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Gedanken zum 600. Todestag von Jan Hus

Der Geburtstag von Jan (Johannes) Hus lässt sich leider nicht mit Sicherheit festlegen, er wird – je nach Kirchengeschichtsbuch – zwischen 1369 und 1371 angegeben. Dafür ist aber der Tag seines Todes umso bekannter – der 6. Juli 1415. An diesem Tag wurde er vom Konstanzer Konzil im Dom von Konstanz zum „Ketzer“ erklärt. Anschließend übergab man ihn dem „weltlichen Gericht“, das die Drecksarbeit ausführen durfte und ihn noch am selben Tag auf dem Scheiterhaufen verbrannte. Seine Asche wurde anschließend in den Rhein geschüttet.

Hus wurde stark von den Schriften des Engländers John Wyclif (etwa 1320 bis 1384) beeinflusst. In diesen übte Wyclif starke Kritik am Reliquien- und Wallfahrtswesen, Ablässen sowie am Amt des Papstes. Er hob hervor, dass die Bibel die Quelle aller christlichen Erkenntnis ist und widmete sich u.a. auch der Übersetzung der Vulgata (lateinische Bibel) in die englische Sprache. Hus, der in Prag sowohl als Universitätsprofessor wie auch als Prediger in der St. Michaelskirche tätig war, nahm viele der Ideen Wyclifs auf und verbreitete diese. An der Hochschule bildete sich einerseits um Hus ein Kreis von Anhängern der Lehren Wyclifs, andererseits regte sich auch heftiger Widerstand. Da Hus nicht nachgab wurde er mit dem Bann belegt und exkommuniziert. Drei Jahre lebte er als Gebannter und verbrachte diese Zeit überwiegend in Südböhmen.

Da die Kirche zur damaligen Zeit sehr gespalten war (es gab drei Päpste, die sich untereinander stritten) lies Kaiser Sigmund von November 1414 bis April 1418 das Konzil von Konstanz abhalten, um die Spaltungen zu überwinden und Reformen vorzunehmen. Sigmund wollte dort auch die „böhmische Frage“ lösen. Daher wurde Hus zum Konzil vorgeladen. Da Hus vom Kaiser freies Geleit zugesichert wurde, war Hus – trotz verschiedener Warnungen – bereit nach Konstanz zu reisen, wo er am 3. November 1414 ankam. Nach einer ersten Unterredung mit Kardinälen, Ende November 1414, wurde seine Inhaftierung beschlossen. Als Kaiser Sigmund in Konstanz eintraf erteilte er die Genehmigung, den Ketzerprozess gegen Hus weiterzuführen und ihn in Haft zu lassen. Die Konzilsherren versuchten Hus dazu zu bewegen, seinen „Ketzereien“ abzuschwören und zu widerrufen. Hus beharrte darauf, dass die Heilige Schrift der alleinige Maßstab für die christliche Lehre sei. Er sei bereit abzuschwören, wenn man ihn aus der Schrift überzeugen könne – doch offensichtlich war man dazu nicht in der Lage. Im Kerker wurde Hus eine Widerrufsschrift vorgelegt, doch er blieb standhaft was zu seiner Verurteilung als „Ketzer“ und seinem Tod führte.

Weitere Infos zu Hus finden Sie in meinem eBook “Glaubensspuren – von Böhmen nach Sachsen. Johannes Hus und Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf“.

In den 600 Jahren seit Hus´ Tod hat sich inzwischen vieles ereignet.

Hus wird zusammen mit John Wyclif und anderen zu den „Vorreformatoren“ gezählt. Er soll angeblich vor seiner Verbrennung gesagt haben: „Heute bratet ihr eine Gans, aber aus der Asche wird ein Schwan entstehen.“ – Der tschechische Name „Hus“ bedeutet „Gans“; der Schwan wird auf den Reformator Martin Luther bezogen. Der „Fall Hus“ hatte auch Einfluss auf Martin Luther und es finden sich so manche Parallelen zwischen den beiden Fällen. Bei der Leipziger Disputation (1519) hat Johannes Eck seinen „Widersacher“ Martin Luther auf Lehraussagen von Johannes Hus hingewiesen, die vom Konstanzer Konzil 1415 verurteilt wurden. Dies brachte Luther zu der schockierenden Erkenntnis, dass sowohl Papst, als auch Konzilien irren können. Luther und die anderen Reformatoren haben (ebenso wie Wyclif und Hus vor ihnen) ausschließlich die Bibel als einzige Autorität und einzigen Maßstab in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung anerkannt. Sola Scriptura – Allein die Schrift – wurde zu einem der fünf Kernpunkte (fünf Solas) der reformatorischen Lehre.

Im Gegensatz dazu hielt die römisch katholische Kirche weiterhin an anderen zusätzlichen „Autoritäten“ und „Maßstäben“ neben der Heiligen Schrift fest, nämlich der Tradition und der Autorität der Kirche (kirchliches Lehramt). So wurden seither auch weitere Dogmen festgelegt, die nicht aus der Bibel begründet werden können wie z.B. das Dogma von der unbefleckten Empfängnis Marias (1854), das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes (1870) und das Dogma der leiblichen Himmelfahrt Marias (1950). Außerdem haben sich die von den Reformatoren kritisierten Lehren der katholischen Kirche (u.a. Rechtfertigung, Ablass, Fegefeuer, etc.) nicht grundlegend geändert (s.a. „Luther, die Schmalkaldischen Artikel und die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“).

Leider verlief auch die Entwicklung der aus der Reformation hervorgegangenen protestantischen Kirchen nicht gerade erfreulich. Insbesondere seit dem Aufkommen der modernen Bibelkritik vor über 200 Jahren kam es zu dramatischen Veränderungen. Mein Eindruck ist, dass heute zwar noch nominell, aus Tradition, am „Sola Scriptura“ festgehalten wird, in der Praxis haben sich aber ebenfalls zwei weitere „Autoritäten“ und „Maßstäbe“ neben der Heiligen Schrift etabliert, die (wie in der römisch katholischen Kirche) letztlich über der Schrift stehen: 1) die historisch-kritische „Bibelwissenschaft“ (zur angeblichen „Wissenschaftlichkeit“ siehe die Vorträge und Bücher von Eta Linnemann) sowie 2) der Zeitgeist (d.h. die Anpassung an die 51% Mehrheit und das, was gesellschaftsfähig ist). Ich wies bereits in meinem Artikel „Sola Scriptura?!“ darauf hin, dass heute die Inspiration (und Wahrheit) der Heiligen Schrift offiziell von der EKD angezweifelt wird. Was dort hinsichtlich der Reformatoren ausgesagt wird („Seit dem siebzehnten Jahrhundert werden die biblischen Texte historisch-kritisch erforscht. Deshalb können sie nicht mehr so wie zur Zeit der Reformatoren als »Wort Gottes« verstanden werden. Die Reformatoren waren ja grundsätzlich davon ausgegangen, dass die biblischen Texte wirklich von Gott selbst gegeben waren. Angesichts von unterschiedlichen Versionen eines Textabschnitts oder der Entdeckung verschiedener Textschichten lässt sich diese Vorstellung so nicht mehr halten.“ in: Rechtfertigung und Freiheit. 500 Jahre Reformation 2017. Ein Grundlagentext des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), S.84.) gilt auch für Hus. Anders formuliert ist die heutige Sicht der Dinge folgende: Ihr habt damals geglaubt, dass die Bibel wirklich Gottes Wort sei – wir wissen es heute (aufgrund der modernen Bibelkritik) besser. Ihr habt damals zwar sehr für eure Überzeugungen geeifert und gekämpft – aber eigentlich ohne tragfähige Grundlage. Viele von euch haben sich in Lebensgefahr begeben und sogar mit ihrem Leben bezahlt – aber eigentlich war es das nicht Wert, weil ihr in eurer damaligen Unwissenheit von falschen Voraussetzungen ausgegangen seid… – Ich vermute mal, Wyclif, Hus, Luther, Calvin – und viele andere – würden angesichts dieser Sichtweise ungläubig den Kopf schütteln oder sich im Grabe umdrehen. Sie waren überzeugt von der Wahrheit und Autorität der Bibel; davon, dass die Heilige Schrift wirklich durch den Heiligen Geist inspiriert ist und sich Gott darin geoffenbart hatte (und es gibt gute Gründe dafür, an dieser Sichtweise auch heute festzuhalten – trotz moderner Bibelkritik). Es war ihnen ein Anliegen, dass die Bibel in die jeweilige Landessprache übersetzt und dem Volk zugänglich gemacht wird. Sie haben heftigsten Widerstand für ihre Überzeugungen in Kauf genommen und erduldet.

Auffällig ist, dass obwohl die Bibel weltweit ein Bestseller ist, dieses Buch weiterhin so umkämpft ist. Nach meiner Beobachtung wird dieser Kampf um die Bibel auf verschiedenen Ebenen ausgetragen: 1) Der Versuch, Menschen den Zugang zur Bibel zu verwehren (z.B. durch Verbote in islamischen oder kommunistischen Ländern). 2) Der Versuch, die Bibel (ihre Botschaft, Inspiration, Wahrheit) zu diskreditieren (ironischerweise haben „Theologen“ da „bessere“ Arbeit geleistet als Gegner des Christentums). 3) Der Versuch, Menschen, die die Bibel wirklich als inspiriertes Wort Gottes anerkennen zu diskreditieren (indem man sie als „unwissenschaftlich“, „ewig gestrig“, „minderbemittelt“ oder wie auch immer darstellt). Ich habe den Eindruck, dass all diese Versuche u.a. Ausdruck einer Furcht vor dem ist, was geschehen könnte, wenn sich Menschen, Bevölkerungsgruppen oder gar ganze Völker dem stellen und darauf hören, was Gott in seinem Wort geoffenbart hat. Gottes Wort hat den Menschen – sein Denken und sein Handeln – zu jeder Zeit in Frage gestellt. Das ist unangenehm, das ist demütigend (denn Gott macht deutlich, dass ER das Maß aller Dinge ist, und nicht der Mensch), und das ist mitunter gefährlich für den Status Quo, sowie für die jeweiligen Machthaber. Aber das Wichtigste ist, bei Gottes Offenbarung durch sein Wort geht es um das Evangelium. Es geht darum, wie Menschen gerettet werden können: Allein aus Gnade, allein aus Glauben und allein durch Christus!

Ich bin dankbar für Jan Hus, John Wyclif, Martin Luther, Johannes Calvin, Johannes Brenz und viele andere, die auf die Bibel hingewiesen haben, für ihre Wahrheit eingestanden sind und für ihre Verbreitung gesorgt haben. Nein, Jan Hus ist am 6. Juli 1415 nicht umsonst in Konstanz gestorben, er hat genau begriffen worum´s geht und was für ihn persönlich auf dem Spiel steht.

„Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.“ (Jesaja 40,8)

„Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen.“ (Matthäus 24,35)

„Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen. Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht: »Der Gerechte wird aus Glauben leben.« Denn Gottes Zorn wird vom Himmel her offenbart über alles gottlose Wesen und alle Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit durch Ungerechtigkeit niederhalten.“ (Römer 1,16-18)

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Sola Scriptura?!

Sola Scriptura – Allein die Schrift – das ist einer der fünf Kernpunkte (fünf Solas) der reformatorischen Lehre. Die Reformatoren haben (wie die Vorreformatoren John Wyclif und Johannes Hus) ausschließlich die Bibel als einzige Autorität und einzigen Maßstab in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung anerkannt. Damit haben sie sich bewusst gegen andere „Autoritäten“ und „Maßstäbe“ gewandt, denen neben der Bibel ebenfalls Gültigkeit eingeräumt wurde (und leider immer noch eingeräumt wird). Sola Scriptura war die Grundlage aller „evangelischen“ Kirchen, seit der Reformation – egal ob es sich um die lutherische, reformierte oder auch um die verschiedenen Freikirchen handelt, die zwischenzeitlich entstanden sind. Wie gesagt: „war“, denn die Grundlage von „sola Scriptura“ wird immer mehr verworfen. „Offiziell“ (theoretisch) gilt das Prinzip zwar noch, und die evangelischen Pfarrer werden auch weiterhin auf „Schrift und Bekenntnis“ verpflichtet, doch die Praxis sieht m. E. längst anders aus. Das Prinzip von „sola Scriptura“ wurde bereits vor über 200 Jahren mit dem Aufkommen der Bibelkritik verlassen, mit der gleichzeitig die These aufkam, die Bibel sei überhaupt nicht Gottes Wort. Bereits vergangenes Jahr hat die EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) einen Grundlagentext zu 500 Jahren Reformation 2017 mit dem Titel „Rechtfertigung und Freiheit“ herausgegeben. Darin werden die fünf Solas der Reformation behandelt. In den Ausführungen zu „Sola scriptura – allein aufgrund der Schrift“ (S. 76ff) bekennt die EKD Farbe und erklärt, wie sie heute dazu steht:

„Seit dem siebzehnten Jahrhundert werden die biblischen Texte historisch-kritisch erforscht. Deshalb können sie nicht mehr so wie zur Zeit der Reformatoren als »Wort Gottes« verstanden werden. Die Reformatoren waren ja grundsätzlich davon ausgegangen, dass die biblischen Texte wirklich von Gott selbst gegeben waren. Angesichts von unterschiedlichen Versionen eines Textabschnitts oder der Entdeckung verschiedener Textschichten lässt sich diese Vorstellung so nicht mehr halten. Damit aber ergibt sich die Frage, ob, wie und warum sola scriptura auch heute gelten kann.“ (Rechtfertigung und Freiheit. 500 Jahre Reformation 2017. Ein Grundlagentext des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), S.84.)

Gleichzeitig, auf derselben Seite dieser Publikation, wird gesagt: „Aber dennoch gilt: »Nach evangelischer Auffassung müssen sich die Traditionen immer am Ursprungszeugnis der Schrift und ihrer Mitte orientieren, sie müssen von hier aus kritisch bewertet und immer neu angeeignet werden.«“ (S.84). Moment mal, irgendwie verstehe ich diese Logik nicht! Einerseits könne nach EKD-Lesart die Bibel nicht mehr als „Wort Gottes“ verstanden werden, andererseits solle man sich aber doch „am Ursprungszeugnis der Schrift“ orientieren??? Oder um es etwas anders auszudrücken: Einerseits wird die Bibel letztlich verworfen (auch wenn Bibelkritiker das vielleicht nicht unbedingt so sehen würden), indem ihre Wahrheit (und Inspiration) als Wort Gottes angezweifelt wird. Dieselbe Bibel, die nicht nur die Grundlage für die von der Kirche zu verkündigende Botschaft ist, sondern letztlich auch als einzige die Existenz der Kirche legitimiert. Andererseits wird aber so getan, als ob die Bibel doch noch eine Bedeutung habe und zur Orientierung und als Maßstab diene? Gleichzeitig wird in der Praxis deutlich, dass in der Handhabung der Bibel die Bibelkritik voll durchschlägt und sowohl Botschaft als auch ethische Maßstäbe nach Bedarf (Lust und Laune?) an den Zeitgeist angepasst werden. Was ist denn das für eine Inkonsequenz? Wenn die Bibel nicht wirklich die Wahrheit berichtet und nur irgendwelche „Mythen“, „nette Geschichten“ oder „Vorstellungen“ mit einer „religiösen Bedeutung“ enthält, warum sollte die Bibel dann überhaupt eine Relevanz für unser Leben haben? Und warum braucht es dann überhaupt noch eine christliche Kirche? Wäre es dann nicht ehrlicher zu sagen: „wir machen den Laden dicht“ anstatt sich der Tradition von Reformatoren verpflichtet zu fühlen, die davon ausgegangen sind, „dass die biblischen Texte wirklich von Gott selbst gegeben waren“ (und sich nach Meinung bibelkritischer Theologen und der EKD halt geirrt bzw. es nicht besser gewusst hätten)? Eine Kirche, welche die Grundlage verwirft, auf der sie aufgebaut ist, wird letztlich an Bedeutung verlieren (siehe auch den Artikel „Diaspora Deutschland“ in der FAZ). Außerdem sind die Leute ja auch nicht dumm, sie merken sehr wohl, dass da eine Diskrepanz besteht. Der stetige Mitgliederschwund der evangelischen Kirche und leere Gottesdienste sprechen für sich.

An dieser Stelle möchte ich eines klarstellen: Auch wenn ich hier sehr generell über die EKD (mit ihren angeschlossenen Landeskirchen) spreche, so ist mir doch sehr bewusst, dass es innerhalb der EKD mit ihren Ortsgemeinden und ihren Pfarrern eine sehr große Bandbreite zwischen sehr liberal bis sehr konservativ gibt. Doch insgesamt gesehen sind die Konservativen in der EKD, die sich wirklich an Schrift und Bekenntnis halten und auch am „sola Scriptura“ weiterhin im Sinne der Reformatoren festhalten (inklusive, dass die Bibel wirklich wahr und Gottes Wort ist), inzwischen in der Minderheit. Das Interessante ist allerdings, dass diese Gemeinden oft relativ gut besuchte Gottesdienste und auch sonst ein aktives und lebendiges Gemeindeleben haben. Das Bedenkliche ist, dass gerade Pfarrer, die das „sola Scriptura“ ernst nehmen und dies auch in ihrer Verkündigung zum Ausdruck bringen, immer wieder (und immer öfters?) massiven Widerstand bekommen – und zwar nicht nur von Außenstehenden, was man ja verstehen könnte – sondern von ihrer eigenen Kirchenleitung. Das macht auf mich den Eindruck, als ob man geistliches Leben, das in einzelnen Gemeinden noch vorhanden ist, bewusst zerstören möchte. Des Weiteren ist mir bewusst, dass sich die Bibelkritik (vor allem von Deutschland ausgehend) inzwischen in die ganze Welt hinaus verbreitet, und diese auch vor freikirchlichen Türen nicht Halt gemacht hat (d.h. das Problem sich nicht allein auf die EKD beschränkt).

Im Jahr 1984 kam Francis Schaeffers Buch „The Great Evangelical Disaster“ heraus (das Buch ist in Deutsch unter dem Titel „Die große Anpassung“ erschienen), in dem er insbesondere auch auf das Thema Bibelkritik eingeht und zeigt, wo sie hinführt (was auch das Coverfoto der Originalausgabe deutlich zum Ausdruck bringt). Francis Schaeffer hat darin vor allem die „evangelikale Welt“ im Blick. Er schreibt darin u.a.:

„Die Evangelikalen sehen sich in unseren Tagen einer Wasserscheide gegenüber, die die Natur der biblischen Inspiration und Autorität betrifft. In dieser Sache liegt eine ebensolche Wasserscheide vor wie in dem von mir beschriebenen Beispiel. Innerhalb der evangelikalen Welt gibt es eine Anzahl von Menschen, die ihre Ansichten über die Unfehlbarkeit der Bibel abändern, so dass die unumschränkte Autorität der Bibel vollständig untergraben wird. Aber dies geschieht in einer sehr spitzfindigen Art und Weise. Wie der Schnee, der Seite an Seite auf der Gebirgskette liegt, scheinen die neuen Ansichten über die Autorität der Bibel oft nicht so sehr weit von dem entfernt zu sein, was die Evangelikalen bis vor kurzem immer noch glaubten. Aber ebenso wie der Schnee, der Seite an Seite auf dem Gebirgskamm liegt, enden die neuen Ansichten schließlich, wenn man sie konsequent verfolgt, Tausende von Meilen von den alten entfernt. Was auf den ersten Blick nur ein kleiner Unterschied zu sein scheint, wird zuletzt zu einem sehr bedeutenden Unterschied. Es macht, wie wir wohl erwarten werden, einen großen Unterschied aus, was die Theologie, die Lehre und die geistlichen Fragen angeht, aber es entscheidet auch grundsätzlich über die alltäglichen Dinge im Leben eines Christen und über die Art, wie wir uns als Christen unserer Umwelt gegenüber zu verhalten haben. Mit anderen Worten: Wenn wir in Bezug auf die unumschränkte Autorität der Bibel einen Kompromiss eingehen, dann wird dies mit der Zeit einen Einfluss darauf haben, was es im theologischen Sinne heißt, ein Christ zu sein, und dieser Kompromiss wird auch Auswirkungen darauf haben, wie wir in dem gesamten Spektrum des menschlichen Lebens unser Leben führen.“ (Francis A. Schaeffer. Die große Anpassung. Der Zeitgeist und die Evangelikalen., CLV, 3. Aufl. 2008, S. 52f)

Wie Schaffer in diesem Abschnitt und im weiteren Verlauf seines lesenswerten Buches zum Ausdruck bringt, haben Bibelkritik und Abwendung von der unumschränkten Autorität der Bibel (die von den Reformatoren durch das „sola Scriptura“ ausgedrückt wurde) gravierende Auswirkungen. Diese mögen zwar nicht sofort sichtbar sein, werden aber früher oder später im Leben der Menschen, der Kirche und auch in der Gesellschaft offenbar werden. Manches von dem, was wir in unserer heutigen Gesellschaft beobachten (insbesondere der Verfall von Werten, mit teilweise grausamen Konsequenzen) ist auch eine Frucht der Abwendung von der Bibel.

Bereits schon in einem früheren Blogeintrag habe ich auf das Buch des Inders Vishal Mangalwadi (Das Buch der Mitte: Wie wir wurden, was wir sind: Die Bibel als Herzstück der westlichen Kultur) hingewiesen, in dem er die Beziehungen, die zwischen der westlichen Gesellschaft und der Bibel bestehen, untersucht. Leider ist vielen nicht bewusst, wie sehr die Reformation und die Bibel unsere Gesellschaft geprägt haben, und was eine Abwendung von der Schrift nicht nur für die Kirche, sondern auch für unsere Gesellschaft bedeutet.

Auf Martin Luther geht (angeblich) der Ausspruch „Ecclesia semper reformanda est”, d.h. „die Kirche muss ständig reformiert werden“ zurück. Egal, ob diese Aussage nun wirklich von Luther oder jemand anders stammt, sie ist wahr. Sowohl das AT wie auch das NT machen auf die Tendenz des Menschen zum Abfall von Gott aufmerksam. Diese Tendenz ist eine Konsequenz des Sündenfalls, der von der Schlange mit den Worten „Ja, sollte Gott gesagt haben…?“ (1. Mose 3,1) eingeleitet wurde. Daher brauchen wir auch gerade heute eine neue Reformation und eine Rückbesinnung auf die fünf Solas der Reformation – beginnend mit „sola Scriptura“!

Paulus erteilt Ethnozentrismus und Rassismus eine Absage

Paulus, der „Völkerapostel“ (Apostelgeschichte 9,15; 13,46; 22,21; Römer 15,16; Galater 1,16; 2,2.8.9), musste u.a. von seinen eigenen Landsleuten viel Widerstand, Schläge und Verfolgung für seinen kulturübergreifenden Dienst bei der Ausbreitung des Evangeliums erdulden. Aber auch die zum Glauben an Jesus Christus gekommenen Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern und Kulturen hatten immer wieder mit traditionellen Denkweisen (Paradigmen) zu kämpfen, die den Vorrang der eigenen Gruppe betonten und damit die Einheit der Gemeinde Jesu bedrohten. Im 3. Kapitel des Kolosserbriefes kommt Paulus auf die Lebensführung des Christen zu sprechen. In Kolosser 3,11 macht der Apostel dann folgende Aussage:

„Da ist weder Grieche noch Jude, Beschneidung noch Unbeschnittensein, Barbar, Skythe, Sklave, Freier, sondern Christus alles und in allen.“

Genauso, wie wir in der heutigen Welt Ethnozentrismus (das Denken, die eigene Kultur wäre die beste und allen anderen überlegen; mit anderen Worten: wir wären der „Nabel der Welt“ und hätten „die Weisheit mit Löffeln gefressen“) und Rassismus finden, genauso gab es das schon früher, auch in der Antike. Damals wurde unterschieden zwischen Grieche und Jude, zwischen Beschnittenem (Juden) und Unbeschnittenem (Heiden); die Nichtgriechen wurden als „Barbaren“ bezeichnet, von denen die Skythen als die Schlimmsten betrachtet wurden. Sowohl die Griechen als auch die Juden hielten sich jeweils für etwas Besonderes. Und dann gab es damals noch die Sklaven und die freien Bürger, deren soziale Stellung und Rechte unterschiedlich definiert waren.

Wir könnten nun, je nach Land und Kultur, der wir angehören, diese Kategorien der Antike auf die jeweilige Gesellschaft übertragen. Und egal, wo wir uns auf der Welt befinden, würden wir eine Art hierarchische Pyramide erstellen können, auf der manche ganz oben, andere mehr in der Mitte und andere ganz unten eingeordnet werden.

Doch nun, macht Paulus auf etwas ganz Wichtiges und Besonderes aufmerksam: Obwohl die jeweilige Gesellschaft, der wir angehören, weiterhin in diesen Kategorien denkt, für uns als Gemeinde Jesu, als Leib Christi, haben sie keine Gültigkeit mehr. Die Kategorien von Nationalität und sozialer Stellung stehen nicht mehr im Vordergrund, sie trennen uns auch nicht mehr. – Zumindest theoretisch sollte es so sein! (Ein Blick in die Kirchengeschichte zeigt schmerzlich auf, wie die Gefallenheit des Menschen auch vor Kirchentüren nicht halt macht, und wie Paradigmen oder Traditionen der eigenen Kultur immer wieder der Vorrang vor oft unangenehmen Aussagen in der Bibel gegeben wurden, welche die eigene Kultur in Frage stellen).

Paulus begründet seine Aussage damit, dass „Christus und in allen ist“. Paulus macht in verschiedenen Stellen des Kolosserbriefes deutlich, dass ein Mensch, der wirklich gläubig und wiedergeboren wurde nun „in Christus“ ist. Paulus schreibt „den heiligen und gläubigen Brüdern in Christus“ (Kolosser 1,2). „In ihm (in Christus) haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden“ (Kolosser 1,14). Wir sind nun mit Christus zu neuem geistlichem Leben auferweckt worden (Kolosser 3,1) und Christus ist unser Leben (Kolosser 3,4). D.h. der Gläubige ist aufs Engste mit Jesus Christus verbunden. Zusammen mit der Sündenvergebung und Erlösung durch Jesus hat Gott dem Gläubigen gleichzeitig eine neue Identität gegeben, die ihn und sein Leben nun ausmacht: er ist „in Christus“. Das betrifft nicht nur den einzelnen Gläubigen als Individuum, sondern auch die Gläubigen als Gemeinschaft, als Gemeinde Jesu Christi. Durch Christus wurden die Gläubigen Bürger des Himmelreichs, aber auch „Geschwister“: Brüder und Schwestern im Herrn! Christus ist nun alles und in allen. Daher dürfen wir als einzelne Gläubige und als Gemeinde unsere Glaubensgeschwister – und seien sie noch so andersartig aufgrund ihres sozialen oder kulturellen Hintergrundes – nicht mehr weltlichen Kriterien unterwerfen, sondern sie in ihrer neuen – von Gott geschenkten – Identität als gleichwertige Brüder und Schwestern annehmen. Das ist eine wichtige Anfrage an die Gemeinde Jesu, die durchaus zu einer Herausforderung werden kann, v.a. wenn sehr unterschiedliche Menschen neu dazukommen bzw. schon dazu gehören.

Doch dieses Prinzip der Gleichwertigkeit jedes Menschen ist nicht auf den Gläubigen und die Gemeinde Jesu Christi beschränkt (Viele traditionelle Gesellschaften sind auf eine Weise kollektivistisch geprägt, in der die Vorrechte, die für die eigene Gruppe gelten [das „Wir“], noch lange nicht für die Angehörigen anderer Gruppen [das „Ihr“] gelten). Immer wieder weist die Bibel darauf hin, dass bei Gott „kein Ansehen der Person“ ist (vgl. 5.Mose 1,17; 10,17; Apostelgeschichte 10,34; Römer 2,11; Epheser 6,9; Kolosser 3,25; Jakobus 2,1; 1. Petrus 1,17). Dies gilt ausnahmslos für alle Menschen, auch für diejenigen, die den christlichen Glauben ablehnen.

Letztlich sind das Prinzip, dass bei Gott kein Ansehen der Person ist, sowie die Aussage der Bibel, dass der Mensch nach dem Bilde Gottes geschaffen ist (1.Mose 1,26-27), die philosophische Grundlage für die Aussage „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“ in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (UN-Menschenrechtscharta). – Dieser Aussage, die heute zumindest noch im „Westen“ als Grundpfeiler einer freien Gesellschaft gilt, hätten in der Antike viele widersprochen. Und selbst in der heutigen Welt teilen nicht alle diese „von westlichem Denken dominierte Philosophie“ (es lohnt sich, die Ausführungen in der Wikipedia über die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“, sowie die damit verknüpften Artikel „Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam“ und „Arabische Charta der Menschenrechte“ zu lesen). Es ist zu befürchten, dass eine weitere Abwendung von der Bibel sowie dem christlichen Glauben im Westen – trotz bester „humanistischer“ Absichten – das Wiederaufkeimen von Rassismus fördert (wie es bereit schon einmal bei der Ausbreitung der antichristlichen Ideologie des Nationalsozialismus geschehen ist). Dabei sind nicht diejenigen Menschen, die aus anderen Kulturkreisen zu uns kommen das Problem. Wir sind das Problem, indem wir die biblischen Grundlagen, auf denen unsere Gesellschaft aufgebaut ist achtlos (ohne Achtung) über Bord werfen, ohne uns bewusst zu sein, was wir da eigentlich tun!

Wer sich näher mit den Beziehungen, die zwischen der westlichen Gesellschaft und der Bibel bestehen, beschäftigen möchte, dem kann ich die Lektüre der folgenden beiden Bücher wärmstens empfehlen:

Gedanken zu 3. Mose 19,2

„Rede zu der ganzen Gemeinde der Söhne Israel und sage zu ihnen: Ihr sollt heilig sein, denn ich, der HERR, euer Gott, bin heilig.“ (3Mo 19,2)

Gott gab Mose den Auftrag, diese Botschaft an das Volk Israel weiterzugeben. Doch sie ist auch für uns wichtig, denn der Apostel Petrus zitiert sie in seinem ersten Brief und wendet sie auf die Gemeinde Jesu an: „…sondern wie der, welcher euch berufen hat, heilig ist, seid auch ihr im ganzen Wandel heilig! Denn es steht geschrieben: „Seid heilig, denn ich bin heilig.“ (1. Petr 1,15-16)

Ein paar Gedanken dazu:

1. Gott ist heilig
D.h., dass Gott moralisch vollkommen, perfekt, sündlos und so ganz anders ist, als wir Menschen. Aus seinem heiligen Wesen kommt es, dass alles, was Gott tut „sehr gut“ ist, dass er uns Menschen unendlich liebt, aber auch, dass er Ungerechtigkeit nicht ungestraft lassen kann.

2. Gottes Volk soll ebenfalls heilig sein
Gott hatte ja das Volk Israel aus den Völkern der Erde auserwählt und dazu abgesondert um IHM zu dienen. Es ist nun Gottes Volk, Gottes Eigentum, und soll jetzt so leben, wie Gott es will. Unter anderem sollten auf diese Weise auch die anderen Völker, die den lebendigen Gott noch nicht kannten, durch das Leben von Gottes Volk den einzig wahren Gott erkennen.
Auch im Neuen Testament werden die Gläubigen „Heilige“ genannt. Uns ist das peinlich, die wenigsten wollen sich so nennen lassen. Warum eigentlich? – Vielleicht weil wir als Christen dazu neigen uns oft in einer falschen Weise an diejenigen anzupassen, die mit Gott nichts am Hut haben. – Bis dahin, dass wir uns einreden lassen, Sünde sei ja gar nichts so Schlimmes (der zweideutige Spruch „Kann denn Liebe Sünde sein?“ ist ja recht bekannt…). Oder vielleicht, weil wir uns zwar gerne von Gott retten und segnen lassen wollen, aber es dann doch vorziehen das zu tun, was uns in den Kram paßt?
Bei Gottes Ruf zur Heiligkeit geht es ja nicht darum zum Schein heilig zu sein, also Scheinheilige, sondern echt und authentisch. Das ist dann auch keine abgehobene Sache mehr sondern etwas sehr Konkretes. Die restlichen Verse von 3. Mose 19 beschreiben, wie ein heiliges Leben im Alltag aussieht; lesen Sie doch einfach mal das ganze Kapitel durch (und ebenso auch den 1. Petrusbrief)!
Wichtig ist dabei, dass wir ein heiliges Leben führen sollen – nicht, um uns zu retten und durch gute Werke in den Himmel zu kommen. Nein, retten können wir uns durch keine Anstrengung der Welt, sondern nur durch den Glauben an Jesus Christus. Sondern wir sollen ein heiliges Leben führen weil Jesus uns bereits gerettet hat und wir nun sein Eigentum sind. Ein heiliges Leben ist also die Konsequenz des Gerettet-Seins und nicht die Voraussetzung, um gerettet zu werden.
Es geht auch nicht darum uns als Christen nun einem Perfektionsdruck auszusetzen. Auch als Gläubige sind wir nicht perfekt und so lange wir hier auf der Erde leben werden wir es auch niemals sein. Aber Jesus hat uns von unserer Schuld befreit und uns durch den Heiligen Geist die Chance zur Lebensveränderung gegeben. Wir müssen und sollen nicht so bleiben wie wir sind. Und darum geht’s, diese Chance der Lebensveränderung zu nutzen, Gott im Alltag zu dienen und so zu leben, dass Gott sich an uns freuen kann.

Die große Anpassung

Habe – nach erster Lektüre vor ca. 10 Jahren – mal wieder das Buch „Die große Anpassung – Der Zeitgeist und die Evangelikalen“ von Francis Schaeffer gelesen. Es war Schaeffers letztes Buch, das 1984, im Jahres seines Todes, publiziert wurde. Wieder einmal war ich von der Klarheit und Schärfe, die Schaeffers Analysen in allen seinen Büchern kennzeichnen, sowie seinem Ringen um Wahrheit und Liebe sehr beeindruckt. Auch heute – 27 Jahre nach der Erstveröffentlichung – hat dieses Buch absolut nichts an Aktualität verloren. Im Gegenteil, „The Great Evangelical Disaster“ – „Die große Evangelikale Katastrophe“, wie der englische Originaltitel des Buches lautet, wird nicht kleiner – sie weitet sich zunehmend aus (siehe auch meinen Artikel „Quo vadis Evangelikale Bewegung?“). Um so wichtiger wäre es, nochmals genau auf Schaeffers Botschaft und Vermächtnis an die Evangelikalen zu hören. Auch wenn sie heute noch weniger „politisch korrekt“ ist und vielen vermutlich noch weniger schmecken wird…

Quo vadis Evangelikale Bewegung?

Ich muss es ehrlich zugeben: Anfang der 90er Jahre hatte massiv Mühe mit gewissen “Hardlinern“ und “Wächtern“, die vor dem Eindringen negativer „gefährlicher Einflüsse“ in die Evangelikale Bewegung warnten. Insbesondere die Kritik an gewissen Evangelisationsformen und Gemeindeaufbaumodellen konnte ich damals nicht nachvollziehen. Ich bin gerne offen für Neues und es ist mir ein großes Anliegen, dass das Evangelium, die beste Nachricht aller Zeiten, unter die Leute kommt. Warum nicht auch neue Wege gehen?
Seit meiner Rückkehr aus Peru – vor knapp vier Jahren – bin ich dabei, mich neu in der evangelikalen Landschaft hier in Deutschland zu orientieren. Und ehrlich gesagt, steigt meine Besorgnis von Tag zu Tag!
Es ist schon seltsam: Im Prinzip ist die südamerikanische Kommunikationskultur eher indirekt, aber wenn es um die Verkündigung des Evangeliums und ethische Aussagen von Gottes Wort geht, dann wird dermaßen direkt gepredigt, dass einem fast die Spucke weg bleibt! Dagegen haben wir Deutsche den Ruf in unserer Kommunikationskultur sehr direkt zu sein (was von der Mehrheit der anderen Kulturen als unhöflich empfunden wird), doch wenn es um die Verkündigung des Evangeliums und ethische Aussagen von Gottes Wort geht, da legen wir auf einmal eine Indirektheit und Diplomatie an den Tag, die ihresgleichen sucht. Liegt es daran, dass wir uns inzwischen des Evangeliums und des Wortes Gottes schämen, und uns nicht mehr getrauen die Aussagen so klar zu sagen, wie sie in der Bibel formuliert sind? Oder liegt es daran, dass wir inzwischen das Denken und die Maßstäbe der Welt übernommen haben, insbesondere das postmoderne Denken, das den Wahrheitsbegriff so absolut relativiert, dass es inzwischen als „absolute Wahrheit“ propagiert wird, dass es keine absolute Wahrheit gäbe? – Und wir in deren folge auch biblische Aussagen als „zeitbedingt“ relativieren?
Vergangenes Jahr erlebte ich den ersten „Schocker“. Nach dem Predigtdienst in einer freikirchlichen Gemeinde gab es noch ein gemeinsames Mittagessen. Neben mir ergab sich ein Gespräch zwischen einem Mitglied der Gemeinde sowie dem Präsidiumsmitglied des Gemeindeverbandes, das zufällig zu Gast war. Dabei ging es um die Frage des Umgangs mit der Homosexualität – eine wichtige Frage, denn wir sollen als Christen allen Menschen mit Liebe begegnen. Als dann aber das Präsidiumsmitglied sagte, die Bibel würde keine klare Aussage machen, ob Homosexualität Sünde sei oder nicht, wurde ich hellhörig. Ich wies auf die Aussagen des Römerbriefs hin und erhielt eine dermaßen relativierende Antwort, die gut klingt, aber exegetisch unhaltbar ist. Und es verschlug mir ehrlich gesagt die Sprache! – Als „Landeskirchler“ hätte es mich nicht überrascht, wenn ein liberaler Theologe aus meiner Kirche so eine Aussage gemacht hätte; aber das Präsidiumsmitglied einer bedeutenden evangelikalen Freikirche?
Gestern erlebte ich den zweiten Schocker. Der Newsletter des Betanien-Verlags wies auf die Nachrichten über einen “Gottesdienst“ für Kirchenferne hin, an dessen Ende auch Exemplare der Zeitschrift „Playboy“ angeboten wurden. Als ich die – auf der Internetseite der Gemeinde angebotenen Dateien (Predigt, sowie Presseberichte über den Gottesdienst) las, fiel mir wirklich die Kinnlade herunter. Ich konnte es einfach nicht fassen!
Wie gut solche Aktionen bei “Kirchenfernen“ ankommen, zeigt u.a. der Kommentar von “Max Headroom“ zum Bericht über die Veranstaltung auf dem “Atheist Media Blog“: 

„Was kommt als nächstes ? Verschenken sie $3000 PCs an Killerspiel-Jungs, damit die “frohe Botschaft” über den Genozid auch den Counter-Strike Spieler von Heute erreicht?
Wie dämlich muss dieser Verein sein, wenn sie nicht einmal ihre eigene Hirten kennt ? Und wie dämlich muss sich erst einmal solch ein Gott fühlen, wenn “in seinem Namen” nackte Frauen auf Faltblätter vertickt werden?“

Nun handelt es sich bei der Gemeinde nicht um irgendeine Evangelische Gemeinde und bei dem Prediger nicht um irgendeinen Prediger. – Das Anliegen der Gemeinde ist es wirklich, Außenstehende zu Jesus zu führen. Und der Prediger ist in der evangelikalen Bewegung wohl bekannt, durch Publikationen und durch die Mitarbeit in wichtigen Organisationen und Bewegungen. Aber auch in diesem Fall (sowie schon bei einer anderen Botschaft desselben Predigers) wurden klare Aussagen der Bibel einfach übergangen bzw. durch eine falsche „Kontextualisierung“ einfach relativiert. Im 1. Korintherbrief bezog Paulus zu ähnlich lockeren Haltungen im Umgang mit der Sexualität eindeutig Stellung (1. Kor 5,1-13; 6,12-20). Dabei machte er auch die treffende Aussage:

Euer Rühmen ist nicht gut. Wißt ihr nicht, daß ein wenig Sauerteig den ganzen Teig durchsäuert?

Jesus selbst machte die Aussage:

Ihr seid das Salz der Erde; wenn aber das Salz fade geworden ist, womit soll es gesalzen werden? Es taugt zu nichts mehr, als hinausgeworfen und von den Menschen zertreten zu werden.“ (Matthäus 5,13) 

Ist es möglich, dass wir den Menschen inzwischen so sehr ins Zentrum gestellt haben, dass wir darüber vergessen wie (der dreifach heilige !!!) Gott über die Dinge denkt?
 
Die jüngsten Entwicklungen bereiten mir massive Bauchschmerzen. Ich glaube, es ist an der Zeit inne zu halten und zu reflektieren, welchen Weg wir eingeschlagen haben. Ich empfehle auch dringend, Kritik an den gegenwärtigen Entwicklungen nicht einfach abzutun, sondern genau hinzuhören. Brüder, wie z.B. Wolfgang Nestvogel (“Evangelisation in der Postmoderne“, CLV), Wilfried Plock (“Gott ist nicht pragmatisch“, Betanien) oder Donald A. Carson (“Die Emerging Church. Abschied von der biblischen Lehre?“, CLV) haben uns etwas wichtiges zu sagen! Ebenso empfehle ich die Bücher von A.W. Tozer sowie Francis Schaeffer (insbesondere “Die große Anpassung“ und “Unsere Welt soll sein Wort hören“); ihre Botschaft hat nichts an Aktualität eingebüßt, im Gegenteil!
 
Quo vadis Evangelikale Bewegung? – Ist die Evangelikale Bewegung bereits an einem ähnlichen Punkt wie die Ökumenische Bewegung, Ende der 60er Jahre angekommen? Brauchen wir eine neue „Erklärung zur Grundlagenkrise der Mission“? – Ehrlich gesagt, ich bin sehr besorgt!

Denn die Zeit ist gekommen, daß das Gericht anfange beim Haus Gottes; wenn aber zuerst bei uns, was wird das Ende derer sein, die dem Evangelium Gottes nicht gehorchen?“ (1. Petrus 4,17)