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Von der Lehre der „ewigen Erwählung“

Die von den Reformatoren wieder neu betonte Lehre von der ewigen Erwählung (Prädestination) der Gläubigen ist alles andere als eine leichte Kost. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich selbst eine ganze Weile Mühe damit hatte.

Das 3. Kapitel des Westminster Bekenntnis (siehe Glaubensbekenntnisse) behandelt dieses Thema ebenfalls. Es beendet seine Ausführungen darüber mit Artikel 3.8. „Mit dieser Lehre muss man sorgfältig umgehen“:

„Die Lehre von diesem hohen Geheimnis der Vorherbestimmung muss mit besonderer Weisheit und Sorgfalt behandelt werden, damit die Menschen, die auf den in seinem Wort geoffenbarten Willen Gottes achten und ihm Gehorsam leisten, aufgrund der Gewissheit ihrer wirksamen Berufung ihrer ewigen Erwählung versichert sind. So soll diese Lehre zum Preis, zur Ehrfurcht und zur Bewunderung Gottes und zur Demut, zum Fleiß und zum reichlichen Trost für alle, die ernsthaft dem Evangelium gehorchen, förderlich sein.“

Der Reformator Johannes Calvin behandelt das Thema ausführlich in seinem Hauptwerk, der Institutio (3. Buch, Kapitel 21). Interessant ist, dass er vor der Behandlung des Themas „mit zweierlei Menschen ein zwiefaches Vorgespräch“ hält. Was er darin zum Ausdruck bringt ist für die Annäherung an das Thema m.E. sehr wichtig:

1. Calvin warnt davor, mehr über das Thema wissen zu wollen, als Gott uns darüber offenbart (oder anders ausgedrückt: über das hinaus zu gehen, was geschrieben steht):

„Die Erörterung über die Vorbestimmung ist zwar an sich schon einigermaßen verzwickt; aber der Vorwitz der Menschen macht sie erst recht verwickelt und geradezu gefährlich. Er lässt sich durch keinerlei Riegel davon abbringen, sich auf verbotene Abwege zu verlaufen und über sich hinaus in die Höhe zu dringen; wenn es möglich ist, so lässt er Gott kein Geheimnis übrig, das er nicht durchforscht und durchwühlt. Wir sehen, wie viele Menschen immer wieder in diese Vermessenheit und Schamlosigkeit geraten, auch solche, die sonst nicht übel sind; es ist also an der Zeit, sie darauf aufmerksam zu machen, was in diesem Stück ihre Pflicht ist.

Zunächst sollen sie sich daran erinnern, dass sie mit ihrem Forschen nach der Vorbestimmung in die heiligen Geheimnisse der göttlichen Weisheit eindringen; wer nun hier ohne Scheu und vermessen einbricht, der erlangt nichts, womit er seinen Vorwitz befriedigen könnte, und er tritt in einen Irrgarten, aus dem er keinen Ausgang finden wird! Denn es ist nicht billig, dass der Mensch ungestraft durchforscht, was nach des Herrn Willen in ihm selber verborgen bleiben soll, und dass er die Hoheit seiner Weisheit, die er angebetet und nicht begriffen wissen wollte und um deretwillen er uns ja eben wunderbar sein will, geradezu von der Ewigkeit her durchwühlt. Die Geheimnisse seines Willens, die er uns kundzumachen für gut erachtete, die hat er uns durch sein Wort vor Augen gestellt. Er hat das aber soweit für gut erachtet, als es nach seiner Vorsehung zu unserem Besten dient und uns nützlich ist. […] Wenn bei uns der Gedanke gilt, dass das Wort des Herrn der einzige Weg ist, der uns zur Erforschung dessen führt, was uns von ihm zu wissen gebührt, dass es das einzige Licht ist, das uns voranleuchtet, damit wir sehen, was wir von ihm erschauen sollen, – dann wird er uns mit Leichtigkeit vor allem Vorwitz bewahren und zurückhalten. Wir werden dann nämlich wissen, dass unser Lauf, sobald wir die Grenzen des Wortes überschreiten, vom Wege abführt und in der Finsternis verläuft – und dass wir da notwendig in die Irre gehen, fallen und immer wieder anstoßen müssen! Deshalb wollen wir uns zuerst vor Augen halten: eine andere Erkenntnis der Vorbestimmung zu erstreben als die, welche uns im Worte Gottes entfaltet wird, das ist ebenso wahnwitzig, wie wenn einer weglos schreiten oder im Finstern sehen wollte. Auch sollen wir uns nicht schämen, in einer solchen Sache etwas nicht zu wissen, in der es eine wohlgelehrte Unwissenheit (docta ignorantia) gibt! Nein, wir wollen vielmehr gern davon Abstand nehmen, nach einem Wissen zu forschen, nach dem zu haschen töricht wie gefährlich, ja, geradezu verderblich ist! Wenn uns aber der Übermut unseres Wesens kitzelt, dann wird es von Nutzen sein, ihm stets zu seiner Dämpfung das Wort entgegenzuhalten: „Wer zu viel Honig isst, dem ist\’s nicht gut, und das Forschen nach Ruhm wird den Vorwitzigen nicht zum Ruhm gereichen!“ (Spr. 25,27). Denn es besteht aller Grund, dass wir von einer Vermessenheit abgeschreckt werden, die nichts anderes vermag, als uns ins Verderben zu stürzen!“

2. Calvin warnt davor, das Thema (u.a. aus Furcht) auszublenden bzw. zu ignorieren (oder anders ausgedrückt: etwas von dem weg zunehmen, was geschrieben steht):

„Dagegen gibt es andere, die dies Übel heilen wollen und zu diesem Zweck beinahe jede Erwähnung der Vorbestimmung zu begraben gebieten; ja, sie lehren, man solle sich vor jeder Frage nach ihr wie vor einer Klippe hüten! Nun ist das Maßhalten dieser Leute mit Recht zu loben, insofern sie der Ansicht sind, man solle die Geheimnisse mit solcher Bescheidenheit erwägen. Aber sie bleiben doch gar zu sehr hinter dem rechten Maß zurück, und deshalb richten sie bei der menschlichen Art wenig aus; denn diese läßt sich nicht so blindlings in Schranken weisen. Um also auch in diesem Stück die rechte Begrenzung innezuhalten, müssen wir auf das Wort des Herrn zurückgehen, an dem wir eine sichere Richtschnur des Erkennens haben. Denn die Schrift ist die Schule des Heiligen Geistes, und in ihr wird nichts übergangen, was zu wissen notwendig oder nützlich ist, es wird aber auch ebenso nichts gelehrt, als was zu wissen förderlich ist! Was nun auch in der Schrift über die Vorbestimmung gelehrt wird, – wir müssen uns hüten, die Gläubigen davon fernzuhalten, damit wir nicht den Anschein erwecken, als wollten wir sie boshaft um die Wohltat ihres Gottes betrügen oder auch den Heiligen Geist beschuldigen und beschimpfen, er habe Dinge kundgemacht, die man nützlicherweise auf alle Art unterdrücken sollte: Wir wollen, meine ich, dem Christenmenschen erlauben, allen Worten Gottes, die an ihn gerichtet werden, Herz und Ohr zu öffnen, allerdings mit solcher Zurückhaltung, dass, sobald der Herr seinen heiligen Mund schließt, auch der Mensch sich den Weg zum Forschen verschließt! Unsere Bescheidenheit wird dann das richtige Maß haben, wenn wir beim Lernen nicht nur stets Gottes Leitung folgen, sondern auch da, wo er seiner Belehrung ein Ende macht, aufhören, noch etwas wissen zu wollen. Auch ist die Gefahr, die jene Leute fürchten, nicht so groß, dass wir deshalb die Herzen von Gottes Offenbarungsworten abwenden dürften! Es ist (allerdings) ein herrliches Wort des Salomo: „Es ist Gottes Ehre, ein Wort zu verbergen“ (Spr. 25,2). Aber die Frömmigkeit und auch der gesunde Menschenverstand leiten uns an, diese Stelle nicht unterschiedslos auf alles zu beziehen; wir müssen also eine Unterscheidung aufsuchen, damit nicht unter dem Deckmantel der Zurückhaltung und Bescheidenheit die grobe Unwissenheit unser Wohlgefallen findet! Diese Unterscheidung wird nun von Mose in wenigen Worten klar zum Ausdruck gebracht: „Das Geheimnis gehört unserem Gott; aber dies hat er uns und unseren Kindern offenbart!“ (Deut. 29,29). Da sehen wir, wie er dem Volke die Beschäftigung mit der Lehre des Gesetzes einzig auf Grund des himmlischen Willensratschlusses ans Herz legt, weil es eben Gott gefallen hatte, das Gesetz kundzumachen, wie er aber zugleich das nämliche Volk in diese Schranken einschließt, und zwar einzig aus dem Grunde, weil es den Sterblichen nicht gebührt, in Gottes Geheimnisse einzudringen.

Ich gestehe zwar, dass unfromme Menschen bei der Behandlung der Vorbestimmung, ehe man sich versieht, etwas erhaschen, um es zu zerpflücken, übel zu deuten, anzubellen oder zu verspotten. Aber wenn uns die Unverschämtheit solcher Leute schreckt, dann müssen wir von allen hochwichtigen Glaubenslehren schweigen; denn solche Menschen oder ihresgleichen lassen fast keine von ihnen mit ihren Lästerungen unverletzt. Ein widerspenstiger Geist wird ebenso frech losfahren, wenn er hört, dass in Gottes Wesen drei Personen bestehen, wie wenn er vernimmt, dass Gott, als er den Menschen schuf, auch vorausgesehen hat, was in Zukunft mit ihm geschehen werde. Solche Menschen werden auch ihr Gelächter nicht unterlassen, wenn sie gewahr werden, dass erst wenig mehr als fünftausend Jahre seit der Erschaffung der Welt verflossen sind; denn sie werden dann fragen, warum denn Gottes Kraft solange müßig und schlafend gewesen sei. Kurz, man kann nichts vorbringen, was sie nicht mit ihrem Spott angreifen! Wollen wir aber, um diese Lästerungen niederzuhalten, von der Gottheit des Sohnes und des Heiligen Geistes schweigen? Wollen wir die Erschaffung der Welt mit Stillschweigen übergehen? Nein, in diesem Stück und auch sonst in allen ist Gottes Wahrheit zu mächtig, als dass sie die Schmähsucht der Gottlosen zu fürchten hätte. So behauptet es auch Augustin gründlich in seinem Werk „Von der Gabe der Beharrung“ (15-20). Wir sehen doch, wie es die falschen Apostel nicht fertiggebracht haben, den Apostel durch Verleumdung und Beschimpfung seiner wahren Lehre dazu zu bringen, dass er sich ihrer schämte!

Töricht ist es aber auch, wenn man erklärt, diese ganze Erörterung sei auch für fromme Gemüter gefährlich, weil sie den Ermahnungen zuwider sei, den Glauben erschüttere und weil sie das Herz selbst verwirre und ängstige. Augustin verhehlt nicht, dass er es gewohnt war, auf Grund solcher Ursachen beschuldigt zu werden, weil er die Vorbestimmung gar zu frei predige; aber er widerlegt diesen Vorwurf doch vollauf, was ihm ja sehr leicht möglich war (Von der Gabe der Beharrung, 14). Wir wollen dagegen, da hier viele und verschiedenartige Widersinnigkeiten vorgebracht werden, die Widerlegung jeder einzelnen bis an die je passende Stelle aufschieben. Nur dies eine sollte, das möchte ich gern, bei ihnen allgemein fest stehen bleiben: Was der Herr im Geheimen hat verborgen sein lassen, dem sollen wir nicht nachspüren, was er hat offen an den Tag treten lassen, das sollen wir nicht vernachlässigen, damit wir nicht auf der einen Seite um unserer allzu großen Neugierde, auf der anderen um unserer Undankbarkeit willen verdammt werden, denn auch das ist ein kluges Wort Augustins: wir könnten der Schrift sicher folgen, weil sie gleichsam nach der Art des Gangs einer Mutter langsam schreite, um unsere Schwachheit nicht hinter sich zu lassen (Von der Genesis V,3). Wenn aber einige so vorsichtig oder ängstlich sind, dass sie wohl wünschten, die Vorbestimmung sei begraben, damit sie nur ja keine schwächlichen Seelen verwirre, – mit was für einer Farbe wollen die denn, das möchte ich gar zu gern wissen, ihre Anmaßung zudecken? Denn hintenherum beschuldigen sie Gott törichter Unbedachtheit, als ob er nämlich eine Gefahr, der sie weislich zu begegnen glauben, nicht vorhergesehen hätte! Wer also die Lehre von der Vorbestimmung mit übler Nachrede belastet, der treibt offene Gotteslästerung – als ob Gott nämlich unbesonnen etwas entfallen wäre, was der Kirche Schaden brächte!“

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Calvin – vom Beten

Der Reformator Johannes Calvin behandelt in der Institutio (3. Buch, Kapitel 20) auch das Thema Gebet. U.a. weist er auf darauf hin, dass Gott selbst uns gebietet zu beten und der Gehorsam gegenüber diesem Gebot letztlich ein Ausdruck des Glaubens ist:

„Zunächst: er gebietet uns, zu beten, und beschuldigt uns schon durch solche Weisung gottloser Halsstarrigkeit, wenn wir nicht gehorsam sind. Ein klareres Gebot hätte gar nicht gegeben werden können, als das im 50. Psalm: „Rufe mich an in der Not!“ (Ps. 50,15). Keine unter den Pflichten der Frömmigkeit empfiehlt uns die Schrift häufiger als das Beten, und deshalb brauche ich mich hier nicht lange aufzuhalten. „Bittet“, sagt unser Meister, „so wird euch gegeben, klopfet an, so wird euch aufgetan!“ (Matth. 7,7). Diesem Gebot fügt er freilich auch eine Verheißung bei, wie das auch nötig ist; denn es geben wohl alle Menschen zu, man müsse dem Gebot gehorchen; aber es würde doch ein großer Teil vor Gottes Rufen fliehen, wenn er nicht die Verheißung gäbe, er wolle uns erhören und uns freundlich entgegenkommen.

Haben wir dies Doppelte (Gebot – Verheißung) festgestellt, so ist es zugleich sicher, daß alle, die Ausflüchte suchen, um nicht geradewegs zu Gott zu kommen, nicht nur widerspenstig und ungehorsam, sondern auch ihres Unglaubens überführt sind, weil sie ja den Verheißungen kein Vertrauen schenken! Das ist besonders zu bemerken, weil die Heuchler unter dem Deckmantel der Demut und Bescheidenheit Gottes Gebot hoffärtig verachten und zugleich seiner freundlichen Einladung den Glauben verweigern, ja, ihn damit des vornehmsten Stücks seiner Verehrung berauben. Denn er verwirft (in dem oben genannten Psalm 50, Vers 7-13) die Opfer, in denen dazumal alle Heiligkeit zu liegen schien, erklärt aber zugleich, daß bei ihm dies besonders und vor allem anderen als köstlich gelte, daß man ihn am Tage der Not anrufe! (Ps. 50,15). Wo er also fordert, was ihm zukommt, und wo er uns zu freudigem Gehorsam ermuntert, da gibt es für unseren Zweifel keinen noch so glänzenden Vorwand, der uns entschuldigen könnte. Immer wieder begegnen uns in der Schrift Zeugnisse, in denen uns die Anrufung Gottes geboten wird, und die sind alle wie Paniere vor unseren Augen aufgepflanzt, um uns Zuversicht einzuflößen!“ (III,20,13)

In seinen weiteren Ausführungen (III,20,17-19) kommt Calvin auch auf das Mittleramt Jesu Christi zu sprechen und stellt klar:

„Christus ist also der einzige Weg und der einzige Zugang, durch den es uns geschenkt ist, zu Gott zu dringen; wer nun also von diesem Wege abbiegt und von diesem Zugang weicht, der hat weiter keinen Weg und keinen Zugang mehr zu Gott, und für den bleibt vor Gottes Thron nichts als Zorn, Gericht und Schrecken. Kurz, weil uns der Vater an Christus als unser Haupt und unseren Herzog gewiesen hat, so versucht jeder, der von ihm irgendwie weicht oder sich auf einen Nebenweg begibt, soviel an ihm ist, dieses dem Herrn von Gott aufgeprägte Kennzeichen zu zerstören oder zu verfälschen! So ist Christus als der einzige Mittler eingesetzt, damit uns durch seine Fürsprache der Vater gnädig wird und Erhörung schenkt.“ (III,20,19)

Ehrfucht

Beim Weiterlesen von Calvins „Institutio„, bin ich auf einen interessanten Abschnitt zum Thema „Ehrfucht“ gestoßen – Ehre & Fucht:

Weiter: die Furcht des Herrn, die immer wieder als allen Gläubigen eigen bezeugt wird, die als „der Weisheit Anfang“, ja als die Weisheit selber gilt (Ps. 111,10; Spr. 1,7; 15,31; Hiob 28,28), ist zwar stets eine und dieselbe, aber sie entspringt doch einem doppelten Empfinden. Gott beansprucht nämlich die Ehrfurcht, die ihm als Vater gebührt, und die, welche ihm als dem Herrn zukommt. Wer ihn recht verehren will, der wird sich ihm als ein folgsamer Sohn und als ein gehorsamer Knecht zu erweisen trachten. Den Gehorsam, der ihm als dem Vater zukommt, nennt der Herr durch den Mund des Propheten „Ehre“, den Gehorsam, der ihm als dem Herrn erwiesen wird, nennt er „Furcht“. „Ein Sohn soll seinen Vater ehren und ein Knecht seinen Herrn. Bin ich nun Vater, wo ist meine Ehre? Bin ich Herr, wo fürchtet man mich?“ (Mal. 1,6). Hier unterscheidet er „Ehre“ und „Furcht“ – aber zugleich bringt er beide zusammen, indem er am Anfang beide unter der Forderung zusammenfaßt, ihn zu „ehren“. Die Furcht des Herrn soll also für uns Ehrerbietung sein, die aus solcher Ehre und Furcht zusammengefügt ist. Es ist auch nicht verwunderlich, wenn ein und dasselbe Herz beide Regungen in sich empfängt. Denn wer bei sich selbst erwägt, was für ein Vater Gott gegen uns ist, der hat ausreichend Grund, eine Kränkung dieses Gottes schlimmer zu verabscheuen als den Tod, auch wenn es keine Hölle gäbe! Aber der Leichtsinn unseres Fleisches, der sich so gern der Sünde hingibt, ist so groß, daß wir, um ihn immerzu am Zügel zu halten, auch noch den anderen Gedanken gründlich festhalten müssen: dem Herrn, unter dessen Gewalt wir stehen, ist alle Ungerechtigkeit ein Greuel, und wer durch ein Lasterleben seinen Zorn über sich hervorruft, der wird seiner Vergeltung nicht entgehen! (III, 2,26)

Am 9. Juli erschien übrigens auf dem Blog von „The Gospel Coalition“ anläßlich des 504. Geburtstages von Johannes Calvin ein Artikel mit dem Titel „9 Things You Should Know about John Calvin„.

Calvin über Glaube und Erkenntnis

Im dritten Buch, Kapitel 2 der Institutio schreibt Calvin „Vom Glauben, seinem Wesen und seinen Eigenschaften“. Darin beklagt er die Verkehrung des Glaubensbegriffs. In seinen weiteren Ausführungen macht er dann auf die wichtige Beziehung zwischen Glaube und Erkenntnis aufmerksam:

„Dieses Übel (nämlich die Verkehrung des Glaubensbegriffs) haben wir, wie unendlich vieles andere, billig den Scholastikern zu verdanken. Sie haben vor Christus sozusagen einen Vorhang gezogen und ihn so verdeckt. Schauen wir aber nicht stracks auf ihn, so müssen wir ja immerzu auf allerlei Irrwegen hin- und herlaufen. Abgesehen aber davon, daß sie mit ihrer finsteren Beschreibung vom Wesen des Glaubens dessen ganze Kraft schwächen, ja zunichte machen, haben sie sich auch das Gerede von dem „eingewickelten“ Glauben (fides implicita) ersonnen. Mit diesem Namen zieren sie die gröbste Unwissenheit und täuschen so das arme Volk auf die verderblichste Weise. Ja, dieses Gerede – ich will richtiger und offener aussprechen, um was es sich handelt! – begräbt nicht allein den wahren Glauben, sondern zerstört ihn von Grund auf. Heißt das denn noch glauben, wenn man keinerlei Erkenntnis hat und seinen Sinn bloß gehorsam der Kirche unterwirft? Nein, der Glaube ruht nicht auf Unwissenheit, sondern auf Erkenntnis; und zwar handelt es sich dabei nicht bloß um die Erkenntnis Gottes, sondern auch um die des göttlichen Willens. Wir erlangen nämlich das Heil nicht dadurch, daß wir bereit sind, alles, was die Kirche uns zu glauben vorschreibt, als wahr anzunehmen, oder ihr die Aufgabe zuschieben, zu forschen und kennenzulernen, sondern nur dann, wenn wir erkennen, daß Gott um der Versöhnung willen, die durch Christus geschehen ist, unser gnädiger Vater ist, und daß Christus uns zur Gerechtigkeit, zur Heiligung und zum Leben gegeben ist. Durch diese Erkenntnis, sage ich, und nicht durch Unterwerfung unseres Sinnes, erlangen wir den Zutritt zum Himmelreich. Denn wenn der Apostel sagt: „Denn so man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und so man mit dem Munde bekennt, so wird man selig“ (Röm. 10,10), so zeigt er damit deutlich: es ist nicht genug, wenn einer im Sinne des „eingewickelten“ Glaubens glaubt, was er gar nicht versteht und was er auch nicht untersucht; nein, er fordert eine „entwickelte“ (explicita) Erkenntnis der göttlichen Güte, auf der unsere Gerechtigkeit ruht.“ (III 2,2)

Heute ist es üblich zu sagen: „Hauptsache man glaubt (an irgendetwas)!“ Oder: „Glauben heißt nicht wissen!“ – Beide Aussagen sind im Lichte der Bibel falsch. Es kommt darauf an, an den wahrhaftigen Gott zu glauben (Joh 17,3), und zwar mit rechter Erkenntnis (Röm 10,2-3). Denn:

Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“ (Hebr. 11,1).

Der Grund, warum wir diese feste Zuversicht haben können ist, dass Gott selbst sich geoffenbart hat – in Jesus Christus:

Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten, hat er in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch den Sohn, den er eingesetzt hat zum Erben über alles, durch den er auch die Welt gemacht hat. Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens und trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort und hat vollbracht die Reinigung von den Sünden und hat sich gesetzt zur Rechten der Majestät in der Höhe.“ (Hebr. 1,1-3)