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Zur Situation indigener Völker im peruanischen Amazonasgebiet

Im gestrigen Artikel über “In Isolation lebende Indianer aus Peru in Brasilien“ wurde zumindest ein bisschen deutlich, wie schwierig die Situation dieser Ethnien inzwischen geworden ist.

coverbegegnungen3auflIn der erweiterten Neuauflage von «Begegnungen in Peru» gehe ich ebenfalls auf die Situation dieser sehr verwundbaren Ethnien ein.

Aus aktuellem Anlass habe ich daher eine Leseprobe aus Kapitel 12 (Weitere Entwicklungen seit 2007) veröffentlicht. Hier geht´s zur Leseprobe

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In Isolation lebende Indianer aus Peru in Brasilien

Der Nachrichtendienst Servindi weist auf ein bei Youtube veröffentlichtes Video hin, das den ersten Kontakt mit in Isolation lebenden Indianern aus Peru in Brasilien zeigt. Dabei soll es sich um Angehörige einer Ethnie aus Peru handeln, die in Brasilien Schutz suchen, weil sie sonst von peruanischen Holzfällern und Drogenkurieren getötet würden.

Der Kontakt ereignete sich am 29 Juni diesen Jahres im Grenzgebiet zwischen Brasilien und Peru am Envira-Fluss im Bundesstaat Acre. Nach Auskunft der brasilianischen Indianerbehörde FUNAI gehören die Angehörigen dieser in Isolation lebenden Ethnie einer Untergruppe der Pano-Sprachfamilie an.

Ein Yaminahua-Indianer (die Yaminahua gehören ebenfalls zur Pano-Sprachfamilie) wurde von FUNAI als Übersetzer hinzugezogen. Offenbar hätten die Mitglieder dieser Ethnie sowohl Angst vor Angriffen durch andere isoliert lebende Ethnien in der Region (es ist von fünf größeren Gruppen die Rede) als auch vor Massakern durch Holzfäller und Drogenkuriere, wobei letztere wohl die größere Gefahr darstellen würden.

Hier geht´s zum Bericht von Servindi in spanischer Sprache.

Filmaufnahmen von in Isolation lebenden Indianern in Peru veröffentlicht!

In der erweiterten Auflage von „Begegnungen in Peru“ behandle ich auch das Thema der in freiwilliger Isolation lebenden Stämme im peruanischen Urwald:

„Derzeit gibt es – alleine im peruanischen Urwaldgebiet – etwa 14 bis 17 Ethnien, die in freiwilliger Isolation leben. D.h., diese Gruppen leben irgendwo im Urwald, ohne Kontakt zur Außenwelt zu pflegen. Das bedeutet nicht, dass diese Ethnien nicht wüssten, dass es da noch andere Menschen gäbe.“ (Jürgen H. Schmidt: Begegnungen in Peru. Urwaldindianer auf dem Weg ins 21. Jahrhundert, S. 102)

Darin erwähne ich auch die Masho-Piro, eine dieser Ethnien:

„Andere Gruppen, z.B. die Mashco-Piro, bleiben bis heute in freiwilliger Isolation. Nur gelegentlich kommt es zu Kontakten, z.B., wenn Werkzeuge (Macheten etc.) aufgebraucht sind und sie versuchen, Nachschub zu bekommen. Zufällige Begegnungen, z.B. mit Holzfällern, verlaufen nicht immer friedlich, denn die schlechten Erfahrungen ihrer Vorfahren haben sich tief ins kollektive Gedächtnis der Ethnie eingeprägt. Dazu kommt, dass es in neuerer Zeit immer wieder zu Morden an Indianern kam, deren Anwesenheit (illegalen) Holzfällern ein Dorn im Auge war. Daher reagieren diese isoliert lebenden Indianer mitunter aggressiv auf Außenstehende.“ (Jürgen H. Schmidt: Begegnungen in Peru. Urwaldindianer auf dem Weg ins 21. Jahrhundert, S.103)

Vom 24. – 26.  Juni 2013 – an drei aufeinander folgenden Tagen – näherte sich jeweils eine Gruppe Mashco-Piro dem Indianerdorf Monte Salvado in der Region Madre de Dios am Río Las Piedras, wo sie um Nahrungsmittel und andere Produkte baten. – Eine ungewöhnliche Aktion, die vermutlich auf die prekäre Situation dieser sehr verwundbaren Ethnie hinweist.

Kürzlich erschien im peruanischen Fernsehen eine Reportage über dieses Ereignis, in der auch Filmaufnahmen davon gezeigt werden. Die Reportage wurde inzwischen auch auf Youtube veröffentlicht:

Spuren von in Isolation lebenden Indianern in Peru entdeckt

Servindi.org informiert auf ihrer Internetseite über einen Bericht der Indianerorganisation AIDESEP (Region Ucayali). Demnach wurden am 7. März diesen Jahres im Murunahua Reservat klare Spuren einer in Isolation lebenden Ethnie entdeckt. Das Murunahua Reservat liegt im Amazonasgebiet in der Grenzregion zu Brasilien und wurde extra als Schutzgebiet für in Isolation lebende Gruppen eingerichtet. Leider dringen immer wieder illegale Holzfäller in dieses Gebiet ein, u.a. auf der Suche nach Mahagoni.

Das Auffinden klarer Hinweise isoliert lebender Indianer ist von großer Bedeutung. Es gibt derzeit – allein im peruanischen Urwald – etwa 14 – 17 Stämme, die in freiwilliger Isolation leben. D.h. sie leben irgendwo im Urwald – ohne Kontakt zur Außenwelt. Das bedeutet nicht, dass diese Gruppen nicht wüssten, dass es da noch andere Menschen gäbe. Aber sie vermeiden meist ganz bewusst den Kontakt. Das hat seine Gründe. Ein Grund ist der sogenannte „Kautschukboom“, der zwischen 1870 und 1915 seinen Höhepunkt hatte und sehr großen Einfluss ausübte. Für den Export, v.a. nach England wurden große Mengen an Kautschuk benötigt. Dazu wurde ein breit angelegtes System von Händlern aufgebaut, bis das Produkt letztlich in Europa ankam. An vorderster Front standen die Kautschuk-Patrone, die im Urwald ein Anwerbesystem aufbauten, durch das Indianer ausgebeutet und versklavt wurden. In der damaligen Zeit zog sich eine ganze Anzahl von Stämmen bewusst in den Urwald zurück, um der Versklavung und Ausbeutung zu entgehen. Manche dieser Gruppen öffneten sich 30 oder 50 Jahre später wieder, gründeten wieder Dörfer an den großen Flüssen, und setzten sich dadurch den Einflüssen der sie umgebenden Welt und der sogenannten „Zivilisation“ aus. Andere Gruppen bleiben bis heute in freiwilliger Isolation. Nur gelegentlich kommt es zu Kontakten, z.B. wenn Werkzeuge wie Macheten aufgebraucht sind und sie versuchen Nachschub zu bekommen. Manchmal kommt es auch zu „zufälligen Begegnungen“, oft mit Holzfällern – die nicht immer friedlich ablaufen. Einerseits reagieren diese isoliert lebenden Indianer oft recht aggressiv auf Außenstehende. – Die schlechten Erfahrungen ihrer Vorfahren haben sich stark ins Gedächtnis der Gruppe eingeprägt. Ein weiterer Grund ist, dass es immer wieder zu Morden an Indianern kommt, deren Anwesenheit u.a. Holzfällern (die oft auch illegal Tropenhölzer ausbeuten) ein Dorn im Auge ist.

Im Jahr 2010 wurde eine interessante Studie veröffentlicht: „DESPOJO TERRITORIAL, CONFICTO SOCIAL Y EXTERMINIO – Pueblos indígenas en situación de aislamiento, contacto esporádico y contacto inicial de la Amazonía peruana“. Sie kann hier als PDF-Dokument heruntergeladen werden.

Man kann den Titel folgendermaßen übersetzen: „Enteignung des Territoriums, sozialer Konflikt und Vernichtung. – Indigene Völker des peruanischen Amazonasgebietes in Isolation, sporadischem Kontakt und erstem Kontakt.“ Diese Studie ist sehr interessant, weil sie die Situation dieser besonders verwundbaren Völker m.E. sehr gut beschreibt. Es geht um Ethnien, die in 8 Gebieten des peruanischen Urwaldes leben. Diese Gruppen haben die Isolation als Überlebensstrategie gewählt. Es sind oft sehr kleine Sippenverbände, die zerstreut im Urwald leben. Sie sind sehr verwundbar:

  • Kleine Gruppen.
  • Anfällig für Epidemien, weil sie keine Antikörper für „Zivilisationskrankheiten“ haben.
  • Aufgrund ihres Lebensstils als Halbnomaden brauchen sie ein großes Territorium, um sich selbst versorgen zu können. Das ist typisch für Wildbeuter.

 Diese Gruppen sind verschiedenen Bedrohungen ausgesetzt:

  • Illegalem Holzschlag.
  • Dem Eindringen von Holzfällern oder von Siedlern.
  • Der Ausbeutung von Erdöl oder Erdgas.
  • Straßenbauprojekten – Straßenverbindungen von Peru nach Brasilien.
  • Projekten zum Bau von Wasserkraftanlagen zur Elektrizitätsgewinnung (Verkauf des Stroms nach Brasilien).
  • Krankheiten, Epidemien.

 Leider wird das Vorhandensein dieser Gruppen immer wieder geleugnet. Denn es gibt u.a. internationale Abkommen, z.B. die Konvention 169 der Internationalen Arbeitsorganisation, in dem es um internationale Rechte für indigene Völker geht. Peru hat diese Konvention im Jahr 1994 ratifiziert. Es ist unter anderem vorgeschrieben, dass indigene Völker bei Vorhaben, die ihre Lebensweise bzw. ihr Lebensumfeld und Territorium stark beeinflussen, vorher konsultiert und um ihre Zustimmung gebeten werden müssen. Dies ist insbesondere bei der Ausbeutung von Rohstoffen (Holz, Erdöl, Erdgas) der Fall.  Wie eine Landkarte zeigt (Seite 39 der Studie bzw. Seite 38 im PDF-Dokument), hat es ausgerechnet in manchen Gebieten, in denen Ethnien in freiwilliger Isolation leben, besonders viele Rohstoffe. Der springende Punkt ist folgender: Wenn es diese Gruppen nicht gibt, dann müssen sie auch nicht konsultiert und um Zustimmung gefragt werden!

Immer wieder stößt man aber auf klare Hinweise für das Vorhandensein dieser Gruppen:

  • Berichte über zufällige Begegnungen oder sogar Zwischenfälle.
  • Das Auffinden von Spuren, wie z.B. verlassene Schutzhütten (siehe z.B. (Seite 13 der Studie bzw. Seite 12 im PDF-Dokument).
  • Das Auffinden ganzer Gruppen, wie z.B. bei einem Erkundungsflug der Naturschutzbehörde am 18. September 2007 am río Las Piedras.

 Es ist schon interessant, aber auch erschreckend, wie sich die Geschichte irgendwie zu wiederholen scheint. Vor 100 Jahren waren diese Gruppen durch den starken Bedarf an Kautschuk, v.a. bei uns in Europa, bedroht. Heute sind sie u.a. auch durch unseren starken Bedarf nach Rohstoffen, insbesondere Erdöl bedroht…

Infos zur Kultur verschiedener Ethnien (Candoshi, Caquinte, Quechua Pastaza, Shipibo) im peruanischen Amazonasgebiet finden Sie übrigens auch in meinem Buch „Begegnungen in Peru“.

Reportage über unerreichte Indianerstämme im peruanischen Urwald

In den vergangenen fünfzig Jahren kam es in vielen Ethnien des peruanischen Amazonastieflandes zu tiefgreifenden Veränderungen. Je näher ein Stamm an einer, der im Urwald entstandenen Städte wohnt, desto ausgeprägter ist der Wandel. Trotzdem schätzt man, dass im peruanischen Urwaldgebiet ungefähr noch 14 Indianerstämme ohne Kontakt zur Außenwelt, in völliger Isolation, leben.
Bei einem Erkundungsflug im September 2007 konnten erstmals Fotos und Filmaufnahmen von einer dieser unerreichten Gruppen gemacht werden. Bei meiner Peru-Reise im Oktober 2007 sah ich erstmals einige dieser Fotos. Am 22. November wurde nun im peruanischen Programm „Cuarto Poder“ des Fernsehsenders „América Televisión“ eine Reportage darüber ausgestrahlt. Es werden beeindruckende Filmaufnahmen des Rundfluges gezeigt, aber auch Artefakte, die von den Naturschutzbehörden in den letzten Jahren von diesen Gruppen im Urwald gefunden wurden. In der Reportage wird auch auf Probleme und Gefahren, denen diese Gruppen ausgesetzt sind, hingewiesen. Insbesondere illegale Holzfäller dringen immer wieder in diese Gebiete vor, um wertvolles Tropenholz zu fällen. Dabei wird auch vor Morden an diesen Menschen nicht zurückgeschreckt.
Die Dokumentation (in spanischer Sprache) wurde auf Youtube veröffentlicht. Auch, wenn man die Sprache nicht verstehen sollte, es lohnt sich, die Filmaufnahmen anzuschauen. – Etwas witzig fand ich den einleitenden Kommentar des Sprechers von Cuarto Poder: „Zum ersten Mal werden im peruanischen Fernsehen Bilder von nicht kontaktierten Völkern gezeigt. Das sind Indianer unseres Urwaldes, die die Globalisation und die Zivilisation nicht kennnen, die nicht einmal wissen, dass sie Peruaner sind….“http://www.youtube-nocookie.com/v/045coF2pTU0?fs=1&hl=de_DE