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Spuren von in Isolation lebenden Indianern in Peru entdeckt

Servindi.org informiert auf ihrer Internetseite über einen Bericht der Indianerorganisation AIDESEP (Region Ucayali). Demnach wurden am 7. März diesen Jahres im Murunahua Reservat klare Spuren einer in Isolation lebenden Ethnie entdeckt. Das Murunahua Reservat liegt im Amazonasgebiet in der Grenzregion zu Brasilien und wurde extra als Schutzgebiet für in Isolation lebende Gruppen eingerichtet. Leider dringen immer wieder illegale Holzfäller in dieses Gebiet ein, u.a. auf der Suche nach Mahagoni.

Das Auffinden klarer Hinweise isoliert lebender Indianer ist von großer Bedeutung. Es gibt derzeit – allein im peruanischen Urwald – etwa 14 – 17 Stämme, die in freiwilliger Isolation leben. D.h. sie leben irgendwo im Urwald – ohne Kontakt zur Außenwelt. Das bedeutet nicht, dass diese Gruppen nicht wüssten, dass es da noch andere Menschen gäbe. Aber sie vermeiden meist ganz bewusst den Kontakt. Das hat seine Gründe. Ein Grund ist der sogenannte „Kautschukboom“, der zwischen 1870 und 1915 seinen Höhepunkt hatte und sehr großen Einfluss ausübte. Für den Export, v.a. nach England wurden große Mengen an Kautschuk benötigt. Dazu wurde ein breit angelegtes System von Händlern aufgebaut, bis das Produkt letztlich in Europa ankam. An vorderster Front standen die Kautschuk-Patrone, die im Urwald ein Anwerbesystem aufbauten, durch das Indianer ausgebeutet und versklavt wurden. In der damaligen Zeit zog sich eine ganze Anzahl von Stämmen bewusst in den Urwald zurück, um der Versklavung und Ausbeutung zu entgehen. Manche dieser Gruppen öffneten sich 30 oder 50 Jahre später wieder, gründeten wieder Dörfer an den großen Flüssen, und setzten sich dadurch den Einflüssen der sie umgebenden Welt und der sogenannten „Zivilisation“ aus. Andere Gruppen bleiben bis heute in freiwilliger Isolation. Nur gelegentlich kommt es zu Kontakten, z.B. wenn Werkzeuge wie Macheten aufgebraucht sind und sie versuchen Nachschub zu bekommen. Manchmal kommt es auch zu „zufälligen Begegnungen“, oft mit Holzfällern – die nicht immer friedlich ablaufen. Einerseits reagieren diese isoliert lebenden Indianer oft recht aggressiv auf Außenstehende. – Die schlechten Erfahrungen ihrer Vorfahren haben sich stark ins Gedächtnis der Gruppe eingeprägt. Ein weiterer Grund ist, dass es immer wieder zu Morden an Indianern kommt, deren Anwesenheit u.a. Holzfällern (die oft auch illegal Tropenhölzer ausbeuten) ein Dorn im Auge ist.

Im Jahr 2010 wurde eine interessante Studie veröffentlicht: „DESPOJO TERRITORIAL, CONFICTO SOCIAL Y EXTERMINIO – Pueblos indígenas en situación de aislamiento, contacto esporádico y contacto inicial de la Amazonía peruana“. Sie kann hier als PDF-Dokument heruntergeladen werden.

Man kann den Titel folgendermaßen übersetzen: „Enteignung des Territoriums, sozialer Konflikt und Vernichtung. – Indigene Völker des peruanischen Amazonasgebietes in Isolation, sporadischem Kontakt und erstem Kontakt.“ Diese Studie ist sehr interessant, weil sie die Situation dieser besonders verwundbaren Völker m.E. sehr gut beschreibt. Es geht um Ethnien, die in 8 Gebieten des peruanischen Urwaldes leben. Diese Gruppen haben die Isolation als Überlebensstrategie gewählt. Es sind oft sehr kleine Sippenverbände, die zerstreut im Urwald leben. Sie sind sehr verwundbar:

  • Kleine Gruppen.
  • Anfällig für Epidemien, weil sie keine Antikörper für „Zivilisationskrankheiten“ haben.
  • Aufgrund ihres Lebensstils als Halbnomaden brauchen sie ein großes Territorium, um sich selbst versorgen zu können. Das ist typisch für Wildbeuter.

 Diese Gruppen sind verschiedenen Bedrohungen ausgesetzt:

  • Illegalem Holzschlag.
  • Dem Eindringen von Holzfällern oder von Siedlern.
  • Der Ausbeutung von Erdöl oder Erdgas.
  • Straßenbauprojekten – Straßenverbindungen von Peru nach Brasilien.
  • Projekten zum Bau von Wasserkraftanlagen zur Elektrizitätsgewinnung (Verkauf des Stroms nach Brasilien).
  • Krankheiten, Epidemien.

 Leider wird das Vorhandensein dieser Gruppen immer wieder geleugnet. Denn es gibt u.a. internationale Abkommen, z.B. die Konvention 169 der Internationalen Arbeitsorganisation, in dem es um internationale Rechte für indigene Völker geht. Peru hat diese Konvention im Jahr 1994 ratifiziert. Es ist unter anderem vorgeschrieben, dass indigene Völker bei Vorhaben, die ihre Lebensweise bzw. ihr Lebensumfeld und Territorium stark beeinflussen, vorher konsultiert und um ihre Zustimmung gebeten werden müssen. Dies ist insbesondere bei der Ausbeutung von Rohstoffen (Holz, Erdöl, Erdgas) der Fall.  Wie eine Landkarte zeigt (Seite 39 der Studie bzw. Seite 38 im PDF-Dokument), hat es ausgerechnet in manchen Gebieten, in denen Ethnien in freiwilliger Isolation leben, besonders viele Rohstoffe. Der springende Punkt ist folgender: Wenn es diese Gruppen nicht gibt, dann müssen sie auch nicht konsultiert und um Zustimmung gefragt werden!

Immer wieder stößt man aber auf klare Hinweise für das Vorhandensein dieser Gruppen:

  • Berichte über zufällige Begegnungen oder sogar Zwischenfälle.
  • Das Auffinden von Spuren, wie z.B. verlassene Schutzhütten (siehe z.B. (Seite 13 der Studie bzw. Seite 12 im PDF-Dokument).
  • Das Auffinden ganzer Gruppen, wie z.B. bei einem Erkundungsflug der Naturschutzbehörde am 18. September 2007 am río Las Piedras.

 Es ist schon interessant, aber auch erschreckend, wie sich die Geschichte irgendwie zu wiederholen scheint. Vor 100 Jahren waren diese Gruppen durch den starken Bedarf an Kautschuk, v.a. bei uns in Europa, bedroht. Heute sind sie u.a. auch durch unseren starken Bedarf nach Rohstoffen, insbesondere Erdöl bedroht…

Infos zur Kultur verschiedener Ethnien (Candoshi, Caquinte, Quechua Pastaza, Shipibo) im peruanischen Amazonasgebiet finden Sie übrigens auch in meinem Buch „Begegnungen in Peru“.

Basics interkultureller Kommunikation – Feedback und Flyer

Im April erschien die Printausgabe von „Basics interkultureller Kommunikation“; seit Mai ist auch die eBook-Ausgabe verfügbar. Sehr gefreut hat mich das Feedback von Leuten, die ebenfalls in einem interkulturellen Dienst tätig sind und auch andere dafür ausbilden:

„Herzlichen Dank – Jürgen – für dein Buch. Es ist gut gemacht und klasse zu lesen. Ich werde es im Unterricht weiter empfehlen.“ M.K.

„Lieber Jürgen, nur kurz eine schnelle Rückmeldung: Dein Buch Basics Interkulturelle Kommunikation ist genial. …  Ich hatte in der Zwischenzeit schon angefangen einiges für den Unterricht zusammenzusuchen und vorzubereiten und als ich jetzt Dein Buch las, war ich begeistert, darüber dass Du genau eben jene Literatur, die ich ja auch in der Hand hatte, wie Maletzke, Hofstede, Hiebert, Thun, Fowler etc. zusammenträgst, miteinander verbindest, vergleichst, in eigene Worte fasst (was Dir sehr gut gelingt!) und dass Du viele gute Beispiele aus Deinem Dienst und darüber hinaus mit einflechtest. SUPER!“  R.W.

Seit einer Weile gibt es auch folgenden Flyer zum Buch, der gerne auch als Datei weitergegeben oder auch in andere Seiten eingebunden werden darf. Danke!

 

Interview im Schwarzwälder Bote

Bereits am 2. Juni erschien im Schwarzwälder Bote ein Interview, in dem es um mein neues Buch Basics interkultureller Kommunikation geht.

Der Artikel wurde auch auf der Internetseite der Zeitung veröffentlicht:

http://www.schwarzwaelder-bote.de/inhalt.hardt-fettnaepfchen-lauern-im-alltag.4ea9d4f4-b82d-4470-b73a-b85d4fd2571f.html

Basics interkultureller Kommunikation

Das Thema „interkulturelle Kommunikation“ begleitet mich in der Praxis schon lange. Vor ein paar Jahren fragte mich dann ein chilenischer Freund, ob ich dazu nicht ein Seminar anbieten könnte. Beim ersten dieser Seminare waren Teilnehmer aus vier Kontinenten und über zehn Nationen dabei; das Gespräch in gemischten Tischgruppen über das Thema war mega-spannend! Zwischenzeitlich habe ich mich noch mehr mit dem Thema beschäftigt und so ist mein neues Buch entstanden: „Basics interkultureller Kommunikation. Bausteine für die Entwicklung interkultureller Kompetenz.“

Ab sofort ist es im Buchhandel oder direkt bei mir (Versand gegen Vorauskasse) erhältlich. Der Ladenpreis für die Printversion (144 S., Pb) beträgt € 11,95  (inkl. MwSt). Demnächst wird auch eine eBook-Version erhältlich sein; diese wird € 9.49 (inkl. MwSt) kosten. Weitere Infos zum Buch (Inhalt, Leseprobe etc.) gibt es auf der Seite www.basics-interkultureller-kommunikation.de – dort werde ich auch weitere interessante Infos zum Thema (weiterführende Literaturhinweise, Artikel im Internet, etc.) veröffentlichen.

Hier die wichtigsten Infos zum Buch (Klappentext etc.):

„Im Zeitalter der Globalisierung und Migration ist interkulturelle Kommunikation nicht mehr länger ein Spezialthema, das nur für wenige Menschen Relevanz hat. Interkulturelle Kommunikation betrifft heute (fast) jeden, selbst wenn er seine Heimat nie verlässt. “Basics interkultureller Kommunikation“ gibt eine allgemeinverständliche Einführung in das Thema. Es hilft dabei Unterschiede zwischen den Kulturen zu verstehen und einzuordnen und zeigt auf, in welcher Weise kulturelle Unterschiede auch den Kommunikationsstil beeinflussen. Das Grundanliegen des Buches ist es, dem Leser Bausteine für die Entwicklung interkultureller Kompetenz mit auf den Weg zu geben, und dadurch zu einer besseren Verständigung zwischen den Kulturen beizutragen.“

„Jürgen H. Schmidt hat seine ersten interkulturellen Erfahrungen in seinem ursprünglichen Beruf als Bankkaufmann sowie auf Auslandsreisen gesammelt. Von 1998 bis 2006 lebte er zusammen mit seiner Familie in Peru. Dort war er, eingebunden in ein internationales Mitarbeiterteam, in der Ausbildung von Indianern des Amazonastieflandes tätig. Er kennt die Herausforderungen interkultureller Kommunikation aus eigener Erfahrung.“

Jürgen H. Schmidt: Basics interkultureller Kommunikation. Bausteine für die Entwicklung interkultureller Kompetenz. Norderstedt: Books on Demand, 2012.  ISBN 978-3-8448-1992-2, Paperback, 144 Seiten, Preis: € 11,95 bzw. CHF 17,90 (inkl. MwSt).

Caquinte-Indianer vom Verlust ihrer kulturellen Identität bedroht

Bei Recherchen auf der Internetseite von Servindi stieß ich „zufällig“ auch auf folgendes Video über die Caquinte-Indianer (Kakinte) in Peru.

Als Missionare haben wir diese relativ kleine Ethnie mehrere Jahre begleitet. Daher hat es mich sehr gefreut, darin bekannte Gesichter zu sehen, insbesondere auch Moisés, von dem ein Kapitel in meinem Buch „Begegnungen in Peru“ handelt. Wir haben ihn kennengelernt, als er in Yarina die Ausbildung zum Primarschul-Lehrer machte, und ihn in dieser Zeit immer wieder finanziell unterstützt.
Moisés ist inzwischen Lehrer in seinem Dorf Tsoroja,  außerdem ist er der Leiter und Gründer der „ODPK“ (Organización de Desarrollo del Pueblo Kakinte) – Organisation für die Entwicklung des Volkes der Kakinte.

Der auf Youtube veröffentliche Film trägt den Titel „Kampf für das Überleben des Kakinte-Volkes“. Die Kakinte (Caquinte) gehören zu den kleinen Volksgruppen in Peru. Sie leben sehr abgelegen, und gehören zu den Gruppen, die vom Aussterben bedroht sind. Ein wesentlicher Faktor, der zum Verlust ihrer kulturellen Identität beiträgt sind fehlende Lehrer. Denn Moisés ist derzeit der einzige, der die Kinder seiner Volksgruppe in der Muttersprache unterrichten kann. Die anderen Lehrer – insbesondere in den anderen Dörfern – stammen aus Nachbarstämmen, die zwar derselben Sprachfamilie angehören, aber doch andere Sprachen sprechen. Das ist ungefähr so, wie wenn ein spanisches Kind in Spanien von einem italienischen Lehrer in Italienisch unterrichtet wird…
Außerdem gibt es (nach Aussagen im Video) wohl Schwierigkeiten mit einer Erdölgesellschaft, die in der Region Erdgas fördern möchte…
Eine gewisse Problematik ist, dass die Kakinte bisher – laut diesem Video – offiziell nicht als eigenständige Volksgruppe anerkannt werden, sondern meist als Asháninka betrachtet werden – eine benachbarte Ethnie mit einer recht großen Bevölkerung. Dadurch wurden die Kakinte in den vergangenen Jahrzehnten oft marginalisiert und vom Staat vergessen.
Weitere Infos über die Volksgruppe der Caquinte-Indianer gibt´s in „Begegnungen in Peru“ (S. 73 – 96) – demnächst übrigens auch als eBook.

Artikel (in spanischer Sprache) auf Servindi über die Kakinte-Indianer:

http://servindi.org/actualidad/47187#more-47187

http://servindi.org/actualidad/38865

http://servindi.org/actualidad/33704

Reportage über unerreichte Indianerstämme im peruanischen Urwald

In den vergangenen fünfzig Jahren kam es in vielen Ethnien des peruanischen Amazonastieflandes zu tiefgreifenden Veränderungen. Je näher ein Stamm an einer, der im Urwald entstandenen Städte wohnt, desto ausgeprägter ist der Wandel. Trotzdem schätzt man, dass im peruanischen Urwaldgebiet ungefähr noch 14 Indianerstämme ohne Kontakt zur Außenwelt, in völliger Isolation, leben.
Bei einem Erkundungsflug im September 2007 konnten erstmals Fotos und Filmaufnahmen von einer dieser unerreichten Gruppen gemacht werden. Bei meiner Peru-Reise im Oktober 2007 sah ich erstmals einige dieser Fotos. Am 22. November wurde nun im peruanischen Programm „Cuarto Poder“ des Fernsehsenders „América Televisión“ eine Reportage darüber ausgestrahlt. Es werden beeindruckende Filmaufnahmen des Rundfluges gezeigt, aber auch Artefakte, die von den Naturschutzbehörden in den letzten Jahren von diesen Gruppen im Urwald gefunden wurden. In der Reportage wird auch auf Probleme und Gefahren, denen diese Gruppen ausgesetzt sind, hingewiesen. Insbesondere illegale Holzfäller dringen immer wieder in diese Gebiete vor, um wertvolles Tropenholz zu fällen. Dabei wird auch vor Morden an diesen Menschen nicht zurückgeschreckt.
Die Dokumentation (in spanischer Sprache) wurde auf Youtube veröffentlicht. Auch, wenn man die Sprache nicht verstehen sollte, es lohnt sich, die Filmaufnahmen anzuschauen. – Etwas witzig fand ich den einleitenden Kommentar des Sprechers von Cuarto Poder: „Zum ersten Mal werden im peruanischen Fernsehen Bilder von nicht kontaktierten Völkern gezeigt. Das sind Indianer unseres Urwaldes, die die Globalisation und die Zivilisation nicht kennnen, die nicht einmal wissen, dass sie Peruaner sind….“http://www.youtube-nocookie.com/v/045coF2pTU0?fs=1&hl=de_DE

Indianische Schätze – kostbar und gefährdet

Kürzlich erhielt ich einen Karton mit Gegenständen, die einer alten Missionarin in Peru gehörten. Beim Auspacken stieß ich auf wahre Schätze! Manche Gegenstände hatte ich überhaupt noch nie gesehen, andere kannte ich nur von alten Fotos. Bald wird es in den jeweiligen Gruppen (fast) niemanden mehr geben, der weiß, wie diese Dinge hergestellt werden und das Ganze wird nur noch Geschichte sein …
Persönlich empfinde ich es immer wieder als ein großes Privileg Zugang zu diesen (alten) Zeugnissen indianischer Kulturen zu erhalten. Solche Gegenstände führen mich immer wieder ins Nachdenken. Erinnerungen werden dabei wach, an Orte, an Gesichter und an Begegnungen. Gleichzeitig wird mir bewusst, welch rasanten Veränderungen die Urwaldindianer in Peru ausgesetzt sind. Im Rekordtempo wurden sie innerhalb von 2 – 3 Generationen von der Steinzeit ins Medienzeitalter katapultiert. – Leider sind sie bei diesen Veränderungen meist Verlierer.
Kürzlich erhielt ich wieder eine E-Mail von meinem Freund Jeiser, einem Shipibo-Indianer. In meinem Buch “Begegnungen in Peru“ habe ich ein paar Zeilen über ihn geschrieben. Inzwischen ist er der Vorsitzende von AIDI (Asociación Indígena para el Desarrollo Integral), einer indianischen Nicht-Regierungs-Organisation für ganzheitliche Entwicklung. In seiner Mail teilte er aktuelle Nachrichten aus Peru, insbesondere zum Thema „Gesundheit“ mit. Im ersten Teil ging es um das Thema HIV/AIDS. Im Jahr 2009 wurden in Peru rund 2.000 neue HIV-Infektionen festgestellt; von Betroffenen sind bereits 500 an AIDS erkrankt. 42,4% der Infizierten sind junge Menschen zwischen 15 und 29 Jahren. Jeiser schrieb leider nicht, wie viele Indianer davon betroffen sind, aber aus seiner Arbeit in der AIDS-Prävention unter den Shipibo-Indianern weiß ich, das HIV/AIDS auch ein Thema in der indianischen Bevölkerung ist.
Im zweiten Teil seiner E-Mail berichtet er von den Candoshi-Indianern. Die Candoshi waren der erste Stamm, den ich hautnah während einer 4-wöchigen Reise kennen und lieben gelernt habe. In „Begegnungen in Peru“ berichte ich ausführlich über diese Reise; das Buch ist übrigens meinem verstorbenen Candoshi-Freund Okama gewidmet. Aus dem von Jeiser übermittelten Bericht geht hervor, dass die Hepatitis B-Epedemie unter den Candoshi weiter um sich greift. Inzwischen besteht die ernste Gefahr, dass der Stamm durch diese Krankheit massiv dezimiert, wenn nicht sogar ausgelöscht wird. Das Problem ist den peruanischen Gesundheitsbehörden seit Langem bekannt; auch im peruanischen Fernsehen wurde schon vor Jahren darüber berichtet.
Zwei Dorfchefs, die kürzlich wegen der Hepatitis B-Problematik nach Lima gekommen waren, Venancio Ucama Simón und Sanchi Simon, beklagten sich darüber, dass sich die Verantwortlichen der Regional-Regierung sowie des Gesundheitsministeriums gegenseitig beschuldigten, die Indianer vernachlässigt zu haben, und sogar entschuldigend darauf hingewiesen haben, dass die notwendige Behandlung „sehr teuer sei“. Eine Candoshi-Krankenschwester stellte entrüstet die Frage: „Heißt das, dass man die Indianer einfach sterben lässt, weil die Behandlung sehr teuer ist?“
Ich würde mir wünschen, dass die zuständigen Behörden endlich eingreifen und sich dem Thema mit der nötigen Ernsthaftigkeit widmen. Es ist eine Sache, dass indianische Gegenstände wie ich sie oben erwähnt habe, eines Tages nur noch der Geschichte angehören werden. Sie mögen für einen Liebhaber wie mich etwas Kostbares sein, aber sie sind nicht unersetzlich. Doch es ist etwas ganz anderes, wenn Menschenleben und die Existenz eines ganzen Volkes auf dem Spiel stehen. Die Indianer selbst sind die wahren „indianischen Schätze“, ungleich kostbarer als alles Materielle. Es wäre mehr als tragisch, wenn in 10 oder 20 Jahren nur noch Erinnerungen an den Stamm der Candoshi übrig bleiben würden und sie endgültig als Verlierer in die peruanische Geschichte eingehen würden …