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Luther, die Schmalkaldischen Artikel und die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre

Die Schmalkaldischen Artikel (1537) sind Luthers theologisches Vermächtnis an die evangelische Christenheit. Sie enthalten eine entschiedene Darstellung zentraler Punkte der reformatorischen Lehre, die in scharfem Kontrast zur römisch-katholischen Lehre standen. Diese Schrift ist in drei Hauptteile eingeteilt:

1. Im ersten (sehr kurzen) Hauptteil geht es um den dreieinigen Schöpfer und die Menschheit des Sohnes. Luther schreibt dazu: „Um diese Artikel gibt es keinen Zank und Streit, weil wir sie auf beiden Seiten bekennen. Darum ist es nicht nötig, jetzt weiter davon zu handeln.“

2. Im zweiten Hauptteil geht es um das Evangelium, d.h. das Amt und Werk Jesu Christi und die Erlösung allein durch Christus, allein aus Gnade und allein durch den Glauben (zusammengefasst in vier Artikeln). Ausgehend vom Evangelium behandelt Luther andere Themen, die aufs Engste mit der Rechtfertigungslehre verknüpft sind: das Messopfer, Fegefeuer, angebliche Erscheinungen Verstorbener, Wallfahrten, Bruderschaften, Reliquiendienst, Ablass, Anrufung der Heiligen, die Bestimmung der Stifter und Klöster und das Papsttum. Sehr nüchtern rechnet Luther bei diesen Themen mit scharfem Widerstand von römisch-katholischer Seite (die Artikel waren ursprünglich zur Darstellung des evangelischen Standpunkts bei einem Konzil geschrieben worden) und schreibt: „An diesen vier Artikeln werden sie beim Konzil genug zu verdammen haben. Denn sie können und wollen nicht das geringste Gliedlein von einem dieser Artikel uns zugestehen.“

3. Im dritten Hauptteil werden in siebzehn weiteren Artikeln die folgenden Themen behandelt: (Erb)Sünde, Gesetz, Buße, Evangelium, Taufe, Abendmahl, Schlüsselgewalt, Beichte, Bann, Weihe und Berufung, Priesterehe (bzw. Zölibat), wie man vor Gott gerecht wird und von guten Werken, Klostergelübde und Menschensatzungen. Luthers Begründung seines Standpunkts erfolgt weitestgehend anhand der Heiligen Schrift, dabei steht wieder das Evangelium bzw. die Rechtfertigungslehre im Zentrum.

Am Ende der Schmalkaldischen Artikel, in seinem Schlusswort, schreibt Luther: „Dies sind die Artikel, auf denen ich bestehen muss und bestehen will bis in meinen Tod (so Gott will). Und ich weiß an ihnen nichts zu ändern oder nachzugeben. Will aber jemand etwas nachgeben, so tue er es auf seine eigene Verantwortung.“

Am 31. Oktober 1999 (Reformationstag) wurde zwischen dem Lutherischen Weltbund und der römisch-katholischen Kirche die „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ unterzeichnet. Durch diese „Gemeinsame Erklärung“ sollte u.a. feierlich bekundet werden, dass zwischen Lutheranern und Katholiken ein Konsens in Grundwahrheiten der Rechtfertigungslehre bestehe. Darin heißt es u.a. „Wir bekennen gemeinsam, dass der Mensch im Blick auf sein Heil völlig auf die rettende Gnade Gottes angewiesen ist. Die Freiheit, die er gegenüber den Menschen und den Dingen der Welt besitzt, ist keine Freiheit auf sein Heil hin. Das heißt, als Sünder steht er unter dem Gericht Gottes und ist unfähig, sich von sich aus Gott um Rettung zuzuwenden oder seine Rechtfertigung vor Gott zu verdienen oder mit eigener Kraft sein Heil zu erreichen. Rechtfertigung geschieht allein aus Gnade.“ (4.1 (19)) – Nun, das sind schöne Worte. Die Frage ist, wie die kirchliche Realität aussieht, denn an den offiziellen Dogmen hat sich meines Wissens nichts Wesentliches verändert, – siehe dazu z.B. den Katechismus der Katholischen Kirche des Vatikans (insbesondere zum Thema „Ablässe“ – Frage 1471 – 1479, die Frage 1472 spricht auch erstmals vom „Purgatorium“, d.h. dem „Fegefeuer“). Und nicht umsonst hatten sich schon vor der Unterzeichnung 160 deutsche evangelische Theologen gegen die „Gemeinsame Erklärung“ ausgesprochen, weil sie den lutherischen Gedanken verwässere. Ich schätze mal, Luther hätte dies etwas markanter ausgedrückt… – Letztes Jahr wurde ich übrigens in Lima bei einem Mittagessen von zwei protestantischen Theologen auf die „Gemeinsame Erklärung“ angesprochen; sie sind keine Lutheraner, aber ich hatte den Eindruck, sie waren irgendwie verwirrt darüber…

Nun, manch einer mag vielleicht denken, was Luther vor 478 Jahren von sich gegeben hat, das ist „Schnee von gestern“. Ich bin da anderer Meinung, denn es geht darin um das Wesen des Evangeliums und die Gefahr der Verfälschung des Evangeliums, wenn wir uns nicht an die fünf reformatorischen „Solas“ halten. Daher kann ich die Lektüre der Schmalkaldischen Artikel nur wärmstens empfehlen – insbesondere evangelischen Christen.

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Luther: Vom unfreien Willen

Immer wieder hört man die Aussage: „Der Mensch hat einen freien Willen.“ Ich selbst habe diese Aussage auch schon oft gemacht…

Doch ganz so einfach ist die Sache nicht! Der Idee von einem freien Willen liegt der Gedanke zugrunde, dass der Mensch die völlige Wahlfreiheit habe, sich in alle Richtungen zu entscheiden – so, wie er es wolle, – und dies dann auch zu tun. Nun, in vielen Bereichen hat der Mensch auch tatsächlich eine m.o.w. starke Willensfreiheit, aber nicht grundsätzlich. Insbesondere da, wo es um das Gehorchen von Gottes Geboten und das Leben mit Gott geht, werden die Grenzen des „freien Willens“ deutlich – sofern es ihn überhaupt gibt. Doch gerade in frommen Kreisen ist immer wieder die Rede vom „freien Willen“, als ob es jeder Mensch persönlich in der Hand habe, sich frei für oder gegen Gott, sich frei für oder gegen den Glauben, sich frei für oder gegen die Nachfolge Christi entscheiden zu können. – Und sich letztlich durch seine eigene Entscheidung retten (lassen) zu können – oder auch nicht.

Die Sache, um die es geht ist nicht neu. Im Jahr 1524 verfasste der Humanist Erasmus von Rotterdam seine Schrift „Vom freien Willen“ (De libero arbitrio). Der Reformator Martin Luther reagierte darauf im Jahr 1525 sehr scharf durch die Herausgabe seiner Schrift „De servo arbitrio“, d.h. „Vom geknechteten Willen“ (auch übersetzt mit „Vom unfreien Willen“). In seiner Antwort geht Luther Stück für Stück auf die Argumente von Erasmus ein und widerlegt sie anhand der Bibel (und auch Erasmus´ eigenen Argumenten!). Auch wenn Luthers Ausführungen sehr umfangreich und oft auch recht polemisch sind, es lohnt sich sehr, diese Schrift zu lesen. – Insbesondere heute, wo der Mensch und seine eigenen Fähigkeiten oft so stark in den Mittelpunkt gestellt wird, und vergessen wird, wie sehr er eigentlich von Gottes Gnade abhängig ist.

Luther selbst äußerte sich in „De servo arbitrio“ dazu, warum ihm dieses Thema so sehr am Herzen lag. Es geht dabei letztlich um den Kern des Evangeliums:

„Deshalb ist es nicht unfromm, neugierig oder überflüssig, sondern ganz besonders heilsam und notwendig für den Christen zu wissen, ob der eigene Wille etwas oder nichts in den Dingen tun kann, die zum Heil gehören. Ja das ist, damit Du im Bilde bist, sogar der Angelpunkt unserer Disputation, hier liegt der Kern dieser Sache. Denn darauf sind wir aus, daß wir untersuchen, was der freie Wille vermag, was er zuläßt, wie er sich zur Gnade Gottes verhält. Wenn wir das nicht wissen, wissen wir rein gar nichts von den Angelegenheiten der Christen und werden schlimmer sein als alle Heiden. Wer das nicht empfindet, gesteht damit ein, daß er kein Christ sei, wer aber das tadelt und verachtet, möge wissen, daß er der größte Feind der Christen ist. Denn wenn ich nicht weiß, was, wieweit und wieviel ich in bezug auf Gott kann und zu tun vermag, so wird es mir ebenso ungewiß und unbekannt sein, was, wieweit und wieviel Gott in bezug auf mich vermag, da Gott doch alles in allem wirkt (1. Kor. 12, 6). Wenn ich aber die Werke und die Wirkungsmacht Gottes nicht kenne, so kenne ich Gott selbst nicht. Kenne ich Gott nicht, so kann ich ihn auch nicht verehren, preisen, ihm Dank sagen und ihm dienen, da ich ja nicht weiß, wieviel ich mir zuschreiben kann und wieviel ich Gott schulde.

Man muß also den genauesten Unterschied machen zwischen der Kraft Gottes und unserer, zwischen dem Werk Gottes und dem unseren, wenn wir fromm leben wollen. So siehst Du, daß diese Aufgabe das eine Teil der ganzen Summe christlichen Wesens darstellt, von welcher die Kenntnis unserer selbst, die Erkenntnis und die Ehre Gottes abhängt und auf dem Spiel steht.“1

Zu allen Zeiten besteht die Gefahr, über irgendwelche Dinge zu reden, ohne genau zu klären bzw. zu definieren, wovon man eigentlich spricht. Da es Luther um eine Klärung des Sachverhalts ging, war ihm auch die Definition, was unter einem „freien Willen“ zu verstehen sei, sehr wichtig. In seiner Antwort an Erasmus greift er daher dessen eigene Definition auf. So schreibt er an Erasmus:

„Zuerst wollen wir, wie es richtig ist, bei der Definition selbst beginnen, mit welcher Du den freien Willen folgendermaßen definierst: »Weiter verstehen wir hier unter dem freien Willen das Vermögen des menschlichen Willens, durch das der Mensch sich dem anpassen oder von dem abwenden kann, was zum ewigen Heil führt.«“2

Im weiteren Verlauf geht Luther auf diese Definition von Erasmus und dessen Ausführungen dazu ein. Nachfolgend ein „kurzer“ 🙂 Auszug davon, der auf den Kern des Problems aufmerksam macht:

„Du unterscheidest hier drei Meinungen, als ob sie zu drei Richtungen gehörten, weil Du nicht merkst, daß es dieselbe Sache ist, die einmal mit diesen, das andere Mal mit jenen Worten auf verschiedene Weise von uns erörtert wird, die wir dieselben und einer Richtung Lehrer sind.

Doch wir wollen Dich unterweisen und Dir die Schläfrigkeit bzw. Stumpfheit Deines Urteils zeigen. Ich frage Dich, wie paßt die oben von Dir gegebene Definition des freien Willens zu dieser ersten Dir recht annehmbar scheinenden Meinung? Du hast nämlich gesagt, der freie Wille sei das Vermögen des menschlichen Willens, durch das sich der Mensch zum Guten hinwenden kann. Hier aber behauptest Du und billigst die Behauptung, daß der Mensch ohne die Gnade nicht das Gute wollen kann. Die Definition bejaht, was ihre zweite Formulierung verneint, und man findet in Deinem freien Willen zugleich Ja und Nein, so daß Du uns zugleich sowohl zustimmst wie verdammst, wie Du auch Dich selbst verdammst und billigst in ein und demselben Lehrsatz und Artikel. Oder meinst Du, es sei nicht etwas Gutes, sich zu dem hinzuwenden, das zum ewigen Heil gehört, wie es Deine Definition dem freien Willen zuerkennt?

Denn die Gnade ist überhaupt nicht nötig, wenn so viel Gutes im freien Willen wäre, daß er dadurch sich selbst zum Guten wenden könnte. Darum ist etwas anderes der freie Wille, den Du definierst, und etwas anderes der freie Wille, den Du verteidigst. Und es hat nun Erasmus zwei freie Willen, die vor den übrigen und einander selbst geradezu entgegengesetzt sind.

Doch wir wollen das fallenlassen, was die Definition ersonnen hat, und das betrachten, was an Gegenteiligem die Meinung selbst vorträgt. Du gibst zu, daß der Mensch ohne besondere Gnade nicht das Gute wollen kann (denn wir erörtern jetzt nicht, was die Gnade Gottes vermag, sondern was der Mensch ohne die Gnade vermag). Du gibst also zu, daß der freie Wille nicht das Gute wollen kann; das bedeutet nichts anderes, als daß er sich nicht zu dem hinwenden kann, was zum ewigen Heil gehört, wie Deine Definition lautete. Kurz vorher sagst Du sogar, der menschliche Wille sei nach dem Sündenfall so verderbt, daß er, nachdem er die Freiheit verloren habe, gezwungen werde, der Sünde zu dienen, und sich nicht zu einer Besserung seiner selbst zurückwenden könne.

[…]

So ist die erste Meinung beschaffen, wenn man sie mit sich selbst vergleicht: sie verneint, daß der Mensch etwas Gutes wollen könne. Und wenn ihm auch ein Streben belassen werde, sei es dennoch auch nicht sein eigen. Laßt uns nun diese Meinung mit den übrigen zwei vergleichen! Die andere nämlich ist jene härtere, die da urteilt, der freie Wille sei zu nichts fähig außer zum Sündigen. Dies aber ist die Meinung Augustins, wie er sie an vielen anderen Stellen äußert, insbesondere jedoch in seiner Schrift »Über den Geist und den Buchstaben«, wenn ich nicht irre, im vierten oder fünften Kapitel, wo er gerade jene Worte gebraucht.

Jene dritte, härteste Meinung ist diejenige Wiclifs und Luthers selbst, daß der freie Wille eine leere Bezeichnung sei und daß alles, was geschehe, aus reiner Notwendigkeit erfolge. Mit diesen beiden liegt die Diatribe im Kampf. Hier sage ich: vielleicht können wir nicht genug Latein oder Deutsch, daß wir die Sache selbst nicht haben vollständig vortragen können. Aber ich rufe Gott zum Zeugen an, ich habe nichts anderes sagen, noch etwas anderes unter der Formulierung der beiden zuletzt genannten Ansichten verstanden wissen wollen als das, was in der ersten Meinung gesagt ist. Ich glaube auch nicht, daß Augustin etwas anderes gewollt hat, noch ersehe ich etwas anderes aus seinen eigenen Worten, als was die erste Meinung aussagt, so daß die drei von der Diatribe aufgezählten Meinungen (zusammen) bei mir nichts anderes ergeben, als eben jene meine einzige Ansicht. Nachdem nämlich zugestanden und begriffen ist, daß der freie Wille, nachdem er die Freiheit verloren hat, unter die Knechtschaft der Sünde gezwungen worden ist und gar nichts Gutes wollen könne, so kann ich aus diesen Worten nichts anderes entnehmen, als daß der freie Wille ein leeres Wörtchen ist, dessen Inhalt verloren ist. Eine verlorene Freiheit nennt meine Sprachlehre keine Freiheit; dem aber die Bezeichnung der Freiheit beilegen, das keine Freiheit hat, bedeutet ein leeres Wort beilegen.“3

Soweit also ein paar Aussagen von Luther selbst, zum angeblichen „freien Willen“. Wie schon erwähnt, ging es Luther bei der Auseinandersetzung mit dieser Frage um den Kern des Evangeliums, insbesondere um die Frage, ob der Mensch die Fähigkeit hat, bei seiner eigenen Rettung mitzuwirken bzw. ob er irgend etwas dazu beitragen kann. Bei der Antwort auf diese Frage geht es letztlich auch um die Gültigkeit der fünf Solas der Reformation (siehe dazu mein Artikel „Soli Deo Gloria?!„), d.h. ob diese der Lehre der Bibel entsprechen oder nicht.

Es lohnt sich auf jeden Fall, Luthers vollständige Ausführungen zu diesem Thema zu lesen und sich auch mit seiner biblischen Argumentation auseinanderzusetzen – auch wenn Luthers Position heute vermutlich nicht mehr populär ist und auch nicht dem (evangelikalen) Mainstream entspricht.

Seine Schrift „Vom unfreien Willen“ ist u.a. auch hier im Internet als PDF-Version erhältlich.

1[Martin Luther: Vom unfreien Willen (1525), S. 30 ff.Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther, S. 1982 (vgl. Luther-W Bd. 3, S. 169 ff.) (c) Vandenhoeck und Ruprecht]

2[Martin Luther: Vom unfreien Willen (1525), S. 119. Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther, S. 2071 (vgl. Luther-W Bd. 3, S. 226) (c) Vandenhoeck und Ruprecht]

3[Martin Luther: Vom unfreien Willen (1525), S. 132 ff.Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther, S. 2084 (vgl. Luther-W Bd. 3, S. 234 ff.) (c) Vandenhoeck und Ruprecht]

Geheiligt werde dein Name…

Seit Erscheinen der EKD-Orientierungshilfe „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit“ wurden viele Artikel zu diesem Papier veröffentlicht. Ich will hier nicht näher in dieses Thema einsteigen (stattdessen verweise ich auf die theologische Stellungnahme von Professor Dr. Reinhard Slenczka dazu), sondern auf Marthin Luthers „Kleinen Katechismus“ hinweisen. In seinen Ausführungen zum „Vater unser“ schreibt er zur Bitte „Geheiligt werde dein Name“ Folgendes:

„Wie geschieht das?

Wo das Wort Gottes lauter und rein gelehrt wird und wir auch heilig, als die Kinder Gottes, danach leben. Dazu hilf uns, lieber Vater im Himmel! Wer aber anders lehrt und lebt, als das Wort Gottes lehrt, der entheiligt unter uns den Namen Gottes. Davor behüte uns, himmlischer Vater!“

Luthers „Kleiner Katechismus“ wurde übrigens auch auf der Internetseite der EKD veröffentlicht… 😉