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Erdöl-Austritt verschmutzt Amazonasgebiet!

Wieder einmal kam es im peruanischen Amazonasgebiet bei der Förderung von Erdöl bzw. durch ein Leck in einer Pipeline zu massiven Verschmutzungen der Gewässer. Bereits am 25. Januar 2016 kam es am Río Chiriaco durch das Leck in einer Pipeline zum Austritt von Rohöl, das den ganzen Fluss verunreinigt. Am 9. Februar 2016 verschlimmerte sich die Situation, als aufgrund starker Regenfälle (es ist gerade Regenzeit) der von Petro Peru gebaute Damm, um das Rohöl zurückzuhalten, überflutet wurde.

Das folgende auf Youtube eingestellte Video zeigt den Río Chiriaco überzogen mit einer Ölschicht. Der Chiriaco fließt in den Marañon, der ab seinem Zusammenfließen mit dem Ucayali den Amazonas bildet. Die Bevölkerung an diesen Flüssen ist über die Verschmutzung der Gewässer sehr besorgt und leidet auch an dem starken Geruch, der sich überall ausbreitet.

In dem Video wird den Funktionären der verantwortlichen Erdölgesellschaft vorgeworfen, sie würden dem Vorfall nicht die gebührende Bedeutung beimessen. Außerdem zeigt man sich überrascht, dass die Medien den Fall Kleinreden und berichten, alles wäre unter Kontrolle. Doch die Videoaufnahmen zeigen etwas anderes. Der Río Chiriaco ist derzeit auf einer Länge von ca. 30 Kilometer verschmutzt – von dem Ort, wo das Leck in der Pipeline ist, bis zu seiner Einmündung in den Río Marañon. Für die Menschen, die dort wohnen, ist dieser Öl-Unfall eine absolute Katastrophe, ganz zu schweigen von den Auswirkungen auf Flora und Fauna!

Für diejenigen, die Spanisch sprechen, ein paar Links zu den Nachrichten von RPP-Noticias über den Vorfall:

Indígenas denunciarán a la estatal Petroperú por derrame en Amazonía

Amazonas: alarma por derrame de petróleo que contamina al río Marañón

Funcionarios regionales evalúan derrame de petróleo en el río Chiriaco

Bagua: nativos Awajun afectados por filtración de petróleo

Petroperú niega negligencia en derrame de crudo en Amazonas y Loreto

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Video über die Caquinte-Indianer

Caquinte-Indianer Peru klIn der Vergangenheit habe ich immer wieder auf die Caquinte-Indianer in Peru hingewiesen, so z.B. im letzten Artikel „Die Caquinte-Indianer und die Erdölgesellschaft“.

Gestern erhielt ich von einer früheren peruanischen Kollegin den Hinweis, dass kürzlich ein Video über die Caquinte veröffentlicht wurde. Obwohl´s schon etwas später war, musste ich mir den einstündigen Film natürlich sofort ansehen :-). Die Filmaufnahmen wurden im Dorf Tsoroja gedreht; dieses Dorf kenne ich recht gut, denn ich habe auf mehreren Reisen zwischen 2000 und 2005 dort insgesamt rund zweieinhalb Monate verbracht. So hat es mich dann auch sehr gefreut, viele bekannte Gesichter in dem Film zu sehen. Kein Grund zur Freude sind allerdings verschiedene Entwicklungen dort im Dorf und auch insgesamt innerhalb der Ethnie. Bei meiner Reise im vergangenen Jahr in das Caquinte-Dorf Quitepampani habe ich persönlich einen näheren Einblick in die Herausforderungen und die damit verbundenen Nöte erhalten. Diese kommen auch sehr gut in der auf Youtube veröffentlichten Dokumentation zum Ausdruck. Die Herausforderungen betreffen verschiedene Aspekte wie die Anerkennung der Caquinte als eigene Ethnie, das Bildungswesen und die Bildungschancen, die medizinische Versorgung, der Schutz ihrer Lebensgrundlage (Wasser, Wildbestände etc.) sowie die Präsenz einer Ölgesellschaft in ihrem Territorium.

Der Film „El Pueblo Indígena Kakinte (Caquinte)“ kann hier auf Youtube angesehen werden (Spanisch). Was mir sehr daran gefällt ist, dass die Caquinte darin selbst sehr ausführlich zu Wort kommen.

In mehreren Kapiteln meines Buchs „Begegnungen in Peru“ geht´s übrigens auch um die Caquinte-Indianer (und verschiedene Leute, die in o.g. Video interviewt werden). In der 3. aktualisierten und erweiterten Auflage habe ich auch ein weiteres Kapitel hinzugefügt, in dem ich von meinen Besuchen in das Caquinte-Dorf „Quitepampani“ in den Jahren 2005 und 2012 berichte.

Die Caquinte-Indianer und die Erdölgesellschaft

Mit einer Gesamtbevölkerung von ungefähr 400 Personen gehören die Caquinte-Indianer zu den kleineren Ethnien im peruanischen Amazonasgebiet. Caquinte-Indianer 2005Sie leben in einem abgelegeneren Gebiet des Urwaldes, südlich des Río Tambo und westlich des Río Urubamba, dort, wo die letzten Ausläufer der Anden ins Tiefland übergehen. Ebenso wie ihre direkten Nachbarn, die Ashaninca, Yine und Machiguenga, gehören sie zur Arawak-Sprachfamilie.

Bereits seit längerer Zeit wird im Gebiet des Nachbarstamms der Machiguenga Erdöl und Erdgas gefördert (Siehe auch die Artikel zu „Mysteriose Todesfälle bei den Machiguenga-Indianern“). Im Jahr 2005 wurden die Caquinte darüber informiert, dass ihr Gebiet im Zentrum eines neu ausgewiesenen Gebietes liegt (Lote 57), in dem nach Erdöl gesucht werden soll. Ich bekam damals noch die Anfänge mit, wie die Bevölkerung mit dieser neuen Situation konfrontiert wurde und versuchte, damit umzugehen. In meinem Buch „Begegnungen in Peru“ gehe ich kurz darauf ein:

„Bei meinem letzten Besuch, im Juni 2005 berichtete Josué, dass er im Mai als Vize-Dorfchef an einer Informationsveranstaltung in Sepahua teilnahm. Dort wurden sie darüber informiert, dass eine Erdölgesellschaft in ihrer Gegend nach Erdöl bohren wolle. Die Angelegenheit wurde von der peruanischen Regierung bereits Ende 2003 beschlossen, die Konzession im Januar 2004 vergeben. Die Caquinte erfuhren aber erst im Mai 2005 davon! Ich nahm wahr, dass die Einwohner von Tsoroja in dieser Frage in zwei Lager gespalten waren: Die Mehrheit wollte nicht, dass die Erdölgesellschaft kommt, nahm es aber etwas fatalistisch auf, nach dem Motto „da kann man ja sowieso nichts machen“. Die anderen wollten Fortschritt und Entwicklung und waren dafür. In den Gesprächen äußerten sie ihre Ängste, dass die Umwelt und damit ihre Lebensgrundlage zerstört werden. Aber auch, dass dabei die kulturelle Identität und das soziale Gleichgewicht unter ihnen gestört, bzw. zerstört werden. Da die Caquinte nur ein kleines Volk von insgesamt etwa 400 Personen sind, kann man sich vorstellen, welche Herausforderung, um nicht zu sagen Bedrohung, das Kommen der Erdölgesellschaft für diese Menschen bedeutet. Inzwischen hat sich die Angelegenheit soweit entwickelt, dass das Dorf Tsoroja der Erdölgesellschaft erlaubt hat, in ihrem Gebiet nach Erdöl zu suchen. Man darf gespannt sein, was daraus wird und ob die Sache gut geht …“ (Jürgen H. Schmidt, Begegnungen in Peru – Urwaldindianer auf dem Weg ins 21. Jahrhundert, S.87f).

Auch bei meiner vorerst letzten Reise – im Jahr 2005 – in das Caquinte-Dorf Quitepampani stellte sich die Situation ähnlich dar, wie in Tsoroja. Vergangenes Camp ÖlgesellschaftJahr hatte ich endlich wieder die Gelegenheit, nochmals das Dorf Quitepampani zu besuchen. (Siehe dazu meine Reiseberichte „Rohstoffabbau im Urwald – Herausforderungen und viele Fragen…“ sowie „Eindrücke einer Reise“. Auf dem Foto ist das Camp der Erdölgesellschaft in der Nähe des Dorfes Quitepampani zu sehen.)

Während meines einwöchigen Aufenthaltes hatte ich viele seelsorgerliche Gespräche mit Bewohnern des Dorfes. Ein Thema, das mir dabei ständig begegnete, waren der Streit und die Zwistigkeiten, die mit dem Umgang mit der Erdölgesellschaft und der Verteilung des erwarteten „Wohlstandes“ zu tun hatten. Es gab einen tiefen Riss im Dorf, der mitten durch Familien hindurch ging – mit entsprechend lautstarken Diskussionen!

Gestern veröffentlichte Servindi einen Bericht über eine kurzfristig anberaumte Versammlung der Caquinte-Organisation ODPK (die ODPK wurde 2005 aufgrund der Angelegenheit mit der Erdölgesellschaft gegründet), die am 28.April 2013 stattfand. Bei dieser Versammlung wurde der Erdölgesellschaft vorgeworfen, hinter Aktionen zu stecken, die versuchen das Volk der Caquinte zu spalten und letztlich zu zerstören. Gleichzeitig erkennen die Caquinte die Differenzen an, die innerhalb ihres Volkes in dieser Frage bestehen. Während der Versammlung wurde die Selbstverpflichtung erneuert, diese Differenzen zu überwinden, um gegen die Bedrohungen durch die Erdölgesellschaft und auch durch andere Gruppen, die das Volk spalten wollen, bestehen zu können. – Es ist Begegnungen in Peruden Caquinte wirklich zu wünschen, dass ihnen dies gelingen möge!

Weitere Infos über das Volk der Caquinte-Indianer finden Sie in meinem Buch „Begegnungen in Peru“, das sowohl als Printversion wie auch als eBook im Buchhandel erhältlich ist. – Der Junge auf dem Cover-Foto ist übrigens auch ein Caquinte… 🙂

Rohstoffabbau im Urwald – Herausforderungen und viele Fragen…

Kürzlich kam ich von meiner Reise in ein Indinerdorf zurück, das ich vor 7 Jahren (2005) zuletzt besucht hatte. Die Veränderungen, die in dieser kurzen Zeit stattgefunden haben, waren immens. Rein äusserlich – abgesehen von der Lage des Dorfes – wäre es fast nicht wieder zu erkennen gewesen. Seit ein para Jahren ist eine Ölgesellschaft in der Gegend tätig. Vor 2 Jahren wurden dort neue Häuser gebaut, die meisten davon aus “material seminoble” bzw. “material noble” (d.h. bei zweigeschössigen Häusern ist das UG gemauert und das OG aus Holz, bei eingeschössigen Häusern ist alles gemauert).

Zu denken gab mir, was der Dorfchef bei meiner Ankunft sagte: “Es gibt hier materiellen Fortschritt, wir brauchen aber auch geistlichen Fortschritt”. Bei Gesprächen mit den Einwohnern kam immer wieder ans Licht, dass es in den vergangenen Jahren massive Spannungen innerhalb der Dorfgemeinschaft gab – ausgelöst durch die Frage, was denn angesichts der Präsenz der Ölgesellschaft das Beste sei. Immer wieder gab es bei Dorfversammlungen hitzige Diskussionen – auch während meines Aufenthalts. Und leider gehen die Zwistigkeiten mitten durch Familien hindurch – inklussive der kleinen Gemeinde am Ort.

Viele hätten am Liebsten (viel) Bargeld von der Ölgesellschaft erhalten, um alles Mögliche kaufen zu können – solange, bis das Geld eben aufgebraucht ist. Nur ganz wenige denken längerfristig an die Entwicklung des Dorfes und den Aufbau einer tragfähigen Zukunft – für sich selbst und ihre Kinder, um eine mögliche finanzielle Abhängigkeit zu vermeiden. Wie bereits an vielen anderen Orten im Urwald wird es früher oder später auch dort zu starken Veränderungen in der Umwelt kommen, u.a. ist mit einem Rückgang der Wild- und Fischbestände zu rechnen.

Kurz nach meiner Reise las ich im Magazin “EINS“ (Ausgabe 2/2012, S. 31) in einem kurzen Bericht über die Kampagne “Licht ins Dunkel“ mit dem Titel “10.000 Stimmen für mehr Transparenz und weniger Armut“ folgendes:

„Es ist ein Skandal. Rund 3,5 Milliarden Menschen leben in Ländern, die reich an Öl, Gas und anderen Bodenschätzen sind. Tragischerweise profitieren arme Menschen aus den vom Rohstoffabbau betroffenen Gebieten selten von den Einnahmen. Verantwortungsträger aus der EU müssen jetzt handeln und sicherstellen, dass das Geld an den richtigen Stellen landet.“

Nun, diese Aussage ist sicher richtig. Nur, anhand dessen, was ich von der kürzlich besuchten Ethnie (und auch anderen Ethnien) weiß, stellt sich für mich die Frage: Welches sind die richtigen Stellen??? – Denn m.E. ist diese Frage in der Praxis gar nicht so einfach zu beantworten! (Z.B. wenn ich an das kürzlich besuchte Dorf denke.) Denn die sozialen und wirtschftlichen Herausforderungen sind enorm, z.B. für eine Dorfgemeinschaft, die bisher kaum mit der Verwaltung von Geldern betraut war, höchstens vielleicht in sehr begrenztem Umfang mit kleinen Summen. Plötzlich stehen dann S/ 100.000,– (Nuevos Soles, ca. 34.000 Euro) pro Jahr zur Verfügung (wie im konkreten Fall) – für die Leute eine sehr grosse Summe – , die sinnvoll eingesetzt werden sollen. Was geschieht? – Heftiger Streit über die Verwendung der Mittel entsteht. Am Ende der Diskussion wird jeder Familie im Dorf dersselbe Betrag zugewiesen. Manche werden diesen sinnvoll einsetzen, die Meisten werden ihn vermutlich irgendwie verbrauchen. Im Dorf wird der Unterschied und Abstand zwischen denen, die ihre Mittel weise einsetzen und vermehren, und denen, die das nicht schaffen, wachsen. Das produziert Neid und eine Kluft zwischen Menschen, die bisher materiell weitgehend gleichgestellt waren, entsteht. Abgesehen von anderen Nebenwirkungen, die bereits in vielen Dörfern mit ähnlicher Situation beobachtet werden können, u.a. steigender Alkoholkonsum mit starken Getränken wie Bier und „agua ardiente“ („Feuerwasser“), die den traditionellen Masato ersetzen.

Was die Menschen in ihrer Situation eigentlich bräuchten wäre eine gute und langfristige (mindestens 5 – 10 Jahre) Begleitung, um die ganzen sozialen und wirtschaftlichen Veränderungsprozesse Stück für Stück zu begleiten (inklussive geistlicher Begleitung). Die entsprechenden Personen müssten Sprache und Kultur der Ethnie kennen und über umfangreiche Kenntnisse in verschiedenen Bereichen verfügen (ethnologische, juristische, wirtschaftliche, ökologische etc.), außerdem müssten sie wirklich Unabhängig von fremden Interessen (sei es der Ölfirmen oder des Staates) arbeiten können. Nur, wer kann das alles leisten?

Es gibt zwar verschiedene Organisationen, die sich für den Schutz der Umwelt und/oder ethnischer Minderheiten einsetzen. Leider ist aber zu beobachten, dass die Menschen dann, wenn sie wirklich Hilfe bräuchten, z.B. durch die Beratung und Vertretung durch gute Fachanwälte, diese (über)lebenswichtige Unterstützung im Paragraphen-Dschungel der modernen Welt schlichtweg nicht zur Verfügung steht. – Und auch hier bleibt die Frage: Welches sind die richtigen Stellen, die den Menschen wirklich helfen können???