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Peru-Reise 2017

Meine zweite Peru-Reise in diesem Jahr geht dem Ende entgegen. Bereits im Januar hatte ich die Möglichkeit hier zu sein und an der Bibelschule des Alianza-Gemeindeverbandes das Fach „Gemeinde und Mission“ zu unterrichten. Diesmal war geplant, denselben Kurs an der Bibelschule eines anderen Gemeindeverbandes in Lima zu unterrichten. Doch kurz vor Beginn meiner Reise erhielt ich die Nachricht, dass mangels Studenten das ganze Semester gestrichen wurde; ob die Bibelschule danach weitergeführt wird ist noch unklar. Durch diese kurzfristige Programmänderung waren zwar die ersten Tage in Lima etwas entspannter, doch das folgende Programm umso dichter.

Tayabamba

Die nächste Haupt-Station auf der Reise war Tayabamba bzw. Allauca (im Bergland), wo ich bereits 2015 einen einwöchigen Bibelkurs durchgeführt hatte. Die reine Fahrtzeit von Lima über Trujillo nach Tayabamba betrug insgesamt rund 26 Stunden; ein großer Teil der Strecke ist eine einspurige Erd-Piste, die in einem „relativ guten Zustand“ ist. Früher betrug die Reisezeit zwischen Trujillo und Tayabamba ca. 4 Tage!

Allauca

In Allauca (ca. 15 Min von Tayabama entfernt) führte ich einen Bibelkurs zum Thema „Endzeit“ durch. Insgesamt waren über 60 Teilnehmer aus den Bergdörfern bzw. Gemeinden der Umgebung gekommen. Wie an so vielen Orten in Peru gab es auch hier in der Vergangenheit Leute, die ein Datum zur Wiederkunft Jesu verbreiteten. Da Jesus natürlich nicht zum angegebenen Datum erschien, verließen viele die Gemeinden, da sie meinten, die Bibel wäre nicht zuverlässig. Doch nicht die Bibel ist das Problem, sondern die Bibelauslegung. Jesus hat sich ganz klar geäußert, dass keiner „Zeit und Stunde“ seiner Wiederkunft kennt. So war es mir ein großes Anliegen, zur Schrift hinzuführen, zu schauen, was wirklich geschrieben steht, und zwischen unseren „Vorstellungen“ und „Vermutungen“ und dem, was wirklich klar geoffenbart ist, zu unterscheiden.

Die nächste Reise-Station war Trujillo (Küste), wo ich denselben Bibelkurs hielt, diesmal an der Bibelschule des Alianza-Gemeindeverbandes. Außerdem war ich eingeladen, am Sonntag in der Gemeinde zu predigen. Da die dortige Gemeinde (Alianza America Sur) sehr gewachsen ist, der Gottesdienstraum aber nur 180 Personen fasst, gibt es nun eben fünf Gottesdienste am Sonntag (zwei am Vormittag und drei am Abend). So predigte ich das erste Mal am selben Sonntag in fünf Gottesdiensten über dasselbe Thema; eine neue, interessante Erfahrung.

Die letzte Haupt-Station meiner Reise war Pucallpa (Urwald), wo ich an der Jahreskonferenz von FAIENAP (Dachverband evangelischer Indianerkirchen) teilnahm. Die ersten beiden Tage der Jahreskonferenz sind jeweils für die Mitgliederversammlung reserviert, bei der u.a. die Delegierten aus den angeschlossenen Gemeindeverbänden berichten. Die restlichen drei Tage findet eine Rüstzeit mit verschiedenen Referenten und Themen statt. Dieses Jahr hatte ich die Möglichkeit über das Thema „Gemeinde und Mission“ zu sprechen. Es gibt einige Indianer-Pastoren, die in diesem Bereich bereits sehr engagiert sind. Doch insgesamt wissen die Gemeinden relativ wenig über dieses Thema und so ist auch in den Indianerkirchen eine wachsende Kluft zwischen „Gemeinde“ und „Mission“ erkennbar – in derselben Weise wie in der westlichen Welt [Der Missiologe George W. Peters drückte es einmal so aus: „Die zwischen Kirchen und Missionsgesellschaften bestehende Kluft ist eine völlig abnorme Entwicklung in der Geschichte der Kirche. Deshalb haben wir heute so viele missionslose Kirchen (Gemeinden) und so viele kirchenlose (gemeindelose) Missionsgesellschaften.”].

Während jeder Peru-Reise gibt es Dinge, die – trotz all dem inzwischen Bekannten – immer wieder ins Auge springen. Dazu gehören z.B. weiter steigende Preise (u.a. für Lebensmittel), überall sind Leute mit ihrem Smartphone unterwegs und telefonieren, spielen, etc., d.h. sie sind permanent damit beschäftigt.

Einmal mehr wurde mir bewusst, was für ein Privileg es ist (in unserem Dorf im Schwarzwald) sauberes Trinkwasser und saubere Luft zu haben. In Trujillo war das Wasser dermaßen stark gechlort (evtl. wegen der Überschwemmungen im Frühjahr mit Unterbrechung der Wasserversorgung), dass innerhalb von zwei Tagen meine Darmflora massiv gestört bzw. in Mitleidenschaft gezogen wurde. Im Urwald ist gerade die Zeit, in der Brandrodungen stattfinden und während meines Aufenthalts war ständig staubige und/oder rauchige Luft – ganz zu schweigen von der Luftverschmutzung durch den Verkehr in Lima.

Bei den Besuchen in unterschiedlichsten Regionen des Landes wird mir immer wieder bewusst, wie unterschiedlich die Mentalität und kulturelle Prägung der Leute ist. Peru ist wirklich multi-kulti. Oft haben die Peruaner der verschiedenen Regionen Kultur-Stress untereinander, sind sich dessen aber oft nicht bewusst. Beim Flug von Amsterdam nach Lima saß ich neben einer Frau aus Cuzco; wir kamen ins Gespräch und ich fragte sie, ob sie auch Quechua spräche. Sie bejahte und wir kamen auf die Vielfalt der Quechua-Dialekte zu sprechen. Sie meinte allen Ernstes, dass überall in Peru (fast) dieselbe Quechua-Variante gesprochen würde wie in Cuzco! – Dabei gibt es über 20 Varianten des Quechua in Peru, die sehr unterschiedlich sind und die einander nur sehr beschränkt verstehen. Wie die Inka hielt sie wohl Cuzco für den „Nabel der Welt“. Ähnliches geschieht im Bereich der Bildung. Die Verantwortlichen (die meist Lima für den „Nabel der Welt“ halten) haben oft leider kaum eine Ahnung von der Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Ethnien und Sprachen im Amazonasgebiet. So kommt es vor, das z.B. die Ashénica als Teil der Asháninca-Gruppe betrachtet werden und Schulbücher in Asháninca erhalten, die weder die Lehrer – geschweige denn die Schüler – verstehen!

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FAIENAP-Konferenz, „Schnappe deinen Gauner“ und weitere Eindrücke einer Peru-Reise

Seit wir im Jahr 2006 wieder nach Deutschland zurückgekehrt sind reise ich fast jedes Jahr nach Peru. Dieses Jahr bin ich bereits das zweite Mal hier. Auf jeder Reise mischen sich unter das Bekannte und Vertraute viele neue Eindrücke.

Die ersten beiden Wochen verbrachte ich in Pucallpa, wo ich an der FAIENAP-Konferenz teilnahm. Vergangenes Jahr hatte man damit begonnen, die Hauptstraße, die aus der Stadt in Richtung Lima führt, vom Kilometer 5 (Flughafen) bis zum Kilometer 15 vierspurig auszubauen. Eigentlich hätte sie inzwischen fertig sein sollen, war sie aber nicht (dafür baut man jetzt die Straße vom Kilometer 5 Richtung Stadtmitte sechsspurig aus). Der Taxifahrer erzählte mir, dass im Dezember 2014 die Bauarbeiten plötzlich, ohne weitere Erklärungen, eingestellt worden waren. Vermutlich war das Geld irgendwie ausgegangen… Zurück blieben eine ganze Reihe Beton-Konstruktionen unfertiger Fußgängerbrücken (die mich an die Brücke des „Tren eléctrico“ [elektrische Stadtbahn] in Surco erinnerte, die rund zwei Jahrzehnte so vor sich hin stand, bis Präsident Alan García das in den 1980er-Jahren begonnene Projekt in seiner zweiten Amtszeit dann endlich fertig stellte) sowie unvollendeter Fahrbahnerweiterungen, die lebensgefährlich sind, wenn man etwas von der Piste abkommt.

Hardt - FahneVor Antritt meiner Reise hatte mich einer meiner Söhne gebeten, zu schauen, ob der Wegweiser nach „Hardt“ (unserem Wohnort in D), noch an dem Pfosten auf der Missionsstation Cashibo hängt (an dem weitere Wegweiser zu bedeutenden Metropolen angebracht sind) – und davon ein Foto zu machen. Mein Vater hat dieses Hinweisschild einst gemacht und bei einem Besuch (als wir noch in Cashibo wohnten) mitgebracht und feierlich aufgehängt. Als ich dann nach Cashibo kam erlebte ich als Schwabe eine freudige Überraschung: neben dem Wegweiser (u.a. nach Hardt) hing neuerdings auch eine Fahne des „Königreiches Württemberg“ – ein paar junger Leute aus dem Süden der Republik hatten sie mitgebracht und dort aufgehängt :-).

FAIENAP2015Schwerpunkt meines Aufenthalts in Pucallpa war die Teilnahme an der jährlichen Konferenz von FAIENAP (Dachverband evangelischer Indianerkirche im peruanischen Amazonasgebiet). Aufgrund der angespannten finanziellen Situation von FAIENAP mussten die Delegierten der angeschlossenen Stammeskirchen die Reisekosten für die Teilnahme selbst aufbringen mussten. Insbesondere für diejenigen, die im Norden im Gebiet zwischen dem Marañon und der ecuadorianischen Grenzen leben, war das ein großes Opfer – zusätzlich zur langen Reise. So war (nicht nur) ich gespannt, wie viele Delegierte unter diesen Umständen die Reise nach Pucallpa antreten würden. Die positive Überraschung war, dass von den 11 der 17 angeschlossenen Kirchenverbände Vertreter zur Konferenz kamen (ein paar allerdings mit Verspätung); die Teilnehmerzahl war nicht wesentlich schlechter, als in den Fällen, wo die Reisekosten von FAIENAP übernommen wurden. Ein wichtiges Thema während der FAIENAP-Konferenz sind die Berichte aus den verschiedenen Regionen und Stammeskirchen. Ein Thema, das in den vergangenen Jahren immer wieder auftaucht ist die Art und Weise wie manche Leute bzw. Organisationen „Missionsarbeit“ betreiben. Was ich damit meine wird anhand der Geschichte deutlich, die uns der Delegierte der Quechua-Kirchen aus San Martín erzählt hat:

Eine diesem Kirchenverband angeschlossene Gemeinde war dabei ein neues Kirchengebände zu bauen. Plötzlich tauchten „Pastoren“ bzw. „Missionare“ einer anderen Organisation auf, und baten Hilfe an, um das Gebäude fertig zu stellen. Wie sie betonten wäre diese Hilfe „ohne Verpflichtungen“ für die Gemeinde. Zunächst besorgten sie das benötigte Wellblech, um das Dach fertig zu decken, dann eine Lautsprecheranlage und noch eine ganze Anzahl von Plastikstühlen. Plötzlich begannen sie damit, den Quechua-Pastor der Gemeinde, durch einen eigenen Pastor zu ersetzen und am Schluss fragten sie die Gemeinde, ob sie weiterhin bei ihrem bisherigen Gemeindeverband bleiben wolle, oder zu ihrer Organisation wechseln wolle (was ihnen den Vorteil weiterer finanzieller Unterstützung bringen würde).

Zu Glück bekamen die Verantwortlichen des Quechua-Kirchenverbandes rechtzeitig Wind von der Sache und konnten das böse Spiel noch rechtzeitig stoppen. Leider gibt es viele Fälle, in diesen dies nicht mehr möglich war :-(. Auf diese Art „Missionsarbeit“ zu betreiben ist wirklich unter der Gürtellinie. Ich kann wirklich nicht verstehen, wie man so etwas tun kann und frage mich, ob diese Leute überhaupt irgendeine Art von „Dienst-Ethik“ haben oder die ganze Sache nur eine Geschäft ist, bei der es darum geht, möglichst viel „Erfolg“ vorweisen zu können, egal mit welchen Mitteln??? (In meinem spanischsprachigen Blog habe ich diese Begebenheit aufgegriffen und einen ausführlichen Artikel zum Thema „Dienst-Ethik“ geschrieben: ¿Y qué de una ética ministerial?).

Im Gegensatz zu dieser unerfreulichen Geschichte hat es mich sehr gefreut, während der FAIENAP-Konferenz sechs meiner ehemaligen Studenten zu treffen, die seit vielen Jahren treu im Dienst stehen und inzwischen Leiter ihrer Stammeskirchen sind (bzw. einer von ihnen, Wilser, ist seit 2014 der neue Geschäftsführer von FAIENAP). Das war sehr ermutigend und hat mir wieder einmal bewusst gemacht, dass sich die Mühe lohnt, in die Ausbildung von Indianern zu investieren, auch wenn die „Ergebnisse“ nicht sofort sichtbar sind.

Nach zwei sehr heißen Wochen in Pucallpa (zweimal hatten wir 37°C im Haus) ging´s dann zurück nach Lima. Dort erreichte mich ein Anruf (ich hatte meine peruanische Handynummer auf Facebook gepostet) von meinem ehemaligen Quechua-Pastaza1999Bibelschullehrer-Kollegen David, der inzwischen in Lima als Pastor tätig ist. Er lud mich am Sonntag zum Predigen in seine Gemeinde mit anschließendem Mittagessen ein. Wir hatten uns über 10 Jahre nicht gesehen, freuten uns sehr über das Wiedersehen und sprachen über gemeinsame Erlebnisse, insbesondere unsere „historische Reise“ im Jahr 1999 zu den Quechua am Pastaza-Fluss (siehe Foto; ein Kapitel in „Begegnungen in Peru“ handelt ebenfalls von den Quechua Pastaza). Außerdem genoss ich es, eine Stunde Zeit für die Predigt zu haben :-).

LimaSicherheit ist ein großes Thema in Peru, insbesondere auch in Lima, wo die Kriminalität nicht weniger wird. Da Polizei und Justiz nicht immer zur Stelle sind und auch sonst nicht immer ihre Aufgabe so wahrnehmen, wie sie es eigentlich sollten, nehmen immer mehr Bürger die Sache selbst in die Hand. Ein derzeit populäres Motto in Peru lautet „Chapa tu choro“ – „Schnappe deinen Gauner“! Dahinter steckt aber nicht unbedingt die Idee, diesen dann der Justiz zu übergeben, sondern ihn auch selbst zu bestrafen. In einer Radiosendung hörte ich in einem Interview, wie in einem Stadtviertel in Lima sogar Plakate aufgehängt wurden, die mögliche Kriminelle warnten: „Wenn wir dich erwischen werden wir dich nicht zur Polizei bringen, sondern lynchen!“ – Bei Youtube gibt es inzwischen eine ganze Reihe an Filmaufnahmen, die zeigen, wie das in der Praxis aussieht (Suchbegriff: „Chapa tu choro“). Die Kriminellen haben wirklich „Glück“, wenn jemand sich erbarmt und rechtzeitig die Polizei ruft :-(.

LimaxBeim Besuch meines Patenkindes im Stadtteil San Martín de Porres (Lima), wurde ich dann Zeuge einer gesteigerten Wachsamkeit. Während des Besuchs wartete der Taxifahrer in seinem Auto, parkte es aber um die Straßenecke im Schatten. Plötzlich gab es eine Lautsprecherdurchsage an die Bewohner im Viertel, die auf das Taxi hinwies und darum bat, sich zu melden, da man sonst davon ausginge, dass da jemand mit bösen Absichten wäre. Die Eltern meines Patenkindes klärten die Sache sofort mit den Verantwortlichen und kurz darauf kam eine „Entwarnung“ (und der Taxifahrer, der die Durchsagen natürlich auch gehört hatte, war erleichtert :-)). Sie erklärten, dass es in der Vergangenheit vermehrt zu Diebstählen und Raubüberfällen gekommen sei, durch verschiedene Maßnahmen wie diese, aber wieder etwas Ruhe ins Viertel eingekehrt sei.

Begegnungen in Peru_Cover_kl2Weitere Erlebnisse und Eindrücke aus meiner Arbeit mit den Ethnien im Urwald finden Sie übrigens in der Neuauflage meines Buches „Begegnungen in Peru“.

“Begegnungen in Peru“ – Neuauflage

Begegnungen in Peru_Cover_kl2Am 10. Juli erschien eine Neuauflage von “Begegnungen in Peru – Urwaldindianer auf dem Weg ins 21. Jahrhundert“.

Die Printausgabe (Pb., 112 S.) kostet € 7,90 (inkl. MwSt) und ist ab sofort im Buchhandel erhältlich (Achtung: neue ISBN: 978-3-7386-2127-3).

Eine eBook-Ausgabe (Kindle, iTunes, ePub) von “Begegnungen in Peru“ wird in Kürze erhältlich sein. Bis Ende August d.J. wird das eBook für einen Aktionspreis von € 4,99 (inkl. MwSt) erhältlich sein; der reguläre Preis wird danach € 5,99 (inkl. MwSt) betragen.

Jürgen H. Schmidt: Begegnungen in Peru. Urwaldindianer auf dem Weg ins 21. Jahrhundert. Norderstedt: Books on Demand, 2015. ISBN 978-3-7386-2127-3, Paperback, 112 Seiten, Preis: € 7,90 /- CHF 11,90 (inkl. MwSt).

Weitere Infos und Bezugsmöglichkeiten: www.jürgenschmidt.net

Peru-Reise 2013 – Eindrücke

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Das FAIENAP-Büro – mit neuem Design!

Bei meiner diesjährigen Reise nach Peru hatte ich Gelegenheit, die drei Hauptregionen zu besuchen: den Urwald, das Bergland und die Küste.
Die ersten eineinhalb Wochen verbrachte ich im Urwald, genauer gesagt im FAIENAP-Zentrum in Pucallpa. Der Fixpunkt jeder Peru-Reise ist die Teilnahme an der jährlichen FAIENAP-Konferenz, der Rest der Reise variiert von Jahr zu Jahr. Das besondere an der FAIENAP-Konferenz ist, dass sich dort Leiter der Indianerkirchen aus den unterschiedlichsten Regionen und Ethnien des Urwaldgebiets treffen und über die jeweilige Situation berichten. Das ermöglicht ein relativ schnelles „Update“ und einen Überblick über aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen.

Nuevo_Pucallpa

Nuevo Pucallpa

Die Stadt Pucallpa wächst weiter wie verrückt. In alten Reiseführern wird sie noch mit einer „Goldgräberstadt“ verglichen, inzwischen hat sie mehrere hunderttausend Einwohner. Am Kilometer 13,5 wurde im September 2012 im Rahmen einer „Invasion“ Land besetzt (ein recht populärer Weg, um zu einem Grundstück zu kommen…) und kurzerhand eine neue Pucallpa_GrossbaustelleSiedlung errichtet: „Nuevo Pucallpa“.

Inzwischen drängen die großen Supermarktketten aus Lima auch in die Provinz – sogar nach Pucallpa.

Pucallpa - Fußgaengerzone

Neue Fußgängerzone in Pucallpa

Kürzlich wurde dort ein „Maestro“-Baumarkt eröffnet, ein Supermarkt von „Plaza Vea“ wird demnächst fertiggestellt werden und eröffnen, ein „Real Plaza“ und weitere sind im Bau.

Die Grundstückspreise im Zentrum sind regelrecht explodiert – viele bieten ihre Häuser zum Verkauf an, um den Gewinn zu realisieren und sich am Rand der Stadt niederzulassen.

Reloj Público - Pucallpa

Reloj Público – Pucallpa

Positiv sind Bemühungen zur Verschönerung der Innenstadt, insbesondere der Gestaltung einer Fußgängerzone von der „Plaza de Armas“ zur „Reloj Público“.

Weitere eineinhalb Wochen verbrachte ich in Huariaca, einer Kleinstadt auf ca. 3.000m Höhe, an der Carretera Central zwischen Huánuco und Cerro de Pasco.

Huariaca

Huariaca

Um nach Huariaca zu kommen nahm ich zunächst einen Überlandbus von Pucallpa nach Huánuco, danach ein Sammeltaxi von Huánuco nach Huariaca. Ein ehemaliger Kollege (und guter Freund!) der Indianerbibelschule ist dort seit einem knappen Jahr Pastor in einer Gemeindeaufbauarbeit. Er bat mich, ihn bei der Arbeit mit der Gemeinde zu unterstützen und insbesondere eine Vision für Mission zu vermitteln. Aus der Idee einige Vorträge zum Thema zu halten wurde kurzerhand die „1. Missionskonferenz in Huariaca“, zu der auch Mitglieder anderer Gemeinden eingeladen wurden. Während meines Aufenthalts wurde ich von verschiedenen Familien zum Essen eingeladen und durfte die Köstlichkeiten der Bergland-Küche genießen. Da die Leute dort meist draußen („en el campo“) arbeiten, haben sie einen entsprechenden Energiebedarf und die Portionen sind entsprechend groß… – vermutlich habe ich zugenommen :-).
Die (Rück)Reise nach Lima erfolgte im Überlandbus. Ein großer Teil der Strecke führte durch die „Pampa de Junín“, eine Hochebene auf über 4.000m Höhe. Am

Kurz vor dem Ticlio-Paß

Kurz vor dem Ticlio-Paß

Schluß ging es über den Ticlio-Paß (4.835m) und dann hinunter nach Lima. Je mehr wir uns Lima näherten, desto zäher wurde der Verkehr und desto länger dauerte der Rest der Strecke. Da der Taxifahrer, den ich normalerweise kontaktiere, schon Kundschaft hatte, blieb mir nichts anderes übrig, als an der Busstation ein Taxi für die Fahrt zur Unterkunft zu suchen. Was mich regelmäßig nervt, sind die Versuche der Taxifahrer, „Gringo-Preise“ von mir zu verlangen. In der Regel mache ich sie darauf aufmerksam, dass ich ihr Taxi nicht kaufen will, sondern nur einen Transport von A nach B wünsche… Meist läßt sich dann ein vernünftiger Preis aushandeln. Das gelang auch diesmal, nur aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens und der langen Zeit, die er zum Ziel brauchte, war der Taxifahrer recht „stinkig“… – Eine völlig andere Haltung hatte der Taxifahrer, den mir das Kinderwerk Lima ein paar Tage später für die Rückfahrt von El Agustino nach Surco besorgte. Nach dem Besuch bei meinem Patenkind wollte ich auf dem Inka-Markt in Miraflores, sowie in der christlichen Buchhandlung „El Inca“ (ebenfalls in Miraflores) noch einige Einkäufe machen, was einen Zwischenstopp von etwas mehr als einer Stunde bedeutete. Der Taxifahrer machte mir einen fairen Preis, den er auch aufrecht erhielt, als ich ihn am Ende der Fahrt nochmals fragte, wieviel ich ihm schuldig sei. Ich hab nun die Karte mit seiner Telefonnummer und er einen neuen Kunden.
SurcoAuch die Stadt Lima ist weiter am Wachsen. Im Stadtteil Surco, wo ich untergebracht bin, fällt mir auf, dass viele der ein- bis zweistöckigen Häuser abgerissen und große Wohnblocks gebaut werden. Da Grundstücke inzwischen teuer, knapp und sehr begehrt sind, wird in die Höhe gebaut. Die Preise für Eigentumswohnungen in manchen Stadtteilen haben sich innerhalb der letzten fünf Jahre fast verdreifacht. Auch die Preise für Lebensmittel und Lebenshaltungskosten sind in den vergangenen Jahren weiter gestiegen, was günstiger wurde sind Technik-Artikel. Viele haben inzwischen ihr Smartphone, ein Tablet oder einen Laptop. Es ist mir immer wieder ein Rätsel, wie die Leute das hier machen, gerade auch diejenigen, die nicht zu den Großverdienern gehören, aber irgendwie scheint es zu funktionieren… Peru ist ein schönes, aber auch geheimnisvolles Land – in Vielem…

Nun auch Indianerdörfer am Amazonas überschwemmt

Bereits vor einem Monat berichtete ich davon, dass mehr als 50 Indianerdörfer am Ucayali von starken Überschwemmungen betroffen sind. Die peruanische Zeitung „El Comercio“ berichtet, dass die peruanische Regierung vor ein paar Tagen den Notstand in der Region Ucayali ausgerufen hat.
Heute erreichten mich nun Berichte (aus dem FAIENAP-Büro), dass die Wassermassen auch zu Überschwemmungen am Amazonas geführt haben. Das Haus von Pastor Eusebio Chanchari (der auch Vorstandsmitglied von FAIENAP ist) vom Stamm der Ticuna-Indianer wurde inzwischen überschwemmt. Gestern wurde in seiner Region sogar ein ganzes Dorf von den Fluten zerstört. Es kam dabei nicht nur zum Verlust von Häusern und Pflanzungen, sondern auch von Menschenleben.
Rafael Ahuanari, der Geschäftsführer von FAIENAP, teilte mir mit, dass es voraussichtlich mindestens ein Jahr dauern wird, bis die Schäden der massiven Überschwemmungen wieder behoben sind. Es müssen ja nicht nur die Häuser wieder aufgebaut und neue Pflanzungen angelegt werden – sobald die Überschwemmungen zurück gegangen sind, d.h. vermutlich in 2 Monaten – sondern es dauert ja auch eine ganze Weile, bis wieder etwas geerntet werden kann. Das bedeutet, dass die Menschen für eine gewisse Zeit auf Hilfe angewiesen sein werden. Es ist möglich, betroffenen Indianerdörfern Hilfe durch FAIENAP zukommen zu lassen. Wer dies tun möchte, der möge sich bitte mit mir in Verbindung setzen. Danke!

Reiseeindrücke: “El Peru avanza“

Meine Peru-Reise geht langsam dem Ende entgegen. Inzwischen bin ich wieder in Lima und dabei verschiedene Eindrücke zu sortieren. Immer wieder liest man hier Parolen wie „El Peru avanza“ – „Peru schreitet voran“. Und wirklich, der Fortschritt erreicht immer entlegenere Winkel des Landes.

Während der Reise verbrachte ich unter anderem 10 Tage in Chazuta, einem Quechua-Dorf, ca. 50 – 60 km von Tarapoto entfernt. Wir kamen hier mit Indianern aus verschiedenen Stämmen zusammen, um die Jahreskonferenz von FAIENAP abzuhalten. Chazuta ist aber nicht irgendein Indianerdorf, es hat rund 7.500 Einwohner, ist die „Kreisstadt“ des Distrikts Chazuta, hat ein Keramik-Museum, eine Turist-Information, Internet u.v.m.

Als ich einmal vom Internet-Cafe zurück kam begegnete ich Rafael, Shipibo-Indianer und Geschäftsführer von FAIENAP. Er hatte einen USB-Stick um den Hals hängen und fragte mich, ob man im Internet-Cafe auch ausdrucken kann. – Leider nicht, nur auf dem Rathaus hat es einen Drucker. Aber es war Sonntag, daher war dieses geschlossen. Rafael hatte seine Predigt für den Eröffnungsgottesdienst der FAIENAP-Konferenz vorbereitet. Nun, wenn man die Datei nicht ausdrucken kann, dann predigt man halt direkt vom Notebook aus…
Der Gottesdienst wurde übrigens auch Live im regionalen Radiosender von Chazuta und im Regionalfernsehen übertragen. Zusammen mit einem schweizer und einem anderen deutschen Kollegen hatte ich auch einen spontanen Auftritt: jeder Stamm wurde gebeten, etwas in seiner Sprache zu singen – wir auch… Übrigens haben in Chazuta die meisten Häuser einen Fernseher; mit dem Kabelanschluss kann man derzeit rund 15 Sender empfangen.
Während der FAIENAP-Konferenz war zu bemerken, dass die Handy-Rate unter Indianern innerhalb der letzten 2 Jahre massiv gestiegen ist (obwohl die Prepay-Tarife hier teuerer als in Deutschland sind!). Ebenso auch die Nutzung des Internets; an manchen Tagen war die Hälfte der Computer im Internet-Cafe von den Delegierten belegt – viele haben inzwischen ihr E-Mail-Account.
In Tarapoto fiel mir dann erstmals eine neuartige Ampel auf, bei der digital angezeigt wird, wie viele Sekunden die Rot- bzw. Grünphase noch dauert. In Lima waren dann weitere Ampeln dieses Typs zu sehen.
In Lima hat es im Moment unheimlich viele Baustellen; daher sind manche Straßen gesperrt und die restlichen Straßen überfüllt. Positiv ist, dass inzwischen viele Taxis mit Gas fahren und die Luft etwas weniger verpesten. Bei rund 10 Millionen Einwohnern und Unmengen von Fahrzeugen wird aber trotzdem noch genügend Smog produziert…
Einer der Gründe für die vielen Baustellen sind die anstehenden Wahlen im Oktober: es werden Bürgermeister, Stadt- und Kreisräte gewählt. Eine Taktik der Amtsträger ist es, bis zur Wahl noch einige Bauprojekte durchzuziehen, damit die Leute sehen, dass für sie etwas getan wird. Das wird bewusst auf das Ende der Amtszeit terminiert. In Chazuta erlebten wir übrigens eine Wahlveranstaltung mit (genauer gesagt den Lärm); die anschließende Fiesta endete morgens gegen 6 Uhr. Dort hörte ich übrigens folgende Aussage: „Früher betrogen uns die Kanditaden, heute betrügen wir die Kandidaten“. D.h. die Kandidaten machten große Versprechungen und hielten sie nicht. Inzwischen tun die Leute so, als ob sie die Kandidaten wählen würden, nehmen an deren Veranstaltungen teil, essen, trinken, lassen sich T-Shirts und andere Sachen schenken – und wählen dann jemand anders. Mein Freund Jeiser, ein junger Shipibo-Indianer (von dem ich u.a. in „Begegnungen in Peru“ schreibe), kandidiert übrigens für den Kreisrat in Pucallpa. Ich warnte ihn, er solle keine Versprechungen machen, die er nicht halten kann. ;-). Mal sehen, ob er gewählt wird. Am 3. Oktober werde ich erfahren, ob sein Wahlkampf erfolgreich verlaufen ist.
Leider hört man auch von sehr negativen Entwicklungen. In Pucallpa nehmen in letzter Zeit bewaffnete Überfälle auf offener Straße zu. Vor allem Leute, die auf der Bank Geld abheben werden ausspioniert, verfolgt und ausgeraubt. Auch hört man, dass in manchen Gegenden Terroristen wieder aktiver werden und die Regierung wohl zu wenig dagegen unternehme. Ein Wiederaufkeimen des Terrorismus in Peru wäre fatal. In Chazuta hörte ich Berichte darüber, wie sehr die Leute dort davon betroffen waren. Sie sind froh, dass dieser Albtraum vorbei ist.

Blutige Zusammenstöße zwischen Regierung und Indianern im Norden von Peru

Am Freitag, den 5. Juni 2009 kam es in Bagua und Umgebung zu blutigen Zusammenstößen zwischen Polizei sowie Indianern. Nach unterschiedlichen Quellen schwanken die Angaben über Tote zwischen 30 und 80, außerdem gab es über 100 (z.T. sehr schwer) Verletzte.
Hintergrund dieser Auseinandersetzung ist, dass die peruanische Regierung die Ausbeutung von Rohstoffen (Erdöl, Gas, Mineralien, Holz), durch (meist ausländische) Unternehmen erleichtern will. Viele Indianer sehen dadurch ihren Lebensraum bedroht (und haben oft auch schon entsprechende Erfahrungen gemacht). Sie sind nicht gegen Entwicklung und Fortschritt, möchten dabei aber ein entscheidendes Mitspracherecht haben. Gemäß der Konvention 169 der Internationalen Arbeitsorganisation, die 1994 auch von Peru als verbindlich anerkannt wurde, steht indianischen Minderheiten dieses Recht auch ausdrücklich zu.
Bereits seit fast zwei Monaten protestieren indianische Einwohner aus der Anden- sowie der Amazonasregion gegen die Art und Weise, wie der Staat und Unternehmen in die Ausbeutung von Rohstoffen investieren wollen. Dabei wurden in den vergangenen zwei Monaten auch Straßen blockiert, u.a. nach Bagua.

Am Freitag kam es nun – nach 54 Tagen friedlichem Protest – zu einer Eskalation. Nach offiziellen Berichten hätten Indianer die Sicherheitskräfte zuerst angegriffen. Allerdings gibt es viele Quellen die bezeugen, dass zunächst aus Polizeihubschraubern Schüsse (auf Leute!) und Tränengasgranaten abgefeuert wurden. Zwei Belgier, die sich als Voluntäre einer NGO gerade in Bagua aufhielten, haben die Sache beobachtet und durch entsprechende Fotos dokumentiert. Ich habe mir auch eine ganze Reihe von Filmdokumentationen auf Youtube angesehen und war von der Brutalität der Vörgänge schockiert.

Gegen Alberto Pizango, den Vorsitzenden der Indianerorganisation AIDESEP und Verhandlungsführer der indianischen Seite (der sich zum Zeitpunkt der Ereignisse in Lima aufhielt), wurde inzwischen ein Haftbefehl wegen Rebellion und Konspiration erlassen. Am Montag, den 8. Juli ist er in die nicaraguanische Botschaft in Lima geflüchtet, wo er politisches Asyl beantragt hat. Dies wurde ihm von der nicaraguanischen Regierung inzwischen gewährt.

Bereits schon am 5. Juli haben CONEP (Das nationale evangelische Konzil von Peru) und FAIENAP (Dachverband der Evangelischen Indianerkirchen) eine gemeinsame Erklärung zu den Ereignissen in Bagua herausgegeben. Seit gestern Abend ist ein Team von FAIENAP vor Ort, um sich direkt über die Vorgänge zu informieren, sowie Betroffenen – soweit wie möglich – zu helfen.

Die Indianerorganisationen haben ab heute für das gesamte Amazonasgebiet zu einem unbefristeten Generalstreik aufgerufen. Außerdem soll in Lima eine Demonstration vor dem Regierungspalast stattfinden.