Archiv der Kategorie: Indianer

Kumbarikira

Bin heute auf einen schönen Videoclip gestoßen, der auf Youtube veröffentlicht wurde. Darin singen Jugendliche aus der Stammesgruppe der Kukama-Kukamiria (Peru) sowohl in Spanisch als auch in ihrer Stammessprache. In diesem Video geht es um die Stärkung der eigenen sprachlichen und kulturellen Identität dieser Ethnie. Mir gefällt die Art und Weise, wie die Jugendlichen darin die Freude an ihrer eigenen Sprache – Kukama – zum Ausdruck bringen. Interessant ist, wie sie dabei gleichzeitig modern und traditionell sind. Das deckt sich mit den Beobachtungen, die ich in Bezug auf die indigene Bevölkerung in Peru in den vergangenen Jahren gemacht habe.
In der erweiterten Neuauflage meines Buches „Begegnungen in Peru“ gehe ich in einem neu hinzugefügten Kapitel auf weitere Entwicklungen seit 2007 ein. Die aktuelle Entwicklung der ethnischen Gruppen in Peru bewegt sich derzeit zwischen den beiden Extremen „Isolation“ und „Assimilation“.

„Zwischen diesen beiden Extremen, der „Isolation“ und der „Assimilation“, gibt es einen dritten Weg, den viele Gruppen beschreiten. Es ist quasi eine Art „Mittelweg“. Einerseits sind sie für die Möglichkeiten der „modernen Welt“ offen und möchten am Fortschritt teilhaben. Gleichzeitig besinnen sie sich aber auf ihre eigene kulturelle Identität als eigenständige Ethnie. D.h., die Angehörigen dieser Gruppen gewinnen einerseits ein neues Selbstbewusstsein und bekennen sich zu ihrem indigenen Hintergrund. Gleichzeitig gehen sie in die Offensive und fordern die Anerkennung und den Respekt der übrigen Gesellschaft in Peru – und ein Ende von Diskriminierungen und Benachteiligungen.“ (Jürgen H. Schmidt: Begegnungen in Peru. Urwaldindianer auf dem Weg ins 21. Jahrhundert. Norderstedt: Books on Demand, 3. Aufl. 2013, S.107)

Hier nun der Videoclip auf Youtube, viel Spaß beim Anschauen!

http://youtu.be/GlS_LaWRbZk

Die Caquinte-Indianer und die Erdölgesellschaft

Mit einer Gesamtbevölkerung von ungefähr 400 Personen gehören die Caquinte-Indianer zu den kleineren Ethnien im peruanischen Amazonasgebiet. Caquinte-Indianer 2005Sie leben in einem abgelegeneren Gebiet des Urwaldes, südlich des Río Tambo und westlich des Río Urubamba, dort, wo die letzten Ausläufer der Anden ins Tiefland übergehen. Ebenso wie ihre direkten Nachbarn, die Ashaninca, Yine und Machiguenga, gehören sie zur Arawak-Sprachfamilie.

Bereits seit längerer Zeit wird im Gebiet des Nachbarstamms der Machiguenga Erdöl und Erdgas gefördert (Siehe auch die Artikel zu „Mysteriose Todesfälle bei den Machiguenga-Indianern“). Im Jahr 2005 wurden die Caquinte darüber informiert, dass ihr Gebiet im Zentrum eines neu ausgewiesenen Gebietes liegt (Lote 57), in dem nach Erdöl gesucht werden soll. Ich bekam damals noch die Anfänge mit, wie die Bevölkerung mit dieser neuen Situation konfrontiert wurde und versuchte, damit umzugehen. In meinem Buch „Begegnungen in Peru“ gehe ich kurz darauf ein:

„Bei meinem letzten Besuch, im Juni 2005 berichtete Josué, dass er im Mai als Vize-Dorfchef an einer Informationsveranstaltung in Sepahua teilnahm. Dort wurden sie darüber informiert, dass eine Erdölgesellschaft in ihrer Gegend nach Erdöl bohren wolle. Die Angelegenheit wurde von der peruanischen Regierung bereits Ende 2003 beschlossen, die Konzession im Januar 2004 vergeben. Die Caquinte erfuhren aber erst im Mai 2005 davon! Ich nahm wahr, dass die Einwohner von Tsoroja in dieser Frage in zwei Lager gespalten waren: Die Mehrheit wollte nicht, dass die Erdölgesellschaft kommt, nahm es aber etwas fatalistisch auf, nach dem Motto „da kann man ja sowieso nichts machen“. Die anderen wollten Fortschritt und Entwicklung und waren dafür. In den Gesprächen äußerten sie ihre Ängste, dass die Umwelt und damit ihre Lebensgrundlage zerstört werden. Aber auch, dass dabei die kulturelle Identität und das soziale Gleichgewicht unter ihnen gestört, bzw. zerstört werden. Da die Caquinte nur ein kleines Volk von insgesamt etwa 400 Personen sind, kann man sich vorstellen, welche Herausforderung, um nicht zu sagen Bedrohung, das Kommen der Erdölgesellschaft für diese Menschen bedeutet. Inzwischen hat sich die Angelegenheit soweit entwickelt, dass das Dorf Tsoroja der Erdölgesellschaft erlaubt hat, in ihrem Gebiet nach Erdöl zu suchen. Man darf gespannt sein, was daraus wird und ob die Sache gut geht …“ (Jürgen H. Schmidt, Begegnungen in Peru – Urwaldindianer auf dem Weg ins 21. Jahrhundert, S.87f).

Auch bei meiner vorerst letzten Reise – im Jahr 2005 – in das Caquinte-Dorf Quitepampani stellte sich die Situation ähnlich dar, wie in Tsoroja. Vergangenes Camp ÖlgesellschaftJahr hatte ich endlich wieder die Gelegenheit, nochmals das Dorf Quitepampani zu besuchen. (Siehe dazu meine Reiseberichte „Rohstoffabbau im Urwald – Herausforderungen und viele Fragen…“ sowie „Eindrücke einer Reise“. Auf dem Foto ist das Camp der Erdölgesellschaft in der Nähe des Dorfes Quitepampani zu sehen.)

Während meines einwöchigen Aufenthaltes hatte ich viele seelsorgerliche Gespräche mit Bewohnern des Dorfes. Ein Thema, das mir dabei ständig begegnete, waren der Streit und die Zwistigkeiten, die mit dem Umgang mit der Erdölgesellschaft und der Verteilung des erwarteten „Wohlstandes“ zu tun hatten. Es gab einen tiefen Riss im Dorf, der mitten durch Familien hindurch ging – mit entsprechend lautstarken Diskussionen!

Gestern veröffentlichte Servindi einen Bericht über eine kurzfristig anberaumte Versammlung der Caquinte-Organisation ODPK (die ODPK wurde 2005 aufgrund der Angelegenheit mit der Erdölgesellschaft gegründet), die am 28.April 2013 stattfand. Bei dieser Versammlung wurde der Erdölgesellschaft vorgeworfen, hinter Aktionen zu stecken, die versuchen das Volk der Caquinte zu spalten und letztlich zu zerstören. Gleichzeitig erkennen die Caquinte die Differenzen an, die innerhalb ihres Volkes in dieser Frage bestehen. Während der Versammlung wurde die Selbstverpflichtung erneuert, diese Differenzen zu überwinden, um gegen die Bedrohungen durch die Erdölgesellschaft und auch durch andere Gruppen, die das Volk spalten wollen, bestehen zu können. – Es ist Begegnungen in Peruden Caquinte wirklich zu wünschen, dass ihnen dies gelingen möge!

Weitere Infos über das Volk der Caquinte-Indianer finden Sie in meinem Buch „Begegnungen in Peru“, das sowohl als Printversion wie auch als eBook im Buchhandel erhältlich ist. – Der Junge auf dem Cover-Foto ist übrigens auch ein Caquinte… 🙂

Radio Logos – eine christliche Radiostation für Indianer im peruanischen Urwald

radiochazutaWährend der FAIENAP-Konferenz 2010 in Chazuta informierte Jairo Sangama, der Pastor der Gemeinde, über das geplante Projekt eine christliche Radiostation für Indianer im peruanischen Urwald aufzubauen. Damals zeigte er uns das Gelände, wo diese Radiostation entstehen sollte. Insgesamt investierte Jairo fünf Jahre in die Realisierung des Projekts.

radio_logos_peruVergangenes Jahr, im August, wurde aus dem Traum dann Wirklichkeit: Radio Logos ging auf Sendung! Mit dem Kurzwellensender kann das ganze nördliche Urwaldgebiet von Peru erreicht werden. Die Sendungen werden sowohl in spanischer Sprache als auch in den Sprachen mehrerer Ethnien im Empfangsgebiet ausgestrahlt.

Auf Youtube fand ich heute einen Clip, der die Entstehung von Radio Logos (in englischer Sprache) erzählt:

Gottes Wirken unter Indianern – CONPLEI-Konferenz 2012

Seit vielen Jahren führt CONPLEI (Nationaler Rat indigener Pastoren und Leiter) in Brasilien eine Jahreskonferenz durch, an der regelmäßig hunderte von Indianern aus vielen verschiedenen Ethnien Brasiliens und aus Nachbarländern teilnehmen.

Auf Youtube wurde nun ein kurzer Videobericht über die CONPLEI-Konferenz 2012 in deutscher Sprache veröffentlicht:

Spuren von in Isolation lebenden Indianern in Peru entdeckt

Servindi.org informiert auf ihrer Internetseite über einen Bericht der Indianerorganisation AIDESEP (Region Ucayali). Demnach wurden am 7. März diesen Jahres im Murunahua Reservat klare Spuren einer in Isolation lebenden Ethnie entdeckt. Das Murunahua Reservat liegt im Amazonasgebiet in der Grenzregion zu Brasilien und wurde extra als Schutzgebiet für in Isolation lebende Gruppen eingerichtet. Leider dringen immer wieder illegale Holzfäller in dieses Gebiet ein, u.a. auf der Suche nach Mahagoni.

Das Auffinden klarer Hinweise isoliert lebender Indianer ist von großer Bedeutung. Es gibt derzeit – allein im peruanischen Urwald – etwa 14 – 17 Stämme, die in freiwilliger Isolation leben. D.h. sie leben irgendwo im Urwald – ohne Kontakt zur Außenwelt. Das bedeutet nicht, dass diese Gruppen nicht wüssten, dass es da noch andere Menschen gäbe. Aber sie vermeiden meist ganz bewusst den Kontakt. Das hat seine Gründe. Ein Grund ist der sogenannte „Kautschukboom“, der zwischen 1870 und 1915 seinen Höhepunkt hatte und sehr großen Einfluss ausübte. Für den Export, v.a. nach England wurden große Mengen an Kautschuk benötigt. Dazu wurde ein breit angelegtes System von Händlern aufgebaut, bis das Produkt letztlich in Europa ankam. An vorderster Front standen die Kautschuk-Patrone, die im Urwald ein Anwerbesystem aufbauten, durch das Indianer ausgebeutet und versklavt wurden. In der damaligen Zeit zog sich eine ganze Anzahl von Stämmen bewusst in den Urwald zurück, um der Versklavung und Ausbeutung zu entgehen. Manche dieser Gruppen öffneten sich 30 oder 50 Jahre später wieder, gründeten wieder Dörfer an den großen Flüssen, und setzten sich dadurch den Einflüssen der sie umgebenden Welt und der sogenannten „Zivilisation“ aus. Andere Gruppen bleiben bis heute in freiwilliger Isolation. Nur gelegentlich kommt es zu Kontakten, z.B. wenn Werkzeuge wie Macheten aufgebraucht sind und sie versuchen Nachschub zu bekommen. Manchmal kommt es auch zu „zufälligen Begegnungen“, oft mit Holzfällern – die nicht immer friedlich ablaufen. Einerseits reagieren diese isoliert lebenden Indianer oft recht aggressiv auf Außenstehende. – Die schlechten Erfahrungen ihrer Vorfahren haben sich stark ins Gedächtnis der Gruppe eingeprägt. Ein weiterer Grund ist, dass es immer wieder zu Morden an Indianern kommt, deren Anwesenheit u.a. Holzfällern (die oft auch illegal Tropenhölzer ausbeuten) ein Dorn im Auge ist.

Im Jahr 2010 wurde eine interessante Studie veröffentlicht: „DESPOJO TERRITORIAL, CONFICTO SOCIAL Y EXTERMINIO – Pueblos indígenas en situación de aislamiento, contacto esporádico y contacto inicial de la Amazonía peruana“. Sie kann hier als PDF-Dokument heruntergeladen werden.

Man kann den Titel folgendermaßen übersetzen: „Enteignung des Territoriums, sozialer Konflikt und Vernichtung. – Indigene Völker des peruanischen Amazonasgebietes in Isolation, sporadischem Kontakt und erstem Kontakt.“ Diese Studie ist sehr interessant, weil sie die Situation dieser besonders verwundbaren Völker m.E. sehr gut beschreibt. Es geht um Ethnien, die in 8 Gebieten des peruanischen Urwaldes leben. Diese Gruppen haben die Isolation als Überlebensstrategie gewählt. Es sind oft sehr kleine Sippenverbände, die zerstreut im Urwald leben. Sie sind sehr verwundbar:

  • Kleine Gruppen.
  • Anfällig für Epidemien, weil sie keine Antikörper für „Zivilisationskrankheiten“ haben.
  • Aufgrund ihres Lebensstils als Halbnomaden brauchen sie ein großes Territorium, um sich selbst versorgen zu können. Das ist typisch für Wildbeuter.

 Diese Gruppen sind verschiedenen Bedrohungen ausgesetzt:

  • Illegalem Holzschlag.
  • Dem Eindringen von Holzfällern oder von Siedlern.
  • Der Ausbeutung von Erdöl oder Erdgas.
  • Straßenbauprojekten – Straßenverbindungen von Peru nach Brasilien.
  • Projekten zum Bau von Wasserkraftanlagen zur Elektrizitätsgewinnung (Verkauf des Stroms nach Brasilien).
  • Krankheiten, Epidemien.

 Leider wird das Vorhandensein dieser Gruppen immer wieder geleugnet. Denn es gibt u.a. internationale Abkommen, z.B. die Konvention 169 der Internationalen Arbeitsorganisation, in dem es um internationale Rechte für indigene Völker geht. Peru hat diese Konvention im Jahr 1994 ratifiziert. Es ist unter anderem vorgeschrieben, dass indigene Völker bei Vorhaben, die ihre Lebensweise bzw. ihr Lebensumfeld und Territorium stark beeinflussen, vorher konsultiert und um ihre Zustimmung gebeten werden müssen. Dies ist insbesondere bei der Ausbeutung von Rohstoffen (Holz, Erdöl, Erdgas) der Fall.  Wie eine Landkarte zeigt (Seite 39 der Studie bzw. Seite 38 im PDF-Dokument), hat es ausgerechnet in manchen Gebieten, in denen Ethnien in freiwilliger Isolation leben, besonders viele Rohstoffe. Der springende Punkt ist folgender: Wenn es diese Gruppen nicht gibt, dann müssen sie auch nicht konsultiert und um Zustimmung gefragt werden!

Immer wieder stößt man aber auf klare Hinweise für das Vorhandensein dieser Gruppen:

  • Berichte über zufällige Begegnungen oder sogar Zwischenfälle.
  • Das Auffinden von Spuren, wie z.B. verlassene Schutzhütten (siehe z.B. (Seite 13 der Studie bzw. Seite 12 im PDF-Dokument).
  • Das Auffinden ganzer Gruppen, wie z.B. bei einem Erkundungsflug der Naturschutzbehörde am 18. September 2007 am río Las Piedras.

 Es ist schon interessant, aber auch erschreckend, wie sich die Geschichte irgendwie zu wiederholen scheint. Vor 100 Jahren waren diese Gruppen durch den starken Bedarf an Kautschuk, v.a. bei uns in Europa, bedroht. Heute sind sie u.a. auch durch unseren starken Bedarf nach Rohstoffen, insbesondere Erdöl bedroht…

Infos zur Kultur verschiedener Ethnien (Candoshi, Caquinte, Quechua Pastaza, Shipibo) im peruanischen Amazonasgebiet finden Sie übrigens auch in meinem Buch „Begegnungen in Peru“.

Rohstoffabbau im Urwald – Herausforderungen und viele Fragen…

Kürzlich kam ich von meiner Reise in ein Indinerdorf zurück, das ich vor 7 Jahren (2005) zuletzt besucht hatte. Die Veränderungen, die in dieser kurzen Zeit stattgefunden haben, waren immens. Rein äusserlich – abgesehen von der Lage des Dorfes – wäre es fast nicht wieder zu erkennen gewesen. Seit ein para Jahren ist eine Ölgesellschaft in der Gegend tätig. Vor 2 Jahren wurden dort neue Häuser gebaut, die meisten davon aus “material seminoble” bzw. “material noble” (d.h. bei zweigeschössigen Häusern ist das UG gemauert und das OG aus Holz, bei eingeschössigen Häusern ist alles gemauert).

Zu denken gab mir, was der Dorfchef bei meiner Ankunft sagte: “Es gibt hier materiellen Fortschritt, wir brauchen aber auch geistlichen Fortschritt”. Bei Gesprächen mit den Einwohnern kam immer wieder ans Licht, dass es in den vergangenen Jahren massive Spannungen innerhalb der Dorfgemeinschaft gab – ausgelöst durch die Frage, was denn angesichts der Präsenz der Ölgesellschaft das Beste sei. Immer wieder gab es bei Dorfversammlungen hitzige Diskussionen – auch während meines Aufenthalts. Und leider gehen die Zwistigkeiten mitten durch Familien hindurch – inklussive der kleinen Gemeinde am Ort.

Viele hätten am Liebsten (viel) Bargeld von der Ölgesellschaft erhalten, um alles Mögliche kaufen zu können – solange, bis das Geld eben aufgebraucht ist. Nur ganz wenige denken längerfristig an die Entwicklung des Dorfes und den Aufbau einer tragfähigen Zukunft – für sich selbst und ihre Kinder, um eine mögliche finanzielle Abhängigkeit zu vermeiden. Wie bereits an vielen anderen Orten im Urwald wird es früher oder später auch dort zu starken Veränderungen in der Umwelt kommen, u.a. ist mit einem Rückgang der Wild- und Fischbestände zu rechnen.

Kurz nach meiner Reise las ich im Magazin “EINS“ (Ausgabe 2/2012, S. 31) in einem kurzen Bericht über die Kampagne “Licht ins Dunkel“ mit dem Titel “10.000 Stimmen für mehr Transparenz und weniger Armut“ folgendes:

„Es ist ein Skandal. Rund 3,5 Milliarden Menschen leben in Ländern, die reich an Öl, Gas und anderen Bodenschätzen sind. Tragischerweise profitieren arme Menschen aus den vom Rohstoffabbau betroffenen Gebieten selten von den Einnahmen. Verantwortungsträger aus der EU müssen jetzt handeln und sicherstellen, dass das Geld an den richtigen Stellen landet.“

Nun, diese Aussage ist sicher richtig. Nur, anhand dessen, was ich von der kürzlich besuchten Ethnie (und auch anderen Ethnien) weiß, stellt sich für mich die Frage: Welches sind die richtigen Stellen??? – Denn m.E. ist diese Frage in der Praxis gar nicht so einfach zu beantworten! (Z.B. wenn ich an das kürzlich besuchte Dorf denke.) Denn die sozialen und wirtschftlichen Herausforderungen sind enorm, z.B. für eine Dorfgemeinschaft, die bisher kaum mit der Verwaltung von Geldern betraut war, höchstens vielleicht in sehr begrenztem Umfang mit kleinen Summen. Plötzlich stehen dann S/ 100.000,– (Nuevos Soles, ca. 34.000 Euro) pro Jahr zur Verfügung (wie im konkreten Fall) – für die Leute eine sehr grosse Summe – , die sinnvoll eingesetzt werden sollen. Was geschieht? – Heftiger Streit über die Verwendung der Mittel entsteht. Am Ende der Diskussion wird jeder Familie im Dorf dersselbe Betrag zugewiesen. Manche werden diesen sinnvoll einsetzen, die Meisten werden ihn vermutlich irgendwie verbrauchen. Im Dorf wird der Unterschied und Abstand zwischen denen, die ihre Mittel weise einsetzen und vermehren, und denen, die das nicht schaffen, wachsen. Das produziert Neid und eine Kluft zwischen Menschen, die bisher materiell weitgehend gleichgestellt waren, entsteht. Abgesehen von anderen Nebenwirkungen, die bereits in vielen Dörfern mit ähnlicher Situation beobachtet werden können, u.a. steigender Alkoholkonsum mit starken Getränken wie Bier und „agua ardiente“ („Feuerwasser“), die den traditionellen Masato ersetzen.

Was die Menschen in ihrer Situation eigentlich bräuchten wäre eine gute und langfristige (mindestens 5 – 10 Jahre) Begleitung, um die ganzen sozialen und wirtschaftlichen Veränderungsprozesse Stück für Stück zu begleiten (inklussive geistlicher Begleitung). Die entsprechenden Personen müssten Sprache und Kultur der Ethnie kennen und über umfangreiche Kenntnisse in verschiedenen Bereichen verfügen (ethnologische, juristische, wirtschaftliche, ökologische etc.), außerdem müssten sie wirklich Unabhängig von fremden Interessen (sei es der Ölfirmen oder des Staates) arbeiten können. Nur, wer kann das alles leisten?

Es gibt zwar verschiedene Organisationen, die sich für den Schutz der Umwelt und/oder ethnischer Minderheiten einsetzen. Leider ist aber zu beobachten, dass die Menschen dann, wenn sie wirklich Hilfe bräuchten, z.B. durch die Beratung und Vertretung durch gute Fachanwälte, diese (über)lebenswichtige Unterstützung im Paragraphen-Dschungel der modernen Welt schlichtweg nicht zur Verfügung steht. – Und auch hier bleibt die Frage: Welches sind die richtigen Stellen, die den Menschen wirklich helfen können???

Mysteriöse Todesfälle bei den Machiguenga-Indianern (3)

Am Sonntag ist nun auch das siebte Kind – das seit mehreren Tagen in einem Krankenhaus im Koma lag – verstorben :-(.
In den vergangenen Tagen brachte der peruanische Nachrichtensender RPP Noticias mehrere Berichte, in denen Bezug auf Aussagen von Seiten der Gesundheitsbehörden genommen wurde. Demnach wird davon ausgegangen, dass Tollwut, übertragen durch Fledermäuse, die Ursache für die Todesfälle in dem Machiguenga-Dorf Camaná ist. In einer Nachricht wird hervorgehoben, dass seit 14 Jahren keine Impfungen gegen Tollwut in diesem Dorf durchgeführt worden seien, in einer weiteren Nachricht wird „bestätigt“, dass durchschnittlich 262 Personen in Camaná innerhalb der vergangenen sechs Monaten von Fledermäusen gebissen worden seien. Gemäß einer Nachricht vom 22. Mai sei Tollwut die Ursache für den Tod der sieben Kinder; von diesen sind allerdings fünf in ihrem Dorf verstorben – und ob bei diesen überhaupt eine Obduktion durchgeführt wurde ist fraglich…
Interessant ist in diesem Zusammenhang die Nachricht vom 23. Mai, dass die Kommission des peruanischen Parlaments (Comisión de Salud y Población), welche die Vorfälle in Camaná untersucht, nicht mit dem Bericht des stellvertretenden Gesundheitsministers zufrieden ist, und nun ihre Erkundigungen ausweiten will. In dieser Nachricht wird auch erwähnt, dass Repräsentanten der Erdgasgesellschaft, einer Einladung der Kommission nicht gefolgt seien. Am 12. März war es in der näheren Umgebung von Camaná, infolge eines Lecks an einer unterirdischen Pipeline, zum Austritt von Erdgas gekommen. Da es nach diesem Vorfall zu den Erkrankungen und Todesfällen im Dorf gekommen ist, vermuten die Bewohner, dass dies die eigentliche Ursache ist. Trotz all der Berichte und Erklärungen, dass die mysteriösen Todesfälle auf Tollwut zurückzuführen seien, bleiben bei den Betroffenen weiterhin offene Fragen – und Zweifel, dass das Leck in der Pipeline keine Schäden verursacht haben soll…

Hier geht´s zu den erwähnten Nachrichten auf der Internetseite von RPP Noticias:

Mysteriöse Todesfälle – ungefähr 100 Machiguenga-Indianer schwer erkrankt

Gestern berichtete ich über mysteriöse Todesfälle in dem peruanischen Indianerdorf Camaná, wo bisher sechs Kinder verstorben sind. Heute erreichte mich die Nachricht, dass inzwischen ungefähr 100 Personen schwer erkrankt sind, darunter auch die Frau eines meiner ehemaligen Studenten.

Der peruanische Nachrichtensender RPP Noticias berichtete inzwischen ebenfalls über die Ereignisse in Camaná. Über die Ursache der Erkrankungen wird bisher noch spekuliert: Die einen vermuten, dass es sich um Vergiftungen, ausgelöst durch das Leck an einer Gasleitung handelt; die anderen vermuten, dass Tollwut, übertragen durch Fledermäuse, der Grund ist.

Bleibt nur zu hoffen, dass sich die peruanischen Behörden schnellstmöglichst der Sache annehmen, sich darum bemühen, weiteren Schaden von der Bevölkerung abzuwenden, aber auch, die wahren Ursachen für diese mysteriösen Todesfälle ans Licht zu bringen.

Am 16. Mai erschienen auf der Internetseite von RPP Noticias folgende Berichte dazu:

 

Mysteriose Todesfälle bei den Machiguenga-Indianern

In den letzten Tagen erhielt ich aus Peru mehrfach beunruhigende Nachrichten über mysteriöse Todesfälle bei den Machiguenga-Indianern. In dem abgelegenen Machiguenga-Dorf Camaná sind innerhalb kurzer Zeit fünf Kinder aus noch unbekannten Gründen verstorben; ein sechstes Kind verstarb am vergangenen Samstag – angeblich an Tollwut – in einem Krankenhaus in Lima. Ein siebtes Kind – mit denselben Krankheitssymptomen – liegt auf der Intensivstation eines Kinderkrankenhauses in Lima im Sterben. Zwischenzeitlich sind auch sieben Erwachsene in Camaná erkrankt. Die Machiguenga vermuten, dass eine Vergiftung die Ursache für diese Erkrankungen bzw. Todesfälle sein könnte. In ihrem Gebiet wird seit mehreren Jahren Erdgas gewonnen, und erst im März wurde in der Umgebung von Camaná ein Leck an einer unterirdischen Gasleitung festgestellt. Nach Meinung der Betreibergesellschaft habe es sich dabei um einen geringfügigen Schaden gehandelt, der sofort behoben worden sei. Allerdings starben anschließend viele Fische sowie Wasserschildkröten.
Die Bewohner von Camaná leben nun in großer Angst. Sie fragen sich, ob ihr Trinkwasser, das sie aus dem Fluss beziehen, sowie die Fische und das Fleisch des Wildes verseucht sind? Oder ob die Ursache doch etwa Tollwut ist, die durch Fledermäuse übertragen wird? Leider haben sie auf diese Fragen bisher keine klare und zuverlässige Antwort…

Am 10. Mai erschien auf der Internetseite von Servindi ein Bericht über diese mysteriösen Todesfälle: „Perú: Mueren 5 niños machiguengas por presunto envenenamiento por derrame de gas“

Doku „Abenteuer Amazonas“

Derzeit läuft bei ZDF-Neo gerade „Bruce Parry – Abenteuer Amazonas“. Teil 1 wurde gestern gesendet und kann derzeit übers Internet angeschaut werden – hier der direkte Link zur Sendung.

Auf seiner Reise vom Ursprung des Amazonas in den Anden bis zur Einmündung in den Atlantik begegnet Bruce Parry Menschen aus den unterschiedlichsten Ethnien. Zunächst den Quechua im Bergland, anschließend den Ashaninca im höher gelegenen Urwald. Dabei durchquert er auch sehr gefährliche Gebiete. Insbesondere in der Zone, wo die Ashaninca leben, herrscht das ideale Klima für den Coca-Anbau. Dazu kommt, dass die sogenannte „rote Zone“ am Enne-Fluß zum Rückzugsgebiet des „Leuchtenden Pfades“ zählt, einer Terrororganisation, die insbesondere in den 1980er und 1990er sehr aktiv war. Unter den Indianerstämmen im Urwald haben damals insbesondere die Ashaninca sehr unter dem Terrorismus gelitten. Leider gibt es Anzeichen für verstärkte subversive Tätigkeiten verbunden mit einer Ausweitung des Coca-Anbaus in der dortigen Gegend. Die Leidtragenden sind – schon jetzt – leider wieder die Ashaninca.

Der erste Teil von „Abenteuer Amazonas“ gibt einen guten Einblick in die Problematik. Die Informationen decken sich mit denen, die ich direkt von einem Ashaninca erhalten habe.