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Gedanken zum 600. Todestag von Jan Hus

Der Geburtstag von Jan (Johannes) Hus lässt sich leider nicht mit Sicherheit festlegen, er wird – je nach Kirchengeschichtsbuch – zwischen 1369 und 1371 angegeben. Dafür ist aber der Tag seines Todes umso bekannter – der 6. Juli 1415. An diesem Tag wurde er vom Konstanzer Konzil im Dom von Konstanz zum „Ketzer“ erklärt. Anschließend übergab man ihn dem „weltlichen Gericht“, das die Drecksarbeit ausführen durfte und ihn noch am selben Tag auf dem Scheiterhaufen verbrannte. Seine Asche wurde anschließend in den Rhein geschüttet.

Hus wurde stark von den Schriften des Engländers John Wyclif (etwa 1320 bis 1384) beeinflusst. In diesen übte Wyclif starke Kritik am Reliquien- und Wallfahrtswesen, Ablässen sowie am Amt des Papstes. Er hob hervor, dass die Bibel die Quelle aller christlichen Erkenntnis ist und widmete sich u.a. auch der Übersetzung der Vulgata (lateinische Bibel) in die englische Sprache. Hus, der in Prag sowohl als Universitätsprofessor wie auch als Prediger in der St. Michaelskirche tätig war, nahm viele der Ideen Wyclifs auf und verbreitete diese. An der Hochschule bildete sich einerseits um Hus ein Kreis von Anhängern der Lehren Wyclifs, andererseits regte sich auch heftiger Widerstand. Da Hus nicht nachgab wurde er mit dem Bann belegt und exkommuniziert. Drei Jahre lebte er als Gebannter und verbrachte diese Zeit überwiegend in Südböhmen.

Da die Kirche zur damaligen Zeit sehr gespalten war (es gab drei Päpste, die sich untereinander stritten) lies Kaiser Sigmund von November 1414 bis April 1418 das Konzil von Konstanz abhalten, um die Spaltungen zu überwinden und Reformen vorzunehmen. Sigmund wollte dort auch die „böhmische Frage“ lösen. Daher wurde Hus zum Konzil vorgeladen. Da Hus vom Kaiser freies Geleit zugesichert wurde, war Hus – trotz verschiedener Warnungen – bereit nach Konstanz zu reisen, wo er am 3. November 1414 ankam. Nach einer ersten Unterredung mit Kardinälen, Ende November 1414, wurde seine Inhaftierung beschlossen. Als Kaiser Sigmund in Konstanz eintraf erteilte er die Genehmigung, den Ketzerprozess gegen Hus weiterzuführen und ihn in Haft zu lassen. Die Konzilsherren versuchten Hus dazu zu bewegen, seinen „Ketzereien“ abzuschwören und zu widerrufen. Hus beharrte darauf, dass die Heilige Schrift der alleinige Maßstab für die christliche Lehre sei. Er sei bereit abzuschwören, wenn man ihn aus der Schrift überzeugen könne – doch offensichtlich war man dazu nicht in der Lage. Im Kerker wurde Hus eine Widerrufsschrift vorgelegt, doch er blieb standhaft was zu seiner Verurteilung als „Ketzer“ und seinem Tod führte.

Weitere Infos zu Hus finden Sie in meinem eBook “Glaubensspuren – von Böhmen nach Sachsen. Johannes Hus und Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf“.

In den 600 Jahren seit Hus´ Tod hat sich inzwischen vieles ereignet.

Hus wird zusammen mit John Wyclif und anderen zu den „Vorreformatoren“ gezählt. Er soll angeblich vor seiner Verbrennung gesagt haben: „Heute bratet ihr eine Gans, aber aus der Asche wird ein Schwan entstehen.“ – Der tschechische Name „Hus“ bedeutet „Gans“; der Schwan wird auf den Reformator Martin Luther bezogen. Der „Fall Hus“ hatte auch Einfluss auf Martin Luther und es finden sich so manche Parallelen zwischen den beiden Fällen. Bei der Leipziger Disputation (1519) hat Johannes Eck seinen „Widersacher“ Martin Luther auf Lehraussagen von Johannes Hus hingewiesen, die vom Konstanzer Konzil 1415 verurteilt wurden. Dies brachte Luther zu der schockierenden Erkenntnis, dass sowohl Papst, als auch Konzilien irren können. Luther und die anderen Reformatoren haben (ebenso wie Wyclif und Hus vor ihnen) ausschließlich die Bibel als einzige Autorität und einzigen Maßstab in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung anerkannt. Sola Scriptura – Allein die Schrift – wurde zu einem der fünf Kernpunkte (fünf Solas) der reformatorischen Lehre.

Im Gegensatz dazu hielt die römisch katholische Kirche weiterhin an anderen zusätzlichen „Autoritäten“ und „Maßstäben“ neben der Heiligen Schrift fest, nämlich der Tradition und der Autorität der Kirche (kirchliches Lehramt). So wurden seither auch weitere Dogmen festgelegt, die nicht aus der Bibel begründet werden können wie z.B. das Dogma von der unbefleckten Empfängnis Marias (1854), das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes (1870) und das Dogma der leiblichen Himmelfahrt Marias (1950). Außerdem haben sich die von den Reformatoren kritisierten Lehren der katholischen Kirche (u.a. Rechtfertigung, Ablass, Fegefeuer, etc.) nicht grundlegend geändert (s.a. „Luther, die Schmalkaldischen Artikel und die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“).

Leider verlief auch die Entwicklung der aus der Reformation hervorgegangenen protestantischen Kirchen nicht gerade erfreulich. Insbesondere seit dem Aufkommen der modernen Bibelkritik vor über 200 Jahren kam es zu dramatischen Veränderungen. Mein Eindruck ist, dass heute zwar noch nominell, aus Tradition, am „Sola Scriptura“ festgehalten wird, in der Praxis haben sich aber ebenfalls zwei weitere „Autoritäten“ und „Maßstäbe“ neben der Heiligen Schrift etabliert, die (wie in der römisch katholischen Kirche) letztlich über der Schrift stehen: 1) die historisch-kritische „Bibelwissenschaft“ (zur angeblichen „Wissenschaftlichkeit“ siehe die Vorträge und Bücher von Eta Linnemann) sowie 2) der Zeitgeist (d.h. die Anpassung an die 51% Mehrheit und das, was gesellschaftsfähig ist). Ich wies bereits in meinem Artikel „Sola Scriptura?!“ darauf hin, dass heute die Inspiration (und Wahrheit) der Heiligen Schrift offiziell von der EKD angezweifelt wird. Was dort hinsichtlich der Reformatoren ausgesagt wird („Seit dem siebzehnten Jahrhundert werden die biblischen Texte historisch-kritisch erforscht. Deshalb können sie nicht mehr so wie zur Zeit der Reformatoren als »Wort Gottes« verstanden werden. Die Reformatoren waren ja grundsätzlich davon ausgegangen, dass die biblischen Texte wirklich von Gott selbst gegeben waren. Angesichts von unterschiedlichen Versionen eines Textabschnitts oder der Entdeckung verschiedener Textschichten lässt sich diese Vorstellung so nicht mehr halten.“ in: Rechtfertigung und Freiheit. 500 Jahre Reformation 2017. Ein Grundlagentext des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), S.84.) gilt auch für Hus. Anders formuliert ist die heutige Sicht der Dinge folgende: Ihr habt damals geglaubt, dass die Bibel wirklich Gottes Wort sei – wir wissen es heute (aufgrund der modernen Bibelkritik) besser. Ihr habt damals zwar sehr für eure Überzeugungen geeifert und gekämpft – aber eigentlich ohne tragfähige Grundlage. Viele von euch haben sich in Lebensgefahr begeben und sogar mit ihrem Leben bezahlt – aber eigentlich war es das nicht Wert, weil ihr in eurer damaligen Unwissenheit von falschen Voraussetzungen ausgegangen seid… – Ich vermute mal, Wyclif, Hus, Luther, Calvin – und viele andere – würden angesichts dieser Sichtweise ungläubig den Kopf schütteln oder sich im Grabe umdrehen. Sie waren überzeugt von der Wahrheit und Autorität der Bibel; davon, dass die Heilige Schrift wirklich durch den Heiligen Geist inspiriert ist und sich Gott darin geoffenbart hatte (und es gibt gute Gründe dafür, an dieser Sichtweise auch heute festzuhalten – trotz moderner Bibelkritik). Es war ihnen ein Anliegen, dass die Bibel in die jeweilige Landessprache übersetzt und dem Volk zugänglich gemacht wird. Sie haben heftigsten Widerstand für ihre Überzeugungen in Kauf genommen und erduldet.

Auffällig ist, dass obwohl die Bibel weltweit ein Bestseller ist, dieses Buch weiterhin so umkämpft ist. Nach meiner Beobachtung wird dieser Kampf um die Bibel auf verschiedenen Ebenen ausgetragen: 1) Der Versuch, Menschen den Zugang zur Bibel zu verwehren (z.B. durch Verbote in islamischen oder kommunistischen Ländern). 2) Der Versuch, die Bibel (ihre Botschaft, Inspiration, Wahrheit) zu diskreditieren (ironischerweise haben „Theologen“ da „bessere“ Arbeit geleistet als Gegner des Christentums). 3) Der Versuch, Menschen, die die Bibel wirklich als inspiriertes Wort Gottes anerkennen zu diskreditieren (indem man sie als „unwissenschaftlich“, „ewig gestrig“, „minderbemittelt“ oder wie auch immer darstellt). Ich habe den Eindruck, dass all diese Versuche u.a. Ausdruck einer Furcht vor dem ist, was geschehen könnte, wenn sich Menschen, Bevölkerungsgruppen oder gar ganze Völker dem stellen und darauf hören, was Gott in seinem Wort geoffenbart hat. Gottes Wort hat den Menschen – sein Denken und sein Handeln – zu jeder Zeit in Frage gestellt. Das ist unangenehm, das ist demütigend (denn Gott macht deutlich, dass ER das Maß aller Dinge ist, und nicht der Mensch), und das ist mitunter gefährlich für den Status Quo, sowie für die jeweiligen Machthaber. Aber das Wichtigste ist, bei Gottes Offenbarung durch sein Wort geht es um das Evangelium. Es geht darum, wie Menschen gerettet werden können: Allein aus Gnade, allein aus Glauben und allein durch Christus!

Ich bin dankbar für Jan Hus, John Wyclif, Martin Luther, Johannes Calvin, Johannes Brenz und viele andere, die auf die Bibel hingewiesen haben, für ihre Wahrheit eingestanden sind und für ihre Verbreitung gesorgt haben. Nein, Jan Hus ist am 6. Juli 1415 nicht umsonst in Konstanz gestorben, er hat genau begriffen worum´s geht und was für ihn persönlich auf dem Spiel steht.

„Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.“ (Jesaja 40,8)

„Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen.“ (Matthäus 24,35)

„Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen. Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht: »Der Gerechte wird aus Glauben leben.« Denn Gottes Zorn wird vom Himmel her offenbart über alles gottlose Wesen und alle Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit durch Ungerechtigkeit niederhalten.“ (Römer 1,16-18)

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Integration ist etwas anderes als Assimilation

Derzeit ist Integration ein aktuelles Thema in diesem unseren Lande. Allerdings habe ich gelegentlich den Eindruck, dass man über Integration spricht und Assimilation meint… Doch Integration ist etwas anderes als Assimilation:

„Wenn man also in einem anderen Kulturkreis für längere Zeit lebt, dann ist man auch gefordert, die Kultur des Gastlandes kennenzulernen und sich in gewisser Weise zu integrieren. Dies geschieht indem man die Sprache erlernt, denn sie ist die Grundlage, um einen guten Zugang zur Kultur zu erhalten. Mit dazu gehört die Anpassung an die Gepflogenheiten des Landes, das Pflegen von Beziehungen mit Einheimischen und das Vermeiden von allem, was unnötig Anstoß erregt. Integration bedeutet jedoch nicht seine eigene kulturelle Identität aufzugeben, denn das wäre Assimilation. Integration erfolgt, indem man sich bewusst in das neue Lebensumfeld einfügt und positive Beziehungen zu den Angehörigen des Gastlandes pflegt, obwohl man eine andere kulturelle Identität hat und diese beibehält. Dabei geschieht es sehr wohl, dass diese kulturelle Identität durch den Kontakt mit der anderen Kultur verändert und bereichert wird.“ Jürgen H. Schmidt: Basics interkultureller Kommunikation, S.131f.

“Yes we can!“ – im Licht der Literarkritik

Barack Obama war es, der die drei Worte „Yes we can!“ bekannt machte. Ja, der vielmehr selbst durch diese Worte bekannt wurde! Auch wenn sich in 50 Jahren fast niemand mehr an die Erfolge des 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten erinnern wird, durch das Aussprechen dieser drei magischen Worte wird er für immer im kollektiven Gedächtnis der Weltgeschichte bleiben – so, wie der 35. Präsident durch sein klares Bekenntnis: „Ick bin ein Berliner!“

Allerdings habe ich es schon länger geahnt: Obama war nicht der erste, der diese Worte, die ihn berühmt gemacht haben, gesprochen hat. Als erfahrenem Vater von drei Kindern, der unzählige Folgen von „Bob der Baumeister“ gesehen hat (in 3 Sprachen: Deutsch, Schweizerdeutsch: „Bob de Boumaa“ und Spanisch: „Bob el Constructor“), kamen mir diese Worte schon lange allzu bekannt vor. Denn die Hauptaussage, die in jeder Folge von „Bob der Baumeister“ x-mal wiederholt wird, hat sich unauslöschlich in mein Gedächtnis eingebrannt: „Können wir das schaffen? – Joh, wir schaffen das!“ (CH: „Chönned mirs flickä? – Sicher, klar!“  Spanisch: ¿Podemos hacerlo? ¡Sí podemos!).

Und tatsächlich, das Youtuben (d.h. googeln auf Youtube) hat mir Gewissheit und meiner armen Seele Ruhe verschafft. In der Originalausgabe von „Bob the Builder“ geht der Dialog folgendermaßen: „Can we fix it? – YES WE CAN!

Nun stellt sich natürlich die entscheidende Frage: Wie lässt sich erklären, dass Obama in seiner Rede dieselben Worte verwendet hat, wie der Autor von „Bob the Builder“? Ganz davon zu schweigen, ob es gerecht ist, dass der eine dafür ewigen Ruhm erhält, während der andere – außer von erfahrenen Vätern und ihren Kindern – kaum beachtet wird?!
Also, wie lässt sich die Verwendung derselben Worte – und die gleichzeitige Verschiedenheit (Rede von Obama / Geschichten von Bob) erklären?
Da wir es hier mit einer Art „synoptischem Problem“ zu tun haben, stellt uns die moderne Theologie mit ihrer Literarkritik entsprechende Werkzeuge zur Verfügung. Dabei können wir zwei grundsätzliche Ansätze unterscheiden: 1) Lösungsversuche im Rahmen einer Abhängigkeitserklärung. 2) Lösungsversuche im Rahmen der Unabhängigkeitserklärung (hier ist nicht die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten gemeint, sondern dass Obama und der Autor von Bob nichts miteinander zu tun haben).

1) Lösungsversuche im Rahmen einer Abhängigkeitserklärung

Diese Lösungsversuche gehen davon aus, dass eine literarische Abhängigkeit zwischen der Rede Obamas und den Geschichten von Bob the Builder besteht.

Hier möchte ich kurz zwei mögliche Ansätze vorstellen:

a) Die Benutzungshypothese – mir gefällt allerdings mehr der moderne und zeitgenössische Begriff „Plagiatshypothese“ (diesen hat – laut Google – vor mir nämlich noch kein anderer Theologe verwendet 🙂 ).
Die Plagiatshypothese besagt, dass Obama beim Schreiben seiner Rede eine Vorlage hatte und daraus abschrieb, allerdings ohne die übernommenen Worte explizit als Zitat zu kennzeichnen. Vielleicht hat er als erfahrener Vater mit seinen Kindern regelmäßig „Bob the Builder“ angeschaut und der Dialog hat sich (wie bei mir) tief bei ihm eingegraben? Die Frage wäre dann allerdings, ob er die Worte vorsätzlich und bewusst übernommen hat, oder ob das eher unbewusst geschehen ist? Aus eigener Erfahrung könnte ich mir eher das Zweite vorstellen…  Ein weiterer Einwand ist, ob die Übernahme eines kurzen Satzes schon als Plagiat – und damit möglicherweise auch als Urheberrechtsverletzung – zu werten ist? Es gibt viele Sätze mit drei Worten: „Ich habe Hunger!“ „Ich liebe Dich!“ etc. – Ganz zu schweigen von dem Problem, eindeutig den Urheber dieser Kurz-Sätze ausfindig zu machen!

b) Die Zweiquellenhypothese
Vergleicht man Obamas Rede mit den Bob-Filmen, dann wird man gewisse Ähnlichkeiten in den Themen feststellen: Es geht um´s Aufbauen. Es geht darum, Dinge zum Guten zu wenden. Es geht darum, die Leute zu ermutigen, zu motivieren und deutlich zu machen, dass wir es gemeinsam schaffen und bewältigen. Die Zweiquellenhypothese besagt, dass Obama und dem Autor von Bob zwei Quellen zur Verfügung standen, aus denen sie ihr jeweiliges Material zusammentrugen: 1) Ein Rahmenwerk (R), aus dem sie die Ideen zur Storyline bezogen haben. 2) Eine Redequelle (Q), aus dem z.B. die Worte „Yes we can!“ stammen. Manche Theologen haben diese Zweiquellenhypothese sogar zu einer Vierquellenhypothese ausgebaut, und um zwei weitere Quellen ergänzt: 3) Die Quelle O, d.h. das Sondergut von Obama (also all das, was bei Obama, aber nicht in den Bob-Filmen vorkommt). 4) Die Quelle B, d.h. das Sondergut von Bob (also all das, was bei Bob, aber nicht in Obamas Rede vorkommt). Während die Vierquellenhypothese bald wieder verworfen wurde, gilt heute die Zweiquellenhypothese als wissenschaftlich bzw. politisch korrekt. Ich weiß aber nicht, ob der Autor von Bob und Obama damit einverstanden wären… – denn es bestehen doch gewisse Ähnlichkeiten mit der Plagiatshypothese und das ist sowohl für Autoren wie auch für Politiker ein bisschen problematisch.

2) Lösungsversuche im Rahmen der Unabhängigkeitserklärung

Diese Lösungsversuche gehen davon aus, dass Obama und der Autor von Bob ihre Werke unabhängig voneinander geschrieben haben, d.h. es besteht eine gegenseitige literarische Unabhängigkeit.

a) Der schriftliche Ur-Baumeister
Ausgangsbasis ist die Existenz eines schriftlichen Werkes in aramäischer Sprache, das wir an dieser Stelle als den „Ur-Baumeister“ bezeichnen wollen. Dieser schriftliche Ur-Baumeister wurde nun in verschiedene Sprachen übersetzt und dabei bearbeitet. Das Problem bei dieser Hypothese ist allerdings, dass es zwar die Ähnlichkeiten („Yes we can!“) durchaus erklären kann, aber nicht die Unterschiede – trotz gemeinsamer schriftlicher Vorlage.

b) Der mündliche Ur-Baumeister (Traditionshypothese)
Diese Hypothese geht von der Existenz eines mündlichen Ur-Baumeisters (in aramäischer und/oder griechischer Sprache) aus. Indem die Geschichte immer wieder weitererzählt wurde kam es zu einem Prozess mündlicher Überlieferung. Irgendwann wurden dann Notizen in aramäischer oder griechischer Sprache gemacht. Diese Notizen wurden der besseren Verständlichkeit halber dann in verschiedene englischsprachige Fassungen übertragen. Die entsprechenden Fassungen entsprechen der Periode der schriftlichen Niederlegung (Bob entstand noch vor dem Wechsel ins neue Millenium, Obamas Rede erst ein knappes Jahrzehnt später). Die literarischen Unterschiede in den beiden Werken werden auf die unterschiedliche Ausbildung und Kapazität der Autoren zurückgeführt. Sicher spielt in diesem Fall auch die jeweilige Zielgruppe noch eine Rolle: Wähler bzw. Kinder.

c) Die Fragmententheorie
Hier geht man von der Existenz früher schriftlicher Aufzeichnungen über den Baumeister aus. In einer ersten Stufe gab es direkte unabhängige Aufzeichnungen, z.B. über Taten, Herausforderungen und Worte des Baumeisters. In einer zweiten Stufe wurden diese unabhängigen Aufzeichnungen zusammengestellt (Sammlung der Taten, Sammlung der Herausforderungen, Sammlung der Worte, etc.). In einer dritten Stufe wurden diese Sammlungen verschiedener Herkunft zu einem Werk zusammengefügt – d.h. es entstanden einerseits Obamas Rede als auch Bob the Builder aus Fragmentensammlungen unterschiedlicher Herkunft. Das Problem ist nur, dass man bisher keine Spuren solch früher Aufzeichnungen gefunden hat…

Vielleicht raucht Ihnen nach dieser Fülle von Hypothesen und dem Ausflug in den Dschungel moderner Theologie (falls Sie es überhaupt geschafft haben, den Artikel bis hier zu lesen – auf jeden Fall herzlichen Glückwunsch, Sie haben´s gleich geschafft!) der Kopf? Vielleicht beginnen Sie sogar zu zweifeln – an Bob, oder sogar an Obama? Und überhaupt: Hat Obama überhaupt „Yes we can!“ gesagt? – Oder handelt es sich dabei um „unechte Obama-Worte“? (D.h. Obama habe diese Aussage nie so gemacht, sondern seine Anhänger hätten sie ihm nachträglich in den Mund gelegt…) In diesem Fall kann ich Sie beruhigen: Augenzeugen und moderne Fernsehaufzeichnungen belegen uns die Tatsache, dass er es gesagt hat (vorausgesetzt, es war Obama selbst, der diese Rede gehalten hat und nicht sein Double…).

Jesus und die Schreiber der vier Evangelien haben es da viel schwerer – leider gab es damals noch kein Fernsehen. Die Augenzeugen von damals und ihre Berichte wurden in den vergangenen 200 Jahren dermaßen diskreditiert, dass sie heute kaum noch ernst genommen werden – und das, obwohl sie für die Wahrheit ihrer Berichte mit ihrem eigenen Leben einstanden.

Falls dieser Artikel bei Ihnen vielleicht doch gewisse Zweifel an den Methoden der Bibelkritik geweckt haben sollte, dann empfehle ich Ihnen den kurzen Artikel „Eta Linnemann – von der Bibelkritikerin zum Kind Gottes“ sowie die Bücher und Vorträge von Prof. Dr. Eta Linnemann (kostenlos bei Sermon-Online downloadbar).

Und falls Sie von alledem nichts verstanden haben und moderne Theologie auch kein Thema für Sie ist  – machen Sie sich keine Sorgen, das ist keine wirkliche Wissenslücke, Sie haben im Grunde nichts Wichtiges verpasst. Ich würde Ihnen nur eines empfehlen: Gehen Sie weiterhin von der Redlichkeit Barack Obamas beim Schreiben seiner Rede – und von der Redlichkeit der Evangelisten beim Schreiben Ihrer Berichte über das Leben Jesu aus.

Eta Linnemann – von der Bibelkritikerin zum Kind Gottes

Prof. Dr. Eta Linnemann (1926 – 2009) studierte in Marburg Theologie, u.a. bei Rudolf Bultmann („Entmythologisierung“). Sie wurde dann Professorin für Theologie an der TU in Braunschweig sowie Honorarprofessorin für Neues Testament in Marburg. Als Theologieprofessorin war sie eine überzeugte Verfechterin der historisch-kritischen Theologie – bis sie eines Tages zu einer lebendigen Beziehung mit Jesus Christus fand.

Ein Resultat ihrer Bekehrung war, dass Eta Linnemann damit begann sich kritisch mit der Bibelkritik auseinanderzusetzen. Eine Konsequenz davon war, dass sie ihre Bücher „Gleichnisse Jesu – Einführung und Auslegung“ und „Studien zur Passionsgeschichte“ verwarf, da sie sich vollständig von der Bibelkritik abwandte. Im Gegenzug entstanden neue Bücher, in denen sie die Glaubwürdigkeit der Bibel verteidigt und entlarvt, wie es um die angebliche „Wissenschaftlichkeit“ der historisch-kritischen Methode wirklich bestellt ist.

Auf der Internetseite des Gemeindenetzwerk wurde das persönliche Zeugnis von Eta Linnemann „Warum ich als Theologieprofessorin ausstieg“ veröffentlicht.

Bei Sermon-Online wurden mehrere Vorträge von Eta Linnemann veröffentlich; sie können dort im mp3-Format heruntergeladen werden. Ein guter Einstieg ist der Vortrag „Kritik der Bibelkritik – Teil 1/5 – Von der Bibelkritikerin zum Kind Gottes“, in dem sie sehr ausführlich über ihre Bekehrung berichtet.

Bibliografie:

Eta Linnemann: Die Bibel oder die Bibelkritik?: Was ist glaubwürdig? VTR, 2007: Die Bibel oder die Bibelkritik?: Was ist glaubwürdig?

Eta Linnemann: Bibelkritik auf dem Prüfstand: Wie wissenschaftlich ist die „wissenschaftliche Theologie“? VTR, 1999: Bibelkritik auf dem Prüfstand: Wie wissenschaftlich ist die „wissenschaftliche Theologie“?

Eta Linnemann: Gibt es ein synoptisches Problem? VTR, 1999: Gibt es ein synoptisches Problem?

Eta Linnemann: Original oder Fälschung – Historisch-kritische Theologie im Licht der Bibel. CLV, 1994: Original oder Fälschung: Historisch-kritische Theologie im Licht der Bibel

Eta Linnemann: Wissenschaft oder Meinung? Anfragen und Alternativen. Hänssler, 1986: Wissenschaft oder Meinung?: Anfragen und Alternativen

Bibelkritik: Wissenschaft oder Meinung?

Hab gerade das Buch „Wissenschaft oder Meinung?“ fertig gelesen. Darin hinterfragt Frau Prof. Dr. Eta Linnemann kritisch die so selbstverständlich gewordene Wissenschaftsgläubigkeit. Sie definiert dabei die Grenze zwischen wissenschaftlichem Arbeiten und bloßen Meinungen neu und macht auf überzeugende Weise deutlich, dass ein auf die Bibel gegründetes Denken eine gute Grundlage für ein sauberes, wissenschaftliches Arbeiten bietet.
Als Theologin geht sie dabei insbesondere auf die als “wissenschaftlich” anerkannte historisch-kritische Methode ein, erklärt und beleuchtet deren Denkvoraussetzungen, und hinterfragt dabei auch kritisch die angebliche “Wissenschaftlichkeit” dieser Methode. – Als ehemalige “Insiderin” kennt sie sich natürlich bestens in dem Geflecht von Methoden, Hypothesen und Grundannahmen aus. Ihre Analysen, und die sich daraus ergebenden Schlussfolgerungen, sind erschreckend. Gleichzeitig wird aber auch verständlich, warum die Situation heute so ist, wie sie ist, und viele Menschen keine Antworten mehr in der Kirche suchen.
Das Buch ist auch für einen theologischen Laien gut verständlich zu lesen. – Und es lohnt sich dies zu tun, da es Mut macht, nicht mehr alles als “wissenschaftlich” zu akzeptieren und zu schlucken, was uns als solches präsentiert wird. Es ist auch eine sehr lohnenswerte Lektüre für (angehende) Theologen, die eigentlich auf keiner Literaturliste fehlen dürfte! Die ISBN ist: 3-933372-22-4