigenen Argumenten!). Auch wenn Luthers Ausführungen sehr umfangreich und oft auch recht polemisch sind, es lohnt sich sehr, diese Schrift zu lesen. – Insbesondere heute, wo der Mensch und seine eigenen Fähigkeiten oft so stark in den Mittelpunkt gestellt wird, und vergessen wird, wie sehr er eigentlich von Gottes Gnade abhängig ist.

Luther selbst äußerte sich in „De servo arbitrio“ dazu, warum ihm dieses Thema so sehr am Herzen lag. Es geht dabei letztlich um den Kern des Evangeliums:

„Deshalb ist es nicht unfromm, neugierig oder überflüssig, sondern ganz besonders heilsam und notwendig für den Christen zu wissen, ob der eigene Wille etwas oder nichts in den Dingen tun kann, die zum Heil gehören. Ja das ist, damit Du im Bilde bist, sogar der Angelpunkt unserer Disputation, hier liegt der Kern dieser Sache. Denn darauf sind wir aus, daß wir untersuchen, was der freie Wille vermag, was er zuläßt, wie er sich zur Gnade Gottes verhält. Wenn wir das nicht wissen, wissen wir rein gar nichts von den Angelegenheiten der Christen und werden schlimmer sein als alle Heiden. Wer das nicht empfindet, gesteht damit ein, daß er kein Christ sei, wer aber das tadelt und verachtet, möge wissen, daß er der größte Feind der Christen ist. Denn wenn ich nicht weiß, was, wieweit und wieviel ich in bezug auf Gott kann und zu tun vermag, so wird es mir ebenso ungewiß und unbekannt sein, was, wieweit und wieviel Gott in bezug auf mich vermag, da Gott doch alles in allem wirkt (1. Kor. 12, 6). Wenn ich aber die Werke und die Wirkungsmacht Gottes nicht kenne, so kenne ich Gott selbst nicht. Kenne ich Gott nicht, so kann ich ihn auch nicht verehren, preisen, ihm Dank sagen und ihm dienen, da ich ja nicht weiß, wieviel ich mir zuschreiben kann und wieviel ich Gott schulde.

Man muß also den genauesten Unterschied machen zwischen der Kraft Gottes und unserer, zwischen dem Werk Gottes und dem unseren, wenn wir fromm leben wollen. So siehst Du, daß diese Aufgabe das eine Teil der ganzen Summe christlichen Wesens darstellt, von welcher die Kenntnis unserer selbst, die Erkenntnis und die Ehre Gottes abhängt und auf dem Spiel steht.“1

Zu allen Zeiten besteht die Gefahr, über irgendwelche Dinge zu reden, ohne genau zu klären bzw. zu definieren, wovon man eigentlich spricht. Da es Luther um eine Klärung des Sachverhalts ging, war ihm auch die Definition, was unter einem „freien Willen“ zu verstehen sei, sehr wichtig. In seiner Antwort an Erasmus greift er daher dessen eigene Definition auf. So schreibt er an Erasmus:

„Zuerst wollen wir, wie es richtig ist, bei der Definition selbst beginnen, mit welcher Du den freien Willen folgendermaßen definierst: »Weiter verstehen wir hier unter dem freien Willen das Vermögen des menschlichen Willens, durch das der Mensch sich dem anpassen oder von dem abwenden kann, was zum ewigen Heil führt.«“2

Im weiteren Verlauf geht Luther auf diese Definition von Erasmus und dessen Ausführungen dazu ein. Nachfolgend ein „kurzer“ 🙂 Auszug davon, der auf den Kern des Problems aufmerksam macht:

„Du unterscheidest hier drei Meinungen, als ob sie zu drei Richtungen gehörten, weil Du nicht merkst, daß es dieselbe Sache ist, die einmal mit diesen, das andere Mal mit jenen Worten auf verschiedene Weise von uns erörtert wird, die wir dieselben und einer Richtung Lehrer sind.

Doch wir wollen Dich unterweisen und Dir die Schläfrigkeit bzw. Stumpfheit Deines Urteils zeigen. Ich frage Dich, wie paßt die oben von Dir gegebene Definition des freien Willens zu dieser ersten Dir recht annehmbar scheinenden Meinung? Du hast nämlich gesagt, der freie Wille sei das Vermögen des menschlichen Willens, durch das sich der Mensch zum Guten hinwenden kann. Hier aber behauptest Du und billigst die Behauptung, daß der Mensch ohne die Gnade nicht das Gute wollen kann. Die Definition bejaht, was ihre zweite Formulierung verneint, und man findet in Deinem freien Willen zugleich Ja und Nein, so daß Du uns zugleich sowohl zustimmst wie verdammst, wie Du auch Dich selbst verdammst und billigst in ein und demselben Lehrsatz und Artikel. Oder meinst Du, es sei nicht etwas Gutes, sich zu dem hinzuwenden, das zum ewigen Heil gehört, wie es Deine Definition dem freien Willen zuerkennt?

Denn die Gnade ist überhaupt nicht nötig, wenn so viel Gutes im freien Willen wäre, daß er dadurch sich selbst zum Guten wenden könnte. Darum ist etwas anderes der freie Wille, den Du definierst, und etwas anderes der freie Wille, den Du verteidigst. Und es hat nun Erasmus zwei freie Willen, die vor den übrigen und einander selbst geradezu entgegengesetzt sind.

Doch wir wollen das fallenlassen, was die Definition ersonnen hat, und das betrachten, was an Gegenteiligem die Meinung selbst vorträgt. Du gibst zu, daß der Mensch ohne besondere Gnade nicht das Gute wollen kann (denn wir erörtern jetzt nicht, was die Gnade Gottes vermag, sondern was der Mensch ohne die Gnade vermag). Du gibst also zu, daß der freie Wille nicht das Gute wollen kann; das bedeutet nichts anderes, als daß er sich nicht zu dem hinwenden kann, was zum ewigen Heil gehört, wie Deine Definition lautete. Kurz vorher sagst Du sogar, der menschliche Wille sei nach dem Sündenfall so verderbt, daß er, nachdem er die Freiheit verloren habe, gezwungen werde, der Sünde zu dienen, und sich nicht zu einer Besserung seiner selbst zurückwenden könne.

[…]

So ist die erste Meinung beschaffen, wenn man sie mit sich selbst vergleicht: sie verneint, daß der Mensch etwas Gutes wollen könne. Und wenn ihm auch ein Streben belassen werde, sei es dennoch auch nicht sein eigen. Laßt uns nun diese Meinung mit den übrigen zwei vergleichen! Die andere nämlich ist jene härtere, die da urteilt, der freie Wille sei zu nichts fähig außer zum Sündigen. Dies aber ist die Meinung Augustins, wie er sie an vielen anderen Stellen äußert, insbesondere jedoch in seiner Schrift »Über den Geist und den Buchstaben«, wenn ich nicht irre, im vierten oder fünften Kapitel, wo er gerade jene Worte gebraucht.

Jene dritte, härteste Meinung ist diejenige Wiclifs und Luthers selbst, daß der freie Wille eine leere Bezeichnung sei und daß alles, was geschehe, aus reiner Notwendigkeit erfolge. Mit diesen beiden liegt die Diatribe im Kampf. Hier sage ich: vielleicht können wir nicht genug Latein oder Deutsch, daß wir die Sache selbst nicht haben vollständig vortragen können. Aber ich rufe Gott zum Zeugen an, ich habe nichts anderes sagen, noch etwas anderes unter der Formulierung der beiden zuletzt genannten Ansichten verstanden wissen wollen als das, was in der ersten Meinung gesagt ist. Ich glaube auch nicht, daß Augustin etwas anderes gewollt hat, noch ersehe ich etwas anderes aus seinen eigenen Worten, als was die erste Meinung aussagt, so daß die drei von der Diatribe aufgezählten Meinungen (zusammen) bei mir nichts anderes ergeben, als eben jene meine einzige Ansicht. Nachdem nämlich zugestanden und begriffen ist, daß der freie Wille, nachdem er die Freiheit verloren hat, unter die Knechtschaft der Sünde gezwungen worden ist und gar nichts Gutes wollen könne, so kann ich aus diesen Worten nichts anderes entnehmen, als daß der freie Wille ein leeres Wörtchen ist, dessen Inhalt verloren ist. Eine verlorene Freiheit nennt meine Sprachlehre keine Freiheit; dem aber die Bezeichnung der Freiheit beilegen, das keine Freiheit hat, bedeutet ein leeres Wort beilegen.“3

Soweit also ein paar Aussagen von Luther selbst, zum angeblichen „freien Willen“. Wie schon erwähnt, ging es Luther bei der Auseinandersetzung mit dieser Frage um den Kern des Evangeliums, insbesondere um die Frage, ob der Mensch die Fähigkeit hat, bei seiner eigenen Rettung mitzuwirken bzw. ob er irgend etwas dazu beitragen kann. Bei der Antwort auf diese Frage geht es letztlich auch um die Gültigkeit der fünf Solas der Reformation (siehe dazu mein Artikel „Soli Deo Gloria?!„), d.h. ob diese der Lehre der Bibel entsprechen oder nicht.

Es lohnt sich auf jeden Fall, Luthers vollständige Ausführungen zu diesem Thema zu lesen und sich auch mit seiner biblischen Argumentation auseinanderzusetzen – auch wenn Luthers Position heute vermutlich nicht mehr populär ist und auch nicht dem (evangelikalen) Mainstream entspricht.

Seine Schrift „Vom unfreien Willen“ ist u.a. auch hier im Internet als PDF-Version erhältlich.

1[Martin Luther: Vom unfreien Willen (1525), S. 30 ff.Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther, S. 1982 (vgl. Luther-W Bd. 3, S. 169 ff.) (c) Vandenhoeck und Ruprecht]

2[Martin Luther: Vom unfreien Willen (1525), S. 119. Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther, S. 2071 (vgl. Luther-W Bd. 3, S. 226) (c) Vandenhoeck und Ruprecht]

3[Martin Luther: Vom unfreien Willen (1525), S. 132 ff.Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther, S. 2084 (vgl. Luther-W Bd. 3, S. 234 ff.) (c) Vandenhoeck und Ruprecht]

Rechtfertigung allein durch Christus

In Kapitel 11 des 3.Buches von Calvins Institutio geht es um die Rechtfertigungslehre. In seinen Ausführungen macht er deutlich, dass die Rechtfertigung allein aus Glauben geschieht. Im weiteren Verlauf erklärt Calvin, dass unsere Rechtfertigung allein durch Christus geschieht, indem dem Gläubigen Christi Gerechtigkeit zugerechnet wird:

„Daraus ergibt sich auch, daß wir allein durch das Eintreten der Gerechtigkeit Christi für uns dahin gelangen, vor Gott gerechtfertigt zu werden. Das bedeutet soviel, als wenn wir sagten: der Mensch ist nicht in sich selbst gerecht, sondern nur deshalb, weil ihm Christi Gerechtigkeit durch Zurechnung mitgeteilt wird. Das ist wert, von uns sehr genau beachtet zu werden. Denn damit zerfällt der Wahn, als ob der Glaube den Menschen deshalb rechtfertige, weil dieser durch den Glauben am Geiste Gottes teilhabe, durch den er (tatsächlich) gerecht gemacht würde; diese Ansicht steht zu der oben entwickelten Lehre in einem schlechthin unversöhnlichen Gegensatz. Denn der Mensch muß doch wohl zweifellos ohne jede eigene Gerechtigkeit dastehen, wenn er gelehrt wird, seine Gerechtigkeit außerhalb seiner selbst zu suchen! Eben dies aber behauptet der Apostel mit größter Deutlichkeit, wenn er schreibt: „Denn er hat den, der von keiner Sünde wußte, für uns zum Sühnopfer für die Sünde gemacht, auf daß wir würden in ihm die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt“ (2. Kor. 5,21).

Da sieht man: unsere Gerechtigkeit liegt nicht in uns, sondern in Christus; uns kommt sie nur aus dem Rechtsgrunde zu, daß wir an Christus Anteil haben, wie wir ja mit ihm alle seine Reichtümer besitzen! Dem steht nicht entgegen, daß Paulus an anderer Stelle erklärt, die Sünde sei „der Sünde halben“ in Christi Fleisch verdammt worden, „auf daß die Gerechtigkeit, vom Gesetz erfordert, in uns erfüllt würde …“ (Röm. 8,3). Denn die „Erfüllung“, die Paulus hier meint, ist keine andere als die, welche wir durch Zurechnung erlangen! Denn der Herr Christus gibt uns an seiner Gerechtigkeit mit dem Recht Anteil, daß er dabei auf wundersame Weise – soweit es Gottes Urteil betrifft! – seine Kraft in uns übergehen läßt! Nichts anderes hat Paulus gemeint; das ergibt sich aus einer anderen, kurz vorher befindlichen Stelle mehr als deutlich: „Denn gleichwie durch eines Menschen Ungehorsam viele Sünder wurden, so auch durch eines Gehorsam werden viele Gerechte!“ (Röm. 5,19). Hier gründet also Paulus unsere Gerechtigkeit auf den Gehorsam Christi – aber was heißt das anders, als daß er behauptet: allein deshalb gelten wir als gerecht, weil Christi Gehorsam uns so zugute kommt, als ob er unser eigen wäre?“ (III, 11, 23)