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Soli Deo Gloria?!

Die fünf Solas der Reformation sind:

  1. Sola Scriptura – Allein die Schrift
  2. Sola Gratia – Allein aus Gnade
  3. Sola Fide – Allein aus Glauben
  4. Solus Christus – Allein durch Christus
  5. Soli Deo Gloria – Gott allein sei die Ehre

 Diese fünf Solas fassen die Kernpunkte der reformatorischen Lehre, insbesondere der Soteriologie (Lehre vom Heil), kurz und knapp zusammen. Nach meiner Beobachtung sind zumindest die ersten vier mehr oder weniger bekannt (auch wenn sie in der Praxis oft nicht genügend beachtet werden): Die Heilige Schrift, die Bibel, ist die alleinige Grundlage der christlichen Lehre – insbesondere auch für die Lehre vom Heil. Die Errettung des Sünders geschieht allein aus Gnade, allein durch den Glauben und allein durch Jesus Christus.

Doch der fünfte Kernpunkt, „Soli Deo Gloria“, wird relativ selten erwähnt. Meist hörte ich davon im Zusammenhang mit Johann Sebastian Bach, der die Abkürzung der drei Worte, S.D.G., unter seine Kompositionen setzte um die alleinige Ehre dafür Gott zu geben. Doch im Zusammenhang mit der Heilslehre wird „Soli Deo Gloria“ recht selten erwähnt. Das ist irgendwie seltsam – oder?

Liegt es vielleicht daran, dass wir heute – auch in „frommen Kreisen“ – eher anthropozentrisch (Menschen zentriert) als theozentrisch (Gott zentriert) ausgerichtet sind? Könnte es sein, dass wir zwar schon noch betonen, dass die Errettung des Sünders allein aus Gnade durch den Glauben an Jesus Christus geschieht, aber gleichzeitig (bewusst oder unbewusst) von einer gewissen Mitwirkung des Menschen bei seiner Errettung ausgehen? D.h. könnte es sein, dass Glaube („Ich habe mich entschieden zu glauben“), Bekehrung („Ich habe mich bekehrt“) und Wiedergeburt („Wenn du an Jesus glaubst und ein Übergabegebet sprichst, dann wirst du von neuem geboren“) inzwischen (wieder) dem menschlichen Einflussbereich zugeschrieben werden? D.h. wenn ich (mit meinem angeblich „freien Willen“) die Entscheidung zu Glaube und Bekehrung getroffen habe, dann habe ich ja doch einen gewissen Beitrag zu meiner Errettung geleistet (wie viel denn? 1%, 5%, 10%…?) – und als logische Konsequenz stehen Gott dann auch nicht mehr 100% der Ehre zu…

Die Reformatoren betonten, dass unsere Errettung 100% Gottes gnädiges Geschenk ist, und der Mensch absolut nichts tun kann, um sich die Gnade Gottes auch nur irgendwie zu „verdienen“. Selbst der Glaube ist letztlich ein Geschenk Gottes, d.h. auch darauf, dass jemand an Christus glaubt kann sich niemand etwas einbilden. Der Reformator Johannes Calvin geht im 3. Buch seiner Institutio, in den Kapiteln 15-18, auf die Frage nach einem eventuellen menschlichen Beitrag („Werk“, „Verdienst“) zu seinem Heil ein. Das 15. Kapitel hat er folgendermaßen überschrieben: „Was man vom Verdienst der Werke rühmt, macht Gottes Lobpreis für das Zustandebringen der Gerechtigkeit, zugleich aber auch die Heilsgewißheit zunichte“. Es lohnt sich sehr, seine Ausführungen zu lesen!

In seinen Briefen weist der Apostel Paulus immer wieder auf die Kernpunkte der Heilslehre hin – auch darauf, dass der Mensch keinerlei Grund hat, sich vor Gott zu rühmen:

„Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten. Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben. Denn es ist hier kein Unterschied: sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist. Den hat Gott für den Glauben hingestellt als Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt, die früher begangen wurden in der Zeit seiner Geduld, um nun in dieser Zeit seine Gerechtigkeit zu erweisen, dass er selbst gerecht ist und gerecht macht den, der da ist aus dem Glauben an Jesus. Wo bleibt nun das Rühmen? Es ist ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Durch das Gesetz der Werke? Nein, sondern durch das Gesetz des Glaubens. So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“ (Römer 3,21-28)

„Seht doch, liebe Brüder, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist; und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist, damit sich kein Mensch vor Gott rühme. Durch ihn aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung, damit, wie geschrieben steht: »Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn!«“ (1.Korinther 1,26-31)

„Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme.“ (Epheser 2,8-9)

Soli Deo Gloria!

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George W. Peters´ Bekenntnis zur Autorität der Bibel

Der Missionswissenschaftler Dr. George W. Peters beginnt seine Theologie der Mission mit einer persönlichen Stellungnahme und einem klaren Bekenntnis zur Autorität der Bibel:

„Ich entschuldige mich nicht dafür, daß ich die Bibel ohne vorgeschaltete Kritik als Autorität akzeptiere. Die Bibel ist die Grundlage und die Quelle des Glaubens, nicht das Ergebnis des Glaubens. Es geht mir darum, alles unter das Urteil des göttlichen Wortes zu bringen. Ohne zögern akzeptiere ich die Irrtumslosigkeit des biblischen Berichtes, die Historizität des Vorwortes der Bibel – 1.Mose 1-11 -, den mosaischen Ursprung des Pentateuchs und die historische, konservative, evangelikale Stellung zu allen Büchern der Bibel. Ich habe diese Stellung nicht blindlings bezogen. Die historisch-kritische Forschung ist mir nicht fremd. Die Auseinandersetzungen über Offenbarung und Inspiration, Authentizität und Integrität der Bibel sind mir wohl bekannt. Über Jahre hinweg verfolgte ich aufmerksam und nachdenklich die verschiedensten philosophischen und theologischen Strömungen und ihren Umgang mit der Bibel. Ich fand aber all diese Theorien mangelhaft. Sie scheinen mir weder offenbarungsgemäß, noch historisch, noch rational zu verfahren. Es fehlen ihnen die historischen Beweise für ihre Behauptungen und die klaren autoritativen Kriterien. Sie bauten weder meinen Glauben noch mein Leben auf. Es handelte sich bei ihnen um subjektive, unkritische Spekulationen. Sie mehrten weder missionarische Motivation noch schafften sie missionarische Dynamik. Diese Theorien nahmen weder mein Herz in Beschlag, noch spornten sie meinen Willen an. Deshalb bleibe ich bei der Bibel als meinem Führer, meiner Wegweisung und meiner Autorität.“ George W. Peters. Missionarisches Handeln und biblischer Auftrag. Eine Theologie der Mission, S. 9f.

Die Bibel als Glaubensgrund

In meinem Artikel „Glaube und Geschichte“ wies ich bereits auf das Buch „Die Bibel verstehen“ hin. Darin hat Werner Neuer eine ganze Reihe von Aufsätzen des Theologen Adolf Schlatter zur biblischen Hermeneutik gesammelt und herausgegeben.

In seinem Aufsatz „Der Glaube an die Bibel“ schreibt Schlatter u.a. über den „kräftigen Antrieb zum Unglauben in uns“, der sich in der Geschichte und im Zustand der Kirche immer wieder bemerkbar macht. Abhilfe kann letztlich nur das Hören auf Gottes Wort – die Bibel – schenken:

„Die Frage ist die, wie dem sündigen Menschen der Glaubensgrund bereitet wird, dem, der in sich selbst keinen Grund und kein Recht hat, auf Gott mit Glauben zu sehen, dem, der durch seine eigene Tat in den Unglauben, in den Argwohn, in die Furcht gebunden ist, als in den ihm gebührenden Ort. Die Hilfe bringt uns Gottes Wort. Wir dürfen ihn hören. Die Distanz des Sündigen vom Heiligen wird durch das Wort überwölbt. Es hebt uns weg von dem, was wir selber sind, und hält uns vor, was Gott für uns ist.

Wir möchten die Macht Gottes erleben; aber das erste, was wir als unsere Bereitung zum Glauben nötig haben, ist Gnade, und die erste Tat der Gnade ist, dass Gott mit uns spricht. Wir hören Gottes Freundlichkeit und Liebe. Deswegen ist die Bejahung seines Wortes das Fundament des Glaubensstandes.

Bekanntlich hat die Predigt der Reformation die Bibel kräftig als Glaubensgrund gebraucht. Was sie dazu bewogen hat, ist leicht erkennbar. Das hängt an der reformatorischen Bußpredigt, an dem tiefen Ernst, mit dem sie das betrachtet und gerichtet hat, was die Bibel »Sünde« heißt. Wer aus der reformatorischen Glaubensstellung heraustritt, muss auch die reformatorische Bußpredigt umbiegen.“ (S.69)

„Seht zu, liebe Brüder, dass keiner unter euch ein böses, ungläubiges Herz habe, das abfällt von dem lebendigen Gott; sondern ermahnt euch selbst alle Tage, solange es »heute« heißt, dass nicht jemand unter euch verstockt werde durch den Betrug der Sünde. Denn wir haben an Christus Anteil bekommen, wenn wir die Zuversicht vom Anfang bis zum Ende festhalten. Wenn es heißt: »Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht, wie es bei der Verbitterung geschah« – wer hat sie denn gehört und sich verbittert? Waren’s nicht alle, die von Ägypten auszogen mit Mose? Und über wen war Gott zornig vierzig Jahre lang? War’s nicht über die, die sündigten und deren Leiber in der Wüste zerfielen? Wem aber schwor er, dass sie nicht zu seiner Ruhe kommen sollten, wenn nicht den Ungehorsamen? Und wir sehen, dass sie nicht dahin kommen konnten wegen des Unglaubens.“ (Hebräer 3,12-19)

Glaube und Geschichte

Werner Neuer hat in dem Buch „Die Bibel verstehen“ Aufsätze von Adolf Schlatter (1852 – 1938) zur biblischen Hermeneutik gesammelt und herausgegeben.

In dem Aufsatz „Die heilige Geschichte und der Glaube“ geht es um den Zusammenhang zwischen Geschichte, Glaube und Wahrheit. Schlatter weist darauf hin, dass der Glaube – sowohl im AT wie im NT – seinen Grund in der Geschichte hat. Er nennt drei Punkte, an denen dies deutlich wird:

1. Das Gottesbild in der Bibel ist personhaft bestimmt. Der persönliche Gott handelt und offenbart sich in der Geschichte.

2. Jesus kam in diese Welt und vollbrachte seine Heilstat am Kreuz in der Geschichte.

„Darum kann der Glaube, der auf Christus zielt, seinen Inhalt nur aus der Geschichte schöpfen; er gründet sich auf Jesu Tat.“ (S.54)

3. Unser eigenes Leben ist nicht von Geschichte zu trennen; jeder Mensch ist „Träger einer Geschichte“. Wir sollen unsere Lebensgeschichte aber nicht isoliert von Gott leben, sondern in der persönlichen Beziehung mit ihm.

„Wir stehen mit der Erwägung, ob unser Glaube auf die Geschichte ziele, nicht vor einem formalen Problem. Sie ist die Frage nach dem persönlichen Gott, die Frage nach Christus als dem, der unser Heilsgut ist, die Frage nach dem Sinn unseres Lebens, ob auch uns sich eine Geschichte erschließe, die zwar nicht eine heilige, wohl aber eine geheiligte zu werden vermag.“ (S.56).

 Im weiteren Verlauf seines Aufsatzes kommt Schlatter darauf zu sprechen

warum sich für weite Kreise in unserer Kirche an dieser Stelle eine Schwierigkeit findet, die der fröhlichen Gründung des Glaubens auf die heilige Geschichte widerstrebt.“ (S.56)

Durch das Aufkommen der modernen Bibelkritik wurde die Historizität großer Teile des AT sowie des NT nicht nur in Frage gestellt sondern auch bestritten. Gleichzeitig tat und tut man aber in kirchlichen Kreisen so, als ob dies keine Konsequenzen für den christlichen Glauben habe. Um es etwas salopp zu formulieren: Es käme ja nicht darauf an, ob die in der Bibel beschriebenen Ereignisse tatsächlich so geschehen wären (egal ob es sich um den Auszug aus Ägypten, die Auferstehung Jesu oder was auch immer handle), das Wichtigste wäre „die darin enthaltene Botschaft“. D.h. man hat letztlich den Glauben von der Geschichte getrennt (aber weiterhin fromm geschwafelt…). Schlatter macht auf die Konsequenzen einer Trennung von Glaube und Geschichte (so wie sie uns in der Bibel als Heilsgeschichte berichtet wird) aufmerksam:

„Haben wir aber das, was wir Idee heißen, von der Geschichte geschieden, so ist sie nicht mehr ohne Einschränkung wahr und das Ja, das wir ihr geben, ist geknickt. Darum ist es kein stichhaltiger Beruhigungsgrund, wenn man uns sagt: Die Veränderung im geschichtlichen Bild, in welchem wir die heilige Geschichte sehen, seien ja für unsere Frömmigkeit gleichgültig. Vielmehr hat die an der Bibel getane geschichtliche Arbeit unzweifelhaft deutliche Rückwirkungen auf den Glaubensstand der Kirche. Es lässt sich hier keine Scheidung künstlich aufrichten.“ (S.60f.)

In seinem zweiten Brief macht der Apostel Petrus u.a. darauf aufmerksam, dass der Glaube auf historischen Tatsachen gründet:

Denn wir haben euch die Macht und Ankunft unseres Herrn Jesus Christus kundgetan, nicht indem wir ausgeklügelten Fabeln folgten, sondern weil wir Augenzeugen seiner herrlichen Größe gewesen sind. Denn er empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Herrlichkeit, als von der erhabenen Herrlichkeit eine solche Stimme an ihn erging: „Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe.“ Und diese Stimme hörten wir vom Himmel her ergehen, als wir mit ihm auf dem heiligen Berg waren.“ (2.Petrus 1,16-18)

Petrus verweist hier auf die Verklärung Jesu, bei der er selbst als Augenzeuge anwesend war – es ist eben relevant, ob etwas tatsächlich geschehen ist oder nicht! Den in der Bibel berichteten Ereignissen ihre Historizität abzusprechen bedeutet nichts anderes, als sie zu Fabeln (oder Mythen) zu degradieren, deren Glaubwürdigkeit letztlich nicht größer ist als die von Grimms Märchen (ich erinnere mich daran, vor Jahren in München ein Plakat gesehen zu haben, in der zu einer Veranstaltung mit dem Theologen Eugen Drewermann eingeladen wurde, bei der er Grimms Märchen tiefenpsychologisch gedeutet hat – eigentlich eine logische Konsequenz der Trennung von Glaube und Geschichte…).

Am Ende seines Aufsatzes kommt Schlatter darauf zu sprechen, dass es aber nicht nur darauf ankommt, „von der Wahrheit der heiligen Geschichte völlig überzeugt“ zu sein (als eine Art „allgemeiner Glaube“), sondern dass letztlich ein rettender Glaube erforderlich ist, der davon überzeugt ist, dass Gott seine Heilstaten in der Geschichte „für mich vollbracht“ hat. Schlatter beendet seine Ausführungen mit dem Fazit:

„Gottes große Taten, die einst geschehen sind, durchwalten darum in unvergänglicher Segensmacht unser aller Lebenslauf und bilden immer wieder den sicheren Glaubensgrund. Es hat seine vollkommene Wahrheit, wenn wir auch heute noch vor der heiligen Geschichte stehen mit dem dankbaren Wort: Das tatest du auch für mich. Eben dies ist das Glaubenswort.“ (S. 63).

Wie bewerten wir unsere Sünden gegen Gott?

Schon seit einiger Zeit lese ich die Dogmatik von Eduard Böhl aus dem Jahr 1887. Was mir an seiner „Darstellung der christlichen Glaubenslehre auf reformiert-kirchlicher Grundlage“ gut gefällt ist die enge Anbindung an die Heilige Schrift.

Bei der Lektüre mache ich immer wieder interessante Entdeckungen. In § 46 spricht er “über das Verhältnis der Sünden zueinander“. Dabei kommt er auch auf Sünden gegen Gott zu sprechen und darauf, wie der Mensch diese bewertet:

„Und vor Gott sind oftmals die Sünden groß, die nach menschlichem Urteil klein erscheinen. Wir meinen hier die Übertretung der Gebote der ersten Tafel, worin die rechten Hauptsünden gelegen sind, da wir hier nicht den Nächsten, sondern Gott an seiner Ehre verkürzen. Aber die menschliche Vernunft ist so antichristlich und atheistisch, dass sie den Grad der Sünden stets danach taxiert, ob man durch dieselben dem Menschen zu nahe getreten, ob man Menschen mehr oder weniger verletzte. Die Sünden gegen Gott schlägt die menschliche Vernunft gering an.“ Eduard Böhl. Dogmatik. Darstellung der christlichen Glaubenslehre auf reformiert-kirchlicher Grundlage, S. 141

Natürlich ist jede Sünde gegen Menschen auch ein Angriff gegen den Schöpfer und seine Gebote! Doch die Übertretung der ersten vier Gebote (nach reformatorischer Zählung) sind direkte Angriffe auf Gott. Allerdings ist sich der Mensch in der Regel überhaupt nicht bewusst was er da tut und mit wem er es zu tun hat, wenn er z.B. Gottes Namen missbraucht und in den Schmutz zieht. Wie recht hatte doch der weise König Salomo, wenn er gleich in seiner Einleitung zu den Sprüchen schreibt: „Die Furcht des HERRN ist der Anfang der Erkenntnis. Weisheit und Zucht verachten nur die Narren.“ (Sprüche 1,7).

Böhl´s Dogmatik gibt´s entweder als PDF-Version oder auch ganz konventionell als Printausgabe.

Gesetz und Liebe

Derzeit lese ich das Buch „Biblische Ethik“ von Robertson McQuilkin. Im 2. Kapitel geht es um das Gesetz. Im letzten Abschnitt dieses Kapitels geht es um das Verhältnis zwischen Gesetz und Liebe. Darin schreibt er:

„Wohlmeinende Leute, die vorgeben, der Bibel zu glauben, verbinden sich mit wohlmeinenden Leuten, welche die Autorität der Schrift leugnen, und verweisen jegliches Gesetz oder alle Gebote außer dem der Liebe nach draußen in die Finsternis der Nicht-Liebe. Es scheint, als müsse man sich zwischen den schweren Tugenden der Gerechtigkeit und Heiligkeit und der höchsten Tugend der Liebe entscheiden. Doch wenn Liebe die Summe des Willens Gottes für die Menschheit ist und wenn Gerechtigkeit als richtig oder als Wahrheit auf moralischem Gebiet beschrieben wird, ist sicher jedes der beiden, selbst wenn wir sie nicht als Synonyme verstehen, ein wichtiges Element des Wesens Gottes. Wenn Gottes gerechtes Wesen und sein gerechter Wille für die Menschen u.a. in Geboten ausgedrückt wird, so ist das Halten dieser Gebote die Auswirkung oder der praktische Ausdruck der Liebe, die dann als die Summe aller Gebote oder als Motiv gesehen wird. Ohne diesen Gehorsam aus Liebe gegenüber dem Gesetz kennen wir Gott nicht und unser christliches Bekenntnis ist eine Lüge (Mt 28,20; Joh 14,15.23.31; 15,10.14; Röm 13,10; Jak 2,8; 1Jo 2,4-6; 3,24; 4,8; 5,3; 2Jo 6).“ Robertson McQuilkin. Biblische Ethik: Eine Einführung in biblisch begründetes Denken und Handeln, S. 81.

McQuilkin spricht damit ein Thema an, das immer aktueller wird, nämlich die Tendenz, Gottes Gebote gegen die Liebe auszuspielen, bzw. Gottes Gebote mit dem Argument der Liebe auszuhebeln (was den Kern der Sache vermutlich besser trifft). Wie bei vielen anderen Themenbereichen wird hier ein (scheinbarer) Gegensatz konstruiert der keiner ist. Jesus wies klar darauf hin, dass die Liebe (zu Gott und zu Menschen) in einer engen Beziehung zum Gesetz und zu Gottes Geboten steht (Mt 22,36-40; Joh 14,15; 1 Joh 2,3-4), ebenso auch Paulus (Gal 5,14; Röm 13,8-10). Dabei geht es aber nicht nur um die Gebote, die dazu dienen „direkten Schaden“ (z.B. du sollst nicht stehlen, töten) abzuwenden, sondern um alle Gebote, die zum „Moralgesetz“ gehören. Unliebsame Gebote (insbesondere der Sexualmoral) mit dem Argument der Liebe („es ist doch nur Liebe!“ / „kann denn Liebe Sünde sein?“) aufzulösen mag zwar auf rein menschlicher Ebene den Anschein von Liebe erwecken, doch dies zu tun ist ein direkter Angriff auf Gott, der diese Gebote gegeben hat. Man bringt damit letztlich zum Ausdruck, dass man meint besser zu wissen, was für den Menschen „gut“ sei, als der allwissende (gute, gerechte, heilige, vollkommene, barmherzige, etc.) Gott, der den Menschen geschaffen hat und wirklich weiß, was für uns „gut“ ist. Diese Selbstüberhebung des Menschen über Gott und seine Gebote ist ja nichts Neues. Bei Menschen, die mit Gott, dem Glauben und der Kirche „nichts am Hut haben“ braucht man sich über so eine Haltung auch nicht groß wundern (ich selbst dachte ja auch mal so…). Traurig ist nur, dass sich diese Haltung auch bei immer mehr „Christen“ auszubreiten scheint und sie darin auch noch bestärkt werden, u.a. durch Theologen, welche die „Liebe“ gegen „Gesetz“ (Gebote, Gottes Wort) ausspielen. 😦

Gedanken zum 600. Todestag von Jan Hus

Der Geburtstag von Jan (Johannes) Hus lässt sich leider nicht mit Sicherheit festlegen, er wird – je nach Kirchengeschichtsbuch – zwischen 1369 und 1371 angegeben. Dafür ist aber der Tag seines Todes umso bekannter – der 6. Juli 1415. An diesem Tag wurde er vom Konstanzer Konzil im Dom von Konstanz zum „Ketzer“ erklärt. Anschließend übergab man ihn dem „weltlichen Gericht“, das die Drecksarbeit ausführen durfte und ihn noch am selben Tag auf dem Scheiterhaufen verbrannte. Seine Asche wurde anschließend in den Rhein geschüttet.

Hus wurde stark von den Schriften des Engländers John Wyclif (etwa 1320 bis 1384) beeinflusst. In diesen übte Wyclif starke Kritik am Reliquien- und Wallfahrtswesen, Ablässen sowie am Amt des Papstes. Er hob hervor, dass die Bibel die Quelle aller christlichen Erkenntnis ist und widmete sich u.a. auch der Übersetzung der Vulgata (lateinische Bibel) in die englische Sprache. Hus, der in Prag sowohl als Universitätsprofessor wie auch als Prediger in der St. Michaelskirche tätig war, nahm viele der Ideen Wyclifs auf und verbreitete diese. An der Hochschule bildete sich einerseits um Hus ein Kreis von Anhängern der Lehren Wyclifs, andererseits regte sich auch heftiger Widerstand. Da Hus nicht nachgab wurde er mit dem Bann belegt und exkommuniziert. Drei Jahre lebte er als Gebannter und verbrachte diese Zeit überwiegend in Südböhmen.

Da die Kirche zur damaligen Zeit sehr gespalten war (es gab drei Päpste, die sich untereinander stritten) lies Kaiser Sigmund von November 1414 bis April 1418 das Konzil von Konstanz abhalten, um die Spaltungen zu überwinden und Reformen vorzunehmen. Sigmund wollte dort auch die „böhmische Frage“ lösen. Daher wurde Hus zum Konzil vorgeladen. Da Hus vom Kaiser freies Geleit zugesichert wurde, war Hus – trotz verschiedener Warnungen – bereit nach Konstanz zu reisen, wo er am 3. November 1414 ankam. Nach einer ersten Unterredung mit Kardinälen, Ende November 1414, wurde seine Inhaftierung beschlossen. Als Kaiser Sigmund in Konstanz eintraf erteilte er die Genehmigung, den Ketzerprozess gegen Hus weiterzuführen und ihn in Haft zu lassen. Die Konzilsherren versuchten Hus dazu zu bewegen, seinen „Ketzereien“ abzuschwören und zu widerrufen. Hus beharrte darauf, dass die Heilige Schrift der alleinige Maßstab für die christliche Lehre sei. Er sei bereit abzuschwören, wenn man ihn aus der Schrift überzeugen könne – doch offensichtlich war man dazu nicht in der Lage. Im Kerker wurde Hus eine Widerrufsschrift vorgelegt, doch er blieb standhaft was zu seiner Verurteilung als „Ketzer“ und seinem Tod führte.

Weitere Infos zu Hus finden Sie in meinem eBook “Glaubensspuren – von Böhmen nach Sachsen. Johannes Hus und Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf“.

In den 600 Jahren seit Hus´ Tod hat sich inzwischen vieles ereignet.

Hus wird zusammen mit John Wyclif und anderen zu den „Vorreformatoren“ gezählt. Er soll angeblich vor seiner Verbrennung gesagt haben: „Heute bratet ihr eine Gans, aber aus der Asche wird ein Schwan entstehen.“ – Der tschechische Name „Hus“ bedeutet „Gans“; der Schwan wird auf den Reformator Martin Luther bezogen. Der „Fall Hus“ hatte auch Einfluss auf Martin Luther und es finden sich so manche Parallelen zwischen den beiden Fällen. Bei der Leipziger Disputation (1519) hat Johannes Eck seinen „Widersacher“ Martin Luther auf Lehraussagen von Johannes Hus hingewiesen, die vom Konstanzer Konzil 1415 verurteilt wurden. Dies brachte Luther zu der schockierenden Erkenntnis, dass sowohl Papst, als auch Konzilien irren können. Luther und die anderen Reformatoren haben (ebenso wie Wyclif und Hus vor ihnen) ausschließlich die Bibel als einzige Autorität und einzigen Maßstab in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung anerkannt. Sola Scriptura – Allein die Schrift – wurde zu einem der fünf Kernpunkte (fünf Solas) der reformatorischen Lehre.

Im Gegensatz dazu hielt die römisch katholische Kirche weiterhin an anderen zusätzlichen „Autoritäten“ und „Maßstäben“ neben der Heiligen Schrift fest, nämlich der Tradition und der Autorität der Kirche (kirchliches Lehramt). So wurden seither auch weitere Dogmen festgelegt, die nicht aus der Bibel begründet werden können wie z.B. das Dogma von der unbefleckten Empfängnis Marias (1854), das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes (1870) und das Dogma der leiblichen Himmelfahrt Marias (1950). Außerdem haben sich die von den Reformatoren kritisierten Lehren der katholischen Kirche (u.a. Rechtfertigung, Ablass, Fegefeuer, etc.) nicht grundlegend geändert (s.a. „Luther, die Schmalkaldischen Artikel und die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“).

Leider verlief auch die Entwicklung der aus der Reformation hervorgegangenen protestantischen Kirchen nicht gerade erfreulich. Insbesondere seit dem Aufkommen der modernen Bibelkritik vor über 200 Jahren kam es zu dramatischen Veränderungen. Mein Eindruck ist, dass heute zwar noch nominell, aus Tradition, am „Sola Scriptura“ festgehalten wird, in der Praxis haben sich aber ebenfalls zwei weitere „Autoritäten“ und „Maßstäbe“ neben der Heiligen Schrift etabliert, die (wie in der römisch katholischen Kirche) letztlich über der Schrift stehen: 1) die historisch-kritische „Bibelwissenschaft“ (zur angeblichen „Wissenschaftlichkeit“ siehe die Vorträge und Bücher von Eta Linnemann) sowie 2) der Zeitgeist (d.h. die Anpassung an die 51% Mehrheit und das, was gesellschaftsfähig ist). Ich wies bereits in meinem Artikel „Sola Scriptura?!“ darauf hin, dass heute die Inspiration (und Wahrheit) der Heiligen Schrift offiziell von der EKD angezweifelt wird. Was dort hinsichtlich der Reformatoren ausgesagt wird („Seit dem siebzehnten Jahrhundert werden die biblischen Texte historisch-kritisch erforscht. Deshalb können sie nicht mehr so wie zur Zeit der Reformatoren als »Wort Gottes« verstanden werden. Die Reformatoren waren ja grundsätzlich davon ausgegangen, dass die biblischen Texte wirklich von Gott selbst gegeben waren. Angesichts von unterschiedlichen Versionen eines Textabschnitts oder der Entdeckung verschiedener Textschichten lässt sich diese Vorstellung so nicht mehr halten.“ in: Rechtfertigung und Freiheit. 500 Jahre Reformation 2017. Ein Grundlagentext des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), S.84.) gilt auch für Hus. Anders formuliert ist die heutige Sicht der Dinge folgende: Ihr habt damals geglaubt, dass die Bibel wirklich Gottes Wort sei – wir wissen es heute (aufgrund der modernen Bibelkritik) besser. Ihr habt damals zwar sehr für eure Überzeugungen geeifert und gekämpft – aber eigentlich ohne tragfähige Grundlage. Viele von euch haben sich in Lebensgefahr begeben und sogar mit ihrem Leben bezahlt – aber eigentlich war es das nicht Wert, weil ihr in eurer damaligen Unwissenheit von falschen Voraussetzungen ausgegangen seid… – Ich vermute mal, Wyclif, Hus, Luther, Calvin – und viele andere – würden angesichts dieser Sichtweise ungläubig den Kopf schütteln oder sich im Grabe umdrehen. Sie waren überzeugt von der Wahrheit und Autorität der Bibel; davon, dass die Heilige Schrift wirklich durch den Heiligen Geist inspiriert ist und sich Gott darin geoffenbart hatte (und es gibt gute Gründe dafür, an dieser Sichtweise auch heute festzuhalten – trotz moderner Bibelkritik). Es war ihnen ein Anliegen, dass die Bibel in die jeweilige Landessprache übersetzt und dem Volk zugänglich gemacht wird. Sie haben heftigsten Widerstand für ihre Überzeugungen in Kauf genommen und erduldet.

Auffällig ist, dass obwohl die Bibel weltweit ein Bestseller ist, dieses Buch weiterhin so umkämpft ist. Nach meiner Beobachtung wird dieser Kampf um die Bibel auf verschiedenen Ebenen ausgetragen: 1) Der Versuch, Menschen den Zugang zur Bibel zu verwehren (z.B. durch Verbote in islamischen oder kommunistischen Ländern). 2) Der Versuch, die Bibel (ihre Botschaft, Inspiration, Wahrheit) zu diskreditieren (ironischerweise haben „Theologen“ da „bessere“ Arbeit geleistet als Gegner des Christentums). 3) Der Versuch, Menschen, die die Bibel wirklich als inspiriertes Wort Gottes anerkennen zu diskreditieren (indem man sie als „unwissenschaftlich“, „ewig gestrig“, „minderbemittelt“ oder wie auch immer darstellt). Ich habe den Eindruck, dass all diese Versuche u.a. Ausdruck einer Furcht vor dem ist, was geschehen könnte, wenn sich Menschen, Bevölkerungsgruppen oder gar ganze Völker dem stellen und darauf hören, was Gott in seinem Wort geoffenbart hat. Gottes Wort hat den Menschen – sein Denken und sein Handeln – zu jeder Zeit in Frage gestellt. Das ist unangenehm, das ist demütigend (denn Gott macht deutlich, dass ER das Maß aller Dinge ist, und nicht der Mensch), und das ist mitunter gefährlich für den Status Quo, sowie für die jeweiligen Machthaber. Aber das Wichtigste ist, bei Gottes Offenbarung durch sein Wort geht es um das Evangelium. Es geht darum, wie Menschen gerettet werden können: Allein aus Gnade, allein aus Glauben und allein durch Christus!

Ich bin dankbar für Jan Hus, John Wyclif, Martin Luther, Johannes Calvin, Johannes Brenz und viele andere, die auf die Bibel hingewiesen haben, für ihre Wahrheit eingestanden sind und für ihre Verbreitung gesorgt haben. Nein, Jan Hus ist am 6. Juli 1415 nicht umsonst in Konstanz gestorben, er hat genau begriffen worum´s geht und was für ihn persönlich auf dem Spiel steht.

„Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.“ (Jesaja 40,8)

„Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen.“ (Matthäus 24,35)

„Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen. Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht: »Der Gerechte wird aus Glauben leben.« Denn Gottes Zorn wird vom Himmel her offenbart über alles gottlose Wesen und alle Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit durch Ungerechtigkeit niederhalten.“ (Römer 1,16-18)

Sola Scriptura?!

Sola Scriptura – Allein die Schrift – das ist einer der fünf Kernpunkte (fünf Solas) der reformatorischen Lehre. Die Reformatoren haben (wie die Vorreformatoren John Wyclif und Johannes Hus) ausschließlich die Bibel als einzige Autorität und einzigen Maßstab in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung anerkannt. Damit haben sie sich bewusst gegen andere „Autoritäten“ und „Maßstäbe“ gewandt, denen neben der Bibel ebenfalls Gültigkeit eingeräumt wurde (und leider immer noch eingeräumt wird). Sola Scriptura war die Grundlage aller „evangelischen“ Kirchen, seit der Reformation – egal ob es sich um die lutherische, reformierte oder auch um die verschiedenen Freikirchen handelt, die zwischenzeitlich entstanden sind. Wie gesagt: „war“, denn die Grundlage von „sola Scriptura“ wird immer mehr verworfen. „Offiziell“ (theoretisch) gilt das Prinzip zwar noch, und die evangelischen Pfarrer werden auch weiterhin auf „Schrift und Bekenntnis“ verpflichtet, doch die Praxis sieht m. E. längst anders aus. Das Prinzip von „sola Scriptura“ wurde bereits vor über 200 Jahren mit dem Aufkommen der Bibelkritik verlassen, mit der gleichzeitig die These aufkam, die Bibel sei überhaupt nicht Gottes Wort. Bereits vergangenes Jahr hat die EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) einen Grundlagentext zu 500 Jahren Reformation 2017 mit dem Titel „Rechtfertigung und Freiheit“ herausgegeben. Darin werden die fünf Solas der Reformation behandelt. In den Ausführungen zu „Sola scriptura – allein aufgrund der Schrift“ (S. 76ff) bekennt die EKD Farbe und erklärt, wie sie heute dazu steht:

„Seit dem siebzehnten Jahrhundert werden die biblischen Texte historisch-kritisch erforscht. Deshalb können sie nicht mehr so wie zur Zeit der Reformatoren als »Wort Gottes« verstanden werden. Die Reformatoren waren ja grundsätzlich davon ausgegangen, dass die biblischen Texte wirklich von Gott selbst gegeben waren. Angesichts von unterschiedlichen Versionen eines Textabschnitts oder der Entdeckung verschiedener Textschichten lässt sich diese Vorstellung so nicht mehr halten. Damit aber ergibt sich die Frage, ob, wie und warum sola scriptura auch heute gelten kann.“ (Rechtfertigung und Freiheit. 500 Jahre Reformation 2017. Ein Grundlagentext des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), S.84.)

Gleichzeitig, auf derselben Seite dieser Publikation, wird gesagt: „Aber dennoch gilt: »Nach evangelischer Auffassung müssen sich die Traditionen immer am Ursprungszeugnis der Schrift und ihrer Mitte orientieren, sie müssen von hier aus kritisch bewertet und immer neu angeeignet werden.«“ (S.84). Moment mal, irgendwie verstehe ich diese Logik nicht! Einerseits könne nach EKD-Lesart die Bibel nicht mehr als „Wort Gottes“ verstanden werden, andererseits solle man sich aber doch „am Ursprungszeugnis der Schrift“ orientieren??? Oder um es etwas anders auszudrücken: Einerseits wird die Bibel letztlich verworfen (auch wenn Bibelkritiker das vielleicht nicht unbedingt so sehen würden), indem ihre Wahrheit (und Inspiration) als Wort Gottes angezweifelt wird. Dieselbe Bibel, die nicht nur die Grundlage für die von der Kirche zu verkündigende Botschaft ist, sondern letztlich auch als einzige die Existenz der Kirche legitimiert. Andererseits wird aber so getan, als ob die Bibel doch noch eine Bedeutung habe und zur Orientierung und als Maßstab diene? Gleichzeitig wird in der Praxis deutlich, dass in der Handhabung der Bibel die Bibelkritik voll durchschlägt und sowohl Botschaft als auch ethische Maßstäbe nach Bedarf (Lust und Laune?) an den Zeitgeist angepasst werden. Was ist denn das für eine Inkonsequenz? Wenn die Bibel nicht wirklich die Wahrheit berichtet und nur irgendwelche „Mythen“, „nette Geschichten“ oder „Vorstellungen“ mit einer „religiösen Bedeutung“ enthält, warum sollte die Bibel dann überhaupt eine Relevanz für unser Leben haben? Und warum braucht es dann überhaupt noch eine christliche Kirche? Wäre es dann nicht ehrlicher zu sagen: „wir machen den Laden dicht“ anstatt sich der Tradition von Reformatoren verpflichtet zu fühlen, die davon ausgegangen sind, „dass die biblischen Texte wirklich von Gott selbst gegeben waren“ (und sich nach Meinung bibelkritischer Theologen und der EKD halt geirrt bzw. es nicht besser gewusst hätten)? Eine Kirche, welche die Grundlage verwirft, auf der sie aufgebaut ist, wird letztlich an Bedeutung verlieren (siehe auch den Artikel „Diaspora Deutschland“ in der FAZ). Außerdem sind die Leute ja auch nicht dumm, sie merken sehr wohl, dass da eine Diskrepanz besteht. Der stetige Mitgliederschwund der evangelischen Kirche und leere Gottesdienste sprechen für sich.

An dieser Stelle möchte ich eines klarstellen: Auch wenn ich hier sehr generell über die EKD (mit ihren angeschlossenen Landeskirchen) spreche, so ist mir doch sehr bewusst, dass es innerhalb der EKD mit ihren Ortsgemeinden und ihren Pfarrern eine sehr große Bandbreite zwischen sehr liberal bis sehr konservativ gibt. Doch insgesamt gesehen sind die Konservativen in der EKD, die sich wirklich an Schrift und Bekenntnis halten und auch am „sola Scriptura“ weiterhin im Sinne der Reformatoren festhalten (inklusive, dass die Bibel wirklich wahr und Gottes Wort ist), inzwischen in der Minderheit. Das Interessante ist allerdings, dass diese Gemeinden oft relativ gut besuchte Gottesdienste und auch sonst ein aktives und lebendiges Gemeindeleben haben. Das Bedenkliche ist, dass gerade Pfarrer, die das „sola Scriptura“ ernst nehmen und dies auch in ihrer Verkündigung zum Ausdruck bringen, immer wieder (und immer öfters?) massiven Widerstand bekommen – und zwar nicht nur von Außenstehenden, was man ja verstehen könnte – sondern von ihrer eigenen Kirchenleitung. Das macht auf mich den Eindruck, als ob man geistliches Leben, das in einzelnen Gemeinden noch vorhanden ist, bewusst zerstören möchte. Des Weiteren ist mir bewusst, dass sich die Bibelkritik (vor allem von Deutschland ausgehend) inzwischen in die ganze Welt hinaus verbreitet, und diese auch vor freikirchlichen Türen nicht Halt gemacht hat (d.h. das Problem sich nicht allein auf die EKD beschränkt).

Im Jahr 1984 kam Francis Schaeffers Buch „The Great Evangelical Disaster“ heraus (das Buch ist in Deutsch unter dem Titel „Die große Anpassung“ erschienen), in dem er insbesondere auch auf das Thema Bibelkritik eingeht und zeigt, wo sie hinführt (was auch das Coverfoto der Originalausgabe deutlich zum Ausdruck bringt). Francis Schaeffer hat darin vor allem die „evangelikale Welt“ im Blick. Er schreibt darin u.a.:

„Die Evangelikalen sehen sich in unseren Tagen einer Wasserscheide gegenüber, die die Natur der biblischen Inspiration und Autorität betrifft. In dieser Sache liegt eine ebensolche Wasserscheide vor wie in dem von mir beschriebenen Beispiel. Innerhalb der evangelikalen Welt gibt es eine Anzahl von Menschen, die ihre Ansichten über die Unfehlbarkeit der Bibel abändern, so dass die unumschränkte Autorität der Bibel vollständig untergraben wird. Aber dies geschieht in einer sehr spitzfindigen Art und Weise. Wie der Schnee, der Seite an Seite auf der Gebirgskette liegt, scheinen die neuen Ansichten über die Autorität der Bibel oft nicht so sehr weit von dem entfernt zu sein, was die Evangelikalen bis vor kurzem immer noch glaubten. Aber ebenso wie der Schnee, der Seite an Seite auf dem Gebirgskamm liegt, enden die neuen Ansichten schließlich, wenn man sie konsequent verfolgt, Tausende von Meilen von den alten entfernt. Was auf den ersten Blick nur ein kleiner Unterschied zu sein scheint, wird zuletzt zu einem sehr bedeutenden Unterschied. Es macht, wie wir wohl erwarten werden, einen großen Unterschied aus, was die Theologie, die Lehre und die geistlichen Fragen angeht, aber es entscheidet auch grundsätzlich über die alltäglichen Dinge im Leben eines Christen und über die Art, wie wir uns als Christen unserer Umwelt gegenüber zu verhalten haben. Mit anderen Worten: Wenn wir in Bezug auf die unumschränkte Autorität der Bibel einen Kompromiss eingehen, dann wird dies mit der Zeit einen Einfluss darauf haben, was es im theologischen Sinne heißt, ein Christ zu sein, und dieser Kompromiss wird auch Auswirkungen darauf haben, wie wir in dem gesamten Spektrum des menschlichen Lebens unser Leben führen.“ (Francis A. Schaeffer. Die große Anpassung. Der Zeitgeist und die Evangelikalen., CLV, 3. Aufl. 2008, S. 52f)

Wie Schaffer in diesem Abschnitt und im weiteren Verlauf seines lesenswerten Buches zum Ausdruck bringt, haben Bibelkritik und Abwendung von der unumschränkten Autorität der Bibel (die von den Reformatoren durch das „sola Scriptura“ ausgedrückt wurde) gravierende Auswirkungen. Diese mögen zwar nicht sofort sichtbar sein, werden aber früher oder später im Leben der Menschen, der Kirche und auch in der Gesellschaft offenbar werden. Manches von dem, was wir in unserer heutigen Gesellschaft beobachten (insbesondere der Verfall von Werten, mit teilweise grausamen Konsequenzen) ist auch eine Frucht der Abwendung von der Bibel.

Bereits schon in einem früheren Blogeintrag habe ich auf das Buch des Inders Vishal Mangalwadi (Das Buch der Mitte: Wie wir wurden, was wir sind: Die Bibel als Herzstück der westlichen Kultur) hingewiesen, in dem er die Beziehungen, die zwischen der westlichen Gesellschaft und der Bibel bestehen, untersucht. Leider ist vielen nicht bewusst, wie sehr die Reformation und die Bibel unsere Gesellschaft geprägt haben, und was eine Abwendung von der Schrift nicht nur für die Kirche, sondern auch für unsere Gesellschaft bedeutet.

Auf Martin Luther geht (angeblich) der Ausspruch „Ecclesia semper reformanda est”, d.h. „die Kirche muss ständig reformiert werden“ zurück. Egal, ob diese Aussage nun wirklich von Luther oder jemand anders stammt, sie ist wahr. Sowohl das AT wie auch das NT machen auf die Tendenz des Menschen zum Abfall von Gott aufmerksam. Diese Tendenz ist eine Konsequenz des Sündenfalls, der von der Schlange mit den Worten „Ja, sollte Gott gesagt haben…?“ (1. Mose 3,1) eingeleitet wurde. Daher brauchen wir auch gerade heute eine neue Reformation und eine Rückbesinnung auf die fünf Solas der Reformation – beginnend mit „sola Scriptura“!

Luther, die Schmalkaldischen Artikel und die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre

Die Schmalkaldischen Artikel (1537) sind Luthers theologisches Vermächtnis an die evangelische Christenheit. Sie enthalten eine entschiedene Darstellung zentraler Punkte der reformatorischen Lehre, die in scharfem Kontrast zur römisch-katholischen Lehre standen. Diese Schrift ist in drei Hauptteile eingeteilt:

1. Im ersten (sehr kurzen) Hauptteil geht es um den dreieinigen Schöpfer und die Menschheit des Sohnes. Luther schreibt dazu: „Um diese Artikel gibt es keinen Zank und Streit, weil wir sie auf beiden Seiten bekennen. Darum ist es nicht nötig, jetzt weiter davon zu handeln.“

2. Im zweiten Hauptteil geht es um das Evangelium, d.h. das Amt und Werk Jesu Christi und die Erlösung allein durch Christus, allein aus Gnade und allein durch den Glauben (zusammengefasst in vier Artikeln). Ausgehend vom Evangelium behandelt Luther andere Themen, die aufs Engste mit der Rechtfertigungslehre verknüpft sind: das Messopfer, Fegefeuer, angebliche Erscheinungen Verstorbener, Wallfahrten, Bruderschaften, Reliquiendienst, Ablass, Anrufung der Heiligen, die Bestimmung der Stifter und Klöster und das Papsttum. Sehr nüchtern rechnet Luther bei diesen Themen mit scharfem Widerstand von römisch-katholischer Seite (die Artikel waren ursprünglich zur Darstellung des evangelischen Standpunkts bei einem Konzil geschrieben worden) und schreibt: „An diesen vier Artikeln werden sie beim Konzil genug zu verdammen haben. Denn sie können und wollen nicht das geringste Gliedlein von einem dieser Artikel uns zugestehen.“

3. Im dritten Hauptteil werden in siebzehn weiteren Artikeln die folgenden Themen behandelt: (Erb)Sünde, Gesetz, Buße, Evangelium, Taufe, Abendmahl, Schlüsselgewalt, Beichte, Bann, Weihe und Berufung, Priesterehe (bzw. Zölibat), wie man vor Gott gerecht wird und von guten Werken, Klostergelübde und Menschensatzungen. Luthers Begründung seines Standpunkts erfolgt weitestgehend anhand der Heiligen Schrift, dabei steht wieder das Evangelium bzw. die Rechtfertigungslehre im Zentrum.

Am Ende der Schmalkaldischen Artikel, in seinem Schlusswort, schreibt Luther: „Dies sind die Artikel, auf denen ich bestehen muss und bestehen will bis in meinen Tod (so Gott will). Und ich weiß an ihnen nichts zu ändern oder nachzugeben. Will aber jemand etwas nachgeben, so tue er es auf seine eigene Verantwortung.“

Am 31. Oktober 1999 (Reformationstag) wurde zwischen dem Lutherischen Weltbund und der römisch-katholischen Kirche die „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ unterzeichnet. Durch diese „Gemeinsame Erklärung“ sollte u.a. feierlich bekundet werden, dass zwischen Lutheranern und Katholiken ein Konsens in Grundwahrheiten der Rechtfertigungslehre bestehe. Darin heißt es u.a. „Wir bekennen gemeinsam, dass der Mensch im Blick auf sein Heil völlig auf die rettende Gnade Gottes angewiesen ist. Die Freiheit, die er gegenüber den Menschen und den Dingen der Welt besitzt, ist keine Freiheit auf sein Heil hin. Das heißt, als Sünder steht er unter dem Gericht Gottes und ist unfähig, sich von sich aus Gott um Rettung zuzuwenden oder seine Rechtfertigung vor Gott zu verdienen oder mit eigener Kraft sein Heil zu erreichen. Rechtfertigung geschieht allein aus Gnade.“ (4.1 (19)) – Nun, das sind schöne Worte. Die Frage ist, wie die kirchliche Realität aussieht, denn an den offiziellen Dogmen hat sich meines Wissens nichts Wesentliches verändert, – siehe dazu z.B. den Katechismus der Katholischen Kirche des Vatikans (insbesondere zum Thema „Ablässe“ – Frage 1471 – 1479, die Frage 1472 spricht auch erstmals vom „Purgatorium“, d.h. dem „Fegefeuer“). Und nicht umsonst hatten sich schon vor der Unterzeichnung 160 deutsche evangelische Theologen gegen die „Gemeinsame Erklärung“ ausgesprochen, weil sie den lutherischen Gedanken verwässere. Ich schätze mal, Luther hätte dies etwas markanter ausgedrückt… – Letztes Jahr wurde ich übrigens in Lima bei einem Mittagessen von zwei protestantischen Theologen auf die „Gemeinsame Erklärung“ angesprochen; sie sind keine Lutheraner, aber ich hatte den Eindruck, sie waren irgendwie verwirrt darüber…

Nun, manch einer mag vielleicht denken, was Luther vor 478 Jahren von sich gegeben hat, das ist „Schnee von gestern“. Ich bin da anderer Meinung, denn es geht darin um das Wesen des Evangeliums und die Gefahr der Verfälschung des Evangeliums, wenn wir uns nicht an die fünf reformatorischen „Solas“ halten. Daher kann ich die Lektüre der Schmalkaldischen Artikel nur wärmstens empfehlen – insbesondere evangelischen Christen.

Paulus erteilt Ethnozentrismus und Rassismus eine Absage

Paulus, der „Völkerapostel“ (Apostelgeschichte 9,15; 13,46; 22,21; Römer 15,16; Galater 1,16; 2,2.8.9), musste u.a. von seinen eigenen Landsleuten viel Widerstand, Schläge und Verfolgung für seinen kulturübergreifenden Dienst bei der Ausbreitung des Evangeliums erdulden. Aber auch die zum Glauben an Jesus Christus gekommenen Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern und Kulturen hatten immer wieder mit traditionellen Denkweisen (Paradigmen) zu kämpfen, die den Vorrang der eigenen Gruppe betonten und damit die Einheit der Gemeinde Jesu bedrohten. Im 3. Kapitel des Kolosserbriefes kommt Paulus auf die Lebensführung des Christen zu sprechen. In Kolosser 3,11 macht der Apostel dann folgende Aussage:

„Da ist weder Grieche noch Jude, Beschneidung noch Unbeschnittensein, Barbar, Skythe, Sklave, Freier, sondern Christus alles und in allen.“

Genauso, wie wir in der heutigen Welt Ethnozentrismus (das Denken, die eigene Kultur wäre die beste und allen anderen überlegen; mit anderen Worten: wir wären der „Nabel der Welt“ und hätten „die Weisheit mit Löffeln gefressen“) und Rassismus finden, genauso gab es das schon früher, auch in der Antike. Damals wurde unterschieden zwischen Grieche und Jude, zwischen Beschnittenem (Juden) und Unbeschnittenem (Heiden); die Nichtgriechen wurden als „Barbaren“ bezeichnet, von denen die Skythen als die Schlimmsten betrachtet wurden. Sowohl die Griechen als auch die Juden hielten sich jeweils für etwas Besonderes. Und dann gab es damals noch die Sklaven und die freien Bürger, deren soziale Stellung und Rechte unterschiedlich definiert waren.

Wir könnten nun, je nach Land und Kultur, der wir angehören, diese Kategorien der Antike auf die jeweilige Gesellschaft übertragen. Und egal, wo wir uns auf der Welt befinden, würden wir eine Art hierarchische Pyramide erstellen können, auf der manche ganz oben, andere mehr in der Mitte und andere ganz unten eingeordnet werden.

Doch nun, macht Paulus auf etwas ganz Wichtiges und Besonderes aufmerksam: Obwohl die jeweilige Gesellschaft, der wir angehören, weiterhin in diesen Kategorien denkt, für uns als Gemeinde Jesu, als Leib Christi, haben sie keine Gültigkeit mehr. Die Kategorien von Nationalität und sozialer Stellung stehen nicht mehr im Vordergrund, sie trennen uns auch nicht mehr. – Zumindest theoretisch sollte es so sein! (Ein Blick in die Kirchengeschichte zeigt schmerzlich auf, wie die Gefallenheit des Menschen auch vor Kirchentüren nicht halt macht, und wie Paradigmen oder Traditionen der eigenen Kultur immer wieder der Vorrang vor oft unangenehmen Aussagen in der Bibel gegeben wurden, welche die eigene Kultur in Frage stellen).

Paulus begründet seine Aussage damit, dass „Christus und in allen ist“. Paulus macht in verschiedenen Stellen des Kolosserbriefes deutlich, dass ein Mensch, der wirklich gläubig und wiedergeboren wurde nun „in Christus“ ist. Paulus schreibt „den heiligen und gläubigen Brüdern in Christus“ (Kolosser 1,2). „In ihm (in Christus) haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden“ (Kolosser 1,14). Wir sind nun mit Christus zu neuem geistlichem Leben auferweckt worden (Kolosser 3,1) und Christus ist unser Leben (Kolosser 3,4). D.h. der Gläubige ist aufs Engste mit Jesus Christus verbunden. Zusammen mit der Sündenvergebung und Erlösung durch Jesus hat Gott dem Gläubigen gleichzeitig eine neue Identität gegeben, die ihn und sein Leben nun ausmacht: er ist „in Christus“. Das betrifft nicht nur den einzelnen Gläubigen als Individuum, sondern auch die Gläubigen als Gemeinschaft, als Gemeinde Jesu Christi. Durch Christus wurden die Gläubigen Bürger des Himmelreichs, aber auch „Geschwister“: Brüder und Schwestern im Herrn! Christus ist nun alles und in allen. Daher dürfen wir als einzelne Gläubige und als Gemeinde unsere Glaubensgeschwister – und seien sie noch so andersartig aufgrund ihres sozialen oder kulturellen Hintergrundes – nicht mehr weltlichen Kriterien unterwerfen, sondern sie in ihrer neuen – von Gott geschenkten – Identität als gleichwertige Brüder und Schwestern annehmen. Das ist eine wichtige Anfrage an die Gemeinde Jesu, die durchaus zu einer Herausforderung werden kann, v.a. wenn sehr unterschiedliche Menschen neu dazukommen bzw. schon dazu gehören.

Doch dieses Prinzip der Gleichwertigkeit jedes Menschen ist nicht auf den Gläubigen und die Gemeinde Jesu Christi beschränkt (Viele traditionelle Gesellschaften sind auf eine Weise kollektivistisch geprägt, in der die Vorrechte, die für die eigene Gruppe gelten [das „Wir“], noch lange nicht für die Angehörigen anderer Gruppen [das „Ihr“] gelten). Immer wieder weist die Bibel darauf hin, dass bei Gott „kein Ansehen der Person“ ist (vgl. 5.Mose 1,17; 10,17; Apostelgeschichte 10,34; Römer 2,11; Epheser 6,9; Kolosser 3,25; Jakobus 2,1; 1. Petrus 1,17). Dies gilt ausnahmslos für alle Menschen, auch für diejenigen, die den christlichen Glauben ablehnen.

Letztlich sind das Prinzip, dass bei Gott kein Ansehen der Person ist, sowie die Aussage der Bibel, dass der Mensch nach dem Bilde Gottes geschaffen ist (1.Mose 1,26-27), die philosophische Grundlage für die Aussage „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“ in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (UN-Menschenrechtscharta). – Dieser Aussage, die heute zumindest noch im „Westen“ als Grundpfeiler einer freien Gesellschaft gilt, hätten in der Antike viele widersprochen. Und selbst in der heutigen Welt teilen nicht alle diese „von westlichem Denken dominierte Philosophie“ (es lohnt sich, die Ausführungen in der Wikipedia über die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“, sowie die damit verknüpften Artikel „Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam“ und „Arabische Charta der Menschenrechte“ zu lesen). Es ist zu befürchten, dass eine weitere Abwendung von der Bibel sowie dem christlichen Glauben im Westen – trotz bester „humanistischer“ Absichten – das Wiederaufkeimen von Rassismus fördert (wie es bereit schon einmal bei der Ausbreitung der antichristlichen Ideologie des Nationalsozialismus geschehen ist). Dabei sind nicht diejenigen Menschen, die aus anderen Kulturkreisen zu uns kommen das Problem. Wir sind das Problem, indem wir die biblischen Grundlagen, auf denen unsere Gesellschaft aufgebaut ist achtlos (ohne Achtung) über Bord werfen, ohne uns bewusst zu sein, was wir da eigentlich tun!

Wer sich näher mit den Beziehungen, die zwischen der westlichen Gesellschaft und der Bibel bestehen, beschäftigen möchte, dem kann ich die Lektüre der folgenden beiden Bücher wärmstens empfehlen: