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“Begegnungen in Peru“ – Neuauflage

Begegnungen in Peru_Cover_kl2Am 10. Juli erschien eine Neuauflage von “Begegnungen in Peru – Urwaldindianer auf dem Weg ins 21. Jahrhundert“.

Die Printausgabe (Pb., 112 S.) kostet € 7,90 (inkl. MwSt) und ist ab sofort im Buchhandel erhältlich (Achtung: neue ISBN: 978-3-7386-2127-3).

Eine eBook-Ausgabe (Kindle, iTunes, ePub) von “Begegnungen in Peru“ wird in Kürze erhältlich sein. Bis Ende August d.J. wird das eBook für einen Aktionspreis von € 4,99 (inkl. MwSt) erhältlich sein; der reguläre Preis wird danach € 5,99 (inkl. MwSt) betragen.

Jürgen H. Schmidt: Begegnungen in Peru. Urwaldindianer auf dem Weg ins 21. Jahrhundert. Norderstedt: Books on Demand, 2015. ISBN 978-3-7386-2127-3, Paperback, 112 Seiten, Preis: € 7,90 /- CHF 11,90 (inkl. MwSt).

Weitere Infos und Bezugsmöglichkeiten: www.jürgenschmidt.net

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Video über die Caquinte-Indianer

Caquinte-Indianer Peru klIn der Vergangenheit habe ich immer wieder auf die Caquinte-Indianer in Peru hingewiesen, so z.B. im letzten Artikel „Die Caquinte-Indianer und die Erdölgesellschaft“.

Gestern erhielt ich von einer früheren peruanischen Kollegin den Hinweis, dass kürzlich ein Video über die Caquinte veröffentlicht wurde. Obwohl´s schon etwas später war, musste ich mir den einstündigen Film natürlich sofort ansehen :-). Die Filmaufnahmen wurden im Dorf Tsoroja gedreht; dieses Dorf kenne ich recht gut, denn ich habe auf mehreren Reisen zwischen 2000 und 2005 dort insgesamt rund zweieinhalb Monate verbracht. So hat es mich dann auch sehr gefreut, viele bekannte Gesichter in dem Film zu sehen. Kein Grund zur Freude sind allerdings verschiedene Entwicklungen dort im Dorf und auch insgesamt innerhalb der Ethnie. Bei meiner Reise im vergangenen Jahr in das Caquinte-Dorf Quitepampani habe ich persönlich einen näheren Einblick in die Herausforderungen und die damit verbundenen Nöte erhalten. Diese kommen auch sehr gut in der auf Youtube veröffentlichten Dokumentation zum Ausdruck. Die Herausforderungen betreffen verschiedene Aspekte wie die Anerkennung der Caquinte als eigene Ethnie, das Bildungswesen und die Bildungschancen, die medizinische Versorgung, der Schutz ihrer Lebensgrundlage (Wasser, Wildbestände etc.) sowie die Präsenz einer Ölgesellschaft in ihrem Territorium.

Der Film „El Pueblo Indígena Kakinte (Caquinte)“ kann hier auf Youtube angesehen werden (Spanisch). Was mir sehr daran gefällt ist, dass die Caquinte darin selbst sehr ausführlich zu Wort kommen.

In mehreren Kapiteln meines Buchs „Begegnungen in Peru“ geht´s übrigens auch um die Caquinte-Indianer (und verschiedene Leute, die in o.g. Video interviewt werden). In der 3. aktualisierten und erweiterten Auflage habe ich auch ein weiteres Kapitel hinzugefügt, in dem ich von meinen Besuchen in das Caquinte-Dorf „Quitepampani“ in den Jahren 2005 und 2012 berichte.

Die Caquinte-Indianer und die Erdölgesellschaft

Mit einer Gesamtbevölkerung von ungefähr 400 Personen gehören die Caquinte-Indianer zu den kleineren Ethnien im peruanischen Amazonasgebiet. Caquinte-Indianer 2005Sie leben in einem abgelegeneren Gebiet des Urwaldes, südlich des Río Tambo und westlich des Río Urubamba, dort, wo die letzten Ausläufer der Anden ins Tiefland übergehen. Ebenso wie ihre direkten Nachbarn, die Ashaninca, Yine und Machiguenga, gehören sie zur Arawak-Sprachfamilie.

Bereits seit längerer Zeit wird im Gebiet des Nachbarstamms der Machiguenga Erdöl und Erdgas gefördert (Siehe auch die Artikel zu „Mysteriose Todesfälle bei den Machiguenga-Indianern“). Im Jahr 2005 wurden die Caquinte darüber informiert, dass ihr Gebiet im Zentrum eines neu ausgewiesenen Gebietes liegt (Lote 57), in dem nach Erdöl gesucht werden soll. Ich bekam damals noch die Anfänge mit, wie die Bevölkerung mit dieser neuen Situation konfrontiert wurde und versuchte, damit umzugehen. In meinem Buch „Begegnungen in Peru“ gehe ich kurz darauf ein:

„Bei meinem letzten Besuch, im Juni 2005 berichtete Josué, dass er im Mai als Vize-Dorfchef an einer Informationsveranstaltung in Sepahua teilnahm. Dort wurden sie darüber informiert, dass eine Erdölgesellschaft in ihrer Gegend nach Erdöl bohren wolle. Die Angelegenheit wurde von der peruanischen Regierung bereits Ende 2003 beschlossen, die Konzession im Januar 2004 vergeben. Die Caquinte erfuhren aber erst im Mai 2005 davon! Ich nahm wahr, dass die Einwohner von Tsoroja in dieser Frage in zwei Lager gespalten waren: Die Mehrheit wollte nicht, dass die Erdölgesellschaft kommt, nahm es aber etwas fatalistisch auf, nach dem Motto „da kann man ja sowieso nichts machen“. Die anderen wollten Fortschritt und Entwicklung und waren dafür. In den Gesprächen äußerten sie ihre Ängste, dass die Umwelt und damit ihre Lebensgrundlage zerstört werden. Aber auch, dass dabei die kulturelle Identität und das soziale Gleichgewicht unter ihnen gestört, bzw. zerstört werden. Da die Caquinte nur ein kleines Volk von insgesamt etwa 400 Personen sind, kann man sich vorstellen, welche Herausforderung, um nicht zu sagen Bedrohung, das Kommen der Erdölgesellschaft für diese Menschen bedeutet. Inzwischen hat sich die Angelegenheit soweit entwickelt, dass das Dorf Tsoroja der Erdölgesellschaft erlaubt hat, in ihrem Gebiet nach Erdöl zu suchen. Man darf gespannt sein, was daraus wird und ob die Sache gut geht …“ (Jürgen H. Schmidt, Begegnungen in Peru – Urwaldindianer auf dem Weg ins 21. Jahrhundert, S.87f).

Auch bei meiner vorerst letzten Reise – im Jahr 2005 – in das Caquinte-Dorf Quitepampani stellte sich die Situation ähnlich dar, wie in Tsoroja. Vergangenes Camp ÖlgesellschaftJahr hatte ich endlich wieder die Gelegenheit, nochmals das Dorf Quitepampani zu besuchen. (Siehe dazu meine Reiseberichte „Rohstoffabbau im Urwald – Herausforderungen und viele Fragen…“ sowie „Eindrücke einer Reise“. Auf dem Foto ist das Camp der Erdölgesellschaft in der Nähe des Dorfes Quitepampani zu sehen.)

Während meines einwöchigen Aufenthaltes hatte ich viele seelsorgerliche Gespräche mit Bewohnern des Dorfes. Ein Thema, das mir dabei ständig begegnete, waren der Streit und die Zwistigkeiten, die mit dem Umgang mit der Erdölgesellschaft und der Verteilung des erwarteten „Wohlstandes“ zu tun hatten. Es gab einen tiefen Riss im Dorf, der mitten durch Familien hindurch ging – mit entsprechend lautstarken Diskussionen!

Gestern veröffentlichte Servindi einen Bericht über eine kurzfristig anberaumte Versammlung der Caquinte-Organisation ODPK (die ODPK wurde 2005 aufgrund der Angelegenheit mit der Erdölgesellschaft gegründet), die am 28.April 2013 stattfand. Bei dieser Versammlung wurde der Erdölgesellschaft vorgeworfen, hinter Aktionen zu stecken, die versuchen das Volk der Caquinte zu spalten und letztlich zu zerstören. Gleichzeitig erkennen die Caquinte die Differenzen an, die innerhalb ihres Volkes in dieser Frage bestehen. Während der Versammlung wurde die Selbstverpflichtung erneuert, diese Differenzen zu überwinden, um gegen die Bedrohungen durch die Erdölgesellschaft und auch durch andere Gruppen, die das Volk spalten wollen, bestehen zu können. – Es ist Begegnungen in Peruden Caquinte wirklich zu wünschen, dass ihnen dies gelingen möge!

Weitere Infos über das Volk der Caquinte-Indianer finden Sie in meinem Buch „Begegnungen in Peru“, das sowohl als Printversion wie auch als eBook im Buchhandel erhältlich ist. – Der Junge auf dem Cover-Foto ist übrigens auch ein Caquinte… 🙂

Spuren von in Isolation lebenden Indianern in Peru entdeckt

Servindi.org informiert auf ihrer Internetseite über einen Bericht der Indianerorganisation AIDESEP (Region Ucayali). Demnach wurden am 7. März diesen Jahres im Murunahua Reservat klare Spuren einer in Isolation lebenden Ethnie entdeckt. Das Murunahua Reservat liegt im Amazonasgebiet in der Grenzregion zu Brasilien und wurde extra als Schutzgebiet für in Isolation lebende Gruppen eingerichtet. Leider dringen immer wieder illegale Holzfäller in dieses Gebiet ein, u.a. auf der Suche nach Mahagoni.

Das Auffinden klarer Hinweise isoliert lebender Indianer ist von großer Bedeutung. Es gibt derzeit – allein im peruanischen Urwald – etwa 14 – 17 Stämme, die in freiwilliger Isolation leben. D.h. sie leben irgendwo im Urwald – ohne Kontakt zur Außenwelt. Das bedeutet nicht, dass diese Gruppen nicht wüssten, dass es da noch andere Menschen gäbe. Aber sie vermeiden meist ganz bewusst den Kontakt. Das hat seine Gründe. Ein Grund ist der sogenannte „Kautschukboom“, der zwischen 1870 und 1915 seinen Höhepunkt hatte und sehr großen Einfluss ausübte. Für den Export, v.a. nach England wurden große Mengen an Kautschuk benötigt. Dazu wurde ein breit angelegtes System von Händlern aufgebaut, bis das Produkt letztlich in Europa ankam. An vorderster Front standen die Kautschuk-Patrone, die im Urwald ein Anwerbesystem aufbauten, durch das Indianer ausgebeutet und versklavt wurden. In der damaligen Zeit zog sich eine ganze Anzahl von Stämmen bewusst in den Urwald zurück, um der Versklavung und Ausbeutung zu entgehen. Manche dieser Gruppen öffneten sich 30 oder 50 Jahre später wieder, gründeten wieder Dörfer an den großen Flüssen, und setzten sich dadurch den Einflüssen der sie umgebenden Welt und der sogenannten „Zivilisation“ aus. Andere Gruppen bleiben bis heute in freiwilliger Isolation. Nur gelegentlich kommt es zu Kontakten, z.B. wenn Werkzeuge wie Macheten aufgebraucht sind und sie versuchen Nachschub zu bekommen. Manchmal kommt es auch zu „zufälligen Begegnungen“, oft mit Holzfällern – die nicht immer friedlich ablaufen. Einerseits reagieren diese isoliert lebenden Indianer oft recht aggressiv auf Außenstehende. – Die schlechten Erfahrungen ihrer Vorfahren haben sich stark ins Gedächtnis der Gruppe eingeprägt. Ein weiterer Grund ist, dass es immer wieder zu Morden an Indianern kommt, deren Anwesenheit u.a. Holzfällern (die oft auch illegal Tropenhölzer ausbeuten) ein Dorn im Auge ist.

Im Jahr 2010 wurde eine interessante Studie veröffentlicht: „DESPOJO TERRITORIAL, CONFICTO SOCIAL Y EXTERMINIO – Pueblos indígenas en situación de aislamiento, contacto esporádico y contacto inicial de la Amazonía peruana“. Sie kann hier als PDF-Dokument heruntergeladen werden.

Man kann den Titel folgendermaßen übersetzen: „Enteignung des Territoriums, sozialer Konflikt und Vernichtung. – Indigene Völker des peruanischen Amazonasgebietes in Isolation, sporadischem Kontakt und erstem Kontakt.“ Diese Studie ist sehr interessant, weil sie die Situation dieser besonders verwundbaren Völker m.E. sehr gut beschreibt. Es geht um Ethnien, die in 8 Gebieten des peruanischen Urwaldes leben. Diese Gruppen haben die Isolation als Überlebensstrategie gewählt. Es sind oft sehr kleine Sippenverbände, die zerstreut im Urwald leben. Sie sind sehr verwundbar:

  • Kleine Gruppen.
  • Anfällig für Epidemien, weil sie keine Antikörper für „Zivilisationskrankheiten“ haben.
  • Aufgrund ihres Lebensstils als Halbnomaden brauchen sie ein großes Territorium, um sich selbst versorgen zu können. Das ist typisch für Wildbeuter.

 Diese Gruppen sind verschiedenen Bedrohungen ausgesetzt:

  • Illegalem Holzschlag.
  • Dem Eindringen von Holzfällern oder von Siedlern.
  • Der Ausbeutung von Erdöl oder Erdgas.
  • Straßenbauprojekten – Straßenverbindungen von Peru nach Brasilien.
  • Projekten zum Bau von Wasserkraftanlagen zur Elektrizitätsgewinnung (Verkauf des Stroms nach Brasilien).
  • Krankheiten, Epidemien.

 Leider wird das Vorhandensein dieser Gruppen immer wieder geleugnet. Denn es gibt u.a. internationale Abkommen, z.B. die Konvention 169 der Internationalen Arbeitsorganisation, in dem es um internationale Rechte für indigene Völker geht. Peru hat diese Konvention im Jahr 1994 ratifiziert. Es ist unter anderem vorgeschrieben, dass indigene Völker bei Vorhaben, die ihre Lebensweise bzw. ihr Lebensumfeld und Territorium stark beeinflussen, vorher konsultiert und um ihre Zustimmung gebeten werden müssen. Dies ist insbesondere bei der Ausbeutung von Rohstoffen (Holz, Erdöl, Erdgas) der Fall.  Wie eine Landkarte zeigt (Seite 39 der Studie bzw. Seite 38 im PDF-Dokument), hat es ausgerechnet in manchen Gebieten, in denen Ethnien in freiwilliger Isolation leben, besonders viele Rohstoffe. Der springende Punkt ist folgender: Wenn es diese Gruppen nicht gibt, dann müssen sie auch nicht konsultiert und um Zustimmung gefragt werden!

Immer wieder stößt man aber auf klare Hinweise für das Vorhandensein dieser Gruppen:

  • Berichte über zufällige Begegnungen oder sogar Zwischenfälle.
  • Das Auffinden von Spuren, wie z.B. verlassene Schutzhütten (siehe z.B. (Seite 13 der Studie bzw. Seite 12 im PDF-Dokument).
  • Das Auffinden ganzer Gruppen, wie z.B. bei einem Erkundungsflug der Naturschutzbehörde am 18. September 2007 am río Las Piedras.

 Es ist schon interessant, aber auch erschreckend, wie sich die Geschichte irgendwie zu wiederholen scheint. Vor 100 Jahren waren diese Gruppen durch den starken Bedarf an Kautschuk, v.a. bei uns in Europa, bedroht. Heute sind sie u.a. auch durch unseren starken Bedarf nach Rohstoffen, insbesondere Erdöl bedroht…

Infos zur Kultur verschiedener Ethnien (Candoshi, Caquinte, Quechua Pastaza, Shipibo) im peruanischen Amazonasgebiet finden Sie übrigens auch in meinem Buch „Begegnungen in Peru“.

Eindrücke einer Reise

Meine diesjährige Perureise geht ihrem Ende entgegen und wie immer sind die Eindrücke vielfältig. Während der letzten vier Wochen hatte ich sehr viele Begegnungen und Gespräche mit Menschen verschiedener Nationalitäten und Kulturen – viele Informationen und Eindrücke zu vielerlei Themen. Und wie jedes Jahr gibt es auch manche äußerliche Veränderungen,  die ins Auge stechen, so z.B. ganze Straßenzüge mit neuen, modernen Ampeln in Pucallpa. Auch in dieser Urwaldstadt nimmt der Fortschritt von Jahr zu Jahr zu. Es sei sogar ein großer Supermarkt dort geplant, allerdings wäre das Stromnetz dafür noch nicht stabil genug. Auch die Handyrate hat weiter zugenommen, allerdings mit der Konsequenz, dass das Netz oft überlastet ist…
Die stärksten Eindrücke hat meine Reise in ein Dorf der Caquinte-Indianer hinterlassen, das ich zuletzt im Jahr 2005 besucht habe. Im vorherigen Blog-Artikel habe ich bereits ein bisschen davon berichtet. Bei diesem Besuch waren ja ganz dramatische äußerliche Veränderungen zu beobachten, angefangen bei den neuen Häusern, Stromgeneratoren und Rasenmähern bis hin zu den Lerncomputern (Laptops) in der Dorfschule. Hörte man während meines Besuchs vor 7 Jahren ein oder zweimal pro Woche das Geräusch eines Flugzeugs, dann war das viel; nun hört man täglich mehrfach wie Flugzeuge und Helikopter hin und her fliegen. Langfristig wird die Präsenz der Ölgesellschaft in der Gegend gravierende Auswirkungen auf das Leben haben: Die Wildbestände werden abnehmen bzw. das Wild wird sich in ruhigere Gebiete zurückziehen, die Fischbestände werden ebenfalls abnehmen, und mit dem Bau von Strassen werden Siedler auch in diesen Teil des Urwaldes vordringen und die Abholzung des Urwaldes wird ebenfalls zunehmen. Die große Frage die bleibt ist, wie es die Menschen schaffen werden, diese Veränderungen innerlich zu verarbeiten und sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen ohne irgendwie auf der Strecke zu bleiben.
Interessant war wieder einmal der Besuch bei meinem Patenkind in Lima. Vor eineinhalb Jahren ist die Familie in ein relativ neues Wohngebiet am Stadtrand umgezogen. Kurz nach dem Umzug wurden sie ans Stromnetz angeschlossen, seit Anfang des Jahres haben sie auch fließendes Wasser und Anschluss ans Abwassersystem. Vom Haus steht bisher nur der erste Stock, der eigentlich den Großeltern gehört, die unter der Woche in einem anderen Stadtteil ihr Geschäft betreiben. Im 2. Stock (derzeit das Dach) will die Familie Stück für Stück ihre eigene Wohnung bauen. Obwohl die Wohnfläche – verglichen mit der vorigen Wohnung großzügig bemessen ist, schläft die ganze Familie (Eltern, 2 Kinder) im selben Raum. Der große Fernseher (Flachbildschirm) im Wohnzimmer / Küche sendet eine fast paradoxe Botschaft – verglichen mit den Lebensverhältnissen der Familie (und ganz selbstverständlich haben beide Elternteile je ein Handy)… Durch den Umzug hat sich der Schulweg meines Patenkindes erheblich verlängert; i.d.R. verlässt es morgens gegen 6.00h das Haus und kehrt gegen 17.00 – 18.00h zurück. Dann stehen noch Hausaufgaben an… Der Vater arbeitet 12 Stunden täglich als Wächter in einem Haus in einem entfernten Stadtviertel (seit diesem Jahr offiziell auch mit Sozialversicherung), dazu kommt der Weg zur Arbeit und zurück mit öffentlichen Verkehrsmitteln, die Fahrtzeit beträgt jeweils etwa eineinhalb Stunden.Viel „Freizeit“ bleibt da nicht…

Rohstoffabbau im Urwald – Herausforderungen und viele Fragen…

Kürzlich kam ich von meiner Reise in ein Indinerdorf zurück, das ich vor 7 Jahren (2005) zuletzt besucht hatte. Die Veränderungen, die in dieser kurzen Zeit stattgefunden haben, waren immens. Rein äusserlich – abgesehen von der Lage des Dorfes – wäre es fast nicht wieder zu erkennen gewesen. Seit ein para Jahren ist eine Ölgesellschaft in der Gegend tätig. Vor 2 Jahren wurden dort neue Häuser gebaut, die meisten davon aus “material seminoble” bzw. “material noble” (d.h. bei zweigeschössigen Häusern ist das UG gemauert und das OG aus Holz, bei eingeschössigen Häusern ist alles gemauert).

Zu denken gab mir, was der Dorfchef bei meiner Ankunft sagte: “Es gibt hier materiellen Fortschritt, wir brauchen aber auch geistlichen Fortschritt”. Bei Gesprächen mit den Einwohnern kam immer wieder ans Licht, dass es in den vergangenen Jahren massive Spannungen innerhalb der Dorfgemeinschaft gab – ausgelöst durch die Frage, was denn angesichts der Präsenz der Ölgesellschaft das Beste sei. Immer wieder gab es bei Dorfversammlungen hitzige Diskussionen – auch während meines Aufenthalts. Und leider gehen die Zwistigkeiten mitten durch Familien hindurch – inklussive der kleinen Gemeinde am Ort.

Viele hätten am Liebsten (viel) Bargeld von der Ölgesellschaft erhalten, um alles Mögliche kaufen zu können – solange, bis das Geld eben aufgebraucht ist. Nur ganz wenige denken längerfristig an die Entwicklung des Dorfes und den Aufbau einer tragfähigen Zukunft – für sich selbst und ihre Kinder, um eine mögliche finanzielle Abhängigkeit zu vermeiden. Wie bereits an vielen anderen Orten im Urwald wird es früher oder später auch dort zu starken Veränderungen in der Umwelt kommen, u.a. ist mit einem Rückgang der Wild- und Fischbestände zu rechnen.

Kurz nach meiner Reise las ich im Magazin “EINS“ (Ausgabe 2/2012, S. 31) in einem kurzen Bericht über die Kampagne “Licht ins Dunkel“ mit dem Titel “10.000 Stimmen für mehr Transparenz und weniger Armut“ folgendes:

„Es ist ein Skandal. Rund 3,5 Milliarden Menschen leben in Ländern, die reich an Öl, Gas und anderen Bodenschätzen sind. Tragischerweise profitieren arme Menschen aus den vom Rohstoffabbau betroffenen Gebieten selten von den Einnahmen. Verantwortungsträger aus der EU müssen jetzt handeln und sicherstellen, dass das Geld an den richtigen Stellen landet.“

Nun, diese Aussage ist sicher richtig. Nur, anhand dessen, was ich von der kürzlich besuchten Ethnie (und auch anderen Ethnien) weiß, stellt sich für mich die Frage: Welches sind die richtigen Stellen??? – Denn m.E. ist diese Frage in der Praxis gar nicht so einfach zu beantworten! (Z.B. wenn ich an das kürzlich besuchte Dorf denke.) Denn die sozialen und wirtschftlichen Herausforderungen sind enorm, z.B. für eine Dorfgemeinschaft, die bisher kaum mit der Verwaltung von Geldern betraut war, höchstens vielleicht in sehr begrenztem Umfang mit kleinen Summen. Plötzlich stehen dann S/ 100.000,– (Nuevos Soles, ca. 34.000 Euro) pro Jahr zur Verfügung (wie im konkreten Fall) – für die Leute eine sehr grosse Summe – , die sinnvoll eingesetzt werden sollen. Was geschieht? – Heftiger Streit über die Verwendung der Mittel entsteht. Am Ende der Diskussion wird jeder Familie im Dorf dersselbe Betrag zugewiesen. Manche werden diesen sinnvoll einsetzen, die Meisten werden ihn vermutlich irgendwie verbrauchen. Im Dorf wird der Unterschied und Abstand zwischen denen, die ihre Mittel weise einsetzen und vermehren, und denen, die das nicht schaffen, wachsen. Das produziert Neid und eine Kluft zwischen Menschen, die bisher materiell weitgehend gleichgestellt waren, entsteht. Abgesehen von anderen Nebenwirkungen, die bereits in vielen Dörfern mit ähnlicher Situation beobachtet werden können, u.a. steigender Alkoholkonsum mit starken Getränken wie Bier und „agua ardiente“ („Feuerwasser“), die den traditionellen Masato ersetzen.

Was die Menschen in ihrer Situation eigentlich bräuchten wäre eine gute und langfristige (mindestens 5 – 10 Jahre) Begleitung, um die ganzen sozialen und wirtschaftlichen Veränderungsprozesse Stück für Stück zu begleiten (inklussive geistlicher Begleitung). Die entsprechenden Personen müssten Sprache und Kultur der Ethnie kennen und über umfangreiche Kenntnisse in verschiedenen Bereichen verfügen (ethnologische, juristische, wirtschaftliche, ökologische etc.), außerdem müssten sie wirklich Unabhängig von fremden Interessen (sei es der Ölfirmen oder des Staates) arbeiten können. Nur, wer kann das alles leisten?

Es gibt zwar verschiedene Organisationen, die sich für den Schutz der Umwelt und/oder ethnischer Minderheiten einsetzen. Leider ist aber zu beobachten, dass die Menschen dann, wenn sie wirklich Hilfe bräuchten, z.B. durch die Beratung und Vertretung durch gute Fachanwälte, diese (über)lebenswichtige Unterstützung im Paragraphen-Dschungel der modernen Welt schlichtweg nicht zur Verfügung steht. – Und auch hier bleibt die Frage: Welches sind die richtigen Stellen, die den Menschen wirklich helfen können???

Caquinte-Indianer vom Verlust ihrer kulturellen Identität bedroht

Bei Recherchen auf der Internetseite von Servindi stieß ich „zufällig“ auch auf folgendes Video über die Caquinte-Indianer (Kakinte) in Peru.

Als Missionare haben wir diese relativ kleine Ethnie mehrere Jahre begleitet. Daher hat es mich sehr gefreut, darin bekannte Gesichter zu sehen, insbesondere auch Moisés, von dem ein Kapitel in meinem Buch „Begegnungen in Peru“ handelt. Wir haben ihn kennengelernt, als er in Yarina die Ausbildung zum Primarschul-Lehrer machte, und ihn in dieser Zeit immer wieder finanziell unterstützt.
Moisés ist inzwischen Lehrer in seinem Dorf Tsoroja,  außerdem ist er der Leiter und Gründer der „ODPK“ (Organización de Desarrollo del Pueblo Kakinte) – Organisation für die Entwicklung des Volkes der Kakinte.

Der auf Youtube veröffentliche Film trägt den Titel „Kampf für das Überleben des Kakinte-Volkes“. Die Kakinte (Caquinte) gehören zu den kleinen Volksgruppen in Peru. Sie leben sehr abgelegen, und gehören zu den Gruppen, die vom Aussterben bedroht sind. Ein wesentlicher Faktor, der zum Verlust ihrer kulturellen Identität beiträgt sind fehlende Lehrer. Denn Moisés ist derzeit der einzige, der die Kinder seiner Volksgruppe in der Muttersprache unterrichten kann. Die anderen Lehrer – insbesondere in den anderen Dörfern – stammen aus Nachbarstämmen, die zwar derselben Sprachfamilie angehören, aber doch andere Sprachen sprechen. Das ist ungefähr so, wie wenn ein spanisches Kind in Spanien von einem italienischen Lehrer in Italienisch unterrichtet wird…
Außerdem gibt es (nach Aussagen im Video) wohl Schwierigkeiten mit einer Erdölgesellschaft, die in der Region Erdgas fördern möchte…
Eine gewisse Problematik ist, dass die Kakinte bisher – laut diesem Video – offiziell nicht als eigenständige Volksgruppe anerkannt werden, sondern meist als Asháninka betrachtet werden – eine benachbarte Ethnie mit einer recht großen Bevölkerung. Dadurch wurden die Kakinte in den vergangenen Jahrzehnten oft marginalisiert und vom Staat vergessen.
Weitere Infos über die Volksgruppe der Caquinte-Indianer gibt´s in „Begegnungen in Peru“ (S. 73 – 96) – demnächst übrigens auch als eBook.

Artikel (in spanischer Sprache) auf Servindi über die Kakinte-Indianer:

http://servindi.org/actualidad/47187#more-47187

http://servindi.org/actualidad/38865

http://servindi.org/actualidad/33704